{"id":62081,"date":"2003-04-20T00:01:35","date_gmt":"2003-04-19T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62081"},"modified":"2023-03-22T05:22:22","modified_gmt":"2023-03-22T04:22:22","slug":"geschichten-aus-tausendundeinem-reich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/20\/geschichten-aus-tausendundeinem-reich\/","title":{"rendered":"Geschichten aus Tausendundeinem Reich"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schahrasad stand ein j\u00e4mmerliches Ende bevor. Ihr Herr, K\u00f6nig Schahriyar, sah sich von allen Frauen sch\u00e4ndlich hintergangen, belogen und betrogen. Hinter dem R\u00fccken ihrer Gebieter spannen sie ihre lustvollen F\u00e4den und teilten heimlich das Bett mit ihren Geliebten, um sich ihnen mit Wonne hinzugeben. Der K\u00f6nig, um nicht auch so gedem\u00fctigt zu werden, besann sich einer besonders perfiden Art der Vorsicht: Alle M\u00e4dchen, die ihm des Nachts zugef\u00fchrt wurden, lie\u00df er nach vollzogenem Beischlaf am n\u00e4chsten Morgen t\u00f6ten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Schicksal sollte auch Schahrasads Schicksal werden. Um ihm zu entgehen, wandte sie eine List an: Sie verzauberte den grausamen K\u00f6nig allabendlich mit ihren k\u00f6stlichen Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, die ihn bannten bis der n\u00e4chste Morgen graute. So sehr, dass er sich nichts sehnlicher w\u00fcnschte als dass Schahrasad am folgenden Abend mit ihren Erz\u00e4hlungen fortfahren m\u00f6ge \u2013 und sie deshalb einstweilen verschonte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in der 999. und 1000. Nacht erz\u00e4hlte Schahrasad ihrem K\u00f6nig Geschichten, denen er wie bet\u00e4ubt lauschte. Doch dieses Mal waren es nicht einfach \u201e<em>Sprichw\u00f6rter, Fabeln, Anekdoten, Geschichten und Witze, wahre Begebenheiten, Nachrichten aus den Chroniken und \u00dcberlieferungen zur Geschichte vergangener Zeiten, Kassiden und Gedichte<\/em>\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein. Dieses Mal war es seine eigene Geschichte. Ein Spiegel, den sie ihm vorhielt, um ihn zur Einsicht zu bringen und zur Umkehr zu bewegen. Und K\u00f6nig Schahriyar hatte den Verstand und auch die Gr\u00f6\u00dfe, das zu erkennen, hernach sein Leben zu \u00e4ndern und das Leben anderer zu schonen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchenhaft, eine solche Wendung und Wandlung. Doch wer glaubt heute noch an M\u00e4rchen? Man sollte sich sowieso keine M\u00e4rchen mehr erz\u00e4hlen lassen. Sondern die Fakten, nichts als die Fakten sprechen lassen. Und \u201e<em>Mein Kampf<\/em>\u201c lesen:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Adolf Hitler hat darin in entwaffnender Ehrlichkeit und schonungsloser Offenheit zum Ausdruck gebracht, was er von der Masse seiner arischen Herrenrasse hielt \u2013 <em>nichts<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u201e<em>in seiner \u00fcberwiegenden Mehrheit so feminin<\/em>\u201c veranlagte Arier, sein ganzes Denken und Handeln wird, so Hitler, durch die \u201e<em>Primitivit\u00e4t der Empfindung<\/em>\u201c bestimmt. Dabei ist \u201e<em>die Aufnahmef\u00e4higkeit der gro\u00dfen Masse &#8230; nur sehr beschr\u00e4nkt, das Verst\u00e4ndnis klein, daf\u00fcr aber die Vergesslichkeit gro\u00df<\/em>\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem tumben Arier muss ein apokalyptisches Schreckensszenario gezeichnet werden, das in ihm diffuse \u00c4ngste ausl\u00f6st. Diese m\u00fcssen propagandistisch in eine \u201e<em>grunds\u00e4tzlich subjektiv einseitige Stellungnahme<\/em>\u201c m\u00fcnden, welche nicht \u201e<em>objektiv auch die Wahrheit &#8230; zu erforschen (hat), um sie dann der Masse in doktrin\u00e4rer Aufrichtigkeit vorzusetzen<\/em>\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<em> \u201avolkst\u00fcmliche\u2019 <\/em>Rhetorik hat<em> \u201eihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmef\u00e4higkeit des Beschr\u00e4nktesten\u201c <\/em>unter den Ariern.<em> \u201eDamit wird ihre rein geistige H\u00f6he um so tiefer zu stellen sein, je gr\u00f6\u00dfer die zu erfassende Masse der Menschen sein soll.<\/em>\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u201e<em>feminin<\/em>\u201c konstituierten, geistig limitierten und am typisch deutschen \u201e<em>Objektivit\u00e4tsfimmel<\/em>\u201c leidenden Herrenmasse muss mit \u201e<em>einer tausendfachen Wiederholung einfachster Begriffe<\/em>\u201c der ewig gleiche Inhalt eingebl\u00e4ut werden. Solange, bis sie keine andere Wahrheit mehr kennt als die \u201a<em>eigene\u2019<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sei sie auch eine L\u00fcge.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein M\u00e4rchen. Kein Witz. Sondern O-Ton.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es steht jedoch zu bef\u00fcrchten, dass die Moral von der Geschicht\u2019 die nicht erkennen, die es betrifft. Und es mit ihnen kein solch gl\u00fcckliches Ende nehmen wird. Diese Unverbesserlichen halten es dann wohl eher mit betagtem Herrn Palmstr\u00f6m aus Christian Morgensterns Gedicht \u201e<em>Die unm\u00f6gliche Tatsache<\/em>\u201c:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eingeh\u00fcllt in feuchte T\u00fccher \/ pr\u00fcft er die Gesetzesb\u00fccher \/ und ist alsobald im klaren: \/ Wagen durften dort nicht fahren! \/ Und er kommt zu dem Ergebnis: \/ \u201eNur ein Traum war das Erlebnis, \/ Weil\u201c, so schlie\u00dft er messerscharf, \/ \u201enicht sein kann, was nicht sein darf.\u201c<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2003<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Schahrasad stand ein j\u00e4mmerliches Ende bevor. 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