{"id":62608,"date":"2022-03-20T00:01:48","date_gmt":"2022-03-19T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62608"},"modified":"2022-02-20T15:51:40","modified_gmt":"2022-02-20T14:51:40","slug":"ueber-die-verschiednen-arten-zu-dichten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/20\/ueber-die-verschiednen-arten-zu-dichten\/","title":{"rendered":"\u00dcber die verschiednen Arten, zu dichten"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man ist manchmal bei sich selber uneins \u00fcber die Vorz\u00fcge verschiedener Menschen. Jeder hat seine Vortrefflichkeit und dabei seinen eigenen Mangel. Dieser gef\u00e4llt uns durch die Einfachheit und Akkuratesse und Unbefangenheit, womit er in einer bestimmten Richtung fortgeht, der er sich hingab. Die Momente seines Lebens folgen sich ununterbrochen und leicht, alles hat bei ihm seine Stelle und seine Zeit; nichts schwankt, nichts st\u00f6rt sich, und weil er beim Gew\u00f6hnlichen bleibt, so ist er auch selten gro\u00dfer M\u00fche und gro\u00dfem Zweifel ausgesetzt. Bestimmt, klar, immer gleich und moderiert und der Stelle und dem Augenblicke angemessen und ganz in der Gegenwart, ist er uns, wenn wir nicht zu gespannt und hochgestimmt sind, auch niemals ungelegen, er l\u00e4\u00dft uns, wie wir sind, wir vertragen uns leicht mit ihm; er bringt uns nicht gerade um Vieles weiter, interessiert uns eigentlich auch nicht tief; aber dies w\u00fcnschen wir ja auch nicht immer und besonders unter gewaltsamen Ersch\u00fctterungen haben wir vorerst kein echteres Bed\u00fcrfnis, als einen solchen Umgang, einen solchen Gegenstand, bei dem wir uns am leichtesten in einem Gleichgewichte, in Ruhe und Klarheit wiederfinden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir nennen den beschriebenen Charakter vorzugsweise <em>nat\u00fcrlich<\/em>, und haben mit dieser Huldigung wenigstens so sehr recht, als einer der sieben Weisen, welcher in seiner Sprache und Vorstellungsweise behauptete, alles sei \u2013 aus Wasser entstanden. Denn wenn in der sittlichen Welt die Natur, wie es wirklich scheint, in ihrem Fortschritt immer von den einfachsten Verh\u00e4ltnissen und Lebensarten ausgeht, so sind jene schlichten Charaktere nicht ohne Grund die urspr\u00fcnglichen, die nat\u00fcrlichsten zu nennen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; verst\u00e4ndiget hat, so ist es f\u00fcr jeden, der seine Meinung dar\u00fcber \u00e4u\u00dfern m\u00f6chte, notwendig, sich vorerst in festen Begriffen und Worten zu erkl\u00e4ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So auch hier.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der nat\u00fcrliche Ton, der vorz\u00fcglich dem epischen Gedichte eigen, ist schon an seiner Au\u00dfenseite leicht erkennbar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einer einzigen Stelle im Homer l\u00e4\u00dft sich eben das sagen, was sich von diesem Tone im Gro\u00dfen und Ganzen sagen l\u00e4\u00dft. (Wie \u00fcberhaupt in einem guten Gedichte eine Redeperiode das ganze Werk repr\u00e4sentieren kann, so finden wir es auch bei diesem Tone und diesem Gedichte.) Ich w\u00e4hle hiezu die Rede des Ph\u00f6nix, wo er den z\u00fcrnenden Achill bewegen will, sich mit Agamemnon auszus\u00f6hnen, und den Achaiern wieder im Kampfe gegen die Trojer zu helfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dich auch macht ich zum Manne, du g\u00f6ttergleicher Achilles,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebend mit herzlicher Treu; auch wolltest du nimmer mit andern<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder zum Gastmahl gehn, noch daheim in den Wohnungen essen,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eh ich selber dich nahm, auf meine Kniee dich setzend,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die zerschnittene Speise dir reicht und den Becher dir vorhielt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oftmals hast du das Kleid mir vorn am Busen befeuchtet<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wein aus dem Munde versch\u00fcttend in unbeh\u00fclflicher Kindheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Also hab ich so manches durchstrebt und so manches erduldet<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Deinethalb, ich bedachte, wie eigene Kinder die G\u00f6tter<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir versagt, und w\u00e4hlte, du g\u00f6ttergleicher Achilles,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dich zum Sohn, da\u00df du einst vor traurigem Schicksal mich schirmtest,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Z\u00e4hme dein gro\u00dfes Herz, o Achilleus! Nicht ja geziemt dir<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unerbarmender Sinn; oft wenden sich selber die G\u00f6tter,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr und Gewalt sind.<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/H%C3%B6lderlin,+Friedrich\/Theoretische+Schriften\/%C3%9Cber+die+verschiednen+Arten,+zu+dichten#Fu%C3%9Fnoten_1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ausf\u00fchrliche, stetige, wirklich wahre Ton f\u00e4llt in die Augen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so h\u00e4lt sich dann auch das epische Gedicht im Gr\u00f6\u00dferen an das Wirkliche. Es ist, wenn man es (blo\u00df) in seiner Eigent\u00fcmlichkeit betrachtet, ein Charaktergem\u00e4lde, und aus diesem Gesichtspunkt durchaus angesehn interessiert und erkl\u00e4rt sich auch eben die Iliade erst recht von allen Seiten.<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/H%C3%B6lderlin,+Friedrich\/Theoretische+Schriften\/%C3%9Cber+die+verschiednen+Arten,+zu+dichten#Fu%C3%9Fnoten_2\"><sup>2<\/sup><\/a> In einem Charaktergem\u00e4lde sind dann auch alle \u00fcbrigen Vorz\u00fcge des nat\u00fcrlichen Tons an ihren wesentlichen Stellen. Diese <em>sichtbare<\/em> sinnliche Einheit, da\u00df alles vorz\u00fcglich vom Helden aus und wieder auf ihn zur\u00fcckgeht, da\u00df Anfang und Katastrophe und Ende an ihn gebunden ist, da\u00df alle Charaktere und Situationen in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit mit allem, was geschiehet und gesagt wird, wie die Punkte in einer Linie gerichtet sind auf den Moment, wo er in seiner h\u00f6chsten Individualit\u00e4t auftritt, <em>diese<\/em> Einheit ist, wie man leicht einsieht, nur in einem Werke m\u00f6glich, das seinen eigentlichen Zweck in die Darstellung von Charakteren setzt, und wo so im Hauptcharakter der Hauptquell liegt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So folgt aus diesem Punkte auch die ruhige Moderation, die dem nat\u00fcrlichen Tone so eigen ist, die die Charaktere so innerhalb ihrer Grenze zeigt, und sie vielf\u00e4ltig sanft abstuft. Der K\u00fcnstler ist in der Dichtart, wovon die Rede ist, nicht deswegen so moderat, weil er dieses Verfahren f\u00fcr das Einzigpoetische h\u00e4lt, er vermeidet z.B. die Extreme und Gegens\u00e4tze nicht darum, weil er sie in keinem Falle brauchen mag, er wei\u00df wohl, da\u00df es am rechten Orte poetischwahre Extreme und Gegens\u00e4tze der Personen, der Ereignisse, der Gedanken, der Leidenschaften, der Bilder, der Empfindungen gibt, er schlie\u00dft sie nur aus, insoferne sie zum jetzigen Werke nicht passen; er mu\u00dfte sich einen festen Standpunkt w\u00e4hlen, und dieser ist jetzt das Individuum, der Charakter seines Helden, so wie er durch Natur und Bildung ein bestimmtes eignes Dasein, eine Wirklichkeit gewonnen hat. Aber eben diese Individualit\u00e4t des Charakters gehet notwendigerweise in Extremen verloren. H\u00e4tte Homer seinen entz\u00fcndbaren Achill nicht so z\u00e4rtlich sorgf\u00e4ltig dem Get\u00fcmmel entr\u00fcckt, wir w\u00fcrden den G\u00f6ttersohn kaum noch von dem Elemente unterscheiden, das ihn umgibt, und nur, wo wir ihn ruhig im Zelte finden, wie er mit der Leier sein Herz erfreut und Siegstaten der M\u00e4nner singt, indessen sein Patroklus gegen\u00fcber sitzt und schweigend harrt, bis er den Gesang vollendet, hier nur haben wir den J\u00fcngling recht vor Augen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Also, um die Individualit\u00e4t des dargestellten Charakters zu erhalten, um die es ihm jetzt gerade am meisten zu tun ist, ist der epische Dichter so durchaus moderat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn die Umst\u00e4nde, in denen sich die epischen Charaktere befinden, so genau und ausf\u00fchrlich dargestellt werden, so ist es wieder nicht, weil der Dichter in diese Umst\u00e4ndlichkeit allen poetischen Wert setzt. In einem andern Falle w\u00fcrde er sie bis auf einen gewissen Grad vermeiden; aber hier, wo sein Standpunkt Individualit\u00e4t, Wirklichkeit, bestimmtes Dasein der Charaktere ist, mu\u00df auch die umgebende Welt aus diesem Standpunkte erscheinen. Und da\u00df die umgebenden Gegenst\u00e4nde aus diesem Standpunkte eben in jener Genauigkeit erscheinen, erfahren wir an uns selbst, so oft wir in unserer eigenen gew\u00f6hnlichsten Stimmung ungest\u00f6rt an den Umst\u00e4nden gegenw\u00e4rtig sind, in denen wir selber leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcnschte noch manches hinzuzusetzen, wenn ich nicht auszuschweifen f\u00fcrchtete. Noch setze ich hinzu, da\u00df diese Ausf\u00fchrlichkeit in den dargestellten Umst\u00e4nden blo\u00df Widerschein der Charaktere ist, insoferne sie Individuen \u00fcberhaupt, und noch nicht n\u00e4her bestimmt sind. Das Umgebende kann noch auf eine andere Art dem Charakter angepa\u00dft werden. In der Iliade teilt sich zuletzt die Individualit\u00e4t des Achill, die freilich auch daf\u00fcr geschaffen ist, mehr oder weniger allem und jedem mit, was ihn umgibt, und nicht blo\u00df den Umst\u00e4nden, auch den Charakteren. Bei den Kampfspielen, die dem toten Patroklus zu Ehren angestellt werden, tragen merklicher und unmerklicher die \u00fcbrigen Helden des griechischen Heeres fast alle seine Farbe, und endlich scheint sich der alte Priamus in allem seinem Leide noch vor dem Heroen, der doch sein Feind war, zu verj\u00fcngen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber man siehet leicht, da\u00df dies letztere schon \u00fcber den nat\u00fcrlichen Ton hinausgeht, so wie er bis jetzt betrachtet und beschrieben worden ist, in seiner <em>blo\u00dfen<\/em> Eigent\u00fcmlichkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser wirkt er dann allerdings schon g\u00fcnstig auf uns, durch seine Ausf\u00fchrlichkeit, seinen stetigen Wechsel, seine Wirklichkeit.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_14220\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-image-14220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-Hoelderlin_1792.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><p id=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Fu\u00dfnoten<\/h5>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/H%C3%B6lderlin,+Friedrich\/Theoretische+Schriften\/%C3%9Cber+die+verschiednen+Arten,+zu+dichten#Fu%C3%9Fnote_1\">1<\/a> Ich brauche wohl wenigen zu sagen, da\u00df dies Vossische \u00dcbersetzung ist, und denen, die sie noch nicht kennen, gestehe ich, da\u00df auch ich zu meinem Bedauern erst seit kurzem damit bekannter geworden bin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/H%C3%B6lderlin,+Friedrich\/Theoretische+Schriften\/%C3%9Cber+die+verschiednen+Arten,+zu+dichten#Fu%C3%9Fnote_2\">2<\/a> Und wenn die Begebenheiten und Umst\u00e4nde, worin sich die Charaktere darstellen, so ausf\u00fchrlich entwickelt werden, so ist es vorz\u00fcglich darum, weil diese gerade vor den Menschen, die in ihnen leben, so erscheinen, ohne sehr alteriert, und aus der gew\u00f6hnlichen Stimmung und Weise herausgetrieben zu sein.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man ist manchmal bei sich selber uneins \u00fcber die Vorz\u00fcge verschiedener Menschen. 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