{"id":62817,"date":"2015-02-07T00:01:00","date_gmt":"2015-02-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62817"},"modified":"2022-02-17T21:12:46","modified_gmt":"2022-02-17T20:12:46","slug":"wasserschleier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/07\/wasserschleier\/","title":{"rendered":"Wasserschleier"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah versucht, durch den Wasserschleier zu sehen, ob Kathrins Fenster beleuchtet sind. Sie sieht nichts. Alles ertrinkt im Regen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Il pleut dans mon c\u0153ur, comme il pleut sur la ville, quelle est cette langueur, qui p\u00e9n\u00e8tre mon c\u0153ur&#8230;<\/em> Ich sollte Verlaine wieder lesen, denkt sie. Oder Bacovia. <em>De <\/em><em>at\u00eetea nop\u0163i aud plou\u00eend, aud materia pl\u00eeng\u00eend<\/em><em>\u2026<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebbe und Flut bestimmen den Schall romanischer Sprachen. Zuweilen durchf\u00e4hrt er Sarahs K\u00f6rper mit erregt atmender Sinnlichkeit, f\u00fcllt ihre Seele mit erhabener Sehnsucht. Seit Jahren hat Sarah diesen Wunsch nicht mehr so arg versp\u00fcrt, sich vom Klang des Wortlauts \u00fcber die Traurigkeit seines Inhaltes hinweg tr\u00f6sten zu lassen. Sehnt sie sich nach dem Pathos, das in der zweckfreien Gro\u00dfz\u00fcgigkeit melodischer Laute nachzusp\u00fcren ist?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lehnt ihre Stirn an die kalte Fensterscheibe und sucht mit dem Blick nach klaren Farbunterschieden, nach gepr\u00e4gten Trennlinien. Vielleicht zwischen den \u00c4sten und den verbliebenen Bl\u00e4ttern?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlammgraue Fl\u00e4chen zwischen schlammgrauen Linien. Das graue Netz des Wassers \u00fcber dem grauen Schimmer des Hintergrunds. In der Kontrastlosigkeit gibt es keine Details. Nur den Hauptfarbton, das Hauptwort. S\u00e4tze ohne Eigenschaftsw\u00f6rter. In der Kontrastlosigkeit gibt es keine Eigenheiten. Keine Eigenst\u00e4ndigkeit. Keine Rebellion. Es gibt auch keine Nebens\u00e4chlichkeiten. Sie gehen in das Gesamte \u00fcber, sprengen es nicht. Sie verselbst\u00e4ndigen sich nicht. Bleiben anonym. Sterben anonym.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das Bild schattenlos ist, ist sein Pathos verblasst. Was \u00fcbrig bleibt, ist die Eint\u00f6nigkeit des Unvermeidlichen. Die Tyrannei des Unbedingten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alle einzelnen Sonderheiten verwischende Abstraktion.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kant ist nachvollziehbar auf diesem Breitengrad, denkt Sarah.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Regengest\u00f6ber rasselt pl\u00f6tzlich durch die kahlen Baumkronen. Wild. Entfesselt. Die \u00c4ste winden sich und \u00e4chzen. Sie krachen und sch\u00fctteln die wenigen Bl\u00e4tter ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Chorus entbl\u00f6\u00dfter, knirschender Erinnyen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00fcstere Leidenschaft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blatt l\u00f6st sich von einem brechenden Ast und wird von den schiefen Regenpeitschen an die Fensterscheibe geklatscht. Es zittert dort vor Sarahs Augen. Die losen Zipfel des Blattes flattern. Es erinnert an einen agonisierenden Nachtfalter. Das nat\u00fcrliche Pathos, da drau\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eDie D\u00fcsterheit hat nicht weniger Pathos als die Sonnigkeit. Sie ist nicht weniger signifikant\u201c, fl\u00fcstert Sarah. \u201eDu solltest es am besten wissen. Du tr\u00e4gst beide in dir. St\u00e4ndig. Endg\u00fcltig&#8230;\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es flie\u00dft Blei \u00fcber die Welt, sie verschlammt darunter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sogar die Erinnyen verkr\u00fcppeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah reibt sich die Augen und sieht auf die Uhr. Zehn nach elf und sie hat noch nichts getan. Sie hat noch so viel zu tun.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-8403\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Sarah versucht, durch den Wasserschleier zu sehen, ob Kathrins Fenster beleuchtet sind. Sie sieht nichts. Alles ertrinkt im Regen. 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