{"id":62095,"date":"2006-03-16T00:01:00","date_gmt":"2006-03-15T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62095"},"modified":"2021-09-28T15:32:14","modified_gmt":"2021-09-28T13:32:14","slug":"der-unterworfene-der-unterwerfen-soll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/16\/der-unterworfene-der-unterwerfen-soll\/","title":{"rendered":"Der Unterworfene, der unterwerfen soll"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder einzelne Mensch ist in die Zeit und die Welt geworfen. In ein Da-Sein genauso wie in ein So-Sein. In ein komplexes Geflecht aus kulturellen Bedingungen, gesellschaftlichen, religi\u00f6sen, ethischen Normen, in einen vorgefundenen Platz, in einen je individuellen M\u00f6glichkeitsrahmen: in eine ihm zugeh\u00f6rige, spezifische Variante der vorfindlichen Lebenswelt, die ihrerseits eingebunden ist in ein weltumspannendes Geflecht unz\u00e4hliger Lebenswelten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sei das nicht genug sind all diese Lebenswelten und, in uns, alle lebensweltliche Individuationen nie konstant, sondern immer fluid. Sie \u00e4ndern sich best\u00e4ndig, nie gleichzeitig in gleicher Weise, sondern immer und \u00fcberall asynchron und bei jedem Einzelnen anders. Und sei es auch nur zart nuanciert. Zudem \u00e4ndern sich die Auspr\u00e4gungen der Lebenswelten laufend in jeder Zeitachse, sowohl in der diachronen als auch der synchronen. Und auch hier wieder, heruntergebrochen auf jeden Einzelnen, nie konstant, nie in gleicher Weise, ja: gegebenenfalls sogar von Tag zu Tag anders, abh\u00e4ngig von jedem Ereignis oder individueller physischer und psychischer Tagesverfassung, vom spezifischen Kontext oder sozialen Umfeld.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So gesehen ist der Einzelne de facto dem Sein, der Zeit, der Welt, seinen intersubjektiven Verh\u00e4ltnissen und Konstellationen et all. \u201eunterworfen\u201c, lat. <em>subicere<\/em>. Insofern ist er \u201eSubjekt\u201c \u2013 aber nicht <em>das<\/em> Subjekt<sup>1<\/sup>, das er seit Descartes meint zu sein und das bereits in Gottes Auftrag an uns, uns die Welt untertan zu machen, sie also mithin zu unterwerfen, angelegt war. Dieses \u201eSubjekt-Sein\u201c wird durch die harten Fakten der Realit\u00e4t ins Gegenteil verkehrt: Ich bin als Mensch immer schon der Welt \u201eunterworfen\u201c. Bin also <em>nie freivon<\/em> ihrer Abh\u00e4ngigkeit und als Unterworfener, als \u201eSubjekt\u201c, auch <em>nie freiin<\/em> meinen Handlungen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\"><br \/><em>Wie kann ich nun als dieses \u201eSubjekt\u201c, als Geworfener, Unterworfener, gleichzeitig \u201eSubjekt\u201c sein, Unterwerfender, Entwerfender, Gestaltender?<\/em><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2006<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>1<\/sup>Die Dinge stellen sich oftmals ganz anders dar, als sie uns heute erscheinen: F\u00fcr den bedeutenden mittelalterlichen Nominalisten William of Ockham war das \u201aSein der Dinge\u2019, unserer Objekte, <em>esse subiectivum<\/em>. Und das \u201aSein der Gedanken im Geiste\u2019, im Subjekt, <em>esse obiectivum<\/em>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jeder einzelne Mensch ist in die Zeit und die Welt geworfen. In ein Da-Sein genauso wie in ein So-Sein. 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