{"id":62116,"date":"2022-01-02T00:01:00","date_gmt":"2022-01-01T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62116"},"modified":"2022-02-17T13:27:01","modified_gmt":"2022-02-17T12:27:01","slug":"erster-schritt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/02\/erster-schritt\/","title":{"rendered":"Erster Schritt"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Gionos L\u00e4cheln zu erwidern, fiel mir schwer. Er schaute, als er das Fenster \u00f6ffnete, hinab in die Tiefe des Mittagsschattens, seine Augen fanden mich, und als er in die Schw\u00e4rze seines Zimmers schr\u00e4g \u00fcber dem Eingang des kleinen Hotels zur\u00fccktrat, f\u00fchlte ich seine Augen unter meinem Sch\u00e4del. Sie schaufelten die Gegenwart weg, siebten den Sand meiner Gedanken. Eine Kraft zog mich hin\u00fcber auf die andere Stra\u00dfenseite. Ich las die zierlichen Schriftz\u00fcge in Orange auf der Elfenbein-Fassade: H\u00f4tel du Dragon, und indem ich die blau gestrichene T\u00fcr \u00f6ffnete, stolperte ich \u00fcber die Schwelle in den Flur der Rezeption und war f\u00fcr einige Augenblicke blind, bis ich den schimmernden Bildschirm auf dem dunkelbraunen Sekret\u00e4r erkannte, der den Zugang zur schmalen Treppe halb versperrte. Die oval gewundenen Stufen waren in einen dunklen Schacht hineingefaltet. Ich schlug auf die Glocke.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Portier schlug das Terminbuch auf: \u201eMonsieur Janus Rippe &#8230; chambre num\u00e9ro 1.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war allein unterwegs, wollte nur zwei Tage in Paris bleiben, um im Marmorboden der \u00c9glise Saint Sulpice die Messinglinie zu sehen, die von S\u00fcden nach Norden bis in die Spitze des Obelisken f\u00fchrt. Der <em>Gnomon Astronomicus ad certam Paschalis Aequinoctii Explorationem<\/em>, ein Bild der Zeit, war eine fixe Idee, die mich seit meiner Kindheit verfolgte. Mich interessierte die messbare und die unmessbare, die \u00e4u\u00dfere und innere Zeit, die Zeit der Physik und die Zeit der Seele, die der K\u00f6rper ma\u00df. Der Gnomon stand als konkretes Bild meiner Selbstkontrolle, meines Ichs. Diese individuelle Physik betrieb ich beim Lesen der Romane, wenn ich die pro Stunde gelesenen Seiten z\u00e4hlte oder wenn am Schluss des Buchs die beim Lesen erschaffene Zeit auf einmal abst\u00fcrzte und eine neue Zeit begann, die die alte Zeit war, die vorher galt, jetzt aber schon vergessen war, verblasst und unbewusst fremd geworden. Dann begann eine neue Zeit oder der Ausstieg aus der Zeit, indem ich einschlief. Aber die Zeit war auch jetzt nicht tot, nur gel\u00e4hmt, die Messung stand still, das Erleben der Takte und Intervalle schwieg, denn wenn der Stillstand in die Unendlichkeit f\u00e4llt, scheint sich die Zeit aufzuheben, als legte sie sich schlafen, um Kraft zu gewinnen f\u00fcr die Zeit nach der Unzeit. Daf\u00fcr rasten nun, w\u00e4hrend ich schlief, die Bilder, die erst in der Erinnerung an die Tr\u00e4ume ihre Zeit gewannen, eine Zeit neben der Zeit, oder auch eine Zeit in der Zeit, hineingeschachtelt in die Lichtlosigkeit. Ich dachte an die Serpentinentreppe im H\u00f4tel du Dragon.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verlie\u00df, nachdem ich meinen Koffer ausgepackt hatte, das Zimmer, stieg auf der dunklen Treppe hinunter ins Helle, legte meinen Schl\u00fcssel auf den Sekret\u00e4r, durchquerte den Flur und trat durch die ge\u00f6ffnete blaue Pforte auf die Rue du Dragon.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gionos L\u00e4cheln<\/strong>, ein Fortsetzungsroman von Ulrich Bergmann, KUNO 2022<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-62118\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6.jpeg 342w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-206x300.jpeg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-260x379.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/image-6-160x233.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vieles bleibt in <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine liebevoll sp\u00f6ttische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/10\/der-kleine-prinz-auf-seinem-ich-planeten\/\">Einf\u00fchrung<\/a> zu <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> von Holger Benkel. Er schreib auch zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Rezensionsessay<\/a>. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em> finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jean Gionos L\u00e4cheln zu erwidern, fiel mir schwer. 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