{"id":62066,"date":"2003-12-20T00:01:00","date_gmt":"2003-12-19T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62066"},"modified":"2023-03-23T15:34:13","modified_gmt":"2023-03-23T14:34:13","slug":"der-markt-eine-platonische-schnapsidee","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/20\/der-markt-eine-platonische-schnapsidee\/","title":{"rendered":"Der Markt, eine platonische Schnapsidee"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\">Welchen Sinn hat es, ausgerechnet in einem Blog \u00fcber ein solch steinaltes philosophisches Konzept wie die platonische Ideenlehre nachzudenken? Eine rein akademische Turn- und Finger\u00fcbung ohne jeden praktischen Nutzen? Oder hat uns das H\u00f6hlengleichnis im sokratischen Dialog <em>Politeia<\/em> doch noch irgendetwas zu sagen? Vielleicht eine heimliche Aktualit\u00e4t, verborgen unter dem Staub der Jahrtausende?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Platon stellt unsere <em>sinnlich<\/em> wahrnehmbare Welt als die unvollkommene Welt der verg\u00e4nglichen, materiellen Dinge dar. Diese sind die Abbilder, die Schatten der Ideen, des <em>eigentlich Seienden<\/em>. Und eben diese Ideen sind ewig, best\u00e4ndig, unwandelbar und, leider, nur rein <em>geistig<\/em> zu erfassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sie haben keine schn\u00f6de Art der Existenz wie es ein Stuhl oder Tisch hat. Ideen sind vollkommen. Und vollkommen geistiger Art. Doch wie hat sich dies der nun mal geistig etwas limitierte Mensch, also ich, vorzustellen? Wie soll dieses Sein sein? Haben die Ideen etwa eine vom Menschen g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngige Existenz? Setzt die Existenz der Ideen \u00fcberhaupt die Existenz des Menschen voraus? Und wie ist das mit der Idee des \u201a<em>Menschen\u2019<\/em> selbst? Kann es sie geben, <em>ohne<\/em> dass es den verg\u00e4nglichen Menschen je gab, gibt oder geben wird? Und wenn ja: Wer oder was soll dann blo\u00df diese rein geistige Idee konstituiert haben? Ein Gott? Unser Gott wom\u00f6glich?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Theoretisches, philosophisches Gefasel? Verquastes Gemurmel? Mitnichten. Denn auch wenn in der Historie niemand mehr so recht daran glauben wollte, dass es ewige, pr\u00e4existente Ideen gibt, die den verg\u00e4nglichen Dingen ein Vorbild sind, so z\u00fcndete doch der Funke im Hochmittelalter, der Vermittlung der griechischen Philosophie durch arabische Denker wie Avicenna und Averroes sei Dank. Und entfachte den sogenannten Universalienstreit der Scholastik, einer der wohl wirkm\u00e4chtigsten intellektuellen Auseinandersetzungen des Abendlands.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Im Prinzip kreisten die gelehrten Disputationen um die Frage, ob denn auch die Allgemeinbegriffe, besagte Universalien, analog zu den Dingen eine eigene Seinsqualit\u00e4t besitzen oder eben nicht. Eine Frage, die, in vielf\u00e4ltiger Ausgestaltung, seitdem bis heute diskutiert wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u201a<em>Mensch\u2019<\/em> ist solch ein Allgemeinbegriff. Der konkrete Mensch, der vor mir steht, existiert. Ganz offensichtlich. Existiert aber auch der \u201a<em>Mensch\u2019 <\/em>als solcher, \u00fcber den ich mir seit geraumer Zeit so meine Gedanken mache? Oder existiert der <em>nur<\/em> in meinen Gedanken? In dem Moment, wo ich ganz allgemein \u00fcber ihn spreche, spreche ich von ihm als ein abstraktes Etwas, nicht aber als eine konkrete Person: Dieser \u201a<em>Mensch\u2019<\/em> existiert nur gedanklich, jener Mensch jedoch tats\u00e4chlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Klingt ja alles ganz putzig. Aber wo ist die praktische Relevanz? Die zeigt sich ganz schnell, wenn man sich einmal einige andere Allgemeinbegriffe anschaut. Und den Gedanken konsequent zu Ende denkt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Zum Beispiel: \u201a<em>Staat\u2019<\/em>, \u201a<em>\u2019Kirche\u2019<\/em> oder auch \u201a<em>Markt\u2019<\/em>. Alles sind sogenannte Allgemeinbegriffe. Universalien. Abstrakte Entit\u00e4ten. Und da diese ja, wie gesehen, zum einen nur gedanklich existieren, und zum anderen, anders als \u201a<em>Mensch\u2019<\/em>, \u201a<em>Stuhl\u2019<\/em> oder \u201a<em>Tisch\u2019<\/em>, kein real existierendes Pendant haben, bedeutet das nichts weniger als:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Es gibt keinen Staat, keine Kirche und auch keinen Markt.<\/span> <\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Ein unerh\u00f6rter Gedanke. Aber so ist es. Der Markt, ein von Menschen geschaffenes gedankliches Hilfskonstrukt, das mir, als Begriff, \u00e4u\u00dferst n\u00fctzliche Dienste in der t\u00e4glichen Kommunikation leistet. Aber eben doch ein Hilfskonstrukt bleibt, bei dessen beeindruckenden M\u00f6glichkeiten, die es einem bietet, man nie vergessen darf, dass es sich eben <em>nicht<\/em> um ein real existierendes Etwas handelt. Real existieren tun allein wir, die Marktteilnehmer.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eDas Allgemeine geh\u00f6rt nicht zum Bereich der existierenden Dinge, es ist vielmehr Erfindung und Produkt des Verstandes, der es sich f\u00fcr seinen eigenen Gebrauch herstellt.\u201c<\/em> John Locke, <em>An Essay concerning Human Understanding<\/em>, (1690)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Es gibt keinen Markt, es gibt immer nur die in verschiedenen, \u00fcberaus komplexen Kontexten sozial interagierenden Menschen, deren Handlungen sich im Laufe der Zeit dann als das manifestieren, was wir der einfacheren Verst\u00e4ndigung zuliebe als \u201a<em>Staat\u2019<\/em>, \u201a<em>Kirche\u2019<\/em> oder auch \u201a<em>Markt\u2019<\/em> bezeichnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Nur: Wenn es keinen real existierenden Markt gibt, dann gibt es auch keine obskuren und doch immer wieder gerne beschworenen <em>Selbstheilungskr\u00e4fte des Marktes<\/em>. Denn was nicht ist, kann sich schlecht selbst heilen. Oder empfindlich reagieren. Das k\u00f6nnen lediglich die Marktteilnehmer. Also wir.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Der Markt ist kein unabh\u00e4ngig von uns Handelnden existierendes Substrat. Er existiert allein im Moment unseres kollektiven Handelns. Und nur dann. So wie es ja auch bei der Sprache der Fall ist. Was \u00fcbrigens schon Wilhelm von Humboldt wusste.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Stereotype wie \u201a<em>Marktgesetze\u2019<\/em> oder \u201a<em>Selbstheilungskr\u00e4fte des Marktes<\/em>\u2019 suggerieren uns aber, dass es ein au\u00dferhalb und unabh\u00e4ngig von uns Handelnden existierendes Etwas, eine platonische Chim\u00e4re namens \u201a<em>Markt\u2019<\/em> gibt. Und wenn der Markt bei der einen oder anderen Krise taumelt, geht Wirtschaft und Wissenschaft nur zu gerne davon aus, dass er nicht uns folgt, sondern inh\u00e4renten Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten. Der h\u00fcbsche Nebeneffekt: Da, wo ganz fatalistisch die Mathematik mit unerbittlicher Strenge und Stringenz regiert, bin ich raus aus der pers\u00f6nlichen Verantwortung und Verantwortlichkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Wir lassen uns von der Sprache nun mal gerne am Nasenring durch die Manege f\u00fchren. \u201e<em>Reine Verstandesbegriffe sind Fiktionen<\/em>\u201c, so Franz von Brentano. Was nicht weiter schlimm w\u00e4re, wenn nicht die Menschen generell dazu neigen w\u00fcrden, Fiktionen f\u00fcr bare M\u00fcnze zu halten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2003<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Welchen Sinn hat es, ausgerechnet in einem Blog \u00fcber ein solch steinaltes philosophisches Konzept wie die platonische Ideenlehre nachzudenken? Eine rein akademische Turn- und Finger\u00fcbung ohne jeden praktischen Nutzen? 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