{"id":62805,"date":"2012-02-07T00:01:00","date_gmt":"2012-02-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62805"},"modified":"2022-02-17T21:16:16","modified_gmt":"2022-02-17T20:16:16","slug":"luftkuss","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/02\/07\/luftkuss\/","title":{"rendered":"Luftkuss"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwanzig nach zehn. Kathrin reckt sich unter der Decke. Sie liegt seit einer halben Stunde wach im Bett und starrt die W\u00e4nde l\u00e4\u00adchelnd an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eJetzt Schluss mit der Tagtr\u00e4umerei, auf, ich habe Hunger!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Ruck schwingt sie sich \u00fcber die Bettkante und steht auf. Sie ist nackt und friert. Sie nimmt unter dem Bett ihre Hausschuhe hervor und vom Boden ihre Unterw\u00e4sche, die sie gestern dahin warf. \u201eWar das eine Show, was? But leave your hat on!\u201c tr\u00e4llert Kathrin und zieht die H\u00f6schen an. Sie m\u00fcsste duschen. Macht sie sp\u00e4ter. Erst einmal will sie etwas essen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kleid liegt zerknittert zu ihren F\u00fc\u00dfen. Sie nimmt es in die rechte Hand, h\u00e4lt es hoch und mustert mit kritischem Auge die Falten. Sie zieht den Saum dreimal kr\u00e4ftig nach unten, f\u00fchrt die Hand \u00fcber den blauen Stoff und h\u00e4ngt das Kleid in den Schrank. Sie holt das rote Hauskleid. Der Kragen und die Manschetten zerfasern an einigen Stellen, die Kanten der Taschen auch. Sie m\u00fcsste es flicken, irgendwann, aber nicht heute, Sonntag. Sie \u00f6ffnet die Schublade der Kommode, kramt und nimmt eine rote Socke in die Hand. Wo ist die andere? Sie l\u00e4sst die rote Socke fallen und fischt aus dem Durcheinander von Strumpfhosen und Socken zwei wei\u00dfe heraus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unordnung ist ein Ausdruck verf\u00fchrerischer Weiblichkeit, ist Kathrin der Meinung. Eine Taktik der Koketterie. Sie deutet auf die liebensw\u00fcrdige Zerstreutheit eines tagtr\u00e4umerischen Wesens hin, das den Beistand eines bodenst\u00e4ndigen Mannes braucht. Und danach sucht. Nicht dass Kathrin tats\u00e4chlich glaubt, M\u00e4nner seien bodenst\u00e4ndiger oder w\u00fcrden unbedingt geordneter denken als manche Frauen, oh nein, aber sie wei\u00df, M\u00e4nner h\u00e4tten es gern, dass die Frauen das glauben. Sehr einfach, eine einfache Gleichung, ein einfacher Kodex: das So-Tun-Als-Ob. Man steckt die Info herein und heraus kommt die erwartete Reaktion. Die M\u00fcnze reinwerfen und den Gewinn einstecken. Spielautomaten. Unordnung ist ebenfalls ein Ausdruck ihrer Selbst\u00e4ndigkeit. Im Gegensatz zu der Ordnungsbesessenheit so mancher Frauen, die Kathrin kennt, zeigt ihr Lebensstil, dass keiner sich ohne ihre Erlaubnis da einmischen darf. Ihre Ziele und Bestrebungen sind h\u00f6herer Natur, als sich allein mit der Hausarbeit zu besch\u00e4ftigen. Das versucht sie jedem Mann beim zweiten oder dritten Mal schonend beizubringen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Reaktion des Mannes liefert Kathrin ein gutes Kriterium zur Beurteilung seiner Pers\u00f6nlichkeit und allgemein auch seiner Einstellung Beziehungen gegen\u00fcber. Auch einfach kodifiziert. Wenn er nur eine Aff\u00e4re will, dann ist es ihm v\u00f6llig egal, ob sie ordentlich ist oder nicht. Wenn er eine ernsthafte Bindung eingehen will, dann achtet er darauf. Es sei denn, er ist ein Schmutzfink, dann schert es ihn einen Dreck, ob sie in einem Saustall oder in einem Kristallpalast lebt. Ordnung liebende M\u00e4nner wollen ordentliche Verh\u00e4ltnisse, sauber verteilt und hierarchisiert, \u00fcbersichtlich und kontrollierbar. Au\u00dferdem wollen sie gut gepflegt werden, gef\u00fcttert, gewaschen, geb\u00fcgelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie w\u00fcrde es ja gern tun, wenn sie den richtigen finden w\u00fcrde. So emanzipiert ist sie ja auch nicht. Feministinnen findet sie manchmal schlechthin \u00fcbertrieben. Sie sieht sich in vielen Hinsichten sehr wohl als Feministin, aber prinzipiell hat sie nichts gegen die klas\u00adsische Rollenverteilung, wenn der Mann in ihrem Leben ebenfalls die klassische Rolle zufriedenstellend einnimmt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie h\u00e4tte nichts gegen einen Mann, der sie lieben, versorgen und verw\u00f6hnen w\u00fcrde, ihr bei der Steuererkl\u00e4rung helfen und alle Reparaturen in der Wohnung durchf\u00fchren w\u00fcrde. In dieser Hin\u00adsicht muss sich Kathrin eingestehen, dass sie eine konservative Einstellung hat: Frauen kennen sich mit Elektroger\u00e4ten nicht aus, M\u00e4nner tun es. Es sei denn, sie haben zwei linke H\u00e4nde. Ja, nun, nobody is perfect. Je nach Mann, kann sie entscheiden, ob sie sich ihm als unordentliche Tagtr\u00e4umerin oder als ordentliche Pragmatikerin zeigt. Wenn das letztere der Fall ist, muss sie sich f\u00fcrchterlich anstrengen, um st\u00e4ndig Ordnung zu halten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manch\u00admal ist das so anstrengend, dass sie lieber auf den Mann verzich\u00adtet. Mit G\u00fcnther ist es noch nicht so weit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Um-Sich-Schmei\u00dfen mit Klamotten war von beiden als Show-Einlage stillschweigend akzeptiert worden. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens, wo ist die Strumpfhose geblieben, die sie gestern an hatte? Wo begann sie, sich auszuziehen? Im Wohnzimmer!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Show me your heart, make it real, or let\u2019s forget about it!<\/em> singt Kathrin und t\u00e4nzelt \u00fcber den Flur bis ins Wohnzimmer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hat gestern <em>Supernatural<\/em> aufgelegt und sie haben getanzt, allerdings nur auf den ersten Song, beim zweiten waren sie schon im Bett! Auf der T\u00fcrschwelle findet sie die Strumpfhose, in der Mitte des Raums die Stiefel und auf der Couch die Jacke. Sie sammelt t\u00e4nzelnd die Sachen auf, schmei\u00dft die Stiefel in den Schuhschrank, die Jacke in die Garderobe und die Str\u00fcmpfe in den W\u00e4schekorb im Badezimmer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute hat sie doch einen Anflug von Ordnungsbesessenheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kommt zur\u00fcck ins Wohnzimmer und l\u00e4sst die alte Santana-CD noch einmal laufen. Sie tanzt in ihrem Hauskleid und erblickt sich im gro\u00dfen Spiegel. Das rote Hauskleid h\u00fcllt sie wie ein Ballen aus Watte ein. Sehr sexy sieht das nicht aus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie n\u00e4hert sich dem Spiegel, zieht den Rei\u00dfverschluss bis zum Bauchnabel herunter und mustert den schmalen Streifen entbl\u00f6\u00dfter Haut, der die Rundun\u00adgen der Br\u00fcste ahnen l\u00e4sst. Sie f\u00fchrt beide Zeigefinger vom Schl\u00fcsselbein langsam abw\u00e4rts, \u00fcber die kleinen H\u00fcgel links und rechts abweichend, dann \u00fcber den flacheren des Bauches wiedervereint. Sie gleiten weiter nach unten, bis sie im Tal unterhalb des Nabels ankommen. Kathrin h\u00e4lt einen Augenblick inne und zieht den Rei\u00dfverschluss wieder zu. Ja, sie ist heute eine ganz andere Frau als in der vergangenen Nacht. Feurig, lei\u00addenschaftlich, gro\u00dfartig war sie. Sie kann alles sein, was sie will. Das ist eine ihrer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Qualit\u00e4ten: ihre Wand\u00adlungsf\u00e4higkeit. Sie ist sehr stolz darauf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie l\u00e4chelt ihrer Spiegelreflexion zu, spitzt die Lippen und fl\u00fcstert:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eKompensationsgehabe!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles andere folgt unweigerlich dem viel zu eint\u00f6nigen Kodex.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht liegt die Ursache tats\u00e4chlich in ihrer Kindheit, dass sie so gern in jede Rolle, die sie sich ausdenkt, schl\u00fcpft. Sie langweilt sich nie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur wenn sie wirklich zu lange ohne Publikum bleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hei\u00dft ohne einen Mann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eAber das passiert uns selten, nicht wahr?\u201c haucht sie in den Spiegel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal akzeptiert sie auch Frauen im engen Kreis der Zu\u00adschauer. Zwei Arten von Frauen: Diejenigen, die sie verbl\u00fcffen m\u00f6chte, und diejenigen, die von ihr verbl\u00fcfft werden m\u00f6chten. Sie macht es ihnen vor, denn sie findet, sie k\u00f6nnten von ihr etwas lernen. Der allgegenw\u00e4rtigen Realit\u00e4t ab und zu mal eine auszuwischen, zum Beispiel. Es gibt unersch\u00f6pfliche M\u00f6glichkeiten, abenteuerliche Schicksale nachzuahmen. Zumindest sie nachzuempfinden. Deshalb hat man doch Phantasie. Die Phantasie ist ein Mittel und kein Weg. Der Weg ist das Leben selbst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eDarauf kann man sich verlassen!\u201c sagt sie und nickt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>There\u2019s an angel with her hand on my head \/ She says I\u2019ve got nothing to fear!<\/em> mimt Kathrin vor dem Spiegel. Das ist ihr Lieb\u00adlingsst\u00fcck auf der CD.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben kann so spannend sein, auch wenn andere sich dessen kaum bewusst sind. Sarah, zum Beispiel. Kategorie: Frauen, die Kathrin gern verbl\u00fcffen w\u00fcrde. Ihre Freundin ist f\u00fcrchterlich unromantisch. Zumindest was M\u00e4nner anbelangt. Sie kann sich \u00fcberhaupt nicht daran erinnern, Sarah verliebt gesehen zu haben. Das ist nicht gut, sie verpasst so viel. Jedes Schicksal hat ein Geheimnis, jeder Mensch auch, dass hei\u00dft eben auch jeder Mann. Das gilt es zu entdecken! Man soll den richtigen Riecher entwi\u00adckeln, ein Gef\u00fchl f\u00fcr das kriegen, was sich hinter dem Kodex versteckt, was jenseits der einfachen Gleichung schlummert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eUnd ich habe ihn, diesen Riecher!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kathrin r\u00fcckt mit dem Gesicht n\u00e4her an den Spiegel heran, mus\u00adtert ihre Nasenspitze und klopft z\u00e4rtlich mit dem Zeigefinger gegen ihr scheinendes Ebenbild. \u201eDu hast ihn!\u201c sagt sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie kann das Geheimnisvolle in jedem Mann entdecken, am bes\u00adten nach Beendigung einer Beziehung. Dann wei\u00df sie fast immer, weshalb sich der Mann so oder so verhalten hat. Immerhin. Auch wenn Sarah in dieser Hinsicht ebenfalls anderer Meinung ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah will einfach nicht einsehen, dass dies eine gute Methode ist, mit M\u00e4nnern klarzukommen. N\u00e4mlich sich an erster Stelle auf den Eindruck, den man bei einem Mann hinterl\u00e4sst, zu konzen-trieren und nicht umgekehrt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Eindruck, den man sich \u00fcber einen Mann macht, h\u00e4ngt weni\u00adger von ihm ab, viel mehr von den W\u00fcnschen, die er bei einer Frau erweckt. Bei ihr, Kathrin, ist es meistens der Wunsch, ihn zu erobern und einen so starken Eindruck auf ihn zu machen, dass er ihr erliegt. Warum sich den Kopf damit zerbrechen, was er wirk\u00adlich ist, wenn man ihn dazu bringen kann, das zu sein, was man selbst haben will, n\u00e4mlich einen Spiegel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Mann reflektiert anders, schickt ihr neue \u00a0Bilder zur\u00fcck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Hinsicht spielt auch seine Pers\u00f6nlichkeit eine Rolle, zugegeben. Die Hauptrolle geh\u00f6rt aber ausschlie\u00dflich ihr, Kathrin. Die Faszination ist perfekt, wenn sie neue Pers\u00f6nlichkeiten testet, um zu sehen, was sie wohl re\u00adflektieren w\u00fcrden. Das spornt sie an. Sie verfeinert ihre Rollen bis ins Detail, ist perfektionistisch. Sie w\u00e4re bestimmt eine gute Schauspielerin geworden, wenn nicht sogar ber\u00fchmt. <em>And <\/em><em>the Oscar goes to<\/em><em>&#8230;<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kathrin kreuzt ihre H\u00e4nde auf der Brust, begr\u00fc\u00dft das Publikum im Spiegel, bedankt sich bei allen und sp\u00fcrt dabei ihre Br\u00fcste h\u00e4rter werden und ihre Scheide feucht. Tja, Sonntagsphantasien.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eDu kannst nie genug davon kriegen, was?\u201c schimpft sie schalk-haft mit ihrem Spiegelbild. Sie kann es sich leisten, sonntags zu spielen. \u00dcber die Woche kann sie es nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kathrin im Spiegel zieht ein wenig die Augenbrauen und die Lippen zusammen. \u201eNun, das stimmt, oder?\u201c fragt die Kathrin vor dem Spiegel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber die Woche ist sie eine ernstzunehmende \u00dcbersetzerin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl noch jung, nicht wahr, mit einunddrei\u00dfig ist man doch noch jung, ist sie bereits eine gesch\u00e4tzte Mitarbeiterin in der Firma. Sie ist flei\u00dfig, zuverl\u00e4ssig und freundlich. Ihr Chef hat sie mehrmals ausdr\u00fccklich komplimentiert. Ein charmanter Mann. Verheiratet, drei Kinder. Schade. Er ist zu ihr immer nett, er mag sie bestimmt. Vielleicht ist er sogar ein bisschen verliebt, nur kann er am Arbeitsplatz nichts unternehmen. Er zeigt ihr Bewun\u00adderung, \u00fcbertr\u00e4gt ihr Verantwortung, \u00fcberh\u00e4uft sie mit Aufgaben. Dumm, dass sie die meisten \u00dcberstunden nicht bezahlt bekommt. Dies ist eine Gleichung, die nicht immer funktioniert, ein Kodex, der nicht immer respektiert wird. Dennoch, Kathrin hat Verst\u00e4nd\u00adnis f\u00fcr die Schwankungen des freien Marktes, sie kennt seine T\u00fccken und Grausamkeiten aus den Wirtschaftsberichten, die sie t\u00e4glich \u00fcbersetzen muss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eEs ist nicht leicht f\u00fcr ihn, die Firma zu leiten!\u201c versucht sie die etwas skeptisch blickende Kathrin im Spiegel zu \u00fcberzeugen. \u201eEs steht M\u00e4nnern gut, in F\u00fchrungspositionen zu sein!\u201c argumentiert sie weiter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist die einfachste aller Gleichungen. Man wei\u00df genau, womit man den Spielautomaten f\u00fcttern muss. Mit Schmeicheleien. Man soll Schw\u00e4chesymptome vorgaukeln. M\u00e4n\u00adner m\u00f6gen es rumzukommandieren, sie bl\u00fchen richtig auf, stol\u00adzieren wie aufgebauschte Pfauen herum. Dann sind sie unwider\u00adstehlich. Weil sie sich dann kindisch verhalten und nichts, rein gar nichts von den Frauen kapieren, mit denen sie zusammen sind. Wenn man sich dar\u00fcber nicht \u00e4rgert und dadurch nicht ver\u00adblendet oder, noch schlimmer, gekr\u00e4nkt wird, kann man es leicht erkennen. Sie werden durchschaubar, ja, manipulierbar. Es ge\u00adlingt nicht immer, manchmal leidet man selbst darunter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eIch habe in dieser Hinsicht reichlich Erfahrung, was? Ich bin genug Pfauen begegnet&#8230;\u201c, sagt Kathrin und sieht tief in die Au\u00adgen ihrer Doppelg\u00e4ngerin. \u201eJa, die Pfauen. Sch\u00f6nes Gefieder.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Entweder toben sie wie aufgeregte Machos vor Eifersucht, was ihre Unsicherheit und Verletzbarkeit nur noch mehr best\u00e4tigt, oder spielen auch privat den Chef, legen einen undurchdringlichen Gesichtsausdruck auf und lassen sich bedienen, als w\u00e4ren sie querschnittgel\u00e4hmt. In beiden F\u00e4llen schmollen sie, und das findet Kathrin nach wie vor unwiderstehlich, weil sie dann ver\u00ads\u00f6hnlich je nach Situation als Engel der Barmherzigkeit, Femme fatale oder verf\u00fchrbare Kammerzofe auftreten darf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur einmal ist es schief gelaufen, sie hat die Kammerzo-fennummer abgezo\u00adgen und der Bl\u00f6dmann hat ihr eine verpasst, dass sie die ganze Woche ein Veilchen hatte. Ein Idiot! Sie hat ihn direkt rausge\u00adschmissen und ihm mit der Polizei gedroht. Er hat sich auch nicht mehr blicken lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kathrin betrachtet ihr Gesicht im Spiegel. Kein Veilchen diesmal, blo\u00df Augenringe. Kein Wunder nach dieser Nacht, sie hat hart gearbeitet. Mal sehen, ob sie was ver\u00e4ndern wird \u2013 die Nacht. Ob ihr Lebenslauf dadurch eine neue Richtung nimmt, ob sie einen neuen Kodex erlernen wird. Sie ist eine selbst\u00e4ndige, unterneh\u00admungslustige Frau, die Spa\u00df versteht und sich ihn durchaus g\u00f6nnt. Dies zu \u00e4ndern, ist nicht gerade ihr innigster Wunsch, nicht wahr? Sie wird nicht leiden, wenn sie allein bleibt. Nein! Vorausgesetzt, dass es nicht zu lange dauert, bis sie einen neuen Mann findet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Magen knurrt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kathrin wirft einen letzten Blick in den Spiegel, schickt sich einen Luftkuss und findet, dass Rot ihr gut steht.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Todestag von Ioona Rauschan erinnert KUNO an diese Autorin mit einer Leseprobe aus: <strong>Abhauen<\/strong>. Dieser Roman erschien 2008 beim Pop Verlag, Ludwigsburg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-8403\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Zwanzig nach zehn. Kathrin reckt sich unter der Decke. 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