{"id":62807,"date":"2013-02-07T00:01:00","date_gmt":"2013-02-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62807"},"modified":"2022-02-17T21:15:12","modified_gmt":"2022-02-17T20:15:12","slug":"minutenzeiger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/07\/minutenzeiger\/","title":{"rendered":"Minutenzeiger"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Daniel beobachtet den solit\u00e4ren Minutenzeiger. Es ist kurz nach halb elf. Zehn Uhr, einunddrei\u00dfig Minuten und eine unbekannte Anzahl von Sekunden. Irgendwo zwischen der zweiten und der neunundf\u00fcnfzigsten Sekunde lie\u00dfe sich sein Unbehagen, w\u00e4re es greifbar, ansiedeln. Auf dieser barocken Stehuhr bleibt die Zwi\u00adschenzeit genau so unauffindbar, wie sein Gef\u00fchl undefinierbar. Trauer, Wut, Sehnsucht? Das alte M\u00f6belst\u00fcck ohne Se\u00adkundenzei\u00adger verschweigt den Augenblick, der gerade verstreicht. In der Zeitspanne zwischen einer Minute und der n\u00e4chsten scheint sich auf dem perlmuttfarbenen Zifferblatt nichts zu be\u00adwegen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss den Kopf ein bisschen heben, um darauf zu schauen. Die Uhr ist zwei Meter hoch, hat einen gold verzier\u00adten Giebel, der einem geschmacklosen Hut mit h\u00f6lzernen Blu\u00admen sehr \u00e4hnlich sieht, und riesige runde H\u00fcften an den Seiten. <em>Dicke Bertha<\/em> nennt David das anthropomorphe Monstrum.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">David schl\u00e4ft noch in ihrem Schlafzimmer.\u00a0\u00a0 \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Klick! Die Spitze des Minutenzeigers r\u00fcckt auf zweiunddrei\u00dfig Minuten, ein Zentimeter weiter nach S\u00fcdwesten in Richtung VII. Sie friert wieder ein. Sieben, die magische Zahl, im Augenblick noch unerreichbar, denkt Daniel, der gern mit Symbolassoziatio\u00adnen spielt. Sieben: f\u00fcr Agrippa, Einheit zwischen Leib und Seele. Die Zahl der himmlischen Sph\u00e4ren und der liberalen K\u00fcnste f\u00fcr Dante. Zahl der Leuchten der Menora, \u00c4ste des Lebensbaums. Zahl der Chakras, der Menschenalter und der sich stets erneuern\u00adden kosmischen Zyklen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sinnbilder. Sie ziehen unzerr\u00fcttet ihre Pfade in alle Himmelsrichtungen, flechten beharrlich die Leiter zwischen K\u00f6rper und All, auf die wir schwankend, aber uner\u00adm\u00fcdlich klettern. Aus dem Urged\u00e4chtnis emporsteigend, rei\u00dfen sie gelegentlich die Mauer monotheistischer Festungen ab, redu\u00adzieren sie auf l\u00e4cherlich verg\u00e4ngliche Erscheinungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eUnd f\u00fcr uns?\u201c fragt Daniel. Der siebte Tag, Tag der Ruhe und der Vervollkommnung, Dynamik des Absoluten, Anfang im Ende. Ein j\u00fcdisch-christliches Paradoxon, wahrhaftig voller Demut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eSieben an der Stelle aller anderen Zahlen auf diesem Zifferblatt\u2026 Surrealistisch. Das w\u00e4re gerecht!\u201c, murmelt Daniel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Symmet\u00adrie halber zw\u00f6lfmal die unsymmetrische Sieben. Die Zeit zw\u00f6lfmal unsymmetrisch sprengen. Den Blick dieses dumpfen Monst\u00adrums stechen, seines runden Bleichgesichts, das unter Kurzsich\u00adtigkeit leidet und jenseits der ewig wiederholten zw\u00f6lf Stunden nichts zu sehen vermag. Booom!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne den Minutenzeiger aus den Augen zu verlieren, tastet sich Daniel Schritt f\u00fcr Schritt r\u00fcckw\u00e4rts bis zum Schreibtisch. Er f\u00fchlt mit der ausgestreckten Hand die Kante des Sessels und findet die Armlehne. Er setzt sich hin, seinen Blick noch immer auf das Zifferblatt gerichtet. Seine Finger f\u00fchren die Bewegungen auto\u00admatisch durch und schalten den Rechner ein. Er h\u00f6rt dem leichten Brummen zu, wie es w\u00e4chst und dann allm\u00e4hlich ver\u00adklingt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im rechten Augenwinkel nimmt er das blaue Flimmern des Bildschirms wahr. W\u00fcrde ihn David dabei beobachten, w\u00fcrde er meinen, dass Daniel sich wieder seinem albernen Sinnest\u00e4u\u00adschungsspiel hingibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, wohl, das tut er. Es lenkt ihn von seiner Ohnmacht ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">David war erst um vier Uhr morgens nach Hause gekommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatten Streit. Daniel konnte danach nicht mehr einschlafen. Er lag wach im Bett und erstickte in der Dunkelheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schlafzimmer stank. Die Laken stanken. David stank. Nach Wein und Zigarettenrauch. Partyge\u00adstank. Der Gestank Fremder, den David in den Raum mitgebracht hat, in das Bett ihrer Intimit\u00e4t, auf dem nun Daniel schlaflos lag. Es roch nach F\u00e4ulnis, steigerte er sich in seiner Wut. Nach der F\u00e4ulnis jener abgenutzter Worte, die ungeachtet ihrer W\u00fcrde auf einer Menschenversammlung fallen, zuf\u00e4llig und unverbindlich \u00fcber den Haufen geschmissen werden. Gesch\u00e4ndete Worte, von der unf\u00f6rmigen Belanglosigkeit des Smalltalks verunstaltet, ertranken in der Dunkelheit des Schlaf\u00adzimmers vor seinen offenen, feuchten Augen. Der schwache Schein des Mondes lag kraftlos auf der gegen\u00fcberstehenden Wand. Daniel konnte den Schimmer eingesabberter, zerklumpter Worthaut erkennen, konnte die Wortk\u00f6rper aus den M\u00fcndern fallen sehen, wie abgetriebene F\u00f6tusse, die aus Leib und Leben heraus purzeln. Tote Worte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schwelgte in katharti\u00adscher Entr\u00fcstung wegen all derjenigen, die keine Ahnung ha\u00adben, wie sehr es schmerzt und wie viel es kostet, Worte zu geb\u00e4ren. Oder blo\u00df welche zu finden, die kristallklare Reflexe werfen. Sie zu ehren, so wie er es tut. Oder zumindest versucht, es zu tun. Das Auge des Mondscheines blinzelte auf der Wand. Die Jalousien zitterten fl\u00fcchtig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine unendliche Nacht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben Davids rhythmisch atmendem K\u00f6rper wich Daniels Unmut gegen Morgen einem anderen Ge\u00adf\u00fchl aus, das er nur als Solidarit\u00e4t mit den abgetriebenen Worten so vieler Ver\u00e4chter beschreiben konnte. Denn das waren sie, dachte er. Davids Kollegen aus der Redaktion waren die typi\u00adschen Wortver\u00e4chter, weil sie deren Wesen erkannten und den\u00adnoch verrieten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Daniel hatte selbst eine Weile in dieser Redaktion ge\u00adarbeitet. David hatte ihn dort eingef\u00fchrt, kurz nachdem sie sich kennen-gelernt hatten. Die wenigsten unter den Redakteuren be\u00adnutzten eine pers\u00f6nlich gestaltete Schreibe. Daniel nahm sich einmal vor, ihre klischeeartigen Idiome aufzulisten. Sie schoben Wortpakete hin und her, reichten sie von einem zum anderen weiter, als w\u00e4\u00adren sie gemeine Gebrauchsg\u00fcter, B\u00fcrsten, Lappen, mit denen sie sich die verschlissenen Schuhsohlen putzten. Sie dachten vielleicht, sie w\u00e4ren dazu berechtigt, weil sie gemeinsam durch den Sumpf gegenseitiger Scherereien und allt\u00e4glicher Intrigen gewatet waren. Eine verh\u00e4ngnisvolle Verschiebung der Linse.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Glaubt man den Ger\u00fcchten, wird das Erscheinen der Zeitung im Sommer eingestellt. Dann wird alles ein Ende nehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Daniel wirft einen Blick auf die Schlafzimmert\u00fcr. Nein, sie be\u00adwegt sich nicht, es ist nur das graue Licht im Raum, das flimmert. David schl\u00e4ft noch. Oder tut so als ob.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und er, Daniel, f\u00fchlt sich elend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er richtet den Blick wieder auf Berthas Bleichgesicht und wartet, dass die Zeit an ihm vorbei geht. Sie steht still.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat David hemmungslos angeschrieen. Bl\u00f6d, was er tut, den einzigen Menschen, den er liebt, wegzuekeln. Eine widergespiegelte Selbstzerst\u00f6rung ist das. Er nimmt Antidepressiva seit Wochen. David wei\u00df nichts davon, darf es nicht erfahren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Arzt sagte, die Pillen w\u00fcrden nach vier Wochen wirken. Er nimmt sie seit f\u00fcnf und sp\u00fcrt nichts. Er darf keinen Alkohol trin\u00adken, hat zugenommen. Das sind die Wirkungen, die er wahr\u00adnimmt. Der Alkohol fehlt ihm. Es ist blo\u00df Qu\u00e4lerei, er kann sich nicht konzentrieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ist uns\u00e4glich sinnentleert. Seine Handlungen sind Kr\u00fccken. Sein Leben \u2013 ein Placebo: Ersatzerlebnisse und Ersatzl\u00f6sungen. Die Entscheidungen falsch. Von Perfektionsanspr\u00fcchen und Kraftlo\u00adsigkeit zunichte gemacht. Die Zwillingsfratzen der Ohnmacht und der Selbstverachtung blecken ihre Z\u00e4hne, knurren ihn an. Er kennt sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Klick. Zehn Uhr vierunddrei\u00dfig Minuten. Noch eine Unze Zeit in das s\u00fcdwestliche Loch hineingeschleust. In den L\u00f6chern zwischen den Zahlen g\u00e4rt die Zeit. Zeitingredienzien vereitern dort, Zeitnu\u00adancen verblassen. Die Wartezeit zerf\u00e4llt. Anderswo siecht die andere dahin, die verschenkte Zeit. Seine und Davids, die er an\u00adderen widmet. Seinen Kollegen, Freunden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist er eifers\u00fcchtig? Fr\u00fcher hat ihn das nicht gest\u00f6rt. Auf jeden Fall nicht am Anfang, als sie sich begegneten. Eine Episode seines Lebens so nah an der Verwirklichung der Utopie, dass er sie heute mit Leichtigkeit verkl\u00e4rt. Von spr\u00fchender Kreativit\u00e4t durchdrungen. Sein Hirn wucherte wie eine gierige, fleischfres\u00adsende Pflanze, die er st\u00e4ndig mit Ideen f\u00fctterte, und schlug wun\u00addersame Wurzeln in seinem ganzen K\u00f6rper. Die Wege zwischen F\u00fchlen und Denken waren dicht belegt, kein Tropfen wurde ver\u00adschwendet, alles bl\u00fchte sinnvoll, tr\u00e4nkte die Zeit mit Ger\u00fcchen, die einen berauschten. Es floss aus ihm, die Droge des Gl\u00fccks.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einer Lesung sah er David und erlitt einen Schock.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eErstarrt, wie Ganymed, als der Adler \u00fcber ihn herfiel\u201c \u2013 scherzte er sp\u00e4ter in Davids Armen. \u201eDas einzige, was ich noch denken konnte, war, dass ich deinen Durst stillen muss. Ich will von deinem Mund getrunken werden. Mit meinem Schwei\u00df, meinem Blut, meinem Samen\u201c, hatte er ein wenig pathetisch hinzugef\u00fcgt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Scheinbar ist er jetzt leer und David satt. Der sucht schon lange seinen Mundschenk unter anderen Spendern, die ihm andere Eli\u00adxiere eingie\u00dfen. Hoffnung, Vertrauen, Freundschaft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er jetzt dar\u00fcber nachdenkt, sagt sich Daniel, ist er ihnen nicht b\u00f6se. Sein Verdruss wirkt weich, eine Welle, die verklingt. Es ist nicht mehr allein sein Privileg, der Wut zu fr\u00f6nen. Davids Kollegen tun es auch, wenn auch aus anderen Gr\u00fcnden. Das l\u00e4sst ihn fraternisieren. Er kann <em>ihre<\/em> Wut nachvollziehen, f\u00fchlt mit, versp\u00fcrt einen Anflug von Mitleid.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie beziehen die Definition ihrer Existenz allein darauf, ob diese Teil des geregelten Gef\u00fcges ist oder nicht. Einmal aus diesem hinaus geworfen, verm\u00f6gen sie kein anderes, f\u00fcr sich funktions\u00adf\u00e4higes zu finden. Au\u00dferhalb des Geregelten verb\u00fc\u00dfen sie ihr existentielles Stehverm\u00f6gen. Zumindest nimmt er das an und das r\u00fchrt ihn und l\u00e4sst ihn sie gleichzeitig verachten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er f\u00fchlt sich \u00fcberlegen. Er ist seit Jahren darin ge\u00fcbt, den Ausgesto\u00dfenen ab\u00adzugeben. Er wei\u00df, wie man aus dem Raster zu fallen hat. Er ver\u00adletzt sich kaum, landet mit wenigen Kratzern heil auf dem Boden der eigenerschaffenen Zuflucht: seiner Literatur. Ein sicheres Gef\u00fcge, das abnorme Formen zul\u00e4sst, ohne gleich darunter zu zer\u00adbrechen. Ob das eine L\u00f6sung ist? Vielleicht macht er sich etwas vor und seine Strategie ist l\u00e4ngst fehlgeschlagen. Es bricht um ihn herum auseinander. Er ist aus seinen Gef\u00fcgen heraus geworfen worden. Er geh\u00f6rt nirgendwo mehr hin. Und dies hat kaum noch etwas mit Literatur zu tun.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Minutenzeiger steht auf f\u00fcnfunddrei\u00dfig. Endlich VII.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sieben f\u00fcr die Ewigkeit der n\u00e4chsten sechzig Sekunden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wann hat der Zeiger sich bewegt? Sein Blick hing die ganze Zeit an dessen Spitze und dennoch hat er das Rucken nicht gesehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eDie Wahrnehmung flie\u00dft an mir vorbei\u201c, fl\u00fcstert Daniel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Umsonst hechelt er ihr hinterher, die Sinnest\u00e4uschung \u00fcbernimmt die Kontrolle und l\u00e4sst ihn zur\u00fcck. Er bleibt zwischen ihren un-sichtbaren Wurzeln h\u00e4ngen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er verf\u00e4ngt sich in vergeblicher Herme\u00adneutik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was entzieht sich der Vergeblichkeit?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schreiben?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn er nicht daran glauben w\u00fcrde, k\u00f6nnte er jetzt gleich aufh\u00f6ren. K\u00f6nnte gleich sterben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Schlafzimmer liegt David seit einigen Minuten wach im Bett.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er f\u00fchlt seine Zunge rau, den Mund trocken. Der Kopf schmerzt. Kater\u00fcbelkeit. Die andere Seite des Bettes ist leer. Er sieht zum Fenster hin und schlie\u00dft die Augen. Schwindlig. Er \u00f6ffnet sie wieder. Das Bett driftet eine Weile durch den Raum, dann ankert es an gewohnter Stelle. Im Morgenlicht ist alles karg, blo\u00dfgestellt. Es l\u00e4sst sich nennen: Existenzangst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie soll es ab Sommer weiter gehen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Party, die alles andere als eine Geburtstagsfeier war, fielen Worte wie Risikoreduzierung, Verlustvorbeugung, Ge\u00adwinnsteigerung: Heilige K\u00fche ferngebliebener Landschaften.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihren M\u00fcndern schmeckte ihr Fleisch feindselig z\u00e4h, in ihren B\u00e4uchen harrten unverdauliche Klumpen. Diese Art von Gericht bekam ihnen wohl nicht. Ihr Geschw\u00e4tz war blo\u00df l\u00e4cherliches Wiederk\u00e4uen unter Sozialhypnose. \u201eArmselig\u201c, denkt David, \u201ewir verausgaben uns im Diskurs und haben kaum noch Energie \u00fcbrig f\u00fcrs Handeln. Deshalb wird man uns widerstandslos aus dem Weg r\u00e4umen. Es ist einfacher, sich fallen zu lassen, als sich aufzurichten.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er legt Daniels Kissen \u00fcbers Gesicht. Es riecht nach Daniel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er dreht sich auf den Bauch, wirft einen Blick auf den Radiowecker: 10:35:28. Er sollte aufstehen und ins Bad gehen. Wo ist Daniel? Er h\u00f6rt ihn nicht, vielleicht ist der gerade im Badezimmer. W\u00e4re er allein, denkt David und schiebt die Wange wieder auf sein Kissen, h\u00e4tte er weniger Angst vor der Zukunft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schlie\u00dft die Augen und nimmt die Eint\u00f6nigkeit der Stille wahr. Nein, es ist nicht die Stille, es ist der Regen. Davids Gedanken gedeihen in Zeitlupe. Er k\u00f6nnte Daniel von der herunterprasselnden Welt nicht sch\u00fctzen, auch wenn er wollte, fl\u00fcstert ein letzter Gedanke. Im Halbtraum sieht er Daniels d\u00fcn\u00adnen K\u00f6rper in der Mitte knicken. Er bricht wie ein Streichholz, das noch eine Weile flackert und dann erlischt.\u00a0\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-8403\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Daniel beobachtet den solit\u00e4ren Minutenzeiger. Es ist kurz nach halb elf. Zehn Uhr, einunddrei\u00dfig Minuten und eine unbekannte Anzahl von Sekunden. Irgendwo zwischen der zweiten und der neunundf\u00fcnfzigsten Sekunde lie\u00dfe sich sein Unbehagen, w\u00e4re es greifbar, ansiedeln. 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