{"id":62080,"date":"2003-10-29T00:01:00","date_gmt":"2003-10-28T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62080"},"modified":"2023-03-23T15:18:29","modified_gmt":"2023-03-23T14:18:29","slug":"warum-der-markt-keine-gesetze-hat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/29\/warum-der-markt-keine-gesetze-hat\/","title":{"rendered":"Warum der Markt keine Gesetze hat"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Markt<em>gesetz<\/em>. Das klingt so beruhigend. Denn was sich rational in einem Gesetz fassen l\u00e4sst, verliert mit einem Mal seinen irrationalen Schrecken: Kennt man erst mal das Gesetz, wird jede \u00f6konomische Bedrohung zu n\u00fcchternen Werten einer abstrakten Formel verharmlost.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Marktgesetz kleidet sich besonders gerne als mathematisches Gesetz. Und suggeriert, dass das menschliche Handeln in seinen Abl\u00e4ufen beschreibbar, wiederholbar und damit auch vorhersehbar ist. Wie eine <em>a priori<\/em> bestehende, ewig und unwiderruflich g\u00fcltige Regel, nach der Markt und Mensch funktioniert und die nur darauf wartet, von einem \u00fcberragenden menschlichen Geist formuliert zu werden. Im Zweifelsfalle von einem Spieltheoretiker, dem Physiker unter den Wirtschaftswissenschaftlern.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dumm nur, dass sich diese notorisch aufs\u00e4ssigen Spielfiguren einfach nicht einem solch ehernen Gesetz unterwerfen wollen. Sie k\u00f6nnen doch partout nicht von ihrer kindischen Neigung zu spontanem, emotionalem und unlogischem Verhalten lassen. Spieltheoretiker empfinden das schon fast als gottesl\u00e4sterliche Zumutung, wenn diese st\u00f6rrischen Esel sich einfach nicht so verhalten wollen, wie die mit unendlicher M\u00fchsal eruierten Gesetze es ihnen vorschreiben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie w\u00fcrden dem am liebsten ein f\u00fcr alle Mal einen Riegel vorschieben. Es kann schlie\u00dflich nicht sein, was nicht sein darf. Frank Schirrmacher hat auf die Gefahrenlage dieser vorherrschenden Denkstruktur der \u00d6konomen in seinem \u00e4u\u00dferst anregenden Buch \u201e<em>Ego. Das Spiel des Lebens<\/em>\u201c eindr\u00fccklich aufmerksam gemacht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei mathematischen und physikalischen Gesetzen er\u00fcbrigt sich die Frage nach Verantwortlichkeiten. Gesetze dieser Art kennen keine Verantwortung, sie laufen mit zwingender Notwendigkeit so und nicht anders ab. Die Beteiligten k\u00f6nnen in diesem Gedankenkonstrukt gar nicht anders, als sich naturgesetzlich zu verhalten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn a, dann b. Es ist die profanierte Form der Schicksalsergebenheit. Alles ist vor-bestimmt, alle Abl\u00e4ufe sind fatalistisch festgelegt. Der freie Wille hat hier abgedankt, der individuelle, selbstbestimmte Handlungsspielraum ist gleich null.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So sieht\u2019s dann aus: Keiner ist verantwortlich, niemanden trifft eine Schuld. Also muss sich auch niemand einer Schuld bewusst sein. Alle k\u00f6nnen sich wunderbar plausibel hinter solchen Gesetzen verstecken. K\u00f6nnen sich die H\u00e4nde reiben und sie in Unschuld waschen. Und sich glaubhaft entr\u00fcstet zeigen, sollte jemand doch einmal mit Fingern auf sie zeigen: <em>Das ist doch nicht meine Schuld! <\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich will sich die Wirtschaftswissenschaft als mathematisch-physikalische Paradedisziplin etablieren, fernab von den unvorhersehbaren Widrigkeiten des schn\u00f6den Lebens. So deckt sie ihr M\u00e4ntelchen des Schweigens \u00fcber Max Weber, der in seinem fundamentalen Hauptwerk<em> \u201eWirtschaft und Gesellschaft\u201c schrieb:<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eIdealtypische Konstruktionen sind z.B. die von der reinen Theorie der Volkswirtschaftslehre aufgestellten Begriffe und \u201aGesetze\u2019. Sie stellen dar, wie ein bestimmt geartetes, menschliches Handeln ablaufen w\u00fcrde, wenn es streng zweckrational, durch Irrtum und Affekte ungest\u00f6rt, und wenn es ferner ganz eindeutig nur an einem Zweck (Wirtschaft) orientiert w\u00e4re. Das reale Handel verl\u00e4uft nur in seltenen F\u00e4llen (B\u00f6rse) und auch dann nur ann\u00e4herungsweise so, wie im Idealtypus konstruiert.\u201c<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solch idealtypische Betrachtung hat allein einen<em> \u201emethodischen Zweckm\u00e4\u00dfigkeitsgrund\u201c. <\/em>Diese Art der Betrachtung darf, und das betont Weber ausdr\u00fccklich, <em>\u201enur als methodisches Mittel verstanden und also nicht etwa zu dem Glauben an die tats\u00e4chliche Vorherrschaft des Rationalen \u00fcber das Leben umgedeutet werden\u201c.<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer also bei diesen zweckrationalen, idealtypischen \u201e<em>Begriffen und \u201aGesetzen\u2019 <\/em>\u201c ihren rein auf methodische Zweckm\u00e4\u00dfigkeit beschr\u00e4nkten Gebrauch au\u00dfer Acht l\u00e4sst und uns dabei auch noch glauben machen m\u00f6chte, als w\u00fcrden diese eben jene Realit\u00e4t abbilden, die wir der einfacheren Verst\u00e4ndigung halber gemeinhin \u201a<em>Markt\u2019<\/em> nennen, verkennt entweder g\u00e4nzlich die Natur der Sache.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder aber er tut das bewusst, intentional und damit zielgerichtet. Was notgedrungen die Frage nach Absicht und Ziel aufwirft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2003<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Marktgesetz. Das klingt so beruhigend. 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