{"id":62088,"date":"2008-12-30T00:01:00","date_gmt":"2008-12-29T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62088"},"modified":"2021-10-17T17:45:47","modified_gmt":"2021-10-17T15:45:47","slug":"die-crux-mit-der-unumkehrbarkeit-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/12\/30\/die-crux-mit-der-unumkehrbarkeit-der-zeit\/","title":{"rendered":"Die Crux mit der Unumkehrbarkeit der Zeit"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Erkenntnis ist sp\u00e4testens seit Heraklit ein alter Hut. Aber selbst alte H\u00fcte k\u00f6nnen ja durchaus, wenn man sie denn bei passender Gelegenheit erneut in den Ring wirft, f\u00fcr einen \u00fcberraschenden Erkenntnisgewinn sorgen. So auch bei diesem schon tausendmal geh\u00f6rten, recht abgedroschen klingenden Aphorismus, der sich, \u00e4hnlich wie \u201a<em>Carpe diem<\/em>\u2019, \u201a<em>Gnothi sauton\u2019<\/em> und andere antike Weisheiten, seit Jahr und Tag gr\u00f6\u00dfter Beliebtheit auf den diversen Kalenderbl\u00e4ttchen insbesondere geistlicher Provenienz erfreut. <br \/>Die \u201a<em>Zeit\u2019<\/em> ist eine solche Gelegenheit. Sie gab es nicht immer schon, sondern wurde erst im Urknall mit dem Raum konstituiert. In einer f\u00fcr uns unvorstellbaren, \u00fcberlichtschnellen kosmischen Inflation aus der Singularit\u00e4t heraus. Dem einen Punkt als Ausgangspunkt von allem. Seit diesem Moment ist erst Zeit: als ewiges Kontinuum. <em>Panta rhei<\/em>. Alles flie\u00dft. Wie eben auch die Zeit. Und zwar in eine Richtung. Eindeutig, unerbittlich, unumkehrbar, unwiederholbar.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nun wie ein rein theoretisches Gedankenspiel eines mittelklassigen philosophischen Exerzitiums anmutet, entpuppt sich bei n\u00e4herer Betrachtung der Konsequenzen, die sich aus dieser Faktenlage ergeben, als heikle Erkenntnis. Sch\u00fcrt sie doch Zweifel an der G\u00fcltigkeit einer der hehrsten Maximen der positiven Wissenschaft par excellence \u2013 der Naturwissenschaft: die der Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Aussagen, Analysen, Messungen und Experimente.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur dann, wenn ein Ergebnis auch reproduzierbar ist, wenn also ein Experiment unter <em>exakt<\/em> den gleichen Bedingungen wiederholt werden kann, kann es Glaubw\u00fcrdigkeit erlangen. Und im Idealfall auch G\u00fcltigkeit. Wird nun aber die Zeit als <em>unumkehrbar<\/em> definiert, ist es a priori ausgeschlossen, dass sich \u201a<em>Zeit\u2019<\/em> wiederholen l\u00e4sst. Mithin ist es, da sie ja nun mal eine der wesentlichen, wenn nicht sogar <em>die<\/em> Grundanforderung schlechthin darstellt, logisch ausgeschlossen, dass sich ein Experiment unter den <em>exakt<\/em> gleichen Bedingungen wiederholen l\u00e4sst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber soll ein wissenschaftliches Ergebnis G\u00fcltigkeit erlangen, wenn ihre Grundanforderung <em>prinzipiell<\/em> nicht erf\u00fcllbar ist?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit solchen profanen Fragen h\u00e4lt sich die exakte Naturwissenschaft nicht gerne und schon gar gro\u00df auf. Sie ignoriert nach besten Wissen und Gewissen ihre eigenen Pr\u00e4missen. Ignoriert das Wesen der Zeit. Und erkl\u00e4rt ihre Ergebnisse mit gro\u00dfem Ballyhoo f\u00fcr g\u00fcltig. Was juckt einen da schon solch eine l\u00e4ssliche logische Ungereimtheit, wenn doch Plausibilit\u00e4t und Praktikabilit\u00e4t der ungez\u00e4hlten atemberaubenden wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 120 Jahre v\u00f6llig au\u00dfer Frage stehen?\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gar nicht \u2013 ja: muss es auch nicht. Vorausgesetzt, die Wissenschaft ist sich dieser, und damit ihrer eigenen, grunds\u00e4tzlichen und niemals aufzul\u00f6senden Beschr\u00e4nktheit in jedem Moment ihrer Forschung dem\u00fctig bewusst. Und w\u00e4hnt sich deshalb bestenfalls von Zeit zu Zeit im Besitz einer relativen, nie aber einer ewigen, endg\u00fcltigen, absoluten Wahrheit. Eine Einsicht, die \u00fcbrigens auch den immer zahlreicher werdenden Vertretern der diversen radikalkonservativen, reaktion\u00e4ren und autorit\u00e4ren Str\u00f6mungen, sei es politischer, religi\u00f6ser oder esoterischer Couleur, die derzeit weltweit ihr Unwesen treiben, gut zu Gesicht stehen w\u00fcrde.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Andererseits k\u00f6nnen letztere aber etwas, was Naturwissenschaftlern verwehrt bleibt: Sie k\u00f6nnen die Zeit umkehren&#8230;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2008<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Diese Erkenntnis ist sp\u00e4testens seit Heraklit ein alter Hut. 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