{"id":62086,"date":"2008-04-16T00:01:00","date_gmt":"2008-04-15T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62086"},"modified":"2021-10-08T15:11:32","modified_gmt":"2021-10-08T13:11:32","slug":"fluechtige-gedanken-ueber-befremdliche-denkstrukturen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/04\/16\/fluechtige-gedanken-ueber-befremdliche-denkstrukturen\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtige Gedanken \u00fcber befremdliche Denkstrukturen"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn eine M\u00fclltonne voll ist, ist sie voll. Und wenn sie voll ist, geht nichts mehr rein.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Denkste, denkt sich so mancher, der eine solche M\u00fclltonne bef\u00fcllt. Die M\u00fclltonne ist genau dann voll, wenn der jeweils Bef\u00fcllende das sagt. Und voll ist eine Tonne ganz sicher nicht, wenn der Deckel nicht mehr geschlossen werden kann. Das w\u00e4re ja eine v\u00f6llig spie\u00dfige, erzkonservative, ja nachgerade reaktion\u00e4re Interpretation des Vollseins. Schlie\u00dflich kann eine Tonne doch bis in H\u00f6he der Breite eines ge\u00f6ffneten Deckels gestapelt werden. Mindestens. Falls der Bef\u00fcllende einiges an statischem Geschick und dazu noch reichlich Routine mitbringt, dann l\u00e4sst sich von ihm sicher auch seitlich einiges als Ausleger unterbringen. Wenn man nur lange genug \u00fcbt, kann man es da \u00fcbrigens zu einer wahren Meisterschaft bringen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Voll soll eine M\u00fclltonne erst sein, wenn selbst die letzte architektonische Finte bei der Bef\u00fcllung vollends ausgereizt ist? Mitnichten! Wer da schon die Flinte ins Korn wirft, entpuppt sich letztlich nur als l\u00e4ppischer Warmduscher, Parkhausblinker, M\u00fcllwiedermitinshausbringer. Schlie\u00dflich erschlie\u00dft der Winkel zwischen dem ge\u00f6ffneten Deckel und, zum Beispiel, einer Hauswand dem Bef\u00fcllenden einen geradezu perfekten Raum zum stabilen Stapeln. Ideal geeignet f\u00fcr Styropor. Nur so als kleiner Tipp.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Voll ist die M\u00fclltonne definitiv auch nicht, wenn der Bef\u00fcllende eine M\u00fcllt\u00fcte in der Hand hat. Denn M\u00fcllt\u00fcten haben nun mal die ganz wundersame, ihnen offenbar innewohnende Eigenschaft, dass, sollten sie sich an die M\u00fclltonne schmiegen, sie schon in ihr stecken. Auch wenn das einige v\u00f6llig humorlose M\u00fcllwerker manchmal ganz anders sehen. Und sie dann dumm `rum stehen lassen. Aber zum Gl\u00fcck gibt es da ja putzig-pelzige Untermieter, die sich an ihrem Inhalt g\u00fctlich tun. Oder den Wind. Oder bl\u00f6de Mitmieter, die volle M\u00fcllt\u00fcten in geleerte M\u00fclltonnen stecken. Albern so was, das kann schlie\u00dflich jedes Kind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt: Was hei\u00dft schon \u201evoll\u201c? Ist eine M\u00fclltonne voll, wenn Kartons nicht schn\u00f6de gefaltet, sondern fein s\u00e4uberlich als ganzes in eine M\u00fclltonne verfrachtet werden? Nein, dann ist die Tonne nicht voll. Auch wenn nichts mehr rein passt. Schlie\u00dflich ist ja kaum was drin. Also ist diese Tonne dann eigentlich leer. Oder nicht?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Allerfaszinierendste an M\u00fclltonnen ist \u00fcbrigens ihr integrierter Autopilot. Nach erfolgter Entleerung durch die M\u00fcllwerker setzen sie sich, ganz offensichtlich selbstt\u00e4tig, in Bewegung und rollen wie von Geisterhand gef\u00fchrt wieder an ihren jeweiligen Bef\u00fcllungsort zur\u00fcck. Oder haben Sie jemals jemanden gesehen, der da Hand angelegt hat? Sehen Sie.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollten Sie diese kleine Parabel recht putzig finden, so machen Sie sich doch einfach mal den Spa\u00df und stellen sich folgende Frage:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie verhalten sich wohl Menschen, die mit einer solchen Denkstruktur ausgestattet sind, in vergleichbaren Situationen? Die Frage ist deshalb nicht ganz uninteressant, weil Strukturen nun mal die dumme Angewohnheit haben, n\u00fcchterne Blaupausen zu sein, die es nicht die Bohne interessiert, mit welchem Inhalt sie bef\u00fcllt werden. Um hier mal im Bild zu bleiben. Solche Strukturen sind grundlegende Muster, die in der Regel spontan, unreflektiert und intuitiv, ungeachtet sonstiger Bewertungen, Beurteilungen und Einstellungen, zum Einsatz kommen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es steht nun zu bef\u00fcrchten, dass sich diese Menschen in analogen Situationen analog verhalten werden. Und sich dabei dem Hinweis g\u00e4nzlich unzug\u00e4nglich erweisen, dass ihr Verhalten vielleicht nicht so ganz den Voraussetzungen eines gedeihlichen sozialen Miteinanders entspricht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gute Herr Kant hat f\u00fcr diese F\u00e4lle dereinst ein f\u00fcr alle vernunftbegabte Wesen g\u00fcltiges ethisches Gebot definiert, mit dem es jedem Menschen eigentlich recht einfach m\u00f6glich sein sollte zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob das, was er da gerade tut, nicht nur seiner eigenen selbstherrlichen Junkerattit\u00fcde entspricht, sondern, nach dem grundlegenden Prinzip der Reziprozit\u00e4t, das Recht <em>aller<\/em> betroffenen Menschen ber\u00fccksichtigt. Kurz und knapp hat Herr K. diese Geschichte weiland als Kategorischen Imperativ betitelt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e<em>Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.<\/em>\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das aber schon nicht im Kleinen, Allt\u00e4glichen, Marginalen klappt \u2013 was l\u00e4sst sich dann bei den gro\u00dfen Dingen realistischer Weise erwarten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2008<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wenn eine M\u00fclltonne voll ist, ist sie voll. Und wenn sie voll ist, geht nichts mehr rein. Denkste, denkt sich so mancher, der eine solche M\u00fclltonne bef\u00fcllt. Die M\u00fclltonne ist genau dann voll, wenn der jeweils Bef\u00fcllende das sagt.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/04\/16\/fluechtige-gedanken-ueber-befremdliche-denkstrukturen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":53665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-62086","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62086"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62086\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}