{"id":62073,"date":"2020-10-16T00:01:00","date_gmt":"2020-10-15T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62073"},"modified":"2021-04-02T10:54:18","modified_gmt":"2021-04-02T08:54:18","slug":"wenn-die-kuehe-goetter-haetten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/16\/wenn-die-kuehe-goetter-haetten\/","title":{"rendered":"Wenn die K\u00fche G\u00f6tter h\u00e4tten"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thales, Parmenides, Heraklit, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles. Diese Namen aus dem Pantheon der griechischen Philosophie sind wohl jedem beflissenen Bildungsb\u00fcrger gel\u00e4ufig. Aber der Vorsokratiker Xenophanes? Wenn sein Name f\u00e4llt, zucken die meisten nur ratlos mit den Schultern. Eigentlich verwunderlich, war dieser Philosoph aus dem kleinasiatischen Kolophon doch einer der originellsten, innovativsten und in mancherlei Hinsicht auch radikalsten Denker des Altertums. Ein ganz eigener Kopf, der sich kaum um Traditionen und \u00fcberkommene Lehrmeinungen scherte, ein \u201eSturmvogel der Aufkl\u00e4rung\u201c, wie ihn Wilhelm Capelle nannte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Wissen, so Xenophanes um 500 v. Chr., sei doch nichts weiter als reine Vermutung und Meinung. Eine Wahrheit verm\u00f6gen wir nicht zu erkennen, wir k\u00f6nnen uns ihr bestenfalls ann\u00e4hern. Diese skeptische Haltung machte auch vor dem olympischen G\u00f6tterhimmel nicht halt: Xenophanes zweifelte nicht allein daran, dass wir je etwas Gesichertes \u00fcber die G\u00f6tter werden erfahren k\u00f6nnen, er stellte auch gleich den gesamten anthropomorphen Polytheismus des alten Hellas in Frage. Geradezu g\u00f6tterl\u00e4sterlich gelangte er so zu einer zu seiner Zeit bemerkenswert agnostischen Position:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das All als Ganzes ist eins, ewig, nicht entstanden und unver\u00e4nderlich, ganz \u201emit der Gesamtheit der Dinge verwachsen\u201c. Und weiter: \u201eWenn aber die Gottheit das M\u00e4chtigste von allem ist, dann kann sie nur eine einzige sein\u201c. Das All-Eine als die eine allumfassende Gottheit, die ganz Geist ist: \u201eganz sieht er, ganz denkt er, ganz h\u00f6rt er\u201c. Philosophiert Xenophanes hier noch auf einer theologisch-theoretischen Ebene, die einen fast schon an die scholastischen \u201aDisputationes\u2019 um das Wesen Gottes erinnern, so wendet er sich im n\u00e4chsten Moment ganz lebenspraktisch unserer naiven Beschr\u00e4nktheit zu, mit der wir unreflektiert den Topos vom personalisierten Gott in die Welt gesetzt haben, der das Weltbild ganzer Zeitalter, Zivilisationen und Religionsgemeinschaften mit pr\u00e4gte. Und pulverisiert ihn mit fast schon satirischem Spott:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201e<em>Die \u00c4thiopen stellen sich ihre G\u00f6tter schwarz und stumpfnasig vor, die Thraker dagegen blau\u00e4ugig und rothaarig<\/em>\u201c.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das, was damals f\u00fcr die Griechen galt, gilt in gleicher Weise auch heute noch f\u00fcr uns. Unser Bild von Gott ist von unserem Bild vom Menschen gepr\u00e4gt. Da sind wir ganz einfach strukturiert. Wir haben die unheilige Neigung, nicht zu abstrahieren, die Dinge nicht aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, uns nicht in andere hineinzuversetzen. Nur zu gerne gehen wir von uns aus, sehen die Welt nur mit unseren Augen. Ganz generell, bis hinein in die profansten Dinge unseres Alltags. Menschlich zwar, aber doch recht beschr\u00e4nkt. Und keine gute Voraussetzung f\u00fcr ein gedeihliches Zusammenleben. Wie wir es gerade ganz aktuell mal wieder erleben d\u00fcrfen. F\u00fcr die meisten Menschen gibt es nur eine g\u00fcltige Sichtweise der Dinge: die eigene. Die eigene Wahrheit als die einzige Wahrheit. Dumm nur, dass sie nat\u00fcrlich jeder f\u00fcr sich reklamiert. Damit hat man dann einen ganzen Sack voll konkurrierender Wahrheiten mit Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit. Das kann nicht gut gehen. Gerade, wenn es um religi\u00f6sen Fanatismus oder heilsgewisse Alleinvertretungsanspr\u00fcche jedweder Couleur geht. <br \/>An diesem Punkt wird es bei Xenophanes, gerade im Hinblick auf die heutigen Ereignisse, noch einmal so richtig spannend. Denn er gibt nicht allein unsere eingeschr\u00e4nkte, monoperspektivische Weltsicht der L\u00e4cherlichkeit preis. Nein, er geht einen entscheidenden Schritt weiter \u2013 er gibt <em>jede<\/em> religi\u00f6se anthropozentrische Weltsicht der L\u00e4cherlichkeit preis:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201e<em>Wenn K\u00fche, Pferde oder L\u00f6wen H\u00e4nde h\u00e4tten und damit malen und Werke wie die Menschen schaffen k\u00f6nnten, dann w\u00fcrden die Pferde pferde-, die K\u00fche kuh\u00e4hnliche G\u00f6tterbilder malen und solche Gestalten schaffen, wie sie selber sind<\/em>\u201c.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist nichts weniger als der endg\u00fcltige Abschied vom personalisierten Gott. Und damit fast so etwas wie die Kopernikanische Wende in der Theologie. Aber wer so an dem Gott zweifelt, den er vor Augen hat, muss nicht verzweifeln. Ganz im Gegenteil. Denn in diesem Moment des gr\u00f6\u00dften Zweifels hat er doch eine unbezweifelbare Gewissheit: <em>Dubito ergo sum<\/em>, ich zweifle, also bin ich. So Rene Descartes, der Gro\u00dfmeister der Aufkl\u00e4rung. Der <em>Zweifel<\/em> konstituiert die <em>Gewissheit<\/em>, dass ich bin: Diese Einsicht l\u00e4sst einen dem\u00fctig werden. Und diese Demut impr\u00e4gniert zwar nicht vollends, aber sie bietet zumindest einen gewissen Schutz vor der selbstgef\u00e4lligen Arroganz eines jedes Wahrheitsanspruchs. Insbesondere des eigenen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Thales, Parmenides, Heraklit, Demokrit, Sokrates, Platon, Aristoteles. Diese Namen aus dem Pantheon der griechischen Philosophie sind wohl jedem beflissenen Bildungsb\u00fcrger gel\u00e4ufig. Aber der Vorsokratiker Xenophanes? Wenn sein Name f\u00e4llt, zucken die meisten nur ratlos mit den Schultern. 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