{"id":62786,"date":"2008-10-14T00:01:00","date_gmt":"2008-10-13T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62786"},"modified":"2022-02-17T21:05:48","modified_gmt":"2022-02-17T20:05:48","slug":"prolog","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/10\/14\/prolog\/","title":{"rendered":"PROLOG"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah lernte ich an einem fr\u00fchen Sonntagmorgen im Februar 2000 kennen, gleich in der ersten Stunde, nachdem ich aufge\u00adwacht war. Sie betrat den Raum, in dem ich an meinem Computer sa\u00df, kam auf mich zu und blieb vor meinem Schreibtisch stehen. Sie trug ein schwarzes, eng anliegendes Kleid mit rund geschnit\u00adtenem Kragen und langen \u00c4rmeln. Der Gedanke, sie muss es einen Abend zuvor angezogen und seitdem nicht mehr ausgezo\u00adgen haben, durchstreifte den Raum zwischen uns.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie runzelte ein wenig, w\u00e4hrend sie mich beobachtete, als h\u00e4tte sie eine kuriose Erscheinung vor den Augen, als entspr\u00e4che dies, was sie sah, nicht unbedingt dem, was sie erwartet hatte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das irritierte Staunen in ihrem Blick, dachte ich gleich, musste unmittelbar mit dem Ausma\u00df dieser Erwartungen zusammengehangen haben. Was meine Erwartungen betraf, so hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keine.\u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eIch bin Sarah Sylvia Sander\u201c, sagte sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah Sylvia Sanders Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Leicht verachtend, ironisch, distanziert. Dennoch z\u00e4rtlich, nachsichtig. Erwartungsvoll. Kampflustig.Zu widerspr\u00fcchlich waren die Eindr\u00fccke, als dass ich dem, was ich sah, auch vertrauen konnte. Der Zwiespalt des Wahrnehmens zwischen schlichtem Hinsehen und bewussten Ansehen reizte mich und l\u00f6ste augenblicklich in mir eine Kettenreaktion aus, eine Bildlawine. Schnell ineinander flie\u00dfende Sichten, die schlie\u00dflich zu einem einheitlichen Gebilde verschmolzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zog die Tastatur n\u00e4her und schrieb:\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eMein zweiter Name ist auch Sylvia\u201c, sagt Sarah Sylvia Sander, w\u00e4hrend sie in einem Erz\u00e4hlungsband von Sylvia Plath bl\u00e4ttert. Sie findet, sie habe mit der Plath, trotz des gleichen Vornamens, nichts gemeinsam. Nichts.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sei denn zuweilen die Todessehnsucht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eWie ich sehe, hast du bereits angefangen&#8230;\u201c, sagte die Sarah vor meinem Schreibtisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201e&#8230;bin mit diesem Satz heute morgen aufgewacht, wollte ihn nicht vergessen &#8230;\u201c, erwiderte ich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah beugte sich \u00fcber den Tisch und las den Text auf dem Bild\u00adschirm.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eWarum die Plath?\u201c fragte sie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eEs ist ein Anfang&#8230;\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eMeinetwegen\u2026 Es ist mir egal, wie du das anstellst, nur tue es!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eWas tun?\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eDu wei\u00dft schon, was zu tun ist\u201c, sagte sie und legte die Hand eine Sekunde lang auf meinen Nacken. Ich beugte den Kopf und konzentrierte mich darauf, die Ber\u00fchrung ihrer Handfl\u00e4che zu sp\u00fcren. Vergeblich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah drehte sich um und ging langsam zur T\u00fcr. Ich betrachtete ihre Gestalt und fragte mich, ob dieser Anblick in mir etwas regte, dessen Vorahnung ich an jenem Morgen schon beim Aufwachen versp\u00fcrt hatte, oder ob ich erst jetzt und allein durch ihn begonnen habe, mir diese Vorahnung einzubilden. Auf der T\u00fcrschwelle wendete sie sich zu mir und l\u00e4chelte mich an. Diesmal glaubte ich, eine etwas h\u00e4mische, ja, beinahe sarkastische Spiellust in ihrem Blick zu deuten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; \u201eWir sehen uns!\u201c sagte sie und verschwand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich atmete aus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begegnung mit Sarah Sylvia Sander war der Auftakt zu einer Reihe von Ereignissen, die mich w\u00e4hrend der n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahre in ein Gewirr von <em>verr\u00fcckten<\/em> Umst\u00e4nden verstricken sollte. Als w\u00e4ren kleine, in sich einheitlich und durchaus logisch erfassbare Geschehensbrocken von einem Zufallsgenerator neu aufgemischt und in meinen Alltag hineingeschleust worden. Wenn ich das Adjektiv <em>verr\u00fcckt<\/em> w\u00e4hle, tue ich es bewusst in seinem urspr\u00fcnglichen Sinn: ver-r\u00fcckt<strong>:<\/strong> von der Stelle, die uns greifbar, zug\u00e4nglich ist, also \u201enormal\u201c ist, weg ger\u00fcckt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Prickeln, das erregte Unbehaglichkeit hervorrief, war das durchgehende Gef\u00fchl,das mich w\u00e4hrenddessen beschlich. Das Abweichen vom Normalen war nicht spektakul\u00e4r genug, um die Ereignisse ins Phantastische r\u00fccken zu lassen, sie sich an einer mir erkennbaren Stelle wieder finden zu lassen, wie zum Beispiel an der der reinen Fiktion. Dies h\u00e4tte mir erlaubt, die \u201eVer-r\u00fccktheit\u201c zu akzeptieren. Sie geschahen nur ganz wenig abseits der \u201enormalen\u201c Stelle, als s\u00e4he man alles doppelt, wobei die Dopplung selbst vom Original auf fast unmerkliche Weise abwich und es somit relativierte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu kam auch der Alltag an sich, der reichlich Verwirrung stiftete. Die wiederholten Unterbrechungen durch die anderen Geschichten meines Lebens sorgten immer wieder daf\u00fcr, dass ich den roten Faden verlor. Zuweilen lie\u00df ich mich von abenteuerlich entgleisenden Unterfangen verleiten und geradezu verf\u00fchren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ereignisse um Sarah holten mich aber jedes Mal unweigerlich ein, brachten mich zu sich zur\u00fcck. Es blieb mir nichts sonst \u00fcbrig, als dass ich ihren Umwegen folgte, um zu sehen, wohin sie mich letztendlich f\u00fchren w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal war ich kaum noch imstande, an etwas anderes zu denken als daran, wie ich den Knoten, der die Pfade meines Lebens mit denen so vieler anderer, die Sarah in mein Leben eindringen lie\u00df, fest verschlungen hielt, h\u00e4tte schneller entwirren k\u00f6nnen. Nach einer Weile konnte ich mein Leben von deren Le\u00adben, meine W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume von den ihrigen, meinen Willen von ihrem kaum noch unterscheiden. Unter solchen Umst\u00e4nden schien mir das Niederschreiben dessen, was dieser Prozess in meiner unmittelbaren Realit\u00e4t vollbrachte, die einzig vern\u00fcnftige Taktik, um zu dem Kern des Knotens zu gelangen und ihn zu l\u00f6sen. Um mich zu befreien.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nahm mir vor, eine Chronik anzulegen, die alle Fakten aufzeichnet, ohne sie zu interpretieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarahs Besuch in meinem Arbeitszimmer ereignete sich an einem verh\u00e4ngnisvollen Sonntag, an dem die meisten Beteiligten an dieser Geschichte mit dem Tod konfrontiert wurden oder an ihn denken mussten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">\u00a0* * *<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Vorschau auf: <strong>Abhauen<\/strong>, Roman von Ioona Rauschan, 336 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2008.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" class=\"wp-image-8403\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/11\/IoonaCover-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle<\/strong>. Ein Filmessay \u00fcber Heinrich Heine von Ioona Rauschan. Edition Biograph, 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die sch\u00f6ne Strickerin<\/strong>, Novelle von Ioona Rauschan, Edition Biograph, D\u00fcsseldorf 1995. (Antiquarisch erh\u00e4ltlich).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/06\/09\/die-liaison-zwischen-text-und-publikum\/\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Ioona Rauschan findet sich hier<em>. <\/em>Das Live-H\u00f6rspiel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/10\/5-oder-die-elemente\/\"><em>5 oder die Elemente <\/em><\/a>wurde in der Regie von Ioona Rauschan mit Marion Haberstroh und Kai M\u00f6nnich im Gutenberg-Museum zu Mainz uraufgef\u00fchrt. <em>Se\u00f1ora Nada<\/em>, in der Regie von Ioona Rauschan, ist auf H\u00f6rbuch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28660\"><em>Gedichte<\/em> <\/a>erh\u00e4ltlich. Probeh\u00f6ren kann man das Monodram <em><a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a><\/em> in der Reihe MetaPhon.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> R\u00fcckblickend denke ich, dass es eine gute Entscheidung war, mich auf das Unberechenbare einzulassen. Obwohl man nie richtig wissen kann, wie es h\u00e4tte anders kommen k\u00f6nnen, h\u00e4tte man an dieser oder jener Wegkreuzung eine andere Richtung eingeschlagen. Ich habe oft, an irgendeiner Wegkreuzung angelangt, inne gehalten, um die bevorstehenden Wahrscheinlichkeiten zu erw\u00e4gen, wohl wissend, dass dies zwecklos war, da man unm\u00f6glich alle Wahrscheinlich-keiten vorauszuahnen vermag. Am Ende erwies sich, dass ich recht hatte \u2013 den Weg, den ich hinter mir lie\u00df, h\u00e4tte ich am Anfang nie f\u00fcr wahrscheinlich gehalten.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sarah lernte ich an einem fr\u00fchen Sonntagmorgen im Februar 2000 kennen, gleich in der ersten Stunde, nachdem ich aufge\u00adwacht war. 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