{"id":62827,"date":"2018-02-07T00:01:00","date_gmt":"2018-02-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62827"},"modified":"2022-02-17T21:08:31","modified_gmt":"2022-02-17T20:08:31","slug":"handlungsbeweggruende","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/02\/07\/handlungsbeweggruende\/","title":{"rendered":"Handlungsbeweggr\u00fcnde"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah sitzt an ihrem Schreibtisch und telefoniert mit Kathrin. Sie schaltet endg\u00fcltig in diese andere ihrer Welten um, bev\u00f6lkert von Freunden. Von lebendigen: geschw\u00e4tzig, liebensw\u00fcrdig, Nerven t\u00f6tend. Sie h\u00f6rt Kathrin seit fast einer halben Stunde zu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eSarah, ich glaube, ich habe mich diesmal verliebt!\u201c sagt ihre Freundin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrins Handlungsbeweggr\u00fcnde zu ergr\u00fcnden, wird Sarah nie m\u00fcde. Kathrin findet st\u00e4ndig irgendwelche Phantasie erregende m\u00e4nnliche Subjekte f\u00fcr ihre Experimente. Mit Leichtigkeit greift sie sich eines aus dem Kontext heraus, beschert es mit selbst gebastelten Wunschprojektionen, schm\u00fcckt es wie einen Weihnachtsbaum und bewundert gl\u00fccklich den Weihnachtsschmuck. Wenn die Feiertage vorbei sind, stellt sie h\u00e4ufig fest, dass sie darunter ein vertrocknetes Zweigchen entdeckt. Sie hat ihre Begeisterungsf\u00e4higkeit jedoch nicht verloren. Ihre Unerm\u00fcdlichkeit, nach dem Gl\u00fcck zu suchen, ist bewundernswert. Einen sich stets erneuernden Hoffnungsdrang glaubt Sarah bei ihrer Freundin zu sp\u00fcren. Beneidenswert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin kann jeden Tag ins Paradies rein und raus marschieren, als stehe es ihr zur Verf\u00fcgung. Sarah mag Kathrin wegen dieses uners\u00e4ttlichen Appetits, den sie selbst l\u00e4ngst verloren hat. Ihr sind mittlerweile nicht nur die Trauben auf Erden sauer, sondern auch die \u00c4pfel deshimmlischen Edens.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie h\u00f6rt Kathrin zu und sucht auf dem \u00fcberf\u00fcllten Schreibtisch nach den Zigaretten. Den Mann kannte Kathrin vom Ansehen seit einigen Jahren, h\u00e4tte ihn aber nie richtig gesehen bis gestern. Wie au\u00dfergew\u00f6hnlich! Sie seien sich zuf\u00e4llig in der Stadt vormittags begegnet und h\u00e4tten sich gar nicht mehr trennen k\u00f6nnen!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eUnd es war gar nicht so kalt, nein, wirklich nicht\u201c, erz\u00e4hlt Kathrin voller Inbrunst noch einmal von vorne. \u201eEs gab etwas Mildes in der Luft da am Rhein, als w\u00e4re es Fr\u00fchherbst und nicht Februar, und die M\u00f6wen flogen tief wie an der Nordsee. Wir konnten nicht aufh\u00f6ren zu reden. Wir hatten uns so viel zu erz\u00e4hlen, als w\u00e4ren wir gute Freunde gewesen. Er tat ein wenig geheimnisvoll, sicher, aber schlie\u00dflich erz\u00e4hlte er mir von seinen Reisen, wei\u00dft du, er verreist sehr oft, ich vermute, er ist so eine Art Vertreter oder so etwas, und es war wunderbar, Sarah, wunderbar!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sarah reckt sich auf ihrem Stuhl, schiebt ungeduldig ihr K\u00f6rpergewicht von einer Hinternbacke auf die andere, wippt mit dem angewinkelten Bein, schwingt die Sohle auf und ab, auf und ab. Ihre Finger trommeln auf dem Zigarettenp\u00e4ckchen. Trostlos und vergeblich ist der Versuch, irgend etwas auf diesem Schreibtisch zu finden, zum Beispiel das Feuerzeug, das noch gestern oder gar vor einigen Minuten verdammt noch mal ganz brav und sch\u00f6n sichtbar oben drauf auf den Bergen von Papier lag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Wo zum Teufel ist es?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den Tisch hinweg zischt Sarahs Blick zum Fenster. Und das Fenster bl\u00f6kt bl\u00f6de zur\u00fcck. Es kotzt stumpfsinnigen Schlamm, ertr\u00e4nkt das Auge. Verh\u00f6hnt seine Daseinsberechtigung: das Sehen. Es gibt nichts zu sehen! Nichts, au\u00dfer dieser nichts aussagenden, absto\u00dfenden grauen Schmiere! Dieses graue Nichts zersplei\u00dft den Augapfel! Ohne Rasiermesser! Kein Hund da! Nichts da, au\u00dfer grauen Lichts!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sarah hasst dieses Wetter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin will jetzt wissen, was sie, Sarah, \u00fcber all das denke.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ob der Mann sich auch in sie verliebt habe?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Was sagen? Sarah kann Kathrin nicht sagen, was sie wirklich denkt. L\u00fcgen kann sie auch nicht. Slalom in der Normalwelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eKathrin, ich wei\u00df es nicht!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eIch will blo\u00df eine Meinung, Sarah!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ihre Meinung kann Sarah auf gar keinen Fall Kathrin sagen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie glaubt an die Liebe zwischen Frau und Mann nicht, sie glaubt schon lange nicht mehr an nennenswerte Gef\u00fchle zwischen Frau und Mann, wenn sie miteinander geschlafen haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ihre Meinung ist ziemlich beleidigend. F\u00fcr beide Beteiligte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Dieses m\u00e4nnliche Gesch\u00f6pf musste vermutlich seinen Hodensack leeren, es hat sich bei ihm etwas angestaut, er kann nichts daf\u00fcr. Es liegt in seiner Natur. Der Akt der Entleerung hat \u00fcblicherweise nicht im Geringsten etwas mit dem zu diesem Zwecke ausfindig gemachten, willigen Gef\u00e4\u00df zu tun.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Und das weibliche Gef\u00e4\u00df ist williger, sich f\u00fcllen zu lassen, als die Qualit\u00e4t der F\u00fcllung selbst zu \u00fcberpr\u00fcfen, weil wenn leer, es sich mit keiner anderen F\u00fcllung zu f\u00fcllen wei\u00df. Das liegt wiederum in dessen Natur. Man soll es dabei lassen und nicht fabulieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sarah kann Kathrin das nicht sagen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Was sie aber mit Sicherheit kann, ist zu erkennen, dass Kathrin weder heute noch sonst irgendwann sich als austauschbares Gef\u00e4\u00df empfunden hat, umso weniger eines f\u00fcr den zuf\u00e4lligen Ausguss. F\u00fcr Kathrin ist sie selbst weder austauschbar, noch vollziehe sich zuf\u00e4llig eine in ihr geschehende Ejakulation. F\u00fcr Kathrin ist nichts zuf\u00e4llig, glaubt Sarah zu wissen. Alles im Leben ihrer Freundin ist von Bedeutung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin ist voll gutm\u00fctiger Zuversicht. Sie erwartet vertrauensvoll, dass die Welt um sie herum ihr genehm geschieht. Es ist ihre Begabung. Sie wertet das Allt\u00e4gliche nicht ab, hat keine Berufung zum Zynismus und keinen Ehrgeiz zur Verachtung. Noch zur Selbsterniedrigung. Auch keinen Abstand dazu, wenn sie diesen Neigungen bei anderen begegnet. Keine Nachsicht. Das konnte Sarah ziemlich oft feststellen, seitdem sie befreundet sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie will Kathrin nicht \u00e4rgern, liefert ganz brav Binsenweisheiten, die nicht l\u00fcgen. Man m\u00fcsse abwarten und sehen, ob sich alles so entwickle, wie erhofft usw.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eUnd wie war dein Tag gestern?\u201c unterbricht Kathrin ein wenig gereizt. \u201eWie l\u00e4uft es mit Olivier?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eIch habe gestern mit Olivier Schluss gemacht\u201c, erwidert Sarah. \u201eBesser gesagt, heute Nacht&#8230; Wie? Nein, es ist besser so&#8230; Was soll er schon gesagt haben? Er hat nicht protestiert, wenn du das meinst&#8230; Es gab zwischen uns keine Verliebtheit. Wir haben nur gut miteinander gefickt&#8230; Ja, ich wei\u00df, es kann nicht immer nur Sex sein, aber diesmal war es auch doch wieder nur das&#8230;\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sarah mag jetzt nicht dar\u00fcber diskutieren. Die Vortr\u00e4ge ihrer Freundin will sie sich nicht anh\u00f6ren. Kathrins Vorstellungen helfen ihr nicht, erf\u00fcllen in ihrer Welt keinen Zweck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Hier bricht zuweilen das Nichts hinein und pustet Todesatem, der jede Form der G\u00fcltigkeit abschafft. Es gibt keine Gnade. Der Tod ist eine M\u00f6glichkeit, hatte Virginia Woolf f\u00fcr sich entschieden. Ich selbst lungere noch diesseits, denkt Sarah. Und hier gibt es f\u00fcr sie kein Paradies, das man betreten d\u00fcrfte<em>. <\/em>Hier gibt es keinen Retter und keine Rettung. Wohl aber das Feuerzeug! Es liegt nicht auf dem Tisch, sondern unter dem Tisch. Wie es dort gelandet ist, wei\u00df es nur selbst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die kleinen Dinge f\u00fchren einen hartn\u00e4ckigen Krieg. Eines Tages machen sie uns platt. Sarah ist jetzt endg\u00fcltig genervt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eKathrin, ich muss Schluss machen. Ich hab noch f\u00fcr morgen zu tun&#8230; Ja, ich muss ein Interview vorbereiten. Lass uns morgen miteinander telefonieren&#8230; Ja, bis dann\u201c, sagt Sarah und legt auf.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist IoonaCover.jpg\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sarah sitzt an ihrem Schreibtisch und telefoniert mit Kathrin. Sie schaltet endg\u00fcltig in diese andere ihrer Welten um, bev\u00f6lkert von Freunden. Von lebendigen: geschw\u00e4tzig, liebensw\u00fcrdig, Nerven t\u00f6tend. 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