{"id":62291,"date":"1991-07-03T00:02:42","date_gmt":"1991-07-02T22:02:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62291"},"modified":"2023-06-03T21:00:16","modified_gmt":"2023-06-03T19:00:16","slug":"der-nachbar","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/07\/03\/der-nachbar\/","title":{"rendered":"Der Nachbar"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Gesch\u00e4ft ruht ganz auf meinen Schultern. Zwei Fr\u00e4ulein mit Schreibmaschinen und Gesch\u00e4ftsb\u00fcchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kasse, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat. So einfach zu \u00fcberblicken, so leicht zu f\u00fchren. Ich bin ganz jung und die Gesch\u00e4fte rollen vor mir her. Ich klage nicht, ich klage nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Neujahr hat ein junger Mann die kleine, leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickterweise so lange zu mieten gez\u00f6gert habe, frischweg gemietet. Auch ein Zimmer mit Vorzimmer, au\u00dferdem aber noch eine K\u00fcche. \u2013 Zimmer und Vorzimmer h\u00e4tte ich wohl brauchen k\u00f6nnen \u2013 meine zwei Fr\u00e4ulein f\u00fchlten sich schon manchmal \u00fcberlastet \u2013, aber wozu h\u00e4tte mir die K\u00fcche gedient? Dieses kleinliche Bedenken war daran schuld, da\u00df ich mir die Wohnung habe nehmen lassen. Nun sitzt dort dieser junge Mann. Harras hei\u00dft er. Was er dort eigentlich macht, wei\u00df ich nicht. Auf der T\u00fcr steht: \u203aHarras, Bureau\u2039. Ich habe Erkundigungen eingezogen, man hat mir mitgeteilt, es sei ein Gesch\u00e4ft \u00e4hnlich dem meinigen. Vor Kreditgew\u00e4hrung k\u00f6nne man nicht geradezu warnen, denn es handle sich doch um einen jungen, aufstrebenden Mann, dessen Sache vielleicht Zukunft habe, doch k\u00f6nne man zum Kredit nicht geradezu raten, denn gegenw\u00e4rtig sei allem Anschein nach kein Verm\u00f6gen vorhanden. Die \u00fcbliche Auskunft, die man gibt, wenn man nichts wei\u00df.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er mu\u00df es immer au\u00dferordentlich eilig haben, er huscht formlich an mir vor\u00fcber. Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht, den B\u00fcroschl\u00fcssel hat er schon vorbereitet in der Hand. Im Augenblick hat er die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten und ich stehe wieder vor der Tafel \u203aHarras, Bureau\u2039, die ich schon viel \u00f6fter gelesen habe, als sie es verdient.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die elend d\u00fcnnen W\u00e4nde, die den ehrlich t\u00e4tigen Mann verraten den Unehrlichen aber decken. Mein Telephon ist an der Zimmerwand angebracht, die mich von meinem Nachbar trennt. Doch hebe ich das blo\u00df als besonders ironische Tatsache hervor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst wenn es an der entgegengesetzten Wand hinge, w\u00fcrde man in der Nebenwohnung alles h\u00f6ren. Ich habe mir abgew\u00f6hnt, den Namen der Kunden beim Telephon zu nennen. Aber es geh\u00f6rt nat\u00fcrlich nicht viel Schlauheit dazu, aus charakteristischen, aber unvermeidlichen Wendungen des Gespr\u00e4chs die Namen zu erraten. \u2013 Manchmal umtanze ich, die H\u00f6rmuschel am Ohr, von Unruhe gestachelt, auf den Fu\u00dfspitzen den Apparat und kann es doch nicht verh\u00fcten, da\u00df Geheimnisse preisgegeben werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich werden dadurch meine gesch\u00e4ftlichen Entscheidungen unsicher, meine Stimme zittrig. Was macht Harras, w\u00e4hrend ich telephoniere? Wollte ich sehr \u00fcbertreiben \u2013 aber das mu\u00df man oft, um sich Klarheit zu verschaffen \u2013, so k\u00f6nnte ich sagen: Harras braucht kein Telephon, er benutzt meines, er hat sein Kanapee an die Wand ger\u00fcckt und horcht, ich dagegen mu\u00df, wenn gel\u00e4utet wird, zum Telephon laufen, die W\u00fcnsche des Kunden entgegennehmen, schwerwiegende Entschl\u00fcsse fassen, gro\u00dfangelegte \u00dcberredungen ausf\u00fchren \u2013 vor allem aber w\u00e4hrend des Ganzen unwillk\u00fcrlich durch die Zimmerwand Harras Bericht erstatten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht wartet er gar nicht das Ende des Gespr\u00e4ches ab, sondern erhebt sich nach der Gespr\u00e4chsstelle, die ihn \u00fcber den Fall gen\u00fcgend aufgekl\u00e4rt hat, huscht nach seiner Gewohnheit durch die Stadt und, ehe ich die H\u00f6rmuschel aufgeh\u00e4ngt habe, ist er vielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99615 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-246x300.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch Franz Kafka Erz\u00e4hlung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16433\">Ein Hungerk\u00fcnstler<\/a>. 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