{"id":62307,"date":"1996-07-03T00:01:49","date_gmt":"1996-07-02T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62307"},"modified":"2021-09-09T13:13:50","modified_gmt":"2021-09-09T11:13:50","slug":"beim-bau-der-chinesischen-mauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/07\/03\/beim-bau-der-chinesischen-mauer\/","title":{"rendered":"Beim Bau der Chinesischen Mauer"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>W\u00e4hrend das objektive Denken gegen das denkende Subjekt und dessen Existenz gleichg\u00fcltig ist, ist der subjektive Denker als existierender an seinem Denken wesentlich interessiert: er existiert ja darin.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kierkegaard<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Chinesische Mauer ist an ihrer n\u00f6rdlichsten Stelle beendet worden. Von S\u00fcdosten und S\u00fcdwesten wurde der Bau herangef\u00fchrt und hier vereinigt. Dieses System des Teilbaues wurde auch im Kleinen innerhalb der zwei gro\u00dfen Arbeitsheere, des Ost- und des Westheeres, befolgt. Es geschah das so, da\u00df Gruppen von etwa zwanzig Arbeitern gebildet wurden, welche eine Teilmauer von etwa f\u00fcnfhundert Metern L\u00e4nge aufzuf\u00fchren hatten, eine Nachbargruppe baute ihnen dann eine Mauer von gleicher L\u00e4nge entgegen. Nachdem dann aber die Vereinigung vollzogen war, wurde nicht etwa der Bau am Ende dieser tausend Meter wieder fortgesetzt, vielmehr wurden die Arbeitergruppen wieder in ganz andere Gegenden zum Mauerbau verschickt. Nat\u00fcrlich entstanden auf diese Weise viele gro\u00dfe L\u00fccken, die erst nach und nach langsam ausgef\u00fcllt wurden, manche sogar erst, nachdem der Mauerbau schon als vollendet verk\u00fcndigt worden war. Ja, es soll L\u00fccken geben, die \u00fcberhaupt nicht verbaut worden sind, eine Behauptung allerdings, die m\u00f6glicherweise nur zu den vielen Legenden geh\u00f6rt, die um den Bau entstanden sind, und die, f\u00fcr den einzelnen Menschen wenigstens, mit eigenen Augen und eigenem Ma\u00dfstab infolge der Ausdehnung des Baues unnachpr\u00fcfbar sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun w\u00fcrde man von vornherein glauben, es w\u00e4re in jedem Sinne vorteilhafter gewesen, zusammenh\u00e4ngend zu bauen oder wenigstens zusammenh\u00e4ngend innerhalb der zwei Hauptteile. Die Mauer war doch, wie allgemein verbreitet wird und bekannt ist, zum Schutze gegen die Nordv\u00f6lker gedacht. Wie kann aber eine Mauer sch\u00fctzen, die nicht zusammenh\u00e4ngend gebaut ist. Ja, eine solche Mauer kann nicht nur nicht sch\u00fctzen, der Bau selbst ist in fortw\u00e4hrender Gefahr. Diese in \u00f6der Gegend verlassen stehenden Mauerteile k\u00f6nnen immer wieder leicht von den Nomaden zerst\u00f6rt werden, zumal diese damals, ge\u00e4ngstigt durch den Mauerbau, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie Heuschrecken ihre Wohnsitze wechselten und deshalb vielleicht einen besseren \u00dcberblick \u00fcber die Baufortschritte hatten als selbst wir, die Erbauer. Trotzdem konnte der Bau wohl nicht anders ausgef\u00fchrt werden, als es geschehen ist. Um das zu verstehen, mu\u00df man folgendes bedenken: Die Mauer sollte zum Schutz f\u00fcr die Jahrhunderte werden; sorgf\u00e4ltigster Bau, Ben\u00fctzung der Bauweisheit aller bekannten Zeiten und V\u00f6lker, dauerndes Gef\u00fchl der pers\u00f6nlichen Verantwortung der Bauenden waren deshalb unumg\u00e4ngliche Voraussetzung f\u00fcr die Arbeit. Zu den niederen Arbeiten konnten zwar unwissende Tagl\u00f6hner aus dem Volke, M\u00e4nner, Frauen, Kinder, wer sich f\u00fcr gutes Geld anbot, verwendet werden; aber schon zur Leitung von vier Tagl\u00f6hnern war ein verst\u00e4ndiger, im Baufach gebildeter Mann n\u00f6tig; ein Mann, der imstande war, bis in die Tiefe des Herzens mitzuf\u00fchlen, worum es hier ging. Und je h\u00f6her die Leistung, desto gr\u00f6\u00dfer die Anforderungen. Und solche M\u00e4nner standen tats\u00e4chlich zur Verf\u00fcgung, wenn auch nicht in jener Menge, wie sie dieser Bau h\u00e4tte verbrauchen k\u00f6nnen, so doch in gro\u00dfer Zahl.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man war nicht leichtsinnig an das Werk herangegangen. F\u00fcnfzig Jahre vor Beginn des Baues hatte man im ganzen China, das ummauert werden sollte, die Baukunst, insbesondere das Maurerhandwerk, zur wichtigsten Wissenschaft erkl\u00e4rt und alles andere nur anerkannt, soweit es damit in Beziehung stand. Ich erinnere mich noch sehr wohl, wie wir als kleine Kinder, kaum unserer Beine sicher, im G\u00e4rtchen unseres Lehrers standen, aus Kieselsteinen eine Art Mauer bauen mu\u00dften, wie der Lehrer den Rock sch\u00fcrzte, gegen die Mauer rannte, nat\u00fcrlich alles zusammenwarf, und uns wegen der Schw\u00e4che unseres Baues solche Vorw\u00fcrfe machte, da\u00df wir heulend uns nach allen Seiten zu unseren Eltern verliefen. Ein winziger Vorfall, aber bezeichnend f\u00fcr den Geist der Zeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte das Gl\u00fcck, da\u00df, als ich mit zwanzig Jahren die oberste Pr\u00fcfung der untersten Schule abgelegt hatte, der Bau der Mauer gerade begann. Ich sage Gl\u00fcck, denn viele, die fr\u00fcher die oberste H\u00f6he der ihnen zug\u00e4nglichen Ausbildung erreicht hatten, wu\u00dften jahrelang mit ihrem Wissen nichts anzufangen, trieben sich, im Kopf die gro\u00dfartigsten Baupl\u00e4ne, nutzlos herum und verlotterten in Mengen. Aber diejenigen, die endlich als Bauf\u00fchrer, sei es auch untersten Ranges, zum Bau kamen, waren dessen tats\u00e4chlich w\u00fcrdig. Es waren Maurer, die viel \u00fcber den Bau nachgedacht hatten und nicht aufh\u00f6rten, dar\u00fcber nachzudenken, die sich mit dem ersten Stein, den sie in den Boden einsenken lie\u00dfen, dem Bau verwachsen f\u00fchlten. Solche Maurer trieb aber nat\u00fcrlich, neben der Begierde, gr\u00fcndlichste Arbeit zu leisten, auch die Ungeduld, den Bau in seiner Vollkommenheit endlich erstehen zu sehen. Der Tagl\u00f6hner kennt diese Ungeduld nicht, den treibt nur der Lohn, auch die oberen F\u00fchrer, ja selbst die mittleren F\u00fchrer sehen von dem vielseitigen Wachsen des Baues genug, um sich im Geiste dadurch kr\u00e4ftig zu halten. Aber f\u00fcr die unteren, geistig weit \u00fcber ihrer \u00e4u\u00dferlich kleinen Aufgabe stehenden M\u00e4nner, mu\u00dfte anders vorgesorgt werden. Man konnte sie nicht zum Beispiel in einer unbewohnten Gebirgsgegend, hunderte Meilen von ihrer Heimat, Monate oder gar Jahre lang Mauerstein an Mauerstein f\u00fcgen lassen; die Hoffnungslosigkeit solcher flei\u00dfigen, aber selbst in einem langen Menschenleben nicht zum Ziel f\u00fchrenden Arbeit h\u00e4tte sie verzweifelt und vor allem wertloser f\u00fcr die Arbeit gemacht. Deshalb w\u00e4hlte man das System des Teilbaues. F\u00fcnfhundert Meter konnten etwa in f\u00fcnf Jahren fertiggestellt werden, dann waren freilich die F\u00fchrer in der Regel zu ersch\u00f6pft, hatten alles Vertrauen zu sich, zum Bau, zur Welt verloren. Drum wurden sie dann, w\u00e4hrend sie noch im Hochgef\u00fchl des Vereinigungsfestes der tausend Meter Mauer standen, weit, weit verschickt, sahen auf der Reise hier und da fertige Mauerteile ragen, kamen an Quartieren h\u00f6herer F\u00fchrer vor\u00fcber, die sie mit Ehrenzeichen beschenkten, h\u00f6rten den Jubel neuer Arbeitsheere, die aus der Tiefe der L\u00e4nder herbeistr\u00f6mten, sahen W\u00e4lder niederlegen, die zum Mauerger\u00fcst bestimmt waren, sahen Berge in Mauersteine zerh\u00e4mmern, h\u00f6rten auf den heiligen St\u00e4tten Ges\u00e4nge der Frommen Vollendung des Baues erflehen. Alles dieses bes\u00e4nftigte ihre Ungeduld. Das ruhige Leben der Heimat, in der sie einige Zeit verbrachten, kr\u00e4ftigte sie, das Ansehen, in dem alle Bauenden standen, die gl\u00e4ubige Demut, mit der ihre Berichte angeh\u00f6rt wurden, das Vertrauen, das der einfache, stille B\u00fcrger in die einstige Vollendung der Mauer setzte, alles dies spannte die Saiten der Seele. Wie ewig hoffende Kinder nahmen sie dann von der Heimat Abschied, die Lust, wieder am Volkswerk zu arbeiten, wurde unbezwinglich. Sie reisten fr\u00fcher von Hause fort, als es n\u00f6tig gewesen w\u00e4re, das halbe Dorf begleitete sie lange Strecken weit. Auf allen Wegen Gruppen, Wimpel, Fahnen, niemals hatten sie gesehen, wie gro\u00df und reich und sch\u00f6n und liebenswert ihr Land war. Jeder Landmann war ein Bruder, f\u00fcr den man eine Schutzmauer baute, und der mit allem, was er hatte und war, sein Leben lang daf\u00fcr dankte. Einheit! Einheit! Brust an Brust, ein Reigen des Volkes, Blut, nicht mehr eingesperrt im k\u00e4rglichen Kreislauf des K\u00f6rpers, sondern s\u00fc\u00df rollend und doch wiederkehrend durch das unendliche China.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch also wird das System des Teilbaues verst\u00e4ndlich; aber es hatte doch wohl noch andere Gr\u00fcnde. Es ist auch keine Sonderbarkeit, da\u00df ich mich bei dieser Frage so lange aufhalte, es ist eine Kernfrage des ganzen Mauerbaues, so unwesentlich sie zun\u00e4chst scheint. Will ich den Gedanken und die Erlebnisse jener Zeit vermitteln und begreiflich machen, kann ich gerade dieser Frage nicht tief genug nachbohren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst mu\u00df man sich doch wohl sagen, da\u00df damals Leistungen vollbracht worden sind, die wenig hinter dem Turmbau von Babel zur\u00fcckstehen, an Gottgef\u00e4lligkeit allerdings, wenigstens nach menschlicher Rechnung, geradezu das Gegenteil jenes Baues darstellen. Ich erw\u00e4hne dies, weil in den Anfangszeiten des Baues ein Gelehrter ein Buch geschrieben hat, in welchem er diese Vergleiche sehr genau zog. Er suchte darin zu beweisen, da\u00df der Turmbau zu Babel keineswegs aus den allgemein behaupteten Ursachen nicht zum Ziele gef\u00fchrt hat, oder da\u00df wenigstens unter diesen bekannten Ursachen sich nicht die allerersten befinden. Seine Beweise bestanden nicht nur aus Schriften und Berichten, sondern er wollte auch am Orte selbst Untersuchungen angestellt und dabei gefunden haben, da\u00df der Bau an der Schw\u00e4che des Fundamentes scheiterte und scheitern mu\u00dfte. In dieser Hinsicht allerdings war unsere Zeit jener l\u00e4ngst vergangenen weit \u00fcberlegen. Fast jeder gebildete Zeitgenosse war Maurer vom Fach und in der Frage der Fundamentierung untr\u00fcglich. Dahin zielte aber der Gelehrte gar nicht, sondern er behauptete, erst die gro\u00dfe Mauer werde zum erstenmal in der Menschenzeit ein sicheres Fundament f\u00fcr einen neuen Babelturm schaffen. Also zuerst die Mauer und dann der Turm. Das Buch war damals in aller H\u00e4nde, aber ich gestehe ein, da\u00df ich noch heute nicht genau begreife, wie er sich diesen Turmbau dachte. Die Mauer, die doch nicht einmal einen Kreis, sondern nur eine Art Viertel- oder Halbkreis bildete, sollte das Fundament eines Turmes abgeben? Das konnte doch nur in geistiger Hinsicht gemeint sein. Aber wozu dann die Mauer, die doch etwas Tats\u00e4chliches war, Ergebnis der M\u00fche und des Lebens von Hunderttausenden? Und wozu waren in dem Werk Pl\u00e4ne, allerdings nebelhafte Pl\u00e4ne, des Turmes gezeichnet und Vorschl\u00e4ge bis ins einzelne gemacht, wie man die Volkskraft in dem kr\u00e4ftigen neuen Werk zusammenfassen solle?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gab \u2013 dieses Buch ist nur ein Beispiel \u2013 viel Verwirrung der K\u00f6pfe damals, vielleicht gerade deshalb, weil sich so viele m\u00f6glichst auf einen Zweck hin zu sammeln suchten. Das menschliche Wesen, leichtfertig in seinem Grund, von der Natur des auffliegenden Staubes, vertr\u00e4gt keine Fesselung; fesselt es sich selbst, wird es bald wahnsinnig an den Fesseln zu r\u00fctteln anfangen und Mauer, Kette und sich selbst in alle Himmelsrichtungen zerrei\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist m\u00f6glich, da\u00df auch diese, dem Mauerbau sogar gegens\u00e4tzlichen Erw\u00e4gungen von der F\u00fchrung bei der Festsetzung des Teilbaues nicht unber\u00fccksichtigt geblieben sind. Wir \u2013 ich rede hier wohl im Namen vieler \u2013 haben eigentlich erst im Nachbuchstabieren der Anordnungen der obersten F\u00fchrerschaft uns selbst kennengelernt und gefunden, da\u00df ohne die F\u00fchrerschaft weder unsere Schulweisheit noch unser Menschenverstand f\u00fcr das kleine Amt, das wir innerhalb des gro\u00dfen Ganzen hatten, ausgereicht h\u00e4tte. In der Stube der F\u00fchrerschaft \u2013 wo sie war und wer dort sa\u00df, wei\u00df und wu\u00dfte niemand, den ich fragte \u2013 in dieser Stube kreisten wohl alle menschlichen Gedanken und W\u00fcnsche und in Gegenkreisen alle menschlichen Ziele und Erf\u00fcllungen. Durch das Fenster aber fiel der Abglanz der g\u00f6ttlichen Welten auf die Pl\u00e4ne zeichnenden H\u00e4nde der F\u00fchrerschaft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und deshalb will es dem unbestechlichen Betrachter nicht eingehen, da\u00df die F\u00fchrerschaft, wenn sie es ernstlich gewollt h\u00e4tte, nicht auch jene Schwierigkeiten h\u00e4tte \u00fcberwinden k\u00f6nnen, die einem zusammenh\u00e4ngenden Mauerbau entgegenstanden. Bleibt also nur die Folgerung, da\u00df die F\u00fchrerschaft den Teilbau beabsichtigte. Aber der Teilbau war nur ein Notbehelf und unzweckm\u00e4\u00dfig. Bleibt die Folgerung, da\u00df die F\u00fchrerschaft etwas Unzweckm\u00e4\u00dfiges wollte. \u2013 Sonderbare Folgerung! \u2013 Gewi\u00df, und doch hat sie auch von anderer Seite manche Berechtigung f\u00fcr sich. Heute kann davon vielleicht ohne Gefahr gesprochen werden. Damals war es geheimer Grundsatz Vieler, und sogar der Besten: Suche mit allen deinen Kr\u00e4ften die Anordnungen der F\u00fchrerschaft zu verstehen, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze, dann h\u00f6re mit dem Nachdenken auf. Ein sehr vern\u00fcnftiger Grundsatz, der \u00fcbrigens noch eine weitere Auslegung in einem sp\u00e4ter oft wiederholten Vergleich fand: Nicht weil es dir schaden k\u00f6nnte, h\u00f6re mit dem weiteren Nachdenken auf, es ist auch gar nicht sicher, da\u00df es dir schaden wird. Man kann hier \u00fcberhaupt weder von Schaden noch Nichtschaden sprechen. Es wird dir geschehen wie dem Flu\u00df im Fr\u00fchjahr. Er steigt, wird m\u00e4chtiger, n\u00e4hrt kr\u00e4ftiger das Land an seinen langen Ufern, beh\u00e4lt sein eignes Wesen weiter ins Meer hinein und wird dem Meere ebenb\u00fcrtiger und willkommener. \u2013 So weit denke den Anordnungen der F\u00fchrerschaft nach. \u2013 Dann aber \u00fcbersteigt der Flu\u00df seine Ufer, verliert Umrisse und Gestalt, verlangsamt seinen Abw\u00e4rtslauf, versucht gegen seine Bestimmung kleine Meere ins Binnenland zu bilden, sch\u00e4digt die Fluren, und kann sich doch f\u00fcr die Dauer in dieser Ausbreitung nicht halten, sondern rinnt wieder in seine Ufer zusammen, ja trocknet sogar in der folgenden hei\u00dfen Jahreszeit kl\u00e4glich aus. \u2013 So weit denke den Anordnungen der F\u00fchrerschaft nicht nach.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun mag dieser Vergleich w\u00e4hrend des Mauerbaues au\u00dferordentlich treffend gewesen sein, f\u00fcr meinen jetzigen Bericht hat er doch zum mindesten nur beschr\u00e4nkte Geltung. Meine Untersuchung ist doch nur eine historische; aus den l\u00e4ngst verflogenen Gewitterwolken zuckt kein Blitz mehr, und ich darf deshalb nach einer Erkl\u00e4rung des Teilbaues suchen, die weitergeht als das, womit man sich damals begn\u00fcgte. Die Grenzen, die meine Denkf\u00e4higkeit mir setzt, sind ja eng genug, das Gebiet aber, das hier zu durchlaufen w\u00e4re, ist das Endlose.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen wen sollte die gro\u00dfe Mauer sch\u00fctzen? Gegen die Nordv\u00f6lker. Ich stamme aus dem s\u00fcd\u00f6stlichen China. Kein Nordvolk kann uns dort bedrohen. Wir lesen von ihnen in den B\u00fcchern der Alten, die Grausamkeiten, die sie ihrer Natur gem\u00e4\u00df begehen, machen uns aufseufzen in unserer friedlichen Laube. Auf den wahrheitsgetreuen Bildern der K\u00fcnstler sehen wie diese Gesichter der Verdammnis, die aufgerissenen M\u00e4uler, die mit hoch zugespitzten Z\u00e4hnen besteckten Kiefer, die verkniffenen Augen, die schon nach dem Raub zu schielen scheinen, den das Maul zermalmen und zerrei\u00dfen wird. Sind die Kinder b\u00f6se, halten wir ihnen diese Bilder hin und schon fliegen sie weinend an unsern Hals. Aber mehr wissen wir von diesen Nordl\u00e4ndern nicht. Gesehen haben wir sie nicht, und bleiben wir in unserem Dorf, werden wir sie niemals<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Kafka-GW+Bd.+8\">[56]<\/a> sehen, selbst wenn sie auf ihren wilden Pferden geradeaus zu uns hetzen und jagen, \u2013 zu gro\u00df ist das Land und l\u00e4\u00dft sie nicht zu uns, in die leere Luft werden sie sich verrennen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum also, da es sich so verh\u00e4lt, verlassen wir die Heimat, den Flu\u00df und die Br\u00fccken, die Mutter und den Vater, das weinende Weib, die lehrbed\u00fcrftigen Kinder und ziehen weg zur Schule nach der fernen Stadt und unsere Gedanken sind noch weiter bei der Mauer im Norden? Warum? Frage die F\u00fchrerschaft. Sie kennt uns. Sie, die ungeheure Sorgen w\u00e4lzt, wei\u00df von uns, kennt unser kleines Gewerbe, sieht uns alle zusammensitzen in der niedrigen H\u00fctte und das Gebet, das der Hausvater am Abend im Kreise der Seinigen sagt, ist ihr wohlgef\u00e4llig oder mi\u00dff\u00e4llt ihr. Und wenn ich mir einen solchen Gedanken \u00fcber die F\u00fchrerschaft erlauben darf, so mu\u00df ich sagen, meiner Meinung nach bestand die F\u00fchrerschaft schon fr\u00fcher, kam nicht zusammen, wie etwa hohe Mandarinen, durch einen sch\u00f6nen Morgentraum angeregt, eiligst eine Sitzung einberufen, eiligst beschlie\u00dfen, und schon am Abend die Bev\u00f6lkerung aus den Betten trommeln lassen, um die Beschl\u00fcsse auszuf\u00fchren, sei es auch nur um eine Illumination zu Ehren eines Gottes zu veranstalten, der sich gestern den Herren g\u00fcnstig gezeigt hat, um sie morgen, kaum sind die Lampions verl\u00f6scht, in einem dunklen Winkel zu verpr\u00fcgeln. Vielmehr bestand die F\u00fchrerschaft wohl seit jeher und der Beschlu\u00df des Mauerbaues gleichfalls. Unschuldige Nordv\u00f6lker, die glaubten, ihn verursacht zu haben, verehrungsw\u00fcrdiger, unschuldiger Kaiser, der glaubte, er h\u00e4tte ihn angeordnet. Wir vom Mauerbau wissen es anders und schweigen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich, schon damals w\u00e4hrend des Mauerbaues und nachher bis heute, fast ausschlie\u00dflich mit vergleichender V\u00f6lkergeschichte besch\u00e4ftigt \u2013 es gibt bestimmte Fragen, denen man nur mit diesem Mittel gewisserma\u00dfen an den Nerv herankommt und ich habe dabei gefunden, da\u00df wir Chinesen gewisse volkliche und staatliche Einrichtungen in einzigartiger Klarheit, andere wieder in einzigartiger Unklarheit besitzen. Den Gr\u00fcnden, insbesondere der letzten Erscheinung, nachzusp\u00fcren, hat mich immer gereizt, reizt mich noch immer, und auch der Mauerbau ist von diesen Fragen wesentlich betroffen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun geh\u00f6rt zu unseren allerundeutlichsten Einrichtungen jedenfalls das Kaisertum. In Peking nat\u00fcrlich, gar in der Hofgesellschaft, besteht dar\u00fcber einige Klarheit, wiewohl auch diese eher scheinbar als wirklich ist. Auch die Lehrer des Staatsrechtes und der Geschichte an den hohen Schulen geben vor, \u00fcber diese Dinge genau unterrichtet zu sein und diese Kenntnis den Studenten weitervermitteln zu k\u00f6nnen. Je tiefer man zu den unteren Schulen herabsteigt, desto mehr schwinden begreiflicherweise die Zweifel am eigenen Wissen, und Halbbildung wogt bergehoch um wenige seit Jahrhunderten eingerammte Lehrs\u00e4tze, die zwar nichts an ewiger Wahrheit verloren haben, aber in diesem Dunst und Nebel auch ewig unerkannt bleiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade \u00fcber das Kaisertum aber sollte man meiner Meinung nach das Volk befragen, da doch das Kaisertum seine letzten St\u00fctzen dort hat. Hier kann ich allerdings wieder nur von meiner Heimat sprechen. Au\u00dfer den Feldgottheiten und ihrem das ganze Jahr so abwechslungsreich und sch\u00f6n erf\u00fcllenden Dienst gilt unser Denken nur dem Kaiser. Aber nicht dem gegenw\u00e4rtigen; oder vielmehr es h\u00e4tte dem gegenw\u00e4rtigen gegolten, wenn wir ihn gekannt, oder Bestimmtes von ihm gewu\u00dft h\u00e4tten. Wir waren freilich \u2013 die einzige Neugierde, die uns erf\u00fcllte \u2013 immer bestrebt, irgend etwas von der Art zu erfahren, aber so merkw\u00fcrdig es klingt, es war kaum m\u00f6glich, etwas zu erfahren, nicht vom Pilger, der doch viel Land durchzieht, nicht in den nahen, nicht in den fernen D\u00f6rfern, nicht von den Schiffern, die doch nicht nur unsere Fl\u00fc\u00dfchen, sondern auch die heiligen Str\u00f6me befahren. Man h\u00f6rte zwar viel, konnte aber dem Vielen nichts entnehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So gro\u00df ist unser Land, kein M\u00e4rchen reicht an seine Gr\u00f6\u00dfe, kaum der Himmel umspannt es \u2013 und Peking ist nur ein Punkt und das kaiserliche Schlo\u00df nur ein P\u00fcnktchen. Der Kaiser als solcher allerdings wiederum gro\u00df durch alle Stockwerke der Welt. Der lebendige Kaiser aber, ein Mensch wie wir, liegt \u00e4hnlich wie wir auf einem Ruhebett, das zwar reichlich bemessen, aber doch m\u00f6glicherweise nur schmal und kurz ist. Wie wir streckt er manchmal die Glieder, und ist er sehr m\u00fcde, g\u00e4hnt er mit seinem zartgezeichneten Mund. Wie aber sollten wir davon erfahren \u2013 tausende Meilen im S\u00fcden \u2013, grenzen wir doch schon fast ans tibetanische Hochland. Au\u00dferdem aber k\u00e4me jede Nachricht, selbst wenn sie uns erreichte, viel zu sp\u00e4t, w\u00e4re l\u00e4ngst veraltet. Um den Kaiser dr\u00e4ngt sich die gl\u00e4nzende und doch dunkle Menge des Hofstaates \u2013 Bosheit und Feindschaft im Kleid der Diener und Freunde \u2013, das Gegengewicht des Kaisertums, immer bem\u00fcht, mit vergifteten Pfeilen den Kaiser von seiner Wagschale abzuschie\u00dfen. Das Kaisertum ist unsterblich, aber der einzelne Kaiser f\u00e4llt und st\u00fcrzt ab, selbst ganze Dynastien sinken endlich nieder und veratmen durch ein einziges R\u00f6cheln. Von diesen K\u00e4mpfen und Leiden wird das Volk nie erfahren, wie Zu-sp\u00e4t-gekommene, wie Stadtfremde stehen sie am Ende der dichtgedr\u00e4ngten Seitengassen, ruhig zehrend vom mitgebrachten Vorrat, w\u00e4hrend auf dem Marktplatz in der Mitte weit vorn die Hinrichtung ihres Herrn vor sich geht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt eine Sage, die dieses Verh\u00e4ltnis gut ausdr\u00fcckt. Der Kaiser, so hei\u00dft es, hat Dir, dem Einzelnen, dem j\u00e4mmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne gefl\u00fcchteten Schatten, gerade Dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft zugefl\u00fcstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, da\u00df er sich sie noch ins Ohr wiedersagen lie\u00df. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten best\u00e4tigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes \u2013 alle hindernden W\u00e4nde werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Gro\u00dfen des Reiches \u2013 vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kr\u00e4ftiger, ein unerm\u00fcdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorw\u00e4rts wie kein anderer. Aber die Menge ist so gro\u00df; ihre Wohnst\u00e4tten nehmen kein Ende. \u00d6ffnete sich freies Feld, wie w\u00fcrde er fliegen und bald wohl h\u00f6rtest Du das herrliche Schlagen seiner F\u00e4uste an Deiner T\u00fcr. Aber statt dessen, wie nutzlos m\u00fcht er sich ab; immer noch zw\u00e4ngt er sich durch die Gem\u00e4cher des innersten Palastes; niemals wird er sie \u00fcberwinden; und gel\u00e4nge ihm dies, nichts w\u00e4re gewonnen; die Treppen hinab m\u00fc\u00dfte er sich k\u00e4mpfen; und gel\u00e4nge ihm dies, nichts w\u00e4re gewonnen; die H\u00f6fe w\u00e4ren zu durchmessen; und nach den H\u00f6fen der zweite umschlie\u00dfende Palast; und wieder Treppen und H\u00f6fe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und st\u00fcrzte er endlich aus dem \u00e4u\u00dfersten Tor \u2013 aber niemals, niemals kann es geschehen \u2013, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgesch\u00fcttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. \u2013 Du aber sitzt an Deinem Fenster und ertr\u00e4umst sie Dir, wenn der Abend kommt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau so, so hoffnungslos und hoffnungsvoll, sieht unser Volk den Kaiser. Es wei\u00df nicht, welcher Kaiser regiert, und selbst \u00fcber den Namen der Dynastie bestehen Zweifel. In der Schule wird vieles dergleichen der Reihe nach gelernt, aber die allgemeine Unsicherheit in dieser Hinsicht ist so gro\u00df, da\u00df auch der beste Sch\u00fcler mit in sie gezogen wird. L\u00e4ngst verstorbene Kaiser werden in unseren D\u00f6rfern auf den Thron gesetzt, und der nur noch im Liede lebt, hat vor kurzem eine Bekanntmachung erlassen, die der Priester vor dem Altare verliest. Schlachten unserer \u00e4ltesten Geschichte werden jetzt erst geschlagen und mit gl\u00fchendem Gesicht f\u00e4llt der Nachbar mit der Nachricht dir ins Haus. Die kaiserlichen Frauen, \u00fcberf\u00fcttert in den seidenen Kissen, von schlauen H\u00f6flingen der edlen Sitten entfremdet, anschwellend in Herrschsucht, auffahrend in Gier, ausgebreitet in Wollust, ver\u00fcben ihre Untaten immer wieder von neuem. Je mehr Zeit schon vergangen ist, desto schrecklicher leuchten alle Farben, und mit lautem Wehgeschrei erf\u00e4hrt einmal das Dorf, wie eine Kaiserin vor Jahrtausenden in langen Z\u00fcgen ihres Mannes Blut trank.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So verf\u00e4hrt also das Volk mit den vergangenen, die gegenw\u00e4rtigen Herrscher aber mischt es unter die Toten. Kommt einmal, einmal in einem Menschenalter, ein kaiserlicher Beamter, der die Provinz bereist, zuf\u00e4llig in unser Dorf, stellt im Namen der Regierenden irgendwelche Forderungen, pr\u00fcft die Steuerlisten, wohnt dem Schulunterricht bei, befragt den Priester \u00fcber unser Tun und Treiben, und fa\u00dft dann alles, ehe er in seine S\u00e4nfte steigt, in langen Ermahnungen an die herbeigetriebene Gemeinde zusammen, dann geht ein L\u00e4cheln \u00fcber alle Gesichter, einer blickt verstohlen zum andern und beugt sich zu den Kindern hinab, um sich vom Beamten nicht beobachten zu lassen. Wie, denkt man, er spricht von einem Toten wie von einem Lebendigen, dieser Kaiser ist doch schon l\u00e4ngst gestorben, die Dynastie ausgel\u00f6scht, der Herr Beamte macht sich \u00fcber uns lustig, aber wir tun so, als ob wir es nicht merkten, um ihn nicht zu kr\u00e4nken. Ernstlich gehorchen aber werden wir nur unserem gegenw\u00e4rtigen Herrn, denn alles andere w\u00e4re Vers\u00fcndigung. Und hinter der davoneilenden S\u00e4nfte des Beamten steigt irgendein willk\u00fcrlich aus schon zerfallener Urne Gehobener aufstampfend als Herr des Dorfes auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich werden die Leute bei uns von staatlichen Umw\u00e4lzungen, von zeitgen\u00f6ssischen Kriegen in der Regel wenig betroffen. Ich erinnere mich hier an einen Vorfall aus meiner Jugend. In einer benachbarten, aber immerhin sehr weit entfernten Provinz war ein Aufstand ausgebrochen. Die Ursachen sind mir nicht mehr erinnerlich, sie sind hier auch nicht wichtig, Ursachen f\u00fcr Aufst\u00e4nde ergeben sich dort mit jedem neuen Morgen, es ist ein aufgeregtes Volk. Und nun wurde einmal ein Flugblatt der Aufst\u00e4ndischen durch einen Bettler, der jene Provinz durchreist hatte, in das Haus meines Vaters gebracht. Es war gerade ein Feiertag, G\u00e4ste f\u00fcllten unsere Stuben, in der Mitte sa\u00df der Priester und studierte das Blatt. Pl\u00f6tzlich fing alles zu lachen an, das Blatt wurde im Gedr\u00e4nge zerrissen, der Bettler, der allerdings schon reichlich beschenkt worden war, wurde mit St\u00f6\u00dfen aus dem Zimmer gejagt, alles zerstreute sich und lief in den sch\u00f6nen Tag. Warum? Der Dialekt der Nachbarprovinz ist von dem unseren wesentlich verschieden, und dies dr\u00fcckt sich auch in gewissen Formen der Schriftsprache aus, die f\u00fcr uns einen altert\u00fcmlichen Charakter haben. Kaum hatte nun der Priester zwei derartige Seiten gelesen, war man schon entschieden. Alte Dinge, l\u00e4ngst geh\u00f6rt, l\u00e4ngst verschmerzt. Und obwohl \u2013 so scheint es mir in der Erinnerung \u2013 aus dem Bettler das grauenhafte Leben unwiderleglich sprach, sch\u00fcttelte man lachend den Kopf und wollte nichts mehr h\u00f6ren. So bereit ist man bei uns, die Gegenwart auszul\u00f6schen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man aus solchen Erscheinungen folgern wollte, da\u00df wir im Grunde gar keinen Kaiser haben, w\u00e4re man von der Wahrheit nicht weit entfernt. Immer wieder mu\u00df ich sagen: Es gibt vielleicht kein kaisertreueres Volk als das unsrige im S\u00fcden, aber die Treue kommt dem Kaiser nicht zugute. Zwar steht auf der kleinen S\u00e4ule am Dorfausgang der heilige Drache und bl\u00e4st huldigend seit Menschengedenken den feurigen Atem genau in die Richtung von Peking \u2013 aber Peking selbst ist den Leuten im Dorf viel fremder als das jenseitige Leben. Sollte es wirklich ein Dorf geben, wo Haus an Haus steht, Felder bedeckend, weiter als der Blick von unserem H\u00fcgel reicht und zwischen diesen H\u00e4usern st\u00fcnden bei Tag und bei Nacht Menschen Kopf an Kopf? Leichter als eine solche Stadt sich vorzustellen ist es uns, zu glauben, Peking und sein Kaiser w\u00e4re eines, etwa eine Wolke, ruhig unter der Sonne sich wandelnd im Laufe der Zeiten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Folge solcher Meinungen ist nun ein gewisserma\u00dfen freies, unbeherrschtes Leben. Keineswegs sittenlos, ich habe solche Sittenreinheit, wie in meiner Heimat, kaum jemals angetroffen auf meinen Reisen. \u2013 Aber doch ein Leben, das unter keinem gegenw\u00e4rtigen Gesetze steht und nur der Weisung und Warnung gehorcht, die aus alten Zeiten zu uns her\u00fcberreicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00fcte mich vor Verallgemeinerungen und behaupte nicht, da\u00df es sich in allen zehntausend D\u00f6rfern unserer Provinz so verh\u00e4lt oder gar in allen f\u00fcnfhundert Provinzen Chinas. Wohl aber darf ich vielleicht auf Grund der vielen Schriften, die ich \u00fcber diesen Gegenstand gelesen habe, sowie auf Grund meiner eigenen Beobachtungen \u2013 besonders bei dem Mauerbau gab das Menschenmaterial dem F\u00fchlenden Gelegenheit, durch die Seelen fast aller Provinzen zu reisen \u2013 auf Grund alles dessen darf ich vielleicht sagen, da\u00df die Auffassung, die hinsichtlich des Kaisers herrscht, immer wieder und \u00fcberall einen gewissen und gemeinsamen Grundzug mit der Auffassung in meiner Heimat zeigt. Die Auffassung will ich nun durchaus nicht als eine Tugend gelten lassen, im Gegenteil. Zwar ist sie in der Hauptsache von der Regierung verschuldet, die im \u00e4ltesten Reich der Erde bis heute nicht imstande war oder dies \u00fcber anderem vernachl\u00e4ssigte, die Institution des Kaisertums zu solcher Klarheit auszubilden, da\u00df sie bis an die fernsten Grenzen des Reiches unmittelbar und unabl\u00e4ssig wirke. Andererseits aber liegt doch auch darin eine Schw\u00e4che der Vorstellungs- oder Glaubenskraft beim Volke, welches nicht dazu gelangt, das Kaisertum aus der Pekinger Versunkenheit in aller Lebendigkeit und Gegenw\u00e4rtigkeit an seine Untertanenbrust zu ziehen, die doch nichts besseres will, als einmal diese Ber\u00fchrung zu f\u00fchlen und an ihr zu vergehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Tugend ist also diese Auffassung wohl nicht. Um so auff\u00e4lliger ist es, da\u00df gerade diese Schw\u00e4che eines der wichtigsten Einigungsmittel unseres Volkes zu sein scheint; ja, wenn man sich im Ausdruck soweit vorwagen darf, geradezu der Boden, auf dem wir leben. Hier einen Tadel ausf\u00fchrlich begr\u00fcnden, hei\u00dft nicht an unserem Gewissen, sondern, was viel \u00e4rger ist, an unseren Beinen r\u00fctteln. Und darum will ich in der Untersuchung dieser Frage vorderhand nicht weiter gehen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_20121\" style=\"width: 251px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20121\" class=\"size-full wp-image-20121\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20121\" class=\"wp-caption-text\">Franz Kafka, Fotografie aus dem Atelier Jacobi 1906<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Trash<\/a>. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend das objektive Denken gegen das denkende Subjekt und dessen Existenz gleichg\u00fcltig ist, ist der subjektive Denker als existierender an seinem Denken wesentlich interessiert: er existiert ja darin. Kierkegaard Die Chinesische Mauer ist an ihrer n\u00f6rdlichsten Stelle beendet worden. 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