{"id":62059,"date":"2016-02-26T00:01:57","date_gmt":"2016-02-25T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62059"},"modified":"2021-01-16T13:32:37","modified_gmt":"2021-01-16T12:32:37","slug":"redundanz-und-penetranz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/26\/redundanz-und-penetranz\/","title":{"rendered":"Redundanz und Penetranz"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eWer dich veranlassen kann, Absurdit\u00e4ten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Unrecht zu begehen.&#8220;<\/em><\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Voltaire, <em>Questions sur les miracles<\/em>, 11. Brief (1765)<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><br \/>Das Prinzip der Redundanz und Penetranz ist ein klassisches PR-Instrument, das es lange vor der Erfindung der Public Relations gab. So tut zum Beispiel jede Religion, die in ihren Ritualen und Gebeten immer und immer wieder die Grundfeste und Grundbegrifflichkeiten ihres jeweiligen Glaubens betont, strukturell seit jeher nichts anderes. Und wie das nun einmal so ist mit Strukturen und Mechanismen: Sie sind an sich v\u00f6llig wertneutral, jeder kann sie jederzeit zu seinen jeweiligen Zwecken mit seinen jeweiligen Intentionen einsetzen. Im Guten wie im Schlechten. Im religi\u00f6sen wie im politischen Kontext. Oder auch im \u00f6konomischen. Zwischenmenschlichen. Werblichen. Seinem Einsatz sind keine Grenzen gesetzt. Es ist universell. Und eben neutral. <br \/>Die best\u00e4ndige Bezeugung im Islam, \u201eEs gibt keinen Gott au\u00dfer Allah\u201c, folgt diesem Schema ebenso wie die nervt\u00f6tende Persil-Persil-da wei\u00df man, was man hat-Persil-Werbung in den 70ern. Und auch die so stupide wie erfolgreiche Massensuggestion, die Hitler bereits 1926 im Kapitel \u201eKriegspropaganda\u201c seines Machwerks \u201eMein Kampf\u201c propagierte und die Goebbels sp\u00e4ter, jedoch weitaus perfider, zur Perfektion brachte, tut nichts anderes. <br \/>Der PR-Manager, der Muslim oder auch die Werbeabteilung von Henkel sind sicher nicht einmal ansatzweise mit den banal b\u00f6sen Gestalten des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte auf eine Stufe zu stellen. Aber sie alle machen sich das in seinen Grundz\u00fcgen gleiche Schema zunutze.<br \/><br \/>Das wei\u00df vielleicht jedermann, aber kaum einem ist es in dem Moment, in dem man sich des Schemas bedient, auch bewusst. Mit Karl R. Popper sind wir jedoch gefordert, uns dies immer wieder bewusst zu machen. Angesichts der Gr\u00e4uel der kommunistischen und nationalsozialistischen Regimes stellte er sich eine grunds\u00e4tzliche Frage: Hat die Weltgeschichte einen Sinn? Und seine Antwort lautete:\u00a0Nein, hat sie nicht \u2013 wir m\u00fcssen ihr einen Sinn geben. Wir d\u00fcrfen dies nicht einer wie auch immer gearteten Macht \u00fcberlassen, der wir uns ausliefern, indem wir Verantwortung delegieren. Wir m\u00fcssen Verantwortung \u00fcbernehmen. T\u00e4glich aufs Neue: <br \/><em>\u201eDie einzige rationale Einstellung zur Geschichte der Freiheit besteht in dem Eingest\u00e4ndnis, dass wir es sind, die f\u00fcr sie die Verantwortung tragen \u2013 in demselben Sinn, in dem wir f\u00fcr den Aufbau unseres Lebens verantwortlich sind; dass nur unser Gewissen unser Richter sein kann.\u201c<\/em><br \/>Und Verantwortung \u00fcbernehmen hei\u00dft in diesem Fall: bereit sein, stets \u00fcber unser Handeln und \u00fcber dessen Strukturen, Mechanismen und Konsequenzen zu reflektieren, sie zu hinterfragen. Sonst sind wir nicht davor gefeit, wieder von der offenen in die geschlossene Gesellschaft zur\u00fcckzufallen. Und damit, so Popper, in die Barbarei. <br \/><br \/><em>\u201eWir sind das Volk\u201c<\/em> \u2013 was in friedlicher PR-Mission einmal eine breite Mehrheit der Bev\u00f6lkerung einer verschwindend geringen Minderheit poststalinistischer Apparatschiks entgegengesetzt hat, ist mittlerweile zu einer redundanten wie penetranten PR-Parole einer ihre eigene Weltsicht absolut setzende Minderheit degeneriert, die durch diese Setzung problemlos imstande ist, sich selbst als die einzig wahre Mehrheit \u2013 das Volk \u2013 zu definieren und alle anderen, Syrer wie Sympathisanten, aus eben diesem Volk auszugrenzen. Damit erh\u00e4lt der Slogan mit einem mal eine durchweg v\u00f6lkische Konnotation.<br \/><br \/>Wer ihn im Angesicht einiger Busse mit verschreckten Fl\u00fcchtlingen skandiert, dabei den Untergang des Abendlandes prognostiziert und die christlichen Werte im Orkus der Weltgeschichte versinken sieht, der geht bereits den ersten Schritt in eben die Richtung, vor der uns Popper gewarnt hat. Zumal dort, wo gerade einmal 0,4% Muslime leben und \u00fcber 70% weder getauft sind noch irgendeiner christlichen Konfession angeh\u00f6ren. Kaum anzunehmen, dass einer dieser Demonstranten wei\u00df, dass nicht das Abendland das Christentum hervorgebracht hat, sondern viel eher das Herkunftsland eines Gro\u00dfteils dieser Fl\u00fcchtlinge \u2013 Syrien. <br \/>Das ist das Perfide: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Es sieht so harmlos aus. Die gleichen Strukturen, die gleichen Parolen, wom\u00f6glich sogar die gleichen Personen. Und doch ist alles anders. Das muss sich jeder verantwortungsbewusste B\u00fcrger immer wieder bewusst machen. Nur dann bleibt es einem bewusst. F\u00fcr Popper ist das ein wesentlicher Teil des Kampfs f\u00fcr die Freiheit, der niemals endet. Niemals d\u00fcrfen wir uns ausruhen und uns ihrer sicher w\u00e4hnen. Immer bleibt der Scho\u00df fruchtbar noch, aus dem das kroch. Aber wenn auch wir Werber, PR- oder Social Media Manager unserer Verantwortung gerecht werden, dann bleibt der Aufstieg des Arturo Uli ein aufhaltsamer.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2016<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWer dich veranlassen kann, Absurdit\u00e4ten zu glauben, der kann dich auch veranlassen, Unrecht zu begehen.&#8220;Voltaire, Questions sur les miracles, 11. Brief (1765) Das Prinzip der Redundanz und Penetranz ist ein klassisches PR-Instrument, das es lange vor der Erfindung der Public&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/02\/26\/redundanz-und-penetranz\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":53665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-62059","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62059","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62059"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62059\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62059"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62059"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62059"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}