{"id":62318,"date":"2012-07-03T00:31:44","date_gmt":"2012-07-02T22:31:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62318"},"modified":"2020-04-19T14:52:41","modified_gmt":"2020-04-19T12:52:41","slug":"josefine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/03\/josefine\/","title":{"rendered":"Josefine, die S\u00e4ngerin oder Das Volk der M\u00e4use"},"content":{"rendered":"\n<p>Unsere S\u00e4ngerin hei\u00dft Josefine. Wer sie nicht geh\u00f6rt hat, kennt nicht\n die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht \nfortrei\u00dft, was um so h\u00f6her zu bewerten ist, als unser Geschlecht im \nganzen Musik nicht liebt. Stiller Frieden ist uns die liebste Musik; \nunser Leben ist schwer, wir k\u00f6nnen uns, auch wenn wir einmal alle \nTagessorgen abzusch\u00fctteln versucht haben, nicht mehr zu solchen, unserem\n sonstigen Leben so fernen Dingen erheben, wie es die Musik ist. Doch \nbeklagen wir es nicht sehr; nicht ein mal so weit kommen wir; eine \ngewisse praktische Schlauheit, die wir freilich auch \u00e4u\u00dferst dringend \nbrauchen, halten wir f\u00fcr unsern gr\u00f6\u00dften Vorzug, und mit dem L\u00e4cheln \ndieser Schlauheit pflegen wir uns \u00fcber alles hinwegzutr\u00f6sten, auch wenn \nwir einmal was aber nicht geschieht &#8211; das Verlangen nach dem Gl\u00fcck haben\n sollten, das von der Musik vielleicht ausgeht. Nur Josefine macht eine \nAusnahme; sie liebt die Musik und wei\u00df sie auch zu vermitteln; sie ist \ndie einzige; mit ihrem Hingang wird die Musik &#8211; wer wei\u00df wie lange &#8211; aus\n unserem Leben verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe oft dar\u00fcber nachgedacht, wie\n es sich mit dieser Musik eigentlich verh\u00e4lt. Wir sind doch ganz \nunmusikalisch; wie kommt es, da\u00df wir Josefinens Gesang verstehn oder, da\n Josefine unser Verst\u00e4ndnis leugnet, wenigstens zu verstehen glauben. \nDie einfachste Antwort w\u00e4re, da\u00df die Sch\u00f6nheit dieses Gesanges so gro\u00df \nist, da\u00df auch der stumpfste Sinn ihr nicht widerstehen kann, aber diese \nAntwort ist nicht befriedigend. Wenn es wirklich so w\u00e4re, m\u00fc\u00dfte man vor \ndiesem Gesang zun\u00e4chst und immer das Gef\u00fchl des Au\u00dferordentlichen haben,\n das Gef\u00fchl, aus dieser Kehle erklinge etwas, was wir nie vorher geh\u00f6rt \nhaben und das zu h\u00f6ren wir gar nicht die F\u00e4higkeit haben, etwas, was zu \nh\u00f6ren uns nur diese eine Josefine und niemand sonst bef\u00e4higt. Gerade das\n trifft aber meiner Meinung nach nicht zu, ich f\u00fchle es nicht und habe \nauch bei andern nichts dergleichen bemerkt. Im vertrauten Kreise \ngestehen wir einander offen, da\u00df Josefinens Gesang als Gesang nichts \nAu\u00dferordentliches darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist es denn \u00fcberhaupt Gesang? Trotz \nunserer Unmusikalit\u00e4t haben wir Gesangs\u00fcberlieferungen; in den alten \nZeiten unseres Volkes gab es Gesang; Sagen erz\u00e4hlen davon, und sogar \nLieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann. Eine Ahnung\n dessen, was Gesang ist, haben wir also, und dieser Ahnung nun \nentspricht Josefinens Kunst eigentlich nicht. Ist es denn \u00fcberhaupt \nGesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen \nallerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit \nunseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine \ncharakteristische Lebens\u00e4u\u00dferung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt \nniemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu \nachten, ja ohne es zu merken, und es gibt sogar viele unter uns, die gar\n nicht wissen, da\u00df das Pfeifen zu unsern Eigent\u00fcmlichkeiten geh\u00f6rt. Wenn\n es also wahr w\u00e4re, da\u00df Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und \nvielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, \u00fcber die Grenzen des \n\u00fcblichen Pfeifens kaum hinauskommt &#8211; ja vielleicht reicht ihre Kraft f\u00fcr\n dieses \u00fcbliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, w\u00e4hrend es ein \ngew\u00f6hnlicher Erdarbeiter ohne M\u00fche den ganzen Tag \u00fcber neben seiner \nArbeit zustande bringt -, wenn das alles wahr w\u00e4re, dann w\u00e4re zwar \nJosefinens angebliche K\u00fcnstlerschaft widerlegt, aber es w\u00e4re dann erst \nrecht das R\u00e4tsel ihrer gro\u00dfen Wirkung zu l\u00f6sen.<ins><\/ins><\/p>\n\n\n\n<p>Es\n ist aber eben doch nicht nur Pfeifen, was sie produziert. Stellt man \nsich recht weit von ihr hin und horcht, oder noch besser, l\u00e4\u00dft man sich \nin dieser Hinsicht pr\u00fcfen, singt also Josefine etwa unter andern Stimmen\n und setzt man sich die Aufgabe, ihre Stimme zu erkennen, dann wird man \nunweigerlich nichts anderes heraush\u00f6ren als ein gew\u00f6hnliches, h\u00f6chstens \ndurch Zartheit oder Schw\u00e4che ein wenig auffallendes Pfeifen. Aber steht \nman vor ihr, ist es doch nicht nur ein Pfeifen; es ist zum Verst\u00e4ndnis \nihrer Kunst notwendig, sie nicht nur zu h\u00f6ren, sondern auch zu sehn. \nSelbst wenn es nur unser tagt\u00e4gliches Pfeifen w\u00e4re, so besteht hier doch\n schon zun\u00e4chst die Sonderbarkeit, da\u00df jemand sich feierlich hinstellt, \num nichts anderes als das \u00dcbliche zu tun. Eine Nu\u00df aufknacken ist \nwahrhaftig keine Kunst, deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum\n zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, N\u00fcsse knacken. Tut \ner es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich eben doch \nnicht nur um blo\u00dfes N\u00fcsseknacken handeln. Oder es handelt sich um \nN\u00fcsseknacken, aber es stellt sich heraus, da\u00df wir \u00fcber diese Kunst \nhinweggesehen haben, weil wir sie glatt beherrschten und da\u00df uns dieser \nneue Nu\u00dfknacker erst ihr eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann f\u00fcr die\n Wirkung sogar n\u00fctzlich sein k\u00f6nnte, wenn er etwas weniger t\u00fcchtig im \nN\u00fcsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.<ins><\/ins><\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\n verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich mit Josefinens Gesang; wir bewundern an ihr \ndas, was wir an uns gar nicht bewundern; \u00fcbrigens stimmt sie in \nletzterer Hinsicht mit uns v\u00f6llig \u00fcberein. Ich war einmal zugegen, als \nsie jemand, wie dies nat\u00fcrlich \u00f6fters geschieht, auf das allgemeine \nVolkspfeifen aufmerksam machte, und zwar nur ganz bescheiden, aber f\u00fcr \nJosefine war es schon zu viel. Ein so freches, hochm\u00fctiges L\u00e4cheln, wie \nsie es damals aufsetzte, habe ich noch nicht gesehn; sie, die \u00e4u\u00dferlich \neigentlich vollendete Zartheit ist, auffallend zart selbst in unserem an\n solchen Frauengestalten reichen Volk, erschien damals geradezu gemein; \nsie mochte es \u00fcbrigens in ihrer gro\u00dfen Empfindlichkeit auch gleich \nselbst f\u00fchlen und fa\u00dfte sich. Jedenfalls leugnet sie also jeden \nZusammenhang zwischen ihrer Kunst und dem Pfeifen. F\u00fcr die, welche \ngegenteiliger Meinung sind, hat sie nur Verachtung und wahrscheinlich \nuneingestandenen Ha\u00df. Das ist nicht gew\u00f6hnliche Eitelkeit, denn diese \nOpposition, zu der auch ich halb geh\u00f6re, bewundert sie gewi\u00df nicht \nweniger, als es die Menge tut, aber Josefine will nicht nur bewundert, \nsondern genau in der von ihr bestimmten Art bewundert sein, an \nBewunderung allein liegt ihr nichts. Und wenn man vor ihr sitzt, \nversteht man sie; Opposition treibt man nur in der Ferne; wenn man vor \nihr sitzt, wei\u00df man: was sie hier pfeift, ist kein Pfeifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da \nPfeifen zu unseren gedankenlosen Gewohnheiten geh\u00f6rt, k\u00f6nnte man meinen,\n da\u00df auch in Josefinens Auditorium gepfiffen wird; es wird uns wohl bei \nihrer Kunst, wenn uns wohl ist, pfeifen wir; aber ihr Auditorium pfeift \nnicht, es ist m\u00e4uschenstill; so als w\u00e4ren wir des ersehnten Friedens \nteilhaftig geworden, von dem uns zumindest unser eigenes Pfeifen abh\u00e4lt,\n schweigen wir. Ist es ihr Gesang, der uns entz\u00fcckt oder nicht vielmehr \ndie feierliche Stille, von der das schwache Stimmchen umgeben ist? \nEinmal geschah es, da\u00df irgendein t\u00f6richtes kleines Ding w\u00e4hrend \nJosefinens Gesang in aller Unschuld auch zu pfeifen anfing. Nun, es war \nganz dasselbe, was wir auch von Josefine h\u00f6rten; dort vorne das trotz \naller Routine immer noch sch\u00fcchterne Pfeifen und hier im Publikum das \nselbstvergessene kindliche Gepfeife; den Unterschied zu bezeichnen, w\u00e4re\n unm\u00f6glich gewesen; aber doch zischten und pfiffen wir gleich die \nSt\u00f6rerin nieder, trotzdem es gar nicht n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, denn sie \nh\u00e4tte sich gewi\u00df auch sonst in Angst und Scham verkrochen, w\u00e4hrend \nJosefine ihr Triumphpfeifen anstimmte und ganz au\u00dfer sich war mit ihren \nausgespreizten Armen und dem gar nicht mehr h\u00f6her dehnbaren Hals.<ins><\/ins><\/p>\n\n\n\n<p>So\n ist sie \u00fcbrigens immer, jede Kleinigkeit, jeden Zufall, jede \nWiderspenstigkeit, ein Knacken im Parkett, ein Z\u00e4hneknirschen, eine \nBeleuchtungsst\u00f6rung h\u00e4lt sie f\u00fcr geeignet, die Wirkung ihres Gesanges zu\n erh\u00f6hen; sie singt ja ihrer Meinung nach vor tauben Ohren; an \nBegeisterung und Beifall fehlt es nicht, aber auf wirkliches \nVerst\u00e4ndnis, wie sie es meint, hat sie l\u00e4ngst verzichten gelernt. Da \nkommen ihr denn alle St\u00f6rungen sehr gelegen; alles, was sich von au\u00dfen \nher der Reinheit ihres Gesanges entgegenstellt, in leichtem Kampf; ja \nohne Kampf, blo\u00df durch die Gegen\u00fcberstellung besiegt wird, kann dazu \nbeitragen, die Menge zu erwecken, sie zwar nicht Verst\u00e4ndnis, aber \nahnungsvollen Respekt zu lehren. Wenn ihr aber nun das Kleine so dient, \nwie erst das Gro\u00dfe. Unser Leben ist sehr unruhig, jeder Tag bringt \n\u00dcberraschungen, Be\u00e4ngstigungen, Hoffnungen und Schrecken, da\u00df der \nEinzelne unm\u00f6glich dies alles ertragen k\u00f6nnte, h\u00e4tte er nicht jederzeit \nbei Tag und Nacht den R\u00fcckhalt der Genossen; aber selbst so wird es oft \nrecht schwer; manchmal zittern selbst tausend Schultern unter der Last, \ndie eigentlich nur f\u00fcr einen bestimmt war. Dann h\u00e4lt Josefine ihre Zeit \nf\u00fcr gekommen. Schon steht sie da, das zarte Wesen, besonders unterhalb \nder Brust be\u00e4ngstigend vibrierend, es ist, als h\u00e4tte sie alle ihre Kraft\n im Gesang versammelt, als sei allem an ihr, was nicht dem Gesange \nunmittelbar diene, jede Kraft, fast jede Lebensm\u00f6glichkeit entzogen, als\n sei sie entbl\u00f6\u00dft, preisgegeben, nur dem Schutze guter Geister \n\u00fcberantwortet, als k\u00f6nne sie, w\u00e4hrend sie so, sich v\u00f6llig entzogen, im \nGesange wohnt, ein kalter Hauch im Vor\u00fcberwehn t\u00f6ten. Aber gerade bei \nsolchem Anblick pflegen wir angeblichen Gegner uns zu sagen: \u00bbSie kann \nnicht einmal pfeifen; so entsetzlich mu\u00df sie sich anstrengen, um nicht \nGesang &#8211; reden wir nicht von Gesang &#8211; aber um das landes\u00fcbliche Pfeifen \neinigerma\u00dfen sich abzuzwingen.\u00ab So scheint es uns, doch ist dies, wie \nerw\u00e4hnt, ein zwar unvermeidlicher, aber fl\u00fcchtiger, schnell \nvor\u00fcbergehender Eindruck. Schon tauchen auch wir in das Gef\u00fchl der \nMenge, die warm, Leib an Leib, scheu und atmend horcht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und um \ndiese Menge unseres fast immer in Bewegung befindlichen, wegen oft nicht\n sehr klarer Zwecke hin- und herschie\u00dfenden Volkes um sich zu \nversammeln, mu\u00df Josefine meist nichts anderes tun, als mit \nzur\u00fcckgelegtem K\u00f6pfchen, halboffenem Mund, der H\u00f6he zugewandten Augen \njene Stellung einnehmen, die darauf hindeutet, da\u00df sie zu singen \nbeabsichtigt. Sie kann dies tun, wo sie will, es mu\u00df kein weithin \nsichtbarer Platz sein, irgendein verborgener, in zuf\u00e4lliger \nAugenblickslaune gew\u00e4hlter Winkel ist ebensogut brauchbar. Die \nNachricht, da\u00df sie singen will, verbreitet sich gleich, und bald zieht \nes in Prozessionen hin. Nun, manchmal treten doch Hindernisse ein, \nJosefine singt mit Vorliebe gerade in aufgeregten Zeiten, vielfache \nSorgen und N\u00f6te zwingen uns dann zu vielerlei Wegen, man kann sich beim \nbesten Willen nicht so schnell versammeln, wie es Josefine w\u00fcnscht, und \nsie steht dort diesmal in ihrer gro\u00dfen Haltung vielleicht eine Zeitlang \nohne gen\u00fcgende H\u00f6rerzahl &#8211; dann freilich wird sie w\u00fctend, dann stampft \nsie mit den F\u00fc\u00dfen, flucht ganz unm\u00e4dchenhaft; ja sie bei\u00dft sogar. Aber \nselbst ein solches Verhalten schadet ihrem Rufe nicht; statt ihre \n\u00fcbergro\u00dfen Anspr\u00fcche ein wenig einzud\u00e4mmen, strengt man sich an, ihnen \nzu entsprechen; es werden Boten ausgeschickt, um H\u00f6rer herbeizuholen; es\n wird vor ihr geheimgehalten, da\u00df das geschieht; man sieht dann auf den \nWegen im Umkreis Posten aufgestellt, die den Herankommenden zuwinken, \nsie m\u00f6chten sich beeilen; dies alles so lange, bis dann schlie\u00dflich eine\n leidliche Anzahl beisammen ist.<ins><\/ins><\/p>\n\n\n\n<p>Was\n treibt das Volk dazu, sich f\u00fcr Josefine so zu bem\u00fchen? Eine Frage, \nnicht leichter zu beantworten als die nach Josefinens Gesang, mit der \nsie ja auch zusammenh\u00e4ngt. Man k\u00f6nnte sie streichen und g\u00e4nzlich mit der\n zweiten Frage vereinigen, wenn sich etwa behaupten lie\u00dfe, da\u00df das Volk \nwegen des Gesanges Josefine bedingungslos ergeben ist. Dies ist aber \neben nicht der Fall; bedingungslose Ergebenheit kennt unser Volk kaum; \ndieses Volk, das \u00fcber alles die freilich harmlose Schlauheit liebt, das \nkindliche Wispern,den freilich unschuldigen, blo\u00df die Lippen bewegenden \nTratsch, ein solches Volk kann immerhin nicht bedingungslos sich \nhingeben, das f\u00fchlt wohl auch Josefine, das ist es, was sie bek\u00e4mpft mit\n aller Anstrengung ihrer schwachen Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur darf man freilich \nbei solchen allgemeinen Urteilen nicht zu weit gehn, das Volk ist \nJosefine doch ergeben, nur nicht bedingungslos. Es w\u00e4re zum Beispiel \nnicht f\u00e4hig, \u00fcber Josefine zu lachen. Man kann es sich eingestehn: an \nJosefine fordert manches zum Lachen auf; und an und f\u00fcr sich ist uns das\n Lachen immer nah; trotz allem Jammer unseres Lebens ist ein leises \nLachen bei uns gewisserma\u00dfen immer zu Hause; aber \u00fcber Josefine lachen \nwir nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, das Volk fasse sein \nVerh\u00e4ltnis zu Josefine derart auf, da\u00df sie, dieses zerbrechliche, \nschonungsbed\u00fcrftige, irgendwie ausgezeichnete, ihrer Meinung nach durch \nGesang ausgezeichnete Wesen, ihm anvertraut sei und es m\u00fcsse f\u00fcr sie \nsorgen; der Grund dessen ist niemandem klar, nur die Tatsache scheint \nfestzustehn. \u00dcber das aber, was einem anvertraut ist, lacht man nicht; \ndar\u00fcber zu lachen, w\u00e4re Pflichtverletzung; es ist das \u00c4u\u00dferste an \nBoshaftigkeit, was die Boshaftesten unter uns Josefine zuf\u00fcgen, wenn sie\n manchmal sagen: \u00bbDas Lachen vergeht uns, wenn wir Josefine sehn.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>So\n sorgt also das Volk F\u00fcr Josefine in der Art eines Vaters, der sich \neines Kindes annimmt, das sein H\u00e4ndchen &#8211; man wei\u00df nicht recht, ob \nbittend oder fordernd &#8211; nach ihm ausstreckt. Man sollte meinen, unser \nVolk tauge nicht zur Erf\u00fcllung solcher v\u00e4terlicher Pflichten, aber in \nWirklichkeit versieht es sie, wenigstens in diesem Falle, musterhaft; \nkein Einzelner k\u00f6nnte es, was in dieser Hinsicht das Volk als Ganzes zu \ntun imstande ist. Freilich, der Kraftunterschied zwischen dem Volk und \ndem Einzelnen ist so ungeheuer, es gen\u00fcgt, da\u00df es den Sch\u00fctzling in die \nW\u00e4rme seiner N\u00e4he zieht, und er ist besch\u00fctzt genug. Zu Josefine wagt \nman allerdings von solchen Dingen nicht zu reden. \u00bbIch pfeife auf eueren\n Schutz\u00ab, sagt sie dann. &#8218;Ja, ja, du pfeifst&#8216;, denken wir. Und au\u00dferdem \nist es wahrhaftig keine Widerlegung, wenn sie rebelliert, vielmehr ist \ndas durchaus Kindesart und Kindesdankbarkeit, und Art des Vaters ist es,\n sich nicht daran zu kehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun spricht aber doch noch anderes \nmit herein, das schwerer aus diesem Verh\u00e4ltnis zwischen Volk und \nJosefine zu erkl\u00e4ren ist. Josefine ist n\u00e4mlich der gegenteiligen \nMeinung, sie glaubt, sie sei es, die das Volk besch\u00fctze. Aus schlimmer \npolitischer oder wirtschaftlicher Lage rettet uns angeblich ihr Gesang, \nnichts weniger als das bringt er zuwege, und wenn er das Ungl\u00fcck nicht \nvertreibt, so gibt er uns wenigstens die Kraft, es zu ertragen. Sie \nspricht es nicht so aus und auch nicht anders, sie spricht \u00fcberhaupt \nwenig, sie ist schweigsam unter den Plapperm\u00e4ulern, aber aus ihren Augen\n blitzt es, von ihrem geschlossenen Mund &#8211; bei uns k\u00f6nnen nur wenige den\n Mund geschlossen halten, sie kann es &#8211; ist es abzulesen. Bei jeder \nschlechten Nachricht &#8211; und an manchen Tagen \u00fcberrennen sie einander, \nfalsche und halbrichtige darunter &#8211; erhebt sie sich sofort, w\u00e4hrend es \nsie sonst m\u00fcde zu Boden zieht, erhebt sich und streckt den Hals und \nsucht den \u00dcberblick \u00fcber ihre Herde wie der Hirt vor dem Gewitter. \nGewi\u00df, auch Kinder stellen \u00e4hnliche Forderungen in ihrer wilden, \nunbeherrschten Art, aber bei Josefine sind sie doch nicht so unbegr\u00fcndet\n wie bei jenen. Freilich, sie rettet uns nicht und gibt uns keine \nKr\u00e4fte, es ist leicht, sich als Retter dieses Volkes aufzuspielen, das \nleidensgewohnt, sich nicht schonend, schnell in Entschl\u00fcssen, den Tod \nwohl kennend, nur dem Anscheine nach \u00e4ngstlich in der Atmosph\u00e4re von \nTollk\u00fchnheit, in der es st\u00e4ndig lebt, und \u00fcberdies ebenso fruchtbar wie \nwagemutig &#8211; es ist leicht, sage ich, sich nachtr\u00e4glich als Retter dieses\n Volkes aufzuspielen, das sich noch immer irgendwie selbst gerettet hat,\n sei es auch unter Opfern, \u00fcber die der Geschichtsforscher &#8211; im \nallgemeinen vernachl\u00e4ssigen wir Geschichtsforschung g\u00e4nzlich &#8211; vor \nSchrecken erstarrt. Und doch ist es wahr, da\u00df wir gerade in Notlagen \nnoch besser als sonst auf Josefinens Stimme horchen. Die Drohungen, die \n\u00fcber uns stehen, machen uns stiller, bescheidener, f\u00fcr Josefinens \nBefehlshaberei gef\u00fcgiger; gern kommen wir zusammen, gern dr\u00e4ngen wir uns\n aneinander, besonders weil es bei einem Anla\u00df geschieht, der ganz \nabseits liegt von der qu\u00e4lenden Hauptsache; es ist, als tr\u00e4nken wir noch\n schnell &#8211; ja, Eile ist n\u00f6tig, das vergi\u00dft Josefine allzuoft &#8211; gemeinsam\n einen Becher des Friedens vor dem Kampf. Es ist nicht so sehr eine \nGesangsvorf\u00fchrung als vielmehr eine Volksversammlung, und zwar eine \nVersammlung, bei der es bis auf das kleine Pfeifen vorne v\u00f6llig still \nist; viel zu ernst ist die Stunde, als da\u00df man sie verschw\u00e4tzen wollte.<ins><\/ins><\/p>\n\n\n\n<p>Ein\n solches Verh\u00e4ltnis k\u00f6nnte nun freilich Josefine gar nicht befriedigen. \nTrotz all ihres nerv\u00f6sen Mi\u00dfbehagens, welches Josefine wegen ihrer \nniemals ganz gekl\u00e4rten Stellung erf\u00fcllt, sieht sie doch, verblendet von \nihrem Selbstbewu\u00dftsein, manches nicht und kann ohne gro\u00dfe Anstrengung \ndazu gebracht werden, noch viel mehr zu \u00fcbersehen, ein Schwarm von \nSchmeichlern ist in diesem Sinne, also eigentlich in einem allgemein \nn\u00fctzlichen Sinne, immerfort t\u00e4tig, &#8211; aber nur nebenbei, unbeachtet, im \nWinkel einer Volksversammlung zu singen, daf\u00fcr w\u00fcrde sie, trotzdem es an\n sich gar nicht wenig w\u00e4re, ihren Gesang gewi\u00df nicht opfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \nsie mu\u00df es auch nicht, denn ihre Kunst bleibt nicht unbeachtet. Trotzdem\n wir im Grunde mit ganz anderen Dingen besch\u00e4ftigt sind und die Stille \ndurchaus nicht nur dem Gesange zuliebe herrscht und mancher gar nicht \naufschaut, sondern das Gesicht in den Pelz des Nachbars dr\u00fcckt und \nJosefine also dort oben sich vergeblich abzum\u00fchen scheint, dringt doch &#8211;\n das ist nicht zu leugnen &#8211; etwas von ihrem Pfeifen unweigerlich auch zu\n uns. Dieses Pfeifen, das sich erhebt, wo allen anderen Schweigen \nauferlegt ist, kommt fast wie eine Botschaft des Volkes zu dem \nEinzelnen; das d\u00fcnne Pfeifen Josefinens mitten in den schweren \nEntscheidungen ist fast wie die armselige Existenz unseres Volkes mitten\n im Tumult der feindlichen Welt. Josefine behauptet sich, dieses Nichts \nan Stimme, dieses Nichts an Leistung behauptet sich und schafft sich den\n Weg zu uns; es tut wohl, daran zu denken. Einen wirklichen \nGesangsk\u00fcnstler, wenn einer einmal sich unter uns finden sollte, w\u00fcrden \nwir in solcher Zeit gewi\u00df nicht ertragen und die Unsinnigkeit einer \nsolchen Vorf\u00fchrung einm\u00fctig abweisen. M\u00f6ge Josefine besch\u00fctzt werden vor\n der Erkenntnis, da\u00df die Tatsache, da\u00df wir ihr zuh\u00f6ren, ein Beweis gegen\n ihren Gesang ist. Eine Ahnung dessen hat sie wohl, warum w\u00fcrde sie \nsonst so leidenschaftlich leugnen, da\u00df wir ihr zuh\u00f6ren, aber immer \nwieder singt sie, pfeift sie sich \u00fcber diese Ahnung hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber \nes g\u00e4be auch sonst noch immer einen Trost f\u00fcr sie: wir h\u00f6ren ihr doch \nauch gewisserma\u00dfen wirklich zu, wahrscheinlich \u00e4hnlich, wie man einem \nGesangsk\u00fcnstler zuh\u00f6rt; sie erreicht Wirkungen, die ein Gesangsk\u00fcnstler \nvergeblich bei uns anstreben w\u00fcrde und die nur gerade ihren \nunzureichenden Mitteln verliehen sind. Dies h\u00e4ngt wohl haupts\u00e4chlich mit\n unserer Lebensweise zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserem Volke kennt man keine \nJugend, kaum eine winzige Kinderzeit. Es treten zwar regelm\u00e4\u00dfig \nForderungen auf, man m\u00f6ge den Kindern eine besondere Freiheit, eine \nbesondere Schonung gew\u00e4hrleisten, ihr Recht auf ein wenig Sorglosigkeit,\n ein wenig sinnloses Sichherumtummeln, auf ein wenig Spiel, dieses Recht\n m\u00f6ge man anerkennen und ihm zur Erf\u00fcllung verhelfen; solche Forderungen\n treten auf und fast jedermann billigt sie, es gibt nichts, was mehr zu \nbilligen w\u00e4re, aber es gibt auch nichts, was in der Wirklichkeit unseres\n Lebens weniger zugestanden werden k\u00f6nnte, man billigt die Forderungen, \nman macht Versuche in ihrem Sinn, aber bald ist wieder alles beim alten.\n Unser Leben ist eben derart, da\u00df ein Kind, sobald es nur ein wenig \nl\u00e4uft und die Umwelt ein wenig unterscheiden kann, ebenso f\u00fcr sich \nsorgen mu\u00df wie ein Erwachsener; die Gebiete, auf denen wir aus \nwirtschaftlichen R\u00fccksichten zerstreut leben m\u00fcssen, sind zu gro\u00df, \nunserer Feinde sind zu viele, die uns \u00fcberall bereiteten Gefahren zu \nunberechenbar &#8211; wir k\u00f6nnen die Kinder vom Existenzkampfe nicht \nfernhalten, t\u00e4ten wir es, es w\u00e4reihr vorzeitiges Ende. Zu diesen \ntraurigen Gr\u00fcnden kommt freilich auch ein erhebender: die Fruchtbarkeit \nunseres Stammes. Eine Generation &#8211; und jede ist zahlreich &#8211; dr\u00e4ngt die \nandere, die Kinder haben nicht Zeit, Kinder zu sein. M\u00f6gen bei anderen \nV\u00f6lkern die Kinder sorgf\u00e4ltig gepflegt werden, m\u00f6gen dort Schulen f\u00fcr \ndie Kleinen errichtet sein, m\u00f6gen dort aus diesen Schulen t\u00e4glich die \nKinder str\u00f6men, die Zukunft des Volkes, so sind es doch immer lange Zeit\n Tag f\u00fcr Tag die gleichen Kinder, die dort hervorkommen. Wir haben keine\n Schulen, aber aus unserem Volke str\u00f6men in allerk\u00fcrzesten \nZwischenr\u00e4umen die un\u00fcbersehbaren Scharen unserer Kinder, fr\u00f6hlich \nzischend oder piepsend, solange sie noch nicht pfeifen k\u00f6nnen, sich \nw\u00e4lzend oder kraft des Druckes weiterrollend, solange sie noch nicht \nlaufen k\u00f6nnen, t\u00e4ppisch durch ihre Masse alles mit sich fortrei\u00dfend, \nsolange sie noch nicht sehen k\u00f6nnen, unsere Kinder! Und nicht wie in \njenen Schulen die gleichen Kinder, nein, immer, immer wieder neue, ohne \nEnde, ohne Unterbrechung, kaum erscheint ein Kind, ist es nicht mehr \nKind, aber schon dr\u00e4ngen hinter ihm die neuen Kindergesichter \nununterscheidbar in ihrer Menge und Eile, rosig vor Gl\u00fcck. Freilich, wie\n sch\u00f6n dies auch sein mag und wie sehr uns andere darum auch mit Recht \nbeneiden m\u00f6gen, eine wirkliche Kinderzeit k\u00f6nnen wir eben unseren \nKindern nicht geben. Und das hat seine Folgewirkungen. Eine gewisse \nunerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit durchdringt unser Volk; im \ngeraden Widerspruch zu unserem Besten, dem untr\u00fcglichen praktischen \nVerstande, handeln wir manchmal ganz und gar t\u00f6richt, und zwar eben in \nder Art, wie Kinder t\u00f6richt handeln, sinnlos, verschwenderisch, \ngro\u00dfz\u00fcgig, leichtsinnig und dies alles oft einem kleinen Spa\u00df zuliebe. \nUnd wenn unsere Freude dar\u00fcber nat\u00fcrlich nicht mehr die volle Kraft der \nKinderfreude haben kann, etwas von dieser lebt darin noch gewi\u00df. Von \ndieser Kindlichkeit unseres Volkes profitiert seit jeher auch Josefine.<ins><\/ins><\/p>\n\n\n\n<p>Aber\n unser Volk ist nicht nur kindlich, es ist gewisserma\u00dfen auch vorzeitig \nalt, Kindheit und Alter machen sich bei uns anders als bei anderen. Wir \nhaben keine Jugend, wir sind gleich Erwachsene, und Erwachsene sind wir \ndann zu lange, eine gewisse M\u00fcdigkeit und Hoffnungslosigkeit durchzieht \nvon da aus mit breiter Spur das im ganzen doch so z\u00e4he und \nhoffnungsstarke Wesen unseres Volkes. Damit h\u00e4ngt wohl auch unsere \nUnmusikalit\u00e4t zusammen; wir sind zu alt f\u00fcr Musik, ihre Erregung, ihr \nAufschwung pa\u00dft nicht f\u00fcr unsere Schwere, m\u00fcde winken wir ihr ab; wir \nhaben uns auf das Pfeifen zur\u00fcckgezogen; ein wenig Pfeifen hie und da, \ndas ist das Richtige f\u00fcr uns. Wer wei\u00df, ob es nicht Musiktalente unter \nuns gibt; wenn es sie aber g\u00e4be, der Charakter der Volksgenossen m\u00fc\u00dfte \nsie noch vor ihrer Entfaltung unterdr\u00fccken. Dagegen mag Josefine nach \nihrem Belieben pfeifen oder singen oder wie sie es nennen will, das \nst\u00f6rt uns nicht, das entspricht uns, das k\u00f6nnen wir wohl vertragen; wenn\n darin etwas von Musik enthalten sein sollte, so ist es auf die \nm\u00f6glichste Nichtigkeit reduziert; eine gewisse Musiktradition wird \ngewahrt, aber ohne da\u00df uns dies im geringsten beschweren w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\n Josefine bringt diesem so gestimmten Volke noch mehr. Bei ihren \nKonzerten, besonders in ernster Zeit, haben nur noch die ganz Jungen \nInteresse an der S\u00e4ngerin als solcher, nur sie sehen mit Staunen zu, wie\n sich ihre Lippen kr\u00e4uselt, zwischen den niedlichen Vorderz\u00e4hnen die \nLuft ausst\u00f6\u00dft, in Bewunderung der T\u00f6ne, die sie selbst hervorbringt, \nerstirbt und dieses Hinsinken ben\u00fctzt, um sich zu neuer, ihr immer \nunverst\u00e4ndlicher werdender Leistung anzufeuern, aber die eigentliche \nMenge hat sich &#8211; das ist deutlich zu erkennen &#8211; auf sich selbst \nzur\u00fcckgezogen. Hier in den d\u00fcrftigen Pausen zwischen den K\u00e4mpfen tr\u00e4umt \ndas Volk, es ist, als l\u00f6sten sich dem Einzelnen die Glieder, als d\u00fcrfte \nsich der Ruhelose einmal nach seiner Lust im gro\u00dfen warmen Bett des \nVolkes dehnen und strecken. Und in diese Tr\u00e4ume klingt hier und da \nJosefinens Pfeifen; sie nennt es perlend, wir nennen es sto\u00dfend; aber \njedenfalls ist es hier an seinem Platze, wie nirgends sonst, wie Musik \nkaum jemals den auf sie wartenden Augenblick findet. Etwas von der armen\n kurzen Kindheit ist darin, etwas von verlorenem, nie wieder \naufzufindendem Gl\u00fcck, aber auch etwas vom t\u00e4tigen heutigen Leben ist \ndarin, von seiner kleinen, unbegreiflichen und dennoch bestehenden und \nnicht zu ert\u00f6tenden Munterkeit. Und dies alles ist wahrhaftig nicht mit \ngro\u00dfen T\u00f6nen gesagt, sondern leicht, fl\u00fcsternd, vertraulich, manchmal \nein wenig heiser. Nat\u00fcrlich ist es ein Pfeifen. Wie denn nicht? Pfeifen \nist die Sprache unseres Volkes, nur pfeift mancher sein Leben lang und \nwei\u00df es nicht, hier aber ist das Pfeifen frei gemacht von den Fesseln \ndes t\u00e4glichen Lebens und befreit auch uns f\u00fcr eine kurze Weile. Gewi\u00df, \ndiese Vorf\u00fchrungen wollten wir nicht missen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber von da bis zu \nJosefinens Behauptung, sie gebe uns in solchen Zeiten neue Kr\u00e4fte und so\n weiter, und so weiter, ist noch ein sehr weiter Weg. F\u00fcr gew\u00f6hnliche \nLeute allerdings, nicht f\u00fcr Josefinens Schmeichler. \u00bbWie k\u00f6nnte es \nanders sein\u00ab &#8211; sagen sie in recht unbefangener Keckheit &#8211; \u00bbwie k\u00f6nnte \nman anders den gro\u00dfen Zulauf, besonders unter unmittelbar dr\u00e4ngender \nGefahr, erkl\u00e4ren, der schon manchmal sogar die gen\u00fcgende, rechtzeitige \nAbwehr eben dieser Gefahr verhindert hat.\u00ab Nun, dies letztere ist leider\n richtig, geh\u00f6rt aber doch nicht zu den Ruhmestiteln Josefinens, \nbesonders wenn man hinzuf\u00fcgt, da\u00df, wennsolche Versammlungen unerwartet \nvom Feind gesprengt wurden und mancher der Unsrigen dabei sein Leben \nlassen mu\u00dfte, Josefine, die alles verschuldet, ja, durch ihr Pfeifen den\n Feind vielleicht angelockt hatte, immer im Besitz des sichersten \nPl\u00e4tzchens war und unter dem Schutze ihres Anhanges sehr still und \neiligst als erste verschwand. Aber auch dieses wissen im Grunde alle, \nund dennoch eilen sie wieder hin, wenn Josefine n\u00e4chstens nach ihrem \nBelieben irgendwo, irgendwann zum Gesange sich erhebt. Daraus k\u00f6nnte man\n schlie\u00dfen, da\u00df Josefine fast au\u00dferhalb des Gesetzes steht, da\u00df sie tun \ndarf, was sie will, selbst wenn es die Gesamtheit gef\u00e4hrdet, und da\u00df ihr\n alles verziehen wird. Wenn dies so w\u00e4re, dann w\u00fcrden auch Josefinens \nAnspr\u00fcche v\u00f6llig verst\u00e4ndlich, ja, man k\u00f6nnte gewisserma\u00dfen in dieser \nFreiheit, die ihr das Volk geben w\u00fcrde, in diesem au\u00dferordentlichen, \nniemand sonst gew\u00e4hrten, die Gesetze eigentlich widerlegenden Geschenk \nein Eingest\u00e4ndnis dessen sehen, da\u00df das Volk Josefine, wie sie es \nbehauptet, nicht versteht, ohnm\u00e4chtig ihre Kunst anstaunt, sich ihrer \nnicht w\u00fcrdig f\u00fchlt, dieses Leid, das es Josefine tut, durch eine \ngeradezu verzweifelte Leistung auszugleichen strebt und, so wie ihre \nKunst au\u00dferhalb seines Fassungsverm\u00f6gens ist, auch ihre Person und deren\n W\u00fcnsche au\u00dferhalb seiner Befehlsgewalt stellt. Nun, das ist allerdings \nganz und gar nicht richtig, vielleicht kapituliert im einzelnen das Volk\n zu schnell vor Josefine, aber wie es bedingungslos vor niemandem \nkapituliert, also auch nicht vor ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon seit langer Zeit, \nschon seit Beginn ihrer K\u00fcnstlerlaufbahn, k\u00e4mpft Josefine darum, da\u00df sie\n mit R\u00fccksicht auf ihren Gesang von jeder Arbeit befreit werde; man \nsolle ihr also die Sorge um das t\u00e4gliche Brot und alles, was sonst mit \nunserem Existenzkampf verbunden ist, abnehmen und es &#8211; wahrscheinlich &#8211; \nauf das Volk als Ganzes \u00fcberw\u00e4lzen. Ein schnell Begeisterter &#8211; es fanden\n sich auch solche &#8211; k\u00f6nnte schon allein aus der Sonderbarkeit dieser \nForderung, aus der Geistesverfassung, die eine solche Forderung \nauszudenken imstande ist, auf deren innere Berechtigung schlie\u00dfen. Unser\n Volk zieht aber andere Schl\u00fcsse und lehnt ruhig die Forderung ab. Es \nm\u00fcht sich auch mit der Widerlegung der Gesuchsbegr\u00fcndung nicht sehr ab. \nJosefine weist zum Beispiel darauf hin, da\u00df die Anstrengung bei der \nArbeit ihrer Stimme schade, da\u00df zwar die Anstrengung bei der Arbeit \ngering sei im Vergleich zu jener beim Gesang, da\u00df sie ihr aber doch die \nM\u00f6glichkeit nehme, nach dem Gesang sich gen\u00fcgend auszuruhen und f\u00fcr \nneuen Gesang sich zu st\u00e4rken, sie m\u00fcsse sich dabei g\u00e4nzlich ersch\u00f6pfen \nund k\u00f6nne trotzdem unter diesen Umst\u00e4nden ihre H\u00f6chstleistung niemals \nerreichen. Das Volk h\u00f6rt sie an und geht dar\u00fcber hinweg. Dieses so \nleicht zu r\u00fchrende Volk ist manchmal gar nicht zu r\u00fchren. Die Abweisung \nist manchmal so hart, da\u00df selbst Josefine stutzt, sie scheint sich zu \nf\u00fcgen, arbeitet wie sich&#8217;s geh\u00f6rt, singt so gut sie kann, aber das alles\n nur eine Weile, dann nimmt sie den Kampf mit neuen Kr\u00e4ften &#8211; daf\u00fcr \nscheint sie unbeschr\u00e4nkt viele zu haben &#8211; wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es \nja klar, da\u00df Josefine nicht eigentlich das anstrebt, was sie w\u00f6rtlich \nverlangt. Sie ist vern\u00fcnftig, sie scheut die Arbeit nicht, wie ja \nArbeitsscheu \u00fcberhaupt bei uns unbekannt ist, sie w\u00fcrde auch nach \nBewilligung ihrer Forderung gewi\u00df nicht anders leben als fr\u00fcher, die \nArbeit w\u00fcrde ihrem Gesang gar nicht im Wege stehn, und der Gesang \nallerdings w\u00fcrde auch nicht sch\u00f6ner werden &#8211; was sie anstrebt, ist also \nnur die \u00f6ffentliche, eindeutige, die Zeiten \u00fcberdauernde, \u00fcber alles \nbisher Bekannte sich weit erhebende Anerkennung ihrer Kunst. W\u00e4hrend ihr\n aber fast alles andere erreichbar scheint, versagt sich ihr dieses \nhartn\u00e4ckig. Vielleicht h\u00e4tte sie den Angriff gleich anfangs in andere \nRichtung lenken sollen, vielleicht sieht sie jetzt selbst den Fehler \nein, aber nun kann sie nicht mehr zur\u00fcck, ein Zur\u00fcckgehen hie\u00dfe sich \nselbst untreu werden, nun mu\u00df sie schon mit dieser Forderung stehen oder\n fallen.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte sie wirklich Feinde, wie sie sagt, sie k\u00f6nnten \ndiesem Kampfe, ohne selbst den Finger r\u00fchren zu m\u00fcssen, belustigt \nzusehen. Aber sie hat keine Feinde, und selbst wenn mancher hie und da \nEinw\u00e4nde gegen sie hat, dieser Kampf belustigt niemanden. Schon deshalb \nnicht, weil sich hier das Volk in seiner kalten richterlichen Haltung \nzeigt, wie man es sonst bei uns nur sehr selten sieht. Und wenn einer \nauch diese Haltung in diesem Falle billigen mag, so schlie\u00dft doch die \nblo\u00dfe Vorstellung, da\u00df sich einmal das Volk \u00e4hnlich gegen ihn selbst \nverhalten k\u00f6nnte, jede Freude aus. Es handelt sich eben auch bei der \nAbweisung, \u00e4hnlich wie bei der Forderung, nicht um die Sache selbst, \nsondern darum, da\u00df sich das Volk gegen einen Volksgenossen derart \nundurchdringlich abschlie\u00dfen kann und um so undurchdringlicher, als es \nsonst f\u00fcr eben diesen Genossen v\u00e4terlich und mehr als v\u00e4terlich, dem\u00fctig\n sorgt.<\/p>\n\n\n\n<p>St\u00fcnde hier an Stelle des Volkes ein Einzelner: man k\u00f6nnte\n glauben, dieser Mann habe die ganze Zeit \u00fcber Josefine nachgegeben, \nunter dem fortw\u00e4hrenden brennenden Verlangen, endlich der Nachgiebigkeit\n ein Ende zu machen; er habe \u00fcbermenschlich viel nachgegeben im festen \nGlauben, da\u00df das Nachgeben trotzdem seine richtige Grenze finden werde; \nja, er habe mehr nachgegeben als n\u00f6tig war, nur um die Sache zu \nbeschleunigen, nur, um Josefine zu verw\u00f6hnen und zu immer neuen W\u00fcnschen\n zu treiben, bis sie dann wirklich diese letzte Forderung erhob; da habe\n er nun freilich, kurz, weil l\u00e4ngst vorbereitet, die endg\u00fcltige \nAbweisung vorgenommen. Nun, so verh\u00e4lt es sich ganz gewi\u00df nicht, das \nVolk braucht solche Listen nicht, au\u00dferdem ist seine Verehrung f\u00fcr \nJosefine aufrichtig und erprobt, und Josefinens Forderung ist allerdings\n so stark, da\u00df jedes unbefangene Kind ihr den Ausgang h\u00e4tte voraussagen \nk\u00f6nnen; trotzdem mag es sein, da\u00df in der Auffassung die Josefine von der\n Sache hat, auch solche Vermutungen mitspielen und dem Schmerz der \nAbgewiesenen eine Bitternis hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber mag sie auch solche \nVermutungen haben, vom Kampf abschrecken l\u00e4\u00dft sie sich dadurch nicht. In\n letzter Zeit versch\u00e4rft sich sogar der Kampf; hat sie ihn bisher nur \ndurch Worte gef\u00fchrt, f\u00e4ngt sie jetzt an, andere Mittel anzuwenden, die \nihrer Meinung nach wirksamer, unserer Meinung nach f\u00fcr sie selbst \ngef\u00e4hrlicher sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Manche glauben, Josefine werde deshalb so \ndringlich, weil sie sich alt werden f\u00fchle, die Stimme Schw\u00e4chen zeige, \nund es ihr daher h\u00f6chste Zeit zu sein scheine, den letzten Kampf um ihre\n Anerkennung zu f\u00fchren. Ich glaube daran nicht. Josefine w\u00e4re nicht \nJosefine, wenn dies wahr w\u00e4re. F\u00fcr sie gibt es kein Altern und keine \nSchw\u00e4chen ihrer Stimme. Wenn sie etwas fordert, so wird sie nicht durch \n\u00e4u\u00dfere Dinge, sondern durch innere Folgerichtigkeit dazu gebracht. Sie \ngreift nach dem h\u00f6chsten Kranz, nicht weil er im Augenblick gerade ein \nwenig tiefer h\u00e4ngt, sondern weil es der h\u00f6chste ist; w\u00e4re es in ihrer \nMacht, sie w\u00fcrde ihn noch h\u00f6her h\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Mi\u00dfachtung \u00e4u\u00dferer \nSchwierigkeiten hindert sie allerdings nicht, die unw\u00fcrdigsten Mittel \nanzuwenden. Ihr Recht steht ihr au\u00dfer Zweifel; was liegt also daran, wie\n sie es erreicht; besonders da doch in dieser Welt, so wie sie sich ihr \ndarstellt, gerade die w\u00fcrdigen Mittel versagen m\u00fcssen. Vielleicht hat \nsie sogar deshalb den Kampf um ihr Recht aus dem Gebiet des Gesanges auf\n ein anderes, ihr wenig teures verlegt. Ihr Anhang hat Ausspr\u00fcche von \nihr in Umlauf gebracht, nach denen sie sich durchaus f\u00e4hig f\u00fchlt, so zu \nsingen, da\u00df es dem Volk in allen seinen Schichten bis in die \nversteckteste Opposition hinein eine wirkliche Lust w\u00e4re, wirkliche Lust\n nicht im Sinne des Volkes, welches ja behauptet, diese Lust seit jeher \nbei Josefinens Gesang zu f\u00fchlen, sondern Lust im Sinne von Josefinens \nVerlangen. Aber, f\u00fcgt sie hinzu, da sie das Hohe nicht f\u00e4lschen und dem \nGemeinen nicht schmeicheln k\u00f6nne, m\u00fcsse es eben bleiben, wie es sei. \nAnders aber ist es bei ihrem Kampf um die Arbeitsbefreiung, zwar ist es \nauch ein Kampf um ihren Gesang, aber hier k\u00e4mpft sie nicht unmittelbar \nmit der kostbaren Waffe des Gesanges, jedes Mittel, das sie anwendet, \nist daher gut genug.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde zum Beispiel das Ger\u00fccht verbreitet,\n Josefine beabsichtige , wenn man ihr nicht nachgebe, die Koloraturen zu\n k\u00fcrzen. Ich wei\u00df nichts von Koloraturen, habe in ihrem Gesange niemals \netwas von Koloraturen bemerkt. Josefine aber will die Koloraturen \nk\u00fcrzen, vorl\u00e4ufig nicht beseitigen, sondern nur k\u00fcrzen. Sie hat \nangeblich ihre Drohung wahr gemacht, mir allerdings ist kein Unterschied\n gegen\u00fcber ihren fr\u00fcheren Vorf\u00fchrungen aufgefallen. Das Volk als Ganzes \nhat zugeh\u00f6rt wie immer, ohne sich \u00fcber die Koloraturen zu \u00e4u\u00dfern, und \nauch die Behandlung von Josefinens Forderung hat sich nicht ge\u00e4ndert. \n\u00dcbrigens hat Josefine, wie in ihrer Gestalt, unleugbar auch in ihrem \nDenken manchmal etwas recht Grazi\u00f6ses. So hat sie zum Beispiel nach \njener Vorf\u00fchrung, so als sei ihr Entschlu\u00df hinsichtlich der Koloraturen \ngegen\u00fcber dem Volk zu hart oder zu pl\u00f6tzlich gewesen, erkl\u00e4rt, n\u00e4chstens\n werde sie die Koloraturen doch wieder vollst\u00e4ndig singen. Aber nach dem\n n\u00e4chsten Konzert besann sie sich wieder anders, nun sei es endg\u00fcltig zu\n Ende mit den gro\u00dfen Koloraturen, und vor einer f\u00fcr Josefine g\u00fcnstigen \nEntscheidung k\u00e4men sie nicht wieder. Nun, das Volk h\u00f6rt \u00fcber alle diese \nErkl\u00e4rungen, Entschl\u00fcsse und Entschlu\u00df\u00e4nderungen hinweg, wie ein \nErwachsener in Gedanken \u00fcber das Plaudern eines Kindes hinwegh\u00f6rt, \ngrunds\u00e4tzlich wohlwollend, aber unerreichbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Josefine aber gibt \nnicht nach. So behauptete sie zum Beispiel neulich, sie habe sich bei \nder Arbeit eine Fu\u00dfverletzung zugezogen, die ihr das Stehen w\u00e4hrend des \nGesanges beschwerlich mache; da sie aber nur stehend singen k\u00f6nne, m\u00fcsse\n sie jetzt sogar die Ges\u00e4nge k\u00fcrzen. Trotzdem sie hinkt und sich von \nihrem Anhang st\u00fctzen l\u00e4\u00dft, glaubt niemand an eine wirkliche Verletzung. \nSelbst die besondere Empfindlichkeit ihres K\u00f6rperchens zugegeben, sind \nwir doch ein Arbeitsvolk und auch Josefine geh\u00f6rt zu ihm; wenn wir aber \nwegen jeder Hautabsch\u00fcrfung hinken wollten, d\u00fcrfte das ganze Volk mit \nHinken gar nicht aufh\u00f6ren. Aber mag sie sich wie eine Lahme f\u00fchren \nlassen, mag sie sich in diesem bedauernswerten Zustand \u00f6fters zeigen als\n sonst, das Volk h\u00f6rt ihren Gesang dankbar und entz\u00fcckt wie fr\u00fcher, aber\n wegen der K\u00fcrzung macht es nicht viel Aufhebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Da sie nicht \nimmerfort hinken kann, erfindet sie etwas anderes, sie sch\u00fctzt M\u00fcdigkeit\n vor, Mi\u00dfstimmung, Schw\u00e4che. Wir haben nun au\u00dfer dem Konzert auch ein \nSchauspiel. Wir sehen hinter Josefine ihren Anhang, wie er sie bittet \nund beschw\u00f6rt, zu singen. Sie wollte gern, aber sie kann nicht. Man \ntr\u00f6stet sie, umschmeichelt sie, tr\u00e4gt sie fast auf den schon vorher \nausgesuchten Platz, wo sie singen soll. Endlich gibt sie mit undeutbaren\n Tr\u00e4nen nach, aber wie sie mit offenbar letztem Willen zu singen \nanfangen will, matt, die Arme nicht wie sonst ausgebreitet, sondern an \nK\u00f6rper leblos herunterh\u00e4ngend, wobei man den Eindruck erh\u00e4lt, da\u00df sie \nvielleicht ein wenig zu kurz sind &#8211; wie sie so anstimmen will, nun, da \ngeht es doch wieder nicht, ein unwilliger Ruck des Kopfes zeigt es an \nund sie sinkt vor unseren Augen zusammen. Dann allerdings rafft sie sich\n doch wieder auf und singt, ich glaube, nicht viel anders als sonst; \nvielleicht, wenn man f\u00fcr feinste Nuancen das Ohr hat, h\u00f6rt man ein wenig\n au\u00dfergew\u00f6hnliche Erregung heraus, die der Sache aber nur zugute kommt. \nUnd am Ende ist sie sogar weniger m\u00fcde als vorher, mit festem Gang, \nsoweit man ihr huschendes Trippeln so nennen kann, entfernt sie sich, \njede Hilfe des Anhangs ablehnend und mit kalten Blicken die ihr \nehrfurchtsvoll ausweichende Menge pr\u00fcfend.<\/p>\n\n\n\n<p>So war es letzthin; das\n Neueste aber ist, da\u00df sie zu einer Zeit, wo ihr Gesang erwartet wurde, \nverschwunden war. Nicht nur der Anhang sucht sie, viele stellen sich in \nden Dienst des Suchens, er ist vergeblich; Josefine ist verschwunden, \nsie will nicht singen, sie will nicht einmal darum gebeten werden, sie \nhat uns diesmal v\u00f6llig verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonderbar, wir falsch sie \nrechnet, die Kluge, so falsch, da\u00df man glauben sollte, sie rechne gar \nnicht, sondern werde nur weiter getrieben von ihrem Schicksal, das in \nunserer Welt nur ein sehr trauriges werden kann. Selbst entzieht sie \nsich dem Gesang, selbst zerst\u00f6rt sie die Macht, die sie \u00fcber die Gem\u00fcter\n erworben hat. Wie konnte sie nur diese Macht erwerben, da sie diese \nGem\u00fcter so wenig kennt. Sie versteckt sich und singt nicht, aber das \nVolk, ruhig, ohne sichtbare Entt\u00e4uschung, herrisch, eine in sich ruhende\n Masse, die f\u00f6rmlich auch wenn der Anschein dagegen spricht, Geschenke \nnur geben, niemals empfangen kann, auch von Josefine nicht, dieses Volk \nzieht weiter seines Weges.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Josefine aber mu\u00df es abw\u00e4rts gehn. \nBald wird die Zeit kommen, wo ihr letzter Pfiff ert\u00f6nt und verstummt. \nSie ist eine kleine Episode in der ewigen Geschichte unseres Volkes und \ndas Volk wird den Verlust \u00fcberwinden. Leicht wird es uns ja nicht \nwerden; wie werden die Versammlungen in v\u00f6lliger Stummheit m\u00f6glich sein?\n Freilich, waren sie nicht auch mit Josefine stumm? War ihr wirkliches \nPfeifen nennenswert lauter und lebendiger, als die Erinnerung daran sein\n wird? War es denn noch bei ihren Lebzeiten mehr als eine \u00bbWeisheit \nJosefinens\u00ab? Hat nicht vielmehr das Volk in seiner Weisheit Josefinens \nGesang, eben deshalb, weil er in dieser Art unverlierbar war, so hoch \ngestellt?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel \nentbehren, Josefine aber, erl\u00f6st von der irdischen Plage, die aber ihrer\n Meinung nach Auserw\u00e4hlten bereitet ist, wird fr\u00f6hlich sich verlieren in\n der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine \nGeschichte treiben, in gesteigerter Erl\u00f6sung vergessen sein wie alle \nihre Br\u00fcder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"241\" height=\"300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-20121\"\/><figcaption>Franz Kafka, Fotografie aus dem Atelier Jacobi 1906<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Text behandelt (\u00e4hnlich wie <em>Der Hungerk\u00fcnstler<\/em>) das Verh\u00e4ltnis von K\u00fcnstler zum Publikum. Er ist damit auch eine Reflexion Kafkas \u00fcber sein eigenes K\u00fcnstlertum.  Obwohl man zun\u00e4chst nicht glauben mag, dass Kafka sich selbst in der  Person dieser skurrilen, unsympathischen S\u00e4ngerin Josefine darstellt,  sind doch deutliche Bez\u00fcge vorhanden. So war z.\u00a0B. der Wunsch, von der  sonstigen Arbeit freigestellt zu werden, um sich ganz der Kunst widmen  zu k\u00f6nnen, auch ein gro\u00dfes Problem in Kafkas Leben. Bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62917\">zum zehnten Todestag<\/a> w\u00fcrdigte Walter Benjamin die Bedeutung dieses Autors. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Die Artisten der Edition das Labor haben in 2001 Jahren den K\u00fcnstlerpreis <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?page_id=572\">Das Hungertuch<\/a> begr\u00fcndet. Lesen Sie dazu ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/06\/recap-hungertuchpreis\/\">Recap<\/a> des Hungertuchpreises.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere S\u00e4ngerin hei\u00dft Josefine. Wer sie nicht geh\u00f6rt hat, kennt nicht die Macht des Gesanges. Es gibt niemanden, den ihr Gesang nicht fortrei\u00dft, was um so h\u00f6her zu bewerten ist, als unser Geschlecht im ganzen Musik nicht liebt. Stiller Frieden&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/03\/josefine\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":107,"featured_media":16706,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[494],"class_list":["post-62318","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-kafka"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62318","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/107"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62318"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62318\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}