{"id":62069,"date":"2016-03-30T00:01:00","date_gmt":"2016-03-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62069"},"modified":"2021-01-16T13:34:17","modified_gmt":"2021-01-16T12:34:17","slug":"eine-sokratische-anregung-nachoesterliche-gedanken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/03\/30\/eine-sokratische-anregung-nachoesterliche-gedanken\/","title":{"rendered":"Eine sokratische Anregung: nach\u00f6sterliche Gedanken"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Anfang war der Big Bang? Nicht ganz. Denn auch der Big Bang fing mal klein an \u2013 als Singularit\u00e4t. So bezeichnet man den Ausgangspunkt von allem, den absoluten, also von allem losgel\u00f6sten Nullpunkt unseres Seins. Er ist ohne jede Dimension. Aber dabei nicht Nichts. Sondern Alles. Schlie\u00dflich konzentriert sich hier all das, was im All ist. Allerdings noch ohne Raum und Zeit: Beides ist eins, zwei Seiten einer Medaille und Resultat der kosmischen Initialz\u00fcndung, der Inflation vulgo Urknall. Insofern ist jede Frage nach der Genese der Singularit\u00e4t obsolet, denn sie impliziert eine zeitliche Dimension, ein Vorher, eine Konstitution von Allem in eben dieser nicht dimensionalen Singularit\u00e4t. Obsolet schon deshalb, weil logisch unm\u00f6glich. Oder zumindest: f\u00fcr uns undenkbar. <br \/>Wie gesagt: Erst in der Inflation, der \u00fcberlichtschnellen Expansion im Urknall, wurde Raum und eben auch Zeit geboren. Vor der Zeit gab es keine Zeit. Und damit auch kein \u201aVorher\u2019. Aber dennoch stellt sich uns doch arg beschr\u00e4nkten Wesen die kindlich-naive Frage: Woher kommt blo\u00df diese Singularit\u00e4t? Wie und durch was oder wen wurde sie erschaffen? Creatio ex nihilo, erschaffen aus dem Nichts? Die Wiederkehr des ewig Gleichen, ein unergr\u00fcndlicher Kreislauf von Singularit\u00e4t, Inflation, kosmischer Expansion, Implosion und maximale Reduktion in einem Schwarzen Loch unbeschreiblichen Ausma\u00dfes \u2013 eben der Singularit\u00e4t? Ein infiniter Regress, eine Reductio ad absurdum? <br \/>Oder ist die Singularit\u00e4t vielleicht doch kraft einer g\u00f6ttlichen Instanz? War es ein g\u00f6ttlicher Wille, ja Gott selber, der in einem imperativen, deklamatorischen Akt der Finsternis ein Ende setzte: \u201a<em>Es werde Licht!\u2019<\/em> ? Eine erhebende, geradezu erhabene Vorstellung, insbesondere zu Ostern. Da, wo das Wissen endet, beginnt der Glaube. Aber wie\u2019s der Teufel so will, nimmt er just in diesem Moment Gestalt als Descartes an. Und n\u00e4hrt den Zweifel: Am Anfang war das <em>Wort<\/em>? <br \/>Das Wort: der Logos. Rede. Erz\u00e4hlung. Behauptung. Gott selbst. Gottes Wort. Sein ewiges Denken. Weltgeist. Christus. Lehre. Vernunftprinzip. Ja: die Vernunft als solche. Das finale Ende der \u00d6dnis durch Gottes linguistic turn. Die Sch\u00f6pfung: ein Sprechakt? Die Singularit\u00e4t als das Wort Gottes, der Logos als archimedischer Punkt: Gib mir einen Punkt, wo ich sicher stehen kann, und ich erschaffe die Welt. <br \/>So etwas vermag nur Gott. Oder ein Gott. Aber kein Mensch, auch kein Archimedes. Was ist aber nun mit denen, die Xenophanes und seine sp\u00f6ttische Rede von den kuhischen G\u00f6ttern der K\u00fche, den pferdischen der Pferde und den menschlichen der Menschen im Ohr haben? Die sich seitdem so gar nicht mehr einen personalisierten Gott vorstellen k\u00f6nnen, schon gar keinen sprechenden? <br \/>Wer so an Gott zweifelt, muss nicht verzweifeln. Ganz im Gegenteil. Denn gerade im Moment seines gr\u00f6\u00dften Zweifels hat der Zweifelnde eine unbezweifelbare Gewissheit: <em>Dubito ergo sum<\/em>, ich zweifle, also bin ich. Mein <em>Zweifel<\/em> ist es, der mir die <em>Gewissheit <\/em>konstituiert, dass ich bin. Dies ist mein ganz pers\u00f6nlicher archimedischer Punkt, der es mir sogar erlaubt, einen Schritt weiter als Sokrates zu gehen: Dank meines Zweifels wei\u00df ich etwas. Nicht viel vielleicht. Aber das f\u00fcr mich Wichtigste: <em>Ich bin<\/em>. Diese Einsicht l\u00e4sst mich <em>selbst-bewusst<\/em> werden. Und gleichzeitig unendlich dem\u00fctig.\u00a0<br \/><br \/>Das kann sich gegebenenfalls noch als ganz hilfreich erweisen. Bietet diese Demut doch einen gewissen Schutz vor der selbstgef\u00e4lligen Arroganz eines jedes Wahrheitsanspruchs. Und dabei handelt es sich nach aktuellem Stand derzeit um 7.320.406.253 im Zweifelsfall miteinander konkurrierende Wahrheitsanspr\u00fcche. Genauer gesagt, um 7.320.406.581. 7.320.407.497. 7.320.408.620.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2016<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Am Anfang war der Big Bang? Nicht ganz. Denn auch der Big Bang fing mal klein an \u2013 als Singularit\u00e4t. 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