{"id":62301,"date":"2003-07-03T00:01:57","date_gmt":"2003-07-02T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62301"},"modified":"2022-02-25T17:06:30","modified_gmt":"2022-02-25T16:06:30","slug":"von-den-gleichnissen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/03\/von-den-gleichnissen\/","title":{"rendered":"Gleichnis von den Gleichnissen"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele beklagen sich, da\u00df die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im t\u00e4glichen Leben, und nur dieses allein haben wir. Wenn der Weise sagt: \u00bbGehe hin\u00fcber\u00ab, so meint er nicht, da\u00df man auf die andere Seite hin\u00fcbergehen solle, was man immerhin noch leisten k\u00f6nnte, wenn das Ergebnis des Weges wert w\u00e4re, sondern er meint irgendein sagenhaftes Dr\u00fcben, etwas, das wir nicht kennen, das auch von ihm nicht n\u00e4her zu bezeichnen ist und das uns also hier gar nichts helfen kann. Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, da\u00df das Unfa\u00dfbare unfa\u00dfbar ist, und das haben wir gewu\u00dft. Aber das, womit wir uns jeden Tag abm\u00fchen, sind andere Dinge.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf sagte einer: \u00bbWarum wehrt ihr euch? W\u00fcrdet ihr den Gleichnissen folgen, dann w\u00e4ret ihr selbst Gleichnisse geworden und damit schon der t\u00e4glichen M\u00fche frei.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer sagte: \u00bbIch wette, da\u00df auch das ein Gleichnis ist.\u00ab Der erste sagte: \u00bbDu hast gewonnen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite sagte: \u00bbAber leider nur im Gleichnis.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste sagte: \u00bbNein, in Wirklichkeit; im Gleichnis hast du verloren.\u00ab<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kafka schrieb den Text ohne Titel. Max Brod trifft mit seinem Titel zwar den Kern, aber \u201eGleichnis von den Gleichnissen\u201c tr\u00e4fe noch genauer die gewollte Abundanz und Tautologie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Text ist ein Meta-Gleichnis mit der Behauptung: Alle Gleichnisse sagen, dass das Unfassbare (die Wirklichkeit) unfassbar ist und daher auch keine praktische Bedeutung haben k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt auch f\u00fcr Kafkas Meta-Gleichnis selbst, wie \u00fcberhaupt f\u00fcr alle Literatur. Die dialogisch diskutierte Hoffnung, dass die Erkenntnis dieser Unfassbarkeit befreit, wird entt\u00e4uscht. Denn das Gewinnen in der Wirklichkeit ist kein Gewinn, wenn man im Gleichnis (in der Deutung der Wirklichkeit) verliert. Anders gesagt: Die Einsicht in die Unfassbarkeit der Wirklichkeit kann nicht befreien.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u201eAber\u201c im letzten Satz des Erz\u00e4hlers vor dem Gespr\u00e4ch konstruiert einen Gegensatz zwischen Wirklichkeit (Leben) und Deutung (Handeln). Der Dialog zeigt die tautologische Einheit von Wirklichkeit und Deutung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die ebenfalls nur konstruierte Hoffnung (werdet selbst zum Gleichnis!) wird durch die folgende Antwort v\u00f6llig entwertet: Wie kann das Gleichnis eines Gleichnisses wirklich werden? So steckt die Wirklichkeit in einer unendlichen Schachtelung von Gleichnissen &#8211; oder was sind Gleichnisse in einer unendlichen Schachtelung von Wirklichkeiten? Das \u201eDr\u00fcben\u201c ist genauso unfassbar wie die allt\u00e4gliche Wirklichkeit. Das \u201eDr\u00fcben\u201c ist mitten unter uns. Auch das Sich-nicht-Wehren gegen die Unfassbarkeit ist kein Gewinn. Das Deuten wiederholt sich in Kafkas Meta-Gleichnis, es dreht sich im Kreis. Die Deutung kommt \u00fcber das Gedeutete nicht hinaus &#8211; die Wirklichkeit erreicht immer nur die Bedeutung, die wir ihr geben.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Ulrich Bergmann<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99615\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-e1645556890422.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62917\">zum zehnten Todestag<\/a> erkannte Walter Benjamin die Bedeutung dieses Autors.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Viele beklagen sich, da\u00df die Worte der Weisen immer wieder nur Gleichnisse seien, aber unverwendbar im t\u00e4glichen Leben, und nur dieses allein haben wir. 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