{"id":62821,"date":"2016-02-07T00:01:59","date_gmt":"2016-02-06T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62821"},"modified":"2022-02-17T21:11:54","modified_gmt":"2022-02-17T20:11:54","slug":"heuschrecken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/07\/heuschrecken\/","title":{"rendered":"Heuschrecken"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWenn ich jetzt nicht esse, sterbe ich auf der Stelle!\u201c sagt Ka-thrin und geht in die K\u00fcche. Das Fenster ist gekippt und die Jalousien klappern wie tollw\u00fctige Heuschrecken. Was f\u00fcr ein Gest\u00f6ber. Gestern war das Wetter milder und es blieb zum Gl\u00fcck einigerma\u00dfen trocken, sonst w\u00e4ren sie sich nicht begegnet, sie und G\u00fcnther. Kathrin schlie\u00dft das Fenster, zieht die Jalousien hoch und sieht auf das Display der Mikrowelle. Viertel nach elf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin stellt den Kaffee auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie kocht t\u00fcrkischen Kaffee, seitdem sie einen t\u00fcrkischen Freund hatte. Der t\u00fcrkische Kaffee schmeckt ihr besser als der t\u00fcrkische Freund. Der war ihr zu eifers\u00fcchtig. Davor hatte sie eine Weile Espresso getrunken, davor Inka-Mate und noch fr\u00fcher indischen, gew\u00fcrzten Tee. Ihre Betterfahrung ist international, genau wie ihre berufliche Kompetenz. Das Geheimnis beim t\u00fcrkischen Kaffee ist, ihn nur einmal oder h\u00f6chstens zweimal kurz aufkochen zu lassen, so, dass das Aroma erhalten bleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">G\u00fcnther trinkt Filterkaffee, hat er erz\u00e4hlt. Er scheint nicht auffallen zu wollen. Vielleicht ist er gef\u00e4hrlicher, weil unscheinbarer. Stille Gew\u00e4sser sind tr\u00fcb. Aber sie ist es auch. Gef\u00e4hrlich. Gestern war sie es, zumindest am Anfang des Spiels. \u201eKathrin, du warst gro\u00dfartig!\u201c fl\u00fcstert sie und gie\u00dft konzentriert einige Tropfen kalten Wassers in den Kaffee.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">So l\u00e4sst sich der Kaffeesatz schneller nieder.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ja, sie war spritzig, schlagfertig und dennoch ein wenig naiv, voller Bewunderung, so wie es M\u00e4nner m\u00f6gen, und dann, hier zu Hause, hat sie G\u00fcnther total verbl\u00fcfft, als sie ihre Taktik um hundertachtzig Grad \u00e4nderte, die Initiative ergriff und zu einem verf\u00fchrerischen, sexbesessenen Vamp wurde. Um sich dann im Bett wieder einmal total zu verwandeln und einen ausgesprochen gro\u00dfen \u00dcberraschungseffekt bei ihm zu erzielen. Ja, sie ist gef\u00e4hrlich, sie ist eine gute Spielerin, weil sie die Regeln kennt. Er kann nicht anders, als sich in sie zu verlieben. Weniger als das w\u00fcrde sie kaum befriedigen. In seinem Fall zumindest. Ein Kompensa-tionsgesetz, denn er ist, na ja, er war zumindest in dieser Nacht nicht gerade umwerfend. Wenn er selbst nicht perfekt sein kann, denkt Kathrin, so soll es zumindest seine Zuneigung werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Daran muss sie aber noch arbeiten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie nimmt den Kaffee von der Kochstelle, gie\u00dft sich eine Tasse voll. Wenig Licht im Raum auch bei hochgezogenen Jalousien. Sie macht die Lampe an und l\u00e4sst die Jalousien wieder runter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Der Kaffee erw\u00e4rmt sie ein wenig, aber den Hunger stillt er nicht. Ihr Magen knurrt schon wieder.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie \u00f6ffnet den K\u00fchlschrank. Leer!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Verdammt, sie hat\u2019s vergessen, die Einkaufst\u00fcten sind noch immer im Kofferraum. Und der Wagen? Den hat sie in der Altstadt stehen lassen! Sie sind mit seinem Auto gefahren! Verflixt! Was macht sie jetzt? Sie hat Hunger! Sie \u00f6ffnet die Tiefk\u00fchltruhe: darin drei Kompresse-Gel-P\u00e4ckchen und eine Packung Fischst\u00e4bchen. Fischst\u00e4bchen! Na gut, wenn nichts sonst da ist, isst sie erst einmal das. Den Wagen wird sie sp\u00e4ter abholen. Und Brot? Hat sie wenigstens Brot? Sie findet im Brotkasten einen Rest, hart und trocken. Halb so schlimm, sie kann es toasten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin legt die St\u00e4bchen in die Pfanne und steckt zwei Brot-scheiben in den Toaster. <em>Show me it\u2019s real, or <\/em><em>let\u2019s forget about it<\/em><em>!<\/em> summt sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie wird sich bem\u00fchen, auch bei G\u00fcnther das Geheimnisvolle zu finden. Er verbirgt etwas, sie hat es in seinem Blick gesehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sein Blick wirft keine Reflexion zur\u00fcck, sondern saugt sie auf, l\u00e4sst sie teilnahmslos in sich versinken. Gestern h\u00e4tte sie nicht sagen k\u00f6nnen, was er sah. Er sa\u00df nur da und starrte sie ausdruckslos an, als sie sich im Rhythmus der Musik auszog und ihm die Kleidungsst\u00fccke eins nach dem anderen an den Kopf warf. Das war doch perfekt! Ein sicheres Szenario! Warum reagierte er nicht? Sie wollte ihren B\u00fcstenhalter und ihr H\u00f6schen nicht selbst ausziehen, sie wollte, dass er es tut! Pl\u00f6tzlich stand er auf, sie dachte, na endlich, aber er hielt sie still und begann an ihr zu riechen. Er zog sie nicht aus, k\u00fcsste sie nicht, sagte kein Wort, streifte nur leicht ihren Hals und ihre Schultern mit seinem Gesicht. Als sie ihn k\u00fcssen wollte, wich er ihr aus. Mich necken willst du? dachte sie, packte ihn am G\u00fcrtel und zog ihn ins Schlafzimmer, stie\u00df ihn aufs Bett und warf sich \u00fcber ihn. Sie sah ihm in die Augen und er blickte zur\u00fcck. Sie h\u00e4tte noch immer nicht erraten k\u00f6nnen, welche Kathrin sich darin widerspiegelte. Waren seine Augen blau? Waren sie gr\u00fcn? Er rollte sie zur Seite und setzte sich rittlings auf ihr Becken. Sie sp\u00fcrte das Gewicht des Hodensacks auf ihrem Schambein und wagte einen Blick auf seine Hose. Viel konnte sie nicht entdecken, keine Schwellung, nicht die geringste. Hatte er nun einen St\u00e4nder oder nicht? Er folgte ihren Augen und vernahm den Seufzer, den sie aus Ungeduld oder Unbehaglichkeit \u2013 das h\u00e4tte sie ebenfalls nicht sagen k\u00f6nnen \u2013 ausstie\u00df. Das hat ihn offensichtlich rasend gemacht. Er ist danach ganz wild gewesen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin dreht die Fischst\u00e4bchen in der Pfanne auf die andere Seite. Die ist noch roh. Rosige W\u00fcrmchen. Wie G\u00fcnthers bestes St\u00fcck. Er ist morgens schleunigst abgehauen, zu eingesch\u00fcchtert, um ihr beim Fr\u00fchst\u00fcck in die Augen zu sehen. Gott sei Dank, was h\u00e4tte sie ihm, bittesch\u00f6n, anbieten k\u00f6nnen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Fischst\u00e4bchen mit Toast?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Kathrin legt die Pfanne mit den Fischst\u00e4bchen auf den Tisch. Die Brotscheiben sind l\u00e4ngst aus dem Toaster herausgesprungen und mittlerweile schon wieder kalt. Sie nimmt sie und legt sie direkt auf den noch hei\u00dfen Herd. Die Brotscheiben fangen bald an, kleine Rauchwolken zu produzieren. Kathrin nimmt sie vom Herd, verbrennt sich die Finger und schmei\u00dft die Brotscheiben in den M\u00fclleimer. Sie \u00f6ffnet den K\u00fchlschrank und zieht die untere Schublade heraus. Irgendwo hatte sie noch eine Zitrone. Da ist sie. Ausgetrocknet. Wegschmei\u00dfen. Fischst\u00e4bchen ohne Toastbrot und ohne Zitrone. Igitt! Sie bei\u00dft ein St\u00fcckchen ab und kaut misstrauisch. Sie m\u00f6chte gern wissen, was f\u00fcr einen Eindruck sie bei G\u00fcnther hinterlassen hat. Vielleicht kann er vor Aufregung \u00fcberhaupt nicht essen, verbl\u00fcfft wie er sein muss von den vielen Facetten ihrer Pers\u00f6nlichkeit. Vielleicht wartet er darauf, dass sie ihn anruft. Was sie auch tun wird, sobald sie mit Sarah telefoniert und ihr alles erz\u00e4hlt hat.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-8403\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u201eWenn ich jetzt nicht esse, sterbe ich auf der Stelle!\u201c sagt Ka-thrin und geht in die K\u00fcche. Das Fenster ist gekippt und die Jalousien klappern wie tollw\u00fctige Heuschrecken. Was f\u00fcr ein Gest\u00f6ber. 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