{"id":62810,"date":"2014-02-07T00:01:11","date_gmt":"2014-02-06T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62810"},"modified":"2022-02-17T21:13:58","modified_gmt":"2022-02-17T20:13:58","slug":"gepolter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/07\/gepolter\/","title":{"rendered":"Gepolter"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Olivier ist schlecht gelaunt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nachbarn unter ihm streiten schon wieder. Das geht seit zwei Stunden so. Krach und Gebr\u00fcll und Gepolter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er liegt auf dem Sofa und h\u00e4lt eine Zeitung senkrecht vor den Augen. <em>\u00d6konomischer Selbstmord der globalen Zukunft<\/em>, <em>Euthanasieverfahren im Staatsdienst<\/em>, <em>Homo artifex, quo vadis?<\/em> Nur so ein apokalyptischer Schei\u00df \u00fcber den Untergang der Spezies, Schei\u00dfe noch mal! Das ist kein <em>Mal de si\u00e8cle<\/em>, sondern pure Millenniumshysterie. Alles geht den Bach runter! Politisch, wirtschaftlich, demographisch stecken wir in der Krise, werden durch Umweltkatastrophen und Seuchen dezimiert und diejenigen, die noch \u00fcbrig bleiben, werden in naher Zukunft dazu verpflichtet, wenn die Natur oder die Terroristen sie nicht rechtzeitig abmurksen, freiwillig den Abgang zu machen. Die Schreckensreiter der Apokalypse verw\u00fcsten die zivilisierte Welt und wir sind schuld daran, das Artefakt r\u00e4cht sich, Frankenstein ist zum eigenen Monster mutiert und br\u00fcllt ohrenbet\u00e4ubend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Olivier wirft einen Blick \u00fcber den Papierrand hinweg auf den Bildschirm. Na, bitte. Im Fernsehen l\u00e4uft gerade eine wissenschaftliche Sendung \u00fcber die Gefahren der Eugenik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kann doch nicht wahr sein! Es ist zum Kotzen! Was haben die heute alle? Was ist in sie gefahren? Es ist Sonntag, um Gotteswillen! Auch Gott hat sich am Sonntag eine Pause geg\u00f6nnt!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Olivier wirft die Zeitung weg und schaltet den Fernseher aus.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bleibt auf dem Sofa sitzen, starrt vor sich hin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kann die allgemeine Hysterie nicht akzeptieren, ob politischer oder religi\u00f6ser Art. Er findet sie absto\u00dfend, wie jede Form von Schw\u00e4che. Heute ist er daf\u00fcr anf\u00e4lliger als sonst, er f\u00fchlt sich selbst ein wenig geschw\u00e4cht und lustlos. Das macht ihn m\u00fcrbe. Er kann sich weder an das, was er gelesen, noch an das, was er gesehen hat, erinnern. Zu viel Krach kommt von unten. Sein aufs\u00e4ssig gewordenes Geh\u00f6r nimmt das Gehirn in Besitz, \u00fcberschwemmt es mit Informationen, die es nicht haben will. Die Kl\u00e4nge h\u00fcpfen albern in seinem Kopf herum wie aufgescheuchte Fr\u00f6sche. Das Ohr ist ein willenloses Organ, das sich dem aufdringlichen L\u00e4rm nicht entziehen kann. Olivier legt seine H\u00e4nde auf die Ohren und presst, bis die Ger\u00e4usche in dumpf pochender Stille verklingen. So muss sich das Wachstum in einem Kokon anh\u00f6ren. Klaustrophobisch. Er h\u00e4lt es nicht mehr aus und nimmt die H\u00e4nde weg. Wallendes Gekreische brandet von unten hoch in den Raum.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eVerdammt noch mal!\u201c schreit Olivier, nimmt den marmornen Briefbeschwerer vom Tisch und klopft damit in den Heizk\u00f6rper. Einmal, zweimal, na, jetzt haben sie ihn geh\u00f6rt, werden stiller.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kennt sie, es wird nicht lange dauern, bis sie wieder anfangen. Er setzt sich wieder hin und vergr\u00e4bt sein Gesicht in die H\u00e4nde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den ganzen Morgen hat er vertr\u00f6delt, hat sich vom Bett auf den Sessel, vom Sessel auf das Sofa geschmissen, hat Zeitungen durchgebl\u00e4ttert, ist durch die Kan\u00e4le gezappt und hat von Zimmer zu Zimmer nach einem ruhigen Pl\u00e4tzchen gesucht. Das Gepolter hetzte ihn durch die Wohnung, er f\u00fchlte sich in seiner Intimit\u00e4t angegriffen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Wehrlosigkeit bekommt ihm nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Machen, machen, die einzig vern\u00fcnftige Abwehr, er muss etwas tun, h\u00e4tte joggen oder auf seinem Hometrainer \u00fcben k\u00f6nnen. Morgen fr\u00fch wird er f\u00fcr vier Tage verreisen und hat noch nichts vorbereitet: Den Papierkram f\u00fcr den Vortrag und mindestens vier frisch geb\u00fcgelte Hemden. Er wird vermutlich mit den anderen Teilnehmern ausgehen. Es kommt ihm gelegen, dass er gerade jetzt weg muss. Eine gute Ablenkung, neue Gesichter zu sehen. Vielleicht lernt er eine nette Frau kennen. Eine unkomplizierte, ohne Launen. Was fast utopisch ist, denkt er, denn das einzige, was in dem Verhalten einer Frau mit unbeirrbarer Konsequenz vorkommt, ist ihre Launenhaftigkeit.\u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Olivier steht entschlossen auf, geht in die Mitte des Raums und beginnt mit den f\u00fcnf Tibetern. Er ist bei der vierten Woche, das hei\u00dft, jede \u00dcbung wird neunmal durchgef\u00fchrt. Die erste mag er am liebsten, dieses Drehen um die eigene Achse, wie es die in Trance geratenen Derwische tun. Er atmet tief ein, breitet die Arme aus, hebt den Kopf und schlie\u00dft die Augen. Es ist ihm bis jetzt noch nicht gelungen, sich mit geschlossenen Augen neunmal hintereinander um die eigene Achse zu drehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Schon bei der dritten Drehung wird ihm schwindlig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tibeter sollen Wunder bewirken, K\u00f6rper und Geist in Einklang bringen und beiden ewige Jugend bescheren. Das hei\u00dft, die Seele vom \u00dcberdruss entschlacken, den Geist von st\u00f6renden Gedanken. Von dem Gef\u00fchl, sich selbst peinlich zu werden, weil man ohnm\u00e4chtig da sitzt und sich von dem Krach anderer terrorisieren l\u00e4sst. Olivier dreht sich schneller und schneller, beim f\u00fcnften Mal schwankt er aber, trippelt auf der Stelle und \u00f6ffnet die Augen. Er absolviert die weiteren vier Drehungen mit offenen Augen und legt sich auf den Boden f\u00fcr die zweite \u00dcbung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schmerz im R\u00fccken l\u00e4sst nicht nach, zieht die Wirbels\u00e4ule hinauf bis in den Nacken. Wenn er die Knie zur Brust hebt und dann die Beine hochstreckt, tut der verh\u00e4rtete Muskel unter dem rechten Schulterblatt h\u00f6llisch weh.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er muss sich ihn heute Nacht verzerrt haben, besser gesagt heute morgen, als er nach Hause kam und, weil er trotz der langen, ziellosen Autofahrt noch immer nicht schlafen konnte, eine weitere Stunde in der Garage totschlug. Er staubsaugte gr\u00fcndlich das Innere seines Wagens.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gespenstisch war die Fahrt im n\u00e4chtlichen Dunst durch die in der regenfl\u00fcsternden Dunkelheit versunkenen Ortschaften am Rhein, Raum und Zeit nur zuf\u00e4llig durch die schwach blinkenden Lichter verschlafener Vororte oder durch das selten erklingende Gebimmel einer unsichtbaren Kirche wahrnehmbar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal hat er dieses Gef\u00fchl, dass er in eine fremde Welt geraten ist, deren Beschaffenheit er nicht erfassen kann, hier jedoch eine Auszeit von der ihm eigenen erleben darf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die dritte \u00dcbung geht Olivier in die Knie, spreizt ein wenig die Beine, dr\u00fcckt die H\u00e4nde gegen den hinteren Teil der Oberschenkel und wirft den Kopf so weit wie m\u00f6glich in den Nacken. Er sp\u00fcrt nicht nur die R\u00fccken-, sondern auch die Brust- und Bauchmuskeln sich j\u00e4h dehnen, h\u00f6rt das eigene Blut in den Ohren pochen. Beruhigend, sich selbst zu sp\u00fcren, festzustellen, dass zumindest noch etwas erkennbar ist und funktioniert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass dies, was er tut, zu dem erwarteten Ergebnis f\u00fchrt. Alles um ihn herum scheint diesem Kausalverlauf zu widersprechen. Olivier ist ein vern\u00fcnftiger Mensch, ger\u00e4t nicht so leicht in Panik. Und verachtet alle, die es tun. Ihm gelingt es fast immer mit dem, was er tut, auch das erhoffte Ziel zu erreichen. Sein Leben ist geregelt, sein Lebensraum gesichert, er hat keinen Grund zur Unruhe. Er hat daf\u00fcr gesorgt, es ist sein Verdienst, er kann nichts daf\u00fcr, wenn andere es nicht schaffen. Nur im Augenblick befriedigt ihn das nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch. Er hat eine feste Stelle bei der Stadt und keine Probleme damit, alles zu unternehmen, um sie zu behalten. In der letzten Zeit ist dies in den Vordergrund geraten, es ist nicht zu leugnen, er besch\u00e4ftigt sich viel intensiver mit der Erhaltung seines Arbeitsplatzes als mit der Arbeit selbst. Er erf\u00fcllt seine Pflicht, liefert dieser schwankenden Gesellschaft den erw\u00fcnschten Steuerzahler. Er entlastet, also will er entlastet werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vierte \u00dcbung ist anstrengender, er f\u00fchrt sie \u00e4u\u00dferst gewissenhaft durch, erh\u00f6ht den Schwierigkeitsgrad, um das Erfolgserlebnis zu steigern. W\u00e4hrend er den K\u00f6rper steif wie ein Brett \u00fcber den Boden hebt und ihn parallel zu diesem gerade zwischen Schultern und Knien anspannt, z\u00e4hlt er bis f\u00fcnfzehn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man soll Probleme mit Selbstdisziplin und regem Gewissen meistern, denkt er. Genau wie Krisensituationen. Stattdessen verursacht man in der heutigen Zeit immer weitere.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als h\u00e4tte man Geschick verloren und Vernunft verlernt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das geht ihm an die Substanz, weil, ohne sie verschuldet zu haben, er die Konsequenzen des Chaos zu tragen hat. Nicht nur an seinem Arbeitsplatz, wo er ein Projekt nach dem anderen platzen sieht, sondern auch zu Hause, wo er diese bl\u00f6den Mieter von unten zu ertragen hat. Er kann nicht einmal einen ruhigen Sonntag verbringen. Olivier h\u00e4lt sich nicht f\u00fcr zynisch, sondern f\u00fcr n\u00fcchtern. Er sieht die Lage aus einer realistischen Sicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist der Gang der Dinge. Krisen und Wohlstandszeiten haben sich seit eh und je abgewechselt, das nennt man Fortschritt, und wenn es mal geschieht, dass der Krieg sich tats\u00e4chlich als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln entpuppt, geschieht das irgendwo anders und nicht vor seiner T\u00fcr. Vor seiner T\u00fcr liegt sein Weg und darauf konzentriert er sich. Und jetzt gerade auf die letzte \u00dcbung, eine Mischung zwischen Kopfsprung und Liegest\u00fctz, die ihn an seine Pubert\u00e4t erinnert, als er in der Schwimmmannschaft der Schule war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er liegt auf dem Bauch, hebt sein Ges\u00e4\u00df im geraden Winkel, streckt Beine und Arme aus. Er mag es, die Muskeln anzuspannen, wenn er den angewinkelten K\u00f6rper langsam wieder in die Gerade bringt und eine Handbreit \u00fcber den Boden senkt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcbung lenkt ihn jedoch nur unbedeutend ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4ngste und Vorahnungen, die er hasst, verpesten seine Ruhe. Sie stehen ihm im Weg. Der ist holprig geworden, voller Schlagl\u00f6cher und Stolpersteine. Es breitet sich unaufhaltsam aus, das Chaos, man sp\u00fcrt die Folgen. Ob sich der Frieden in dieser Ecke der Welt, in der er lebt, noch lange halten wird? Noch nie war es so lange so still gewesen. Angesichts der ganzen Krankheitssymptome der letzten Jahre beginnt er sich zu fragen, ob es nicht bald wieder zu einem Konfliktausbruch kommen w\u00fcrde. Der w\u00fcrde diesmal ganze Kontinente versengen. Daran will er erst recht nicht denken, nicht heute, bitte, heute ist Sonntag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Au\u00dferdem kann er nichts dagegen unternehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wer ist schon davon wirklich getroffen, wenn nicht diejenigen, die \u00fcberall und zu jeder Zeit stolpern und fallen, die Lebensunt\u00fcchtigen, wie seine Nachbarn, die bei jeder Selektion, ob nat\u00fcrlicher oder gesellschaftlicher Art, sowieso eliminiert werden. Das Leben ist ein harter Kampf, wer nicht mithalten kann, ist selber schuld.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Olivier ist mit den \u00dcbungen fertig, der K\u00f6rper f\u00fchlt sich wohler, sein Geist aber nicht. Er geht in die K\u00fcche, \u00f6ffnet den K\u00fchlschrank, nimmt die Milch heraus und trinkt direkt aus der Packung. Er h\u00f6rt das Ger\u00e4usch des Schluckens in seiner Kehle und sonst nichts. Keinen Krach, keine Schreie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nachbarn haben aufgeh\u00f6rt. Wunderbar, er kann nun endlich in Ruhe fr\u00fchst\u00fccken. Es ist sp\u00e4t genug, schon Viertel vor elf.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah kann die Titel kaum lesen, es ist ziemlich dunkel im Raum.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen qu\u00e4lt sich der Tag durch die schlammige Wolkenschicht und den Regenschleier durch. Er bricht zuweilen \u00fcber die Welt hinein, \u00fcber ihre tauben Wesen, die ausgehungert nach den son-nenlosen Monaten sich hinter den Mauern kraftlos regen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eGar nicht aufmunternd, was ich da habe&#8230;\u201c, sagt sich Sarah. \u201eAlle hier schreiben \u00fcber Begr\u00e4bnisse, nicht nur die kleine Plath, sondern auch der gro\u00dfe Faulkner und das Genie Joyce!\u201c Sie holt sich Saul Bellows Roman <em>Humboldts Verm\u00e4chtnis<\/em> und sucht eine bestimmte Stelle aus. Das wird sie ein wenig aufmuntern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine humorvolle Erkl\u00e4rung, warum Amerikaner ihre toten Dichter, diese <em>armen Irren<\/em>, lieben. Sie liest einige Passagen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eBei ihm sind sogar die traurigen Szenen witzig\u201c, lacht sie leise, schlie\u00dft das Buch, stellt es zur\u00fcck ins Regal.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie mag Bellow, die Mischung von nordamerikanisch-j\u00fcdischem Humor, sein in Grenz\u00fcberschreitungen erfahrenes Blut. Sie mag Mischlinge und Strolche. Die K\u00f6ter dieser Welt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewiss, weil Sarah selbst sich manchmal als streunender K\u00f6ter empfindet. Zwischen Kulturen lungernd. Zwischen Zugeh\u00f6rigkeiten schwankend. Auf Forschungsreise entlang der Trennlinien. Unterwegs mit Buch und Buch. Unterwegs mit ihrer Bibliothek.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort liegt ihre tragbare Heimat, die einzig wahre, sicher zwischen den Buchdeckeln aufbewahrt. Von Wohnung zu Wohnung, Stadt zu Stadt, Land zu Land mitgeschleppt. Ihr Lebensinhalt in Kartons verpackt, \u00fcber Grenzen geschmuggelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lebensstationen stecken zwischen den Seiten, Lesezeichen in der Chronik einer Wandernden zwischen Sprachen und L\u00e4ndern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarahs Blicke streifen \u00fcber die Titel und ihr Geist streift mit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Ist-Zustand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie finden das Buch, das Sarah liebt: <em>Waste<\/em><em> Land<\/em>. T. S. Eliot.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Sterben als Hochgebiet der Spekulation, denkt sie. Die anonyme Austauschbarkeit des restlichen Schweigens. Darin der Verlust des Sinns. Manche finden ihn dann doch auf dem Begr\u00e4bnis anderer wieder, in einer Handvoll Staub.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nimmt Eliot vom Regal.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; <em>And I will show you something different from either \/ Your shadow at morning striding behind you \/ or your shadow at evening rising to meet you; \/ I will show you fear in an handful of dust<\/em>, liest sie laut aus dem <em>Burial of the Dead.<\/em> Ja, Angst, Furcht oder das Wort, das nicht ausgesprochen werden kann\u2026<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nicht schon wieder T.S. Eliot!<\/em> \u2013 nimmt Sarah den stummen Protest ihres Publikums wahr. Ein Bewohner des bew\u00e4hrten Babels, dieses unsichtbare Publikum. Von t\u00fcckischer Natur. Grinst h\u00e4misch zwischen den B\u00fcchern. Mal ist es da, mal nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute ist es da, hockt wie ein debiler Hahn auf dem Misthaufen des Tages. Des Morgens, besser gesagt. Er mischt sich ein, kr\u00e4ht in Ultraschallwellen. Niemand au\u00dfer Sarah kann dies wahrnehmen. Am liebsten w\u00fcrde sie ihn auf der Stelle erw\u00fcrgen. Nun, Bl\u00f6dsinn. Ihr Zimmer ist kein H\u00fchnerstall sondern eine Bibliothek! Das Publikum ist sehr beleidigt. Es scharrt, holpert und flattert unentschieden von Titel zu Titel. Was tun, um ernst genommen zu werden? fragt es sich.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah l\u00e4sst sich nicht ablenken. Sie steckt <em>The Waste<\/em><em> Land<\/em> zur\u00fcck ins Regal und blickt geradeaus. In ihrer Augenh\u00f6he: <em>A <\/em><em>Room of One\u2019s Own<\/em>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eVirginia Woolf war durch und durch ein ethisches Wesen\u201c, sagt sie und nimmt das B\u00e4ndchen in die Hand. \u201eIhr Selbstmord durfte vollzogen werden, ihre Schuldigkeit getan, die B\u00fccher geschrieben. Sonst keine Spr\u00f6sslinge. Korrekt\u201c, entscheidet sie und legt es zur\u00fcck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Regal stehen mehrere Ausgaben der wichtigsten Romane von Woolf. Die Mutter-G\u00f6ttin. Sarah hat sie in den vier Sprachen, die sie beherrscht. Die rum\u00e4nischen Ausgaben sind die \u00e4ltesten, schon vergilbt. Sie haben die l\u00e4ngste und abenteuerlichste Reise hinter sich. Die deutschen, englischen und franz\u00f6sischen hat Sarah \u00fcberwiegend im Laufe der letzten achtzehn Jahre erworben, seitdem sie in Deutschland lebt. Sie mag keinem Buch, das sie lesen kann, widerstehen. So wie sie keines, auch wenn es v\u00f6llig zerfleddert ist, wegschmei\u00dfen kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie steht vor dem B\u00fccherregal und mag sich nicht entscheiden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem ist sie noch nicht verunsichert. Das Gef\u00fchl, sie gleitet von einem bestimmten Titel zu einem anderen bestimmten Titel auf unsichtbaren F\u00e4den, als m\u00fcsste sie es derart und nicht anders tun, ist ihr gegenw\u00e4rtig und best\u00e4ndig. Sie ist Arachne, die ihr Spinnennetz inspiziert. Es zwingt sie geradezu, es zu tun. Sie muss jedes Mal die Festigkeit der Knoten, die Vollst\u00e4ndigkeit deren Zusammenhalts, ihre Unfehlbarkeit \u00fcberpr\u00fcfen. Das Netz h\u00e4lt, die Logik seines Baus gilt nach wie vor. Hier f\u00fchlt sie sich aufgehoben. Heimisch. Heute will es ihr aber nicht gelingen, eine Stelle zu entdecken, an der sie rasten kann. Das Netz will sie heute nicht halten, w\u00e4hrend sie von einem Buch zum anderen torkelt. Zehn vor elf. Sarah sieht zum Fenster hin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine laue Stunde ist das. Ohne Eigenschaften. Wie der Himmel hinter den Fensterscheiben. Grau. Nichts ragt heraus, man kann sich an nichts festhalten. Rundherum gibt es keinen Halt. Keine Sonne, keinen Schatten, ob vor oder hinter dir.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie geht zum Fenster und sieht auf die Stra\u00dfe, die etwa neun Meter tiefer liegt. Leer. Ein typischer Sonntagvormittag Anfang Februar. Es regnet. Keiner traut sich bei dem Wetter auszugehen. Es ist weder kalt noch warm f\u00fcr die Jahreszeit. Es ist irgendwie \u201enirgendwie\u201c<em>. <\/em>Es ist eher nicht, als dass es ist, weil man es nicht definieren kann. Mit keinem Wort. Keines trifft mit Bestimmtheit zu: weder winterlich, noch herbstlich oder fr\u00fchlingshaft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein semantisches Vakuum, in dem man erstickt. Man jappst zwischen trostlos und deprimierend, ringt nach Luft, ohne sich f\u00fcr eines der Worte zu entscheiden, weil man dem anderen Unrecht tun w\u00fcrde. Also schweigt man und verl\u00e4sst den Leerraum zwischen Worten gedem\u00fctigt, ohne ihn belebt zu haben. Wie auch? Die Gegend ist still und \u00f6de.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts bewegt sich. Kein Mensch, kein Auto, kein Zweig von den unz\u00e4hligen der drei kahlen B\u00e4ume am Stra\u00dfenrand. Einige Meter weiter stechen die Zweige der Eichen und Buchen, die den benachbarten Park f\u00fcllen, die Luft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Kronen hinweg blickt Sarah auf die gegen\u00fcber stehende Hausfront. Sie kann Kathrins Fenster nicht richtig erkennen. Nichts sieht sie deutlich, der Regen wirft graue Netze und verwischt die Konturen. W\u00fcsste sie es nicht, k\u00f6nnte sie nicht richtig einsch\u00e4tzen, wie weit oder wie nah die andere Stra\u00dfenseite ist. Es gibt keine Hinweise auf Tiefe und Sch\u00e4rfe in diesem Bild.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine Kontraste. Keine Farben.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-8403\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Olivier ist schlecht gelaunt. Die Nachbarn unter ihm streiten schon wieder. Das geht seit zwei Stunden so. Krach und Gebr\u00fcll und Gepolter. Er liegt auf dem Sofa und h\u00e4lt eine Zeitung senkrecht vor den Augen. \u00d6konomischer Selbstmord der globalen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/07\/gepolter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":195,"featured_media":98133,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[36],"class_list":["post-62810","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ioona-rauschan"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62810","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/195"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62810"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62810\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98146,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62810\/revisions\/98146"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98133"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62810"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62810"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62810"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}