{"id":62313,"date":"2001-07-03T00:01:00","date_gmt":"2001-07-02T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62313"},"modified":"2023-06-03T19:34:48","modified_gmt":"2023-06-03T17:34:48","slug":"erstes-leid","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/07\/03\/erstes-leid\/","title":{"rendered":"Erstes Leid"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Trapezk\u00fcnstler \u2013 bekanntlich ist diese hoch in den Kuppeln der gro\u00dfen Variet\u00e9b\u00fchnen ausge\u00fcbte Kunst eine der schwierigsten unter allen, Menschen erreichbaren \u2013 hatte, zuerst nur aus dem Streben nach Vervollkommnung, sp\u00e4ter auch aus tyrannisch gewordener Gewohnheit sein Leben derart eingerichtet, da\u00df er, solange er im gleichen Unternehmen arbeitete, Tag und Nacht auf dem Trapez blieb. Allen seinen, \u00fcbrigens sehr geringen Bed\u00fcrfnissen wurde durch einander abl\u00f6sende Diener entsprochen, welche unten wachten und alles, was oben ben\u00f6tigt wurde, in eigens konstruierten Gef\u00e4\u00dfen hinauf- und hinabzogen. Besondere Schwierigkeiten f\u00fcr die Umwelt ergaben sich aus dieser Lebensweise nicht; nur w\u00e4hrend der sonstigen Programm-Nummern war es ein wenig st\u00f6rend, da\u00df er, wie sich nicht verbergen lie\u00df, oben geblieben war und da\u00df, trotzdem er sich in solchen Zeiten meist ruhig verhielt, hie und da ein Blick aus dem Publikum zu ihm abirrte. Doch verziehen ihm dies die Direktionen, weil er ein au\u00dferordentlicher, unersetzlicher K\u00fcnstler war. Auch sah man nat\u00fcrlich ein, da\u00df er nicht aus Mutwillen so lebte, und eigentlich nur so sich in dauernder \u00dcbung erhalten, nur so seine Kunst in ihrer Vollkommenheit bewahren konnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch war es oben auch sonst gesund, und wenn in der w\u00e4rmeren Jahreszeit in der ganzen Runde der W\u00f6lbung die Seitenfenster aufgeklappt wurden und mit der frischen Luft die Sonne m\u00e4chtig in den d\u00e4mmernden Raum eindrang, dann war es dort sogar sch\u00f6n. Freilich, sein menschlicher Verkehr war eingeschr\u00e4nkt, nur manchmal kletterte auf der Strickleiter ein Turnerkollege zu ihm hinauf, dann sa\u00dfen sie beide auf dem Trapez, lehnten rechts und links an den Haltestricken und plauderten, oder es verbesserten Bauarbeiter das Dach und wechselten einige Worte mit ihm durch ein offenes Fenster, oder es \u00fcberpr\u00fcfte der Feuerwehrmann die Notbeleuchtung auf der obersten Galerie und rief ihm etwas Respektvolles, aber wenig Verst\u00e4ndliches zu. Sonst blieb es um ihn still; nachdenklich sah nur manchmal irgendein Angestellter, der sich etwa am Nachmittag in das leere Theater verirrte, in die dem Blick sich fast entziehende H\u00f6he empor, wo der Trapezk\u00fcnstler, ohne wissen zu k\u00f6nnen, da\u00df jemand ihn beobachtete, seine K\u00fcnste trieb oder ruhte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So h\u00e4tte der Trapezk\u00fcnstler ungest\u00f6rt leben k\u00f6nnen, w\u00e4ren nicht die unvermeidlichen Reisen von Ort zu Ort gewesen, die ihm \u00e4u\u00dferst l\u00e4stig waren. Zwar sorgte der Impresario daf\u00fcr, da\u00df der Trapezk\u00fcnstler von jeder unn\u00f6tigen Verl\u00e4ngerung seiner Leiden verschont blieb: f\u00fcr die Fahrten in den St\u00e4dten ben\u00fctzte man Rennautomobile, mit denen man, wom\u00f6glich in der Nacht oder in den fr\u00fchesten Morgenstunden, durch die menschenleeren Stra\u00dfen mit letzter Geschwindigkeit jagte, aber freilich zu langsam f\u00fcr des Trapezk\u00fcnstlers Sehnsucht; im Eisenbahnzug war ein ganzes Kupee bestellt, in welchem der Trapezk\u00fcnstler, zwar in kl\u00e4glichem, aber doch irgendeinem Ersatz seiner sonstigen Lebensweise die Fahrt oben im Gep\u00e4cknetz zubrachte; im n\u00e4chsten Gastspielort war im Theater lange vor der Ankunft des Trapezk\u00fcnstlers das Trapez schon an seiner Stelle, auch waren alle zum Theaterraum f\u00fchrenden T\u00fcren weit ge\u00f6ffnet, alle G\u00e4nge frei gehalten \u2013 aber es waren doch immer die sch\u00f6nsten Augenblicke im Leben des Impresario, wenn der Trapezk\u00fcnstler dann den Fu\u00df auf die Strickleiter setzte und im Nu, endlich, wieder oben an seinem Trapez hing.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So viele Reisen nun auch schon dem Impresario gegl\u00fcckt waren, jede neue war ihm doch wieder peinlich, denn die Reisen waren, von allem anderen abgesehen, f\u00fcr die Nerven des Trapezk\u00fcnstlers jedenfalls zerst\u00f6rend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So fuhren sie wieder einmal miteinander, der Trapezk\u00fcnstler lag im Gep\u00e4cknetz und tr\u00e4umte, der Impresario lehnte in der Fensterecke gegen\u00fcber und las ein Buch, da redete ihn der Trapezk\u00fcnstler leise an. Der Impresario war gleich zu seinen Diensten. Der Trapezk\u00fcnstler sagte, die Lippen bei\u00dfend, er m\u00fcsse jetzt f\u00fcr sein Turnen, statt des bisherigen einen, immer zwei Trapeze haben, zwei Trapeze einander gegen\u00fcber. Der Impresario war damit sofort einverstanden. Der Trapezk\u00fcnstler aber, so als wolle er es zeigen, da\u00df hier die Zustimmung des Impresario ebenso bedeutungslos sei, wie es etwa sein Widerspruch w\u00e4re, sagte, da\u00df er nun niemals mehr und unter keinen Umst\u00e4nden nur auf einem Trapez turnen werde. Unter der Vorstellung, da\u00df es vielleicht doch einmal geschehen k\u00f6nnte, schien er zu schaudern. Der Impresario<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Kafka-GW+Bd.+5\">[182]<\/a> erkl\u00e4rte, z\u00f6gernd und beobachtend, nochmals sein volles Einverst\u00e4ndnis, zwei Trapeze seien besser als eines, auch sonst sei diese neue Einrichtung vorteilhaft, sie mache die Produktion abwechslungsreicher. Da fing der Trapezk\u00fcnstler pl\u00f6tzlich zu weinen an. Tief erschrocken sprang der Impresario auf und fragte, was denn geschehen sei, und da er keine Antwort bekam, stieg er auf die Bank, streichelte ihn und dr\u00fcckte sein Gesicht an das eigene, so da\u00df er auch von des Trapezk\u00fcnstlers Tr\u00e4nen \u00fcberflossen wurde. Aber erst nach vielen Fragen und Schmeichelworten sagte der Trapezk\u00fcnstler schluchzend: \u00bbNur diese eine Stange in den H\u00e4nden \u2013 wie kann ich denn leben!\u00ab Nun war es dem Impresario schon leichter, den Trapezk\u00fcnstler zu tr\u00f6sten; er versprach, gleich aus der n\u00e4chsten Station an den n\u00e4chsten Gastspielort wegen des zweiten Trapezes zu telegraphieren; machte sich Vorw\u00fcrfe, da\u00df er den Trapezk\u00fcnstler so lange Zeit nur auf einem Trapez hatte arbeiten lassen, und dankte ihm und lobte ihn sehr, da\u00df er endlich auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte. So gelang es dem Impresario, den Trapezk\u00fcnstler langsam zu beruhigen, und er konnte wieder zur\u00fcck in seine Ecke gehen. Er selbst aber war nicht beruhigt, mit schwerer Sorge betrachtete er heimlich \u00fcber das Buch hinweg den Trapezk\u00fcnstler. Wenn ihn einmal solche Gedanken zu qu\u00e4len begannen, konnten sie je g\u00e4nzlich aufh\u00f6ren? Mu\u00dften sie sich nicht immerfort steigern? Waren sie nicht existenzbedrohend? Und wirklich glaubte der Impresario zu sehn, wie jetzt im scheinbar ruhigen Schlaf, in welchen das Weinen geendet hatte, die ersten Falten auf des Trapezk\u00fcnstlers glatter Kinderstirn sich einzuzeichnen begannen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-very-dark-gray-color\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99615 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-246x300.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch Franz Kafka Erz\u00e4hlung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16433\">Ein Hungerk\u00fcnstler<\/a>. 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