{"id":62288,"date":"2022-06-03T00:01:00","date_gmt":"2022-06-02T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62288"},"modified":"2022-06-03T05:14:42","modified_gmt":"2022-06-03T03:14:42","slug":"der-schlag-ans-hoftor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/03\/der-schlag-ans-hoftor\/","title":{"rendered":"Der Schlag ans Hoftor"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war im Sommer, ein hei\u00dfer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meiner Schwester an einem Hoftor vor\u00fcber. Ich wei\u00df nicht, schlug sie aus Mutwillen ans Tor oder aus Zerstreutheit oder drohte sie nur mit der Faust und schlug gar nicht. Hundert Schritte weiter an der nach links sich wendenden Landstra\u00dfe begann das Dorf. Wir kannten es nicht, aber gleich nach dem ersten Haus kamen Leute hervor und winkten uns, freundschaftlich oder warnend, selbst erschrocken, geb\u00fcckt vor Schrecken. Sie zeigten nach dem Hof, an dem wir vor\u00fcbergekommen waren, und erinnerten uns an den Schlag ans Tor. Die Hofbesitzer werden uns verklagen, gleich werde die Untersuchung beginnen. Ich war sehr ruhig und beruhigte auch meine Schwester. Sie hatte den Schlag wahrscheinlich gar nicht getan, und h\u00e4tte sie ihn getan, so wird deswegen nirgends auf der Welt ein Beweis gef\u00fchrt. Ich suchte das auch den Leuten um uns begreiflich zu machen, sie h\u00f6rten mich an, enthielten sich aber eines Urteils. Sp\u00e4ter sagten sie, nicht nur meine Schwester, auch ich als Bruder werde angeklagt werden. Ich nickte l\u00e4chelnd. Alle blickten wir zum Hofe zur\u00fcck, wie man eine ferne Rauchwolke beobachtet und auf die Flamme wartet. Und wirklich, bald sahen wir Reiter ins weit offene Hoftor einreiten. Staub erhob sich, verh\u00fcllte alles, nur die Spitzen der hohen Lanzen blinkten. Und kaum war die Truppe im Hof verschwunden, schien sie gleich die Pferde gewendet zu haben und war auf dem Wege zu uns. Ich dr\u00e4ngte meine Schwester fort, ich werde alles allein ins Reine bringen. Sie weigerte sich, mich allein zu lassen. Ich sagte, sie solle sich aber wenigstens umkleiden, um in einem besseren Kleid vor die Herren zu treten. Endlich folgte sie und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Schon waren die Reiter bei uns, noch von den Pferden herab fragten sie nach meiner Schwester. Sie ist augenblicklich nicht hier, wurde \u00e4ngstlich geantwortet, werde aber sp\u00e4ter kommen. Die Antwort wurde fast gleichg\u00fcltig aufgenommen; wichtig schien vor allem, da\u00df sie mich gefunden hatten. Es waren haupts\u00e4chlich zwei Herren, der Richter, ein junger, lebhafter Mann, und sein stiller Gehilfe, der A\u00dfmann genannt wurde. Ich wurde aufgefordert in die Bauernstube einzutreten. Langsam, den Kopf wiegend, an den Hosentr\u00e4gern r\u00fcckend, setzte ich mich unter den scharfen Blicken der Herren in Gang. Noch glaubte ich fast, ein Wort werde gen\u00fcgen, um mich, den St\u00e4dter, sogar noch unter Ehren, aus diesem Bauernvolk zu befreien. Aber als ich die Schwelle der Stube \u00fcberschritten hatte, sagte der Richter, der vorgesprungen war und mich schon erwartete: \u00bbDieser Mann tut mir leid.\u00ab Es war aber \u00fcber allem Zweifel, da\u00df er damit nicht meinen gegenw\u00e4rtigen Zustand meinte, sondern das, was mit mir geschehen w\u00fcrde. Die Stube sah einer Gef\u00e4ngniszelle \u00e4hnlicher als einer Bauernstube. Gro\u00dfe Steinfliesen, dunkel, ganz kahle Wand, irgendwo eingemauert ein eiserner Ring, in der Mitte etwas, das halb Pritsche, halb Operationstisch war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnte ich noch andere Luft schmecken als die des Gef\u00e4ngnisses? Das ist die gro\u00dfe Frage oder vielmehr, sie w\u00e4re es, wenn ich noch Aussicht auf Entlassung h\u00e4tte.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-99615 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Franz_Kafka-246x300.jpg\" alt=\"\" width=\"246\" height=\"300\" \/>KUNO hat ein Faible f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\">Trash<\/a>. Dem Begriff <em>Trash<\/em> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war im Sommer, ein hei\u00dfer Tag. Ich kam auf dem Nachhauseweg mit meiner Schwester an einem Hoftor vor\u00fcber. 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