{"id":62613,"date":"2023-03-20T00:01:20","date_gmt":"2023-03-19T23:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62613"},"modified":"2022-02-20T15:33:23","modified_gmt":"2022-02-20T14:33:23","slug":"reflexion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/20\/reflexion\/","title":{"rendered":"Reflexion"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Grade der Begeisterung. Von der Lustigkeit an, die wohl der unterste ist, bis zur Begeisterung des Feldherrn, der mitten in der Schlacht unter Besonnenheit den Genius m\u00e4chtig erh\u00e4lt, gibt es eine unendliche Stufenleiter. Auf dieser auf- und abzusteigen, ist Beruf und Wonne des Dichters.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat Inversionen der Worte in der Periode. Gr\u00f6\u00dfer und wirksamer mu\u00df aber dann auch die Inversion der Perioden selbst sein. Die logische Stellung der Perioden, wo dem Grunde (der Grundperiode) das Werden, dem Werden das Ziel, dem Ziele der Zweck folgt, und die Nebens\u00e4tze immer nur hinten an geh\u00e4ngt sind an die Haupts\u00e4tze, worauf sie sich zun\u00e4chst beziehen, \u2013 ist dem Dichter gewi\u00df nur h\u00f6chst selten brauchbar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist das Ma\u00df Begeisterung, das jedem Einzelnen gegeben ist, da\u00df der eine bei gr\u00f6\u00dferem, der andere nur bei schw\u00e4cherem Feuer die Besinnung noch im n\u00f6tigen Grade beh\u00e4lt. Da wo die N\u00fcchternheit dich verl\u00e4\u00dft, da ist die Grenze deiner Begeisterung. Der gro\u00dfe Dichter ist niemals von sich selbst verlassen, er mag sich so weit \u00fcber sich selbst erheben, als er will. Man kann auch in die H\u00f6he <em>fallen,<\/em> so wie in die Tiefe. Das letztere verhindert der elastische Geist, das erstere die Schwerkraft, die in n\u00fcchternem Besinnen liegt. Das Gef\u00fchl ist aber wohl die beste N\u00fcchternheit und Besinnung des Dichters, wenn es richtig und warm und klar und kr\u00e4ftig ist. Es ist Z\u00fcgel und Sporn dem Geist. Durch W\u00e4rme treibt es den Geist weiter, durch Zartheit und Richtigkeit und Klarheit schreibt es ihm die Grenze vor und h\u00e4lt ihn, da\u00df er sich nicht verliert; und so ist es Verstand und Wille zugleich. Ist es aber zu zart und weichlich, so wird es t\u00f6tend, ein nagender Wurm. Begrenzt sich der Geist, so f\u00fchlt es zu \u00e4ngstlich die augenblickliche Schranke, wird zu warm, verliert die Klarheit, und treibt den Geist mit einer unverst\u00e4ndlichen Unruhe ins Grenzenlose; ist der Geist freier, und hebt er sich augenblicklich \u00fcber Regel und Stoff, so f\u00fcrchtet es eben so \u00e4ngstlich die Gefahr, da\u00df er sich verliere, so wie es zuvor die Eingeschr\u00e4nktheit f\u00fcrchtete, es wird frostig und dumpf, und ermattet den Geist, da\u00df er sinkt und stockt, und an \u00fcberfl\u00fcssigem Zweifel sich abarbeitet. Ist einmal das Gef\u00fchl so krank, so kann der Dichter nichts bessers, als da\u00df er, weil er es kennt, sich, in keinem Falle, gleich schrecken l\u00e4\u00dft von ihm, und es nur so weit achtet, da\u00df er etwas gehaltner fortf\u00e4hrt, und so leicht wie m\u00f6glich sich des Verstands bedient, um das Gef\u00fchl, es seie beschr\u00e4nkend oder befreiend, augenblicklich zu berichtigen, und wenn er so sich mehrmal durchgeholfen hat, dem Gef\u00fchle die nat\u00fcrliche Sicherheit und Konsistenz wiederzugeben. \u00dcberhaupt mu\u00df er sich gew\u00f6hnen, nicht in den einzelnen Momenten das Ganze, das er vorhat, erreichen zu wollen, und das augenblicklich Unvollst\u00e4ndige zu ertragen; seine Lust mu\u00df sein, da\u00df er sich von einem Augenblicke zum andern selber \u00fcbertrifft, <em>in dem Ma\u00dfe und in der Art, wie es die Sache erfordert,<\/em> bis am Ende der Hauptton seines Ganzen gewinnt. Er mu\u00df aber ja nicht denken, da\u00df er nur im crescendo vom Schw\u00e4chern zum St\u00e4rkern sich selber \u00fcbertreffen k\u00f6nne, so wird er unwahr werden, und sich \u00fcberspannen; er mu\u00df f\u00fchlen, da\u00df er an Leichtigkeit gewinnt, was er an Bedeutsamkeit verliert, da\u00df Stille die Heftigkeit, und das Sinnige den Schwung gar sch\u00f6n ersetzt, und so wird es im Fortgang seines Werks nicht einen notwendigen Ton geben, der nicht den vorhergehenden gewisserma\u00dfen \u00fcbertr\u00e4fe, und der herrschende Ton wird es nur darum sein, weil das Ganze auf diese und keine andere Art komponiert ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur das ist die wahrste Wahrheit, in der auch der Irrtum, weil sie ihn im Ganzen ihres Systems, in seine Zeit und seine Stelle setzt, zur Wahrheit wird. Sie ist das Licht, das sich selber und auch die Nacht erleuchtet. Dies ist auch die h\u00f6chste Poesie, in der auch das Unpoetische, weil es zu rechter Zeit und am rechten Orte im Ganzen des Kunstwerks gesagt ist, poetisch wird. Aber hiezu ist schneller Begriff am n\u00f6tigsten. Wie kannst du die Sache am rechten Ort brauchen, wenn du noch scheu dar\u00fcber verweilst, und nicht wei\u00dft, wie viel an ihr ist, wie viel oder wenig daraus zu machen. Das ist ewige Heiterkeit, ist Gottesfreude, da\u00df man alles Einzelne in die Stelle des Ganzen setzt, wohin es geh\u00f6rt; deswegen ohne Verstand, oder ohne ein durch und durch organisiertes Gef\u00fchl keine Vortrefflichkeit, kein Leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mu\u00df denn der Mensch an Gewandtheit der Kraft und des Sinnes verlieren, was er an vielumfassendem Geiste gewinnt? Ist doch keines nichts ohne das andere!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus Freude mu\u00dft du das Reine \u00fcberhaupt, die Menschen und andern Wesen verstehen, \u00bballes Wesentliche und Bezeichnende\u00ab derselben auffassen, und alle Verh\u00e4ltnisse nacheinander erkennen, und ihre Bestandteile in ihrem Zusammenhange so lange dir wiederholen, bis wieder die lebendige Anschauung <em>objektiver<\/em> aus dem Gedanken hervorgeht, aus Freude, ehe die Not eintritt, der Verstand, der blo\u00df aus Not kommt, ist immer einseitig schief.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da hingegen die Liebe gerne zart entdeckt, (wenn nicht Gem\u00fct und Sinne scheu und tr\u00fcb geworden sind durch harte Schicksale und M\u00f6nchsmoral,) und nichts \u00fcbersehen mag, und wo sie sogenannte Irren oder Fehler findet, (Teile, die in dem, was sie sind, oder durch ihre Stellung und Bewegung aus dem Tone des Ganzen augenblicklich abweichen,) das Ganze nur desto inniger f\u00fchlt und anschaut. Deswegen sollte alles Erkennen vom Studium des Sch\u00f6nen anfangen. Denn der hat viel gewonnen, der das Leben verstehen kann, ohne zu trauern. \u00dcbrigens ist auch Schw\u00e4rmerei und Leidenschaft gut, Andacht, die das Leben nicht ber\u00fchren, nicht erkennen mag, und dann Verzweiflung, wenn das Leben selber aus seiner Unendlichkeit hervorgeht. Das tiefe Gef\u00fchl der Sterblichkeit, des Ver\u00e4nderns, seiner zeitlichen Beschr\u00e4nkungen entflammt den Menschen, da\u00df er viel versucht, \u00fcbt alle seine Kr\u00e4fte, und l\u00e4\u00dft ihn nicht in M\u00fc\u00dfiggang geraten, und man ringt so lange um Chim\u00e4ren, bis sich endlich wieder etwas Wahres und Reelles findet zur Erkenntnis und Besch\u00e4ftigung. In guten Zeiten gibt es selten Schw\u00e4rmer. Aber wenns dem Menschen an gro\u00dfen reinen Gegenst\u00e4nden fehlt, dann schafft er irgend ein Phantom aus dem und jenem, und dr\u00fcckt die Augen zu, da\u00df er daf\u00fcr sich interessieren kann, und daf\u00fcr leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kommt alles darauf an, da\u00df die Vortrefflichen das Inferieure, die Sch\u00f6nern das Barbarische nicht zu sehr von sich ausschlie\u00dfen, sich aber auch nicht zu sehr damit vermischen, <em>da\u00df sie die Distanz, die zwischen ihnen und den andern ist, bestimmt und leidenschaftlos erkennen, und aus dieser Erkenntnis wirken, und dulden.<\/em> Isolieren sie sich zu sehr, so ist die Wirksamkeit verloren, und sie gehen in ihrer Einsamkeit unter. Vermischen sie sich zu sehr, so ist auch wieder keine rechte Wirksamkeit m\u00f6glich, denn entweder sprechen und handeln sie gegen die andern, wie gegen ihresgleichen, und \u00fcbersehen den Punkt, wo diesen es fehlt, und wo sie zun\u00e4chst ergriffen werden m\u00fcssen, oder sie richten sich zu sehr nach diesen, und wiederholen die Unart, die sie reinigen sollten, in beiden F\u00e4llen wirken sie nichts und m\u00fcssen vergehen, weil sie entweder immer ohne Widerklang sich in den Tag hinein \u00e4u\u00dfern, und einsam bleiben mit allem Ringen und Bitten oder auch, weil sie das Fremde, Gemeinere zu dienstbar in sich aufnehmen und sich damit ersticken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_14220\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-image-14220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-Hoelderlin_1792.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><p id=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\r\n\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Essay von Friedrich H\u00f6lderlin belegt abermals, Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Es gibt Grade der Begeisterung. 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