{"id":62304,"date":"1995-07-03T00:01:00","date_gmt":"1995-07-02T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62304"},"modified":"2021-09-12T06:57:38","modified_gmt":"2021-09-12T04:57:38","slug":"das-stadtwappen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/07\/03\/das-stadtwappen\/","title":{"rendered":"Das Stadtwappen"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfangs war beim babylonischen Turmbau alles in leidlicher Ordnung; ja, die Ordnung war vielleicht zu gro\u00df, man dachte zu sehr an Wegweiser, Dolmetscher, Arbeiterunterk\u00fcnfte und Verbindungswege, so als habe man Jahrhunderte freier Arbeitsm\u00f6glichkeit vor sich. Die damals herrschende Meinung ging sogar dahin, man k\u00f6nne gar nicht langsam genug bauen; man mu\u00dfte diese Meinung gar nicht sehr \u00fcbertreiben und konnte \u00fcberhaupt davor zur\u00fcckschrecken, die Fundamente zu legen. Man argumentierte n\u00e4mlich so: Das Wesentliche des ganzen Unternehmens ist der Gedanke, einen bis in den Himmel reichenden Turm zu bauen. Neben diesem Gedanken ist alles andere nebens\u00e4chlich. Der Gedanke, einmal in seiner Gr\u00f6\u00dfe gefa\u00dft, kann nicht mehr verschwinden; solange es Menschen gibt, wird auch der starke Wunsch da sein, den Turm zu Ende zu bauen. In dieser Hinsicht aber mu\u00df man wegen der Zukunft keine Sorgen haben, im Gegenteil, das Wissen der Menschheit steigert sich, die Baukunst hat Fortschritte gemacht und wird weitere Fortschritte machen, eine Arbeit, zu der wir ein Jahr brauchen, wird in hundert Jahren vielleicht in einem halben Jahr geleistet werden und \u00fcberdies besser, haltbarer. Warum also schon heute sich an die Grenze der Kr\u00e4fte abm\u00fchen? Das h\u00e4tte nur dann Sinn, wenn man hoffen k\u00f6nnte, den Turm in der Zeit einer Generation aufzubauen. Das aber war auf keine Weise zu erwarten. Eher lie\u00df sich denken, da\u00df die n\u00e4chste Generation mit ihrem vervollkommneten Wissen die Arbeit der vorigen Generation schlecht finden und das Gebaute niederrei\u00dfen werde, um von neuem anzufangen. Solche Gedanken l\u00e4hmten die Kr\u00e4fte, und mehr als um den Turmbau k\u00fcmmerte man sich um den Bau der Arbeiterstadt. Jede Landsmannschaft wollte das sch\u00f6nste Quartier haben, dadurch ergaben sich Streitigkeiten, die sich bis zu blutigen K\u00e4mpfen steigerten. Diese K\u00e4mpfe h\u00f6rten nicht mehr auf; den F\u00fchrern waren sie ein neues Argument daf\u00fcr, da\u00df der Turm auch mangels der n\u00f6tigen Konzentration sehr langsam oder lieber erst nach allgemeinem Friedensschlu\u00df gebaut werden sollte. Doch verbrachte man die Zeit nicht nur mit K\u00e4mpfen, in den Pausen versch\u00f6nerte man die Stadt, wodurch man allerdings neuen Neid und neue K\u00e4mpfe hervorrief. So verging die Zeit der ersten Generation, aber keine der folgenden war anders, nur die Kunstfertigkeit steigerte sich immerfort und damit die Kampfsucht. Dazu kam, da\u00df schon die zweite oder dritte Generation die Sinnlosigkeit des Himmelsturmbaus erkannte, doch war man schon viel zu sehr miteinander verbunden, um die Stadt zu verlassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erf\u00fcllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in f\u00fcnf kurz aufeinanderfolgenden Schl\u00e4gen zerschmettert werden wird. Deshalb hat auch die Stadt die Faust im Wappen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_20121\" style=\"width: 251px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20121\" class=\"size-full wp-image-20121\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Franz-Kafka-Fotografie-aus-dem-Atelier-Jacobi-1906.-241x30011.jpg\" alt=\"\" width=\"241\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20121\" class=\"wp-caption-text\">Franz Kafka, Fotografie aus dem Atelier Jacobi 1906<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Trash<\/a>. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daher sei Enno Stahls fulminantes Zeitdokument\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26047\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Deutscher Trash<\/a> ebenso eindr\u00fccklich empfohlen wie Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Trash-Lyrik<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Anfangs war beim babylonischen Turmbau alles in leidlicher Ordnung; ja, die Ordnung war vielleicht zu gro\u00df, man dachte zu sehr an Wegweiser, Dolmetscher, Arbeiterunterk\u00fcnfte und Verbindungswege, so als habe man Jahrhunderte freier Arbeitsm\u00f6glichkeit vor sich. 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