{"id":62592,"date":"2021-03-20T00:01:16","date_gmt":"2021-03-19T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62592"},"modified":"2022-03-07T05:50:49","modified_gmt":"2022-03-07T04:50:49","slug":"das-aelteste-systemprogramm-des-deutschen-idealismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/20\/das-aelteste-systemprogramm-des-deutschen-idealismus\/","title":{"rendered":"Das \u00e4lteste Systemprogramm des deutschen Idealismus"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ein Entwurf von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Friedrich H\u00f6lderlin<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die ganze Metaphysik k\u00fcnftig in die<em> Moral<\/em> f\u00e4llt (wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein <em>Beispiel<\/em> gegeben, nichts <em>ersch\u00f6pft<\/em> hat), so wird diese Ethik nichts andres als ein vollst\u00e4ndiges System aller Ideen, oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist nat\u00fcrlich die Vorstellung <em>von mir selbst,<\/em> als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewu\u00dften Wesen tritt zugleich eine ganze <em>Welt<\/em> \u2013 aus dem Nichts hervor \u2013 die einzig wahre und gedenkbare<em> Sch\u00f6pfung aus Nichts<\/em> \u2013 Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie mu\u00df eine Welt f\u00fcr ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich m\u00f6chte unsrer langsamen an Experimenten m\u00fchsam schreitenden Physik einmal wieder Fl\u00fcgel geben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So \u2013 wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, k\u00f6nnen wir endlich die Physik im Gro\u00dfen bekommen, die ich von sp\u00e4tern Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, da\u00df die jetzige Physik einen sch\u00f6pferischen Geist, wie der unsrige ist, oder sein soll, befriedigen k\u00f6nne.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Natur komme ich aufs <em>Menschenwerk:<\/em> Die Idee der Menschheit voran \u2013 will ich zeigen, da\u00df es keine Idee vom <em>Staat<\/em> gibt, weil der Staat etwas <em>mechanisches<\/em> ist, so wenig als es eine Idee von einer<em> Maschine<\/em> gibt. Nur was Gegenstand der <em>Freiheit<\/em> ist, hei\u00dft <em>Idee<\/em>. Wir m\u00fcssen also auch \u00fcber den Staat hinaus! \u2013 Denn jeder Staat mu\u00df freie Menschen als mechanisches R\u00e4derwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er <em>aufh\u00f6ren<\/em>. Ihr seht von selbst, da\u00df hier alle die ideen, vom ewigen Frieden u.s.w. nur <em>untergeordnete<\/em> Ideen einer h\u00f6hern Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien f\u00fcr eine <em>Geschichte der Menschheit<\/em> niederlegen, und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung \u2013 bis auf die Haut entbl\u00f6\u00dfen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit \u2013 Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. \u2013 Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen, und weder Gott noch Unsterblichkeit <em>au\u00dfer sich<\/em> suchen d\u00fcrfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der<em> Sch\u00f6nheit<\/em>, das Wort in h\u00f6herem platonischem Sinne genommen. Ich bin nun \u00fcberzeugt, da\u00df der h\u00f6chste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfa\u00dft, ein \u00e4sthetischer Akt ist, und da\u00df <em>Wahrheit und G\u00fcte<\/em>, nur <em>in der Sch\u00f6nheit<\/em> verschwistert sind. Der Philosoph mu\u00df eben so viel \u00e4sthetische Kraft besitzen, als der Dichter. Die Menschen ohne \u00e4sthetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine \u00e4sthetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst \u00fcber Geschichte kann man nicht raisonnieren \u2013 ohne \u00e4sthetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen, \u2013 und treuherzig genug gestehen, da\u00df ihnen alles dunkel ist, sobald es \u00fcber Tabellen und Register hinausgeht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie bek\u00f6mmt dadurch eine h\u00f6here W\u00fcrde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war \u2013<em> Lehrerin der Menschheit<\/em>; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle \u00fcbrigen Wissenschaften und K\u00fcnste \u00fcberleben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu gleicher Zeit h\u00f6ren wir so oft, der gro\u00dfe Haufen m\u00fcsse eine <em>sinnliche Religion<\/em> haben. Nicht nur der gro\u00dfe Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ists, was wir bed\u00fcrfen!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich wei\u00df, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist \u2013 wir m\u00fcssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber mu\u00df im Dienste der Ideen stehen, sie mu\u00df eine Mythologie der <em>Vernunft<\/em> werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehe wir die Ideen \u00e4sthetisch d.h. mythologisch machen, haben sie f\u00fcr das <em>Volk<\/em> kein Interesse, und umgekehrt: ehe die Mythologie vern\u00fcnftig ist, mu\u00df sich der Philosoph ihrer sch\u00e4men. So m\u00fcssen endlich Aufgekl\u00e4rte und Unaufgekl\u00e4rte sich die Hand reichen, die Mythologie mu\u00df philosophisch werden, um das Volk vern\u00fcnftig, und die Philosophie mu\u00df mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns <em>gleiche<\/em> Ausbildung <em>aller<\/em> Kr\u00e4fte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdr\u00fcckt werden, dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! \u2013 Ein h\u00f6herer Geist vom Himmel gesandt, mu\u00df diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, gr\u00f6\u00dfte Werk der Menschheit sein<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\">\r\n<div id=\"attachment_14220\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-image-14220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-Hoelderlin_1792.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><p id=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\r\n\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Entwurf von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Friedrich H\u00f6lderlin \u00a0 Da die ganze Metaphysik k\u00fcnftig in die Moral f\u00e4llt (wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts ersch\u00f6pft hat), so wird&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/20\/das-aelteste-systemprogramm-des-deutschen-idealismus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":91,"featured_media":98741,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2485,220,2486],"class_list":["post-62592","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-hegel","tag-friedrich-holderlin","tag-joseph-schelling"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/91"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62592"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101923,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62592\/revisions\/101923"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98741"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62592"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}