{"id":62055,"date":"2021-04-01T00:01:00","date_gmt":"2021-03-31T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62055"},"modified":"2021-04-02T11:02:32","modified_gmt":"2021-04-02T09:02:32","slug":"kunst-ein-konstrukt-der-rueckprojektion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/01\/kunst-ein-konstrukt-der-rueckprojektion\/","title":{"rendered":"Kunst \u2013 ein Konstrukt der R\u00fcckprojektion?"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1.<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine etwas ketzerische Frage vielleicht. Aber eine, die angesichts unseres oftmals doch recht sorglosen Umgangs mit dem Wort <em>Kunst<\/em> durchaus angebracht erscheint: Wir verf\u00fcgen in <em>jeder<\/em> Epoche \u00fcber jeweils episodal gewandelte Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> auf der Mikroebene des individuellen Kunstschaffens als auch auf der Makroebene der sozialen Institutionen [1]. Eingedenk dessen: Wie l\u00e4sst sich, ausgehend von den gegenw\u00e4rtigen Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em>, \u00fcber Kunst reden, die der Vergangenheit angeh\u00f6rt? Handelt es sich bei unserer heutigen Rede \u00fcber dieses Ph\u00e4nomen, \u00fcber diese Artefakte und kreativen Ent\u00e4u\u00dferungen nicht um die Art von \u201eRekonstruktionen (\u2026), die eine sp\u00e4tere Denkfigur in die Vergangenheit r\u00fcckprojizieren [2]\u201c (Majetschak 2016: 11)? Reden wir also von Artefakten und kreativen Ent\u00e4u\u00dferungen in der Vergangenheit nicht stets von Kunst auf Basis <em>aktueller<\/em> episodaler Gebrauchsweisen dieses Wortes, nicht aber auf Basis ehemals aktueller episodaler Gebrauchsweisen? Das hie\u00dfe \u2013 <em>unum nomen, unum nominatum<\/em> \u2013, wir w\u00fcrden f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen ebenso wie f\u00fcr die Artefakte und kreativen Ent\u00e4u\u00dferungen aller Zeiten (und auch f\u00fcr die aller Kulturen in der Synchronie und Diachronie) nicht nur das gleiche Wort <em>Kunst<\/em> verwenden, wir w\u00fcrden auf sie auch den durch die aktuelle Gebrauchsweise der Wortes <em>Kunst<\/em> generierten Begriff \u201aKunst\u2018 anwenden. Und so eine Kontinuit\u00e4t dessen seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte suggerieren, was wir, die wir in der abendl\u00e4ndischen Tradition des Wortes <em>Kunst<\/em> und des Begriffs \u201aKunst\u2018 sozialisiert wurden, heute gleichschaltend unbefangen Kunst nennen [3]. Aber k\u00f6nnen wir uns \u00fcberhaupt von unserer jeweiligen sprachlichen Sozialisation so weit l\u00f6sen, dass wir imstande sind, <em>vergangene<\/em> episodale Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> resp. die entsprechend daraus generierten Begriffe \u201aKunst\u2018 \u201aobjektiv\u2018 zu rekonstruieren? Und falls wir dazu in der Lage w\u00e4ren: Auf welcher medialen Basis w\u00fcrde die Rekonstruktion dieser vergangenen episodalen Gebrauchsweisen erfolgen? Zwar verf\u00fcgen wir \u00fcber schriftliche Zeugnisse historischer Texte, den \u00fcberwiegenden Teil unseres t\u00e4glichen Sprachgebrauchs machen jedoch seit jeher <em>m\u00fcndliche<\/em> \u00c4u\u00dferungen aus. Von diesen ungez\u00e4hlten \u00c4u\u00dferungen, Gespr\u00e4chen und Diskursen, in denen die Bedeutungen der Worte im Gebrauch generiert, etabliert und gewandelt wurden, existiert aber aus naheliegenden Gr\u00fcnden so gut wie kein O-Ton \u2013 geeignete technische Ger\u00e4te, die authentische Aufzeichnungen erm\u00f6glicht h\u00e4tten, sind erst seit Ende der 1920er Jahre auf dem Markt. <br \/>Und wer ist \u00fcberhaupt dieses \u201awir\u2018, das hier \u00fcber Kunst redet? Bei etwas genauerer Betrachtung erkennt man schnell, dass seine Verwendung eine h\u00f6chst problematische Vereinfachung des Sachverhalts darstellt. Handelt es sich doch bei dem \u201awir\u2018 nicht um ein kollektives Handlungssubjekt, sondern vielmehr um selbstt\u00e4tig handelnde Mitglieder einer Sprachgemeinschaft, die gleichzeitig Mitglieder bei einer un\u00fcberschaubaren Anzahl von Gruppen mit zum Teil inkonsistenten Ansichten bei bisweilen disjunktiven Mitgliedschaften sind \u2013 Person A kann Mitglied der Gruppe C oder D, aber auch Mitglied beider Gruppen sein. So haben wir zum Beispiel neben der Gruppe C: \u201aKunsthandel\u2018 [4] auch eine Gruppe D: \u201aKunstexperten\u2018 (die ja alles andere als homogen ist). Dar\u00fcber hinaus gibt es zudem noch die Gruppe E: \u201aKunstinteressierte\u2018 und die Gruppe F: \u201aDesinteressierte\u2018 (die trotz ihres Desinteresses dennoch ihren Beitrag zur Bedeutungsetablierung und -wandlung des Wortes <em>Kunst<\/em> leistet: \u201aIst das Kunst oder kann das weg?\u2018), die Gruppe G: \u201adie nur an bestimmten Kunstgattungen Interessierten\u2018 sowie die Gruppe H: \u201ain anderen Kulturen als der abendl\u00e4ndischen sozialisierten Kunstinteressierten\u2018. Um nur einige der Gruppen zu nennen, in denen deren Mitglieder durch ihre gleichgerichteten Handlungen ihren zwar intentional motivierten, nicht jedoch intendierten Beitrag zur Etablierung der verschiedenen Begriffe \u201aKunst\u2018 leisten. <br \/><br \/><strong>2.<\/strong> Die Etablierung jeder spezifischen Gebrauchsweise der Wortes <em>Kunst<\/em> (d.h. in letzter Konsequenz: der episodalen konventionellen Bedeutung) und die damit verbundene Generierung der jeweiligen Begriffe \u201aKunst\u2018 wie auch einerseits deren Gebrauchs- resp. Bedeutungs- und, damit einhergehend, Verst\u00e4ndniswandel sowie andererseits die in einer Sprachgemeinschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt allgemein akzeptierte Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk lassen sich, wie letztlich alle soziokulturellen Prozesse, als Wirken der unsichtbaren Hand [3] beschreiben. Resultate dieser Prozesse sind Ph\u00e4nomene, \u201ewhich are indeed the results of human action, but not the execution of any human design\u201c (Adam Ferguson 1767: 187; zitiert nach: Keller 2014: 85). Am Beispiel der Entstehung eines Trampelpfads erl\u00e4utert der D\u00fcsseldorfer Linguist Rudi Keller dieses Wirken auf so simple wie eing\u00e4ngige Weise (ebd.: 100ff.): A ist in Eile, er hat mit B einen Termin. Er stellt seinen Wagen auf dem Parkplatz der Universit\u00e4t ab und geht, da er p\u00fcnktlich sein will, auf dem k\u00fcrzesten Weg zu B. Dieser f\u00fchrt ihn quer \u00fcber eine Rasenfl\u00e4che. So wie A geht es an diesem Tag und vielen weiteren Tagen auch A<sub>n<\/sub>. Was wird passieren? Geht A \u00fcber den Rasen, werden bestenfalls ein paar Grashalme geknickt. Geht An \u00fcber den Rasen, so entsteht ein Trampelpfad: ein kollektives Ph\u00e4nomen. Denn A wie auch An intendieren zwar erstens, B zu erreichen und das, zweitens, p\u00fcnktlich. Aber niemand von ihnen wird ernsthaft intendieren, einen Trampelpfad anzulegen. Der Trampelpfad geh\u00f6rt also <em>nicht<\/em> \u201ezu den Intentionen der einzelnen Handelnden\u201c (ebd.: 90). Er ist aber das kollektive, nicht intendierte Resultat intentional zumindest partiell gleichgerichteter individueller Handlungen: als Epiph\u00e4nomen eine \u201ekausale Konsequenz [\u2026] der Ergebnisse der sie erzeugenden Handlungen\u201c (ebd.: 92). <br \/>Nun l\u00e4sst sich am Beispiel des Trampelpfads strukturell aber nicht nur aufzeigen, wie <em>Einzelne<\/em> im Kollektiv Bedeutungen nicht-intendiert wandeln oder die Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk bewerkstelligen k\u00f6nnen. Mit einer kleinen Erg\u00e4nzung l\u00e4sst sich auch beschreiben, wie bestimmte <em>Gruppen<\/em> (zum Beispiel: \u201aKunstmarkt\u2018 oder \u201aKunstexperten\u2018) in analoger Weise Bedeutungen wandeln oder die Zuschreibung eines Werks als Kunstwerk bewerkstelligen k\u00f6nnen, ohne dass diese Resultate Ergebnis zielgerichteter Intentionen einzelner Mitglieder dieser Gruppe oder einer wie auch immer gearteten kollektiven Vereinbarung der Gruppe als Ganzes sind: Ein Reisebus mit rund 80 Personen, Gruppe \u201aKunstmarkt\u2018, kollektiv bezeichnet als C, f\u00e4hrt auf den Busbereich am anderen Ende des Universit\u00e4tsparkplatzes. Sie sind sp\u00e4t dran. Kaum \u00f6ffnen sich die T\u00fcren, str\u00f6mt deshalb auch schon C hinaus, um schnellstm\u00f6glich zu B zu gelangen. Dabei nimmt C im Kollektiv nat\u00fcrlich auch den k\u00fcrzesten Weg quer \u00fcber den Rasen. So geht das tagein, tagaus. Immer das gleiche Schauspiel. Das nicht intendierte kollektive Resultat ihrer gleichgerichteten individuellen intentionalen Handlungen gleicht nun in verbl\u00fcffender Weise dem der gleichgerichteten intentionalen Handlungen von A<sub>n<\/sub> \u2013 auch hier entsteht ein Trampelpfad Richtung B. Allerdings an anderer Stelle. Und ein dritter als ebenfalls nicht intendiertes kollektives Resultat durch die Insassen des zweiten Busses, der Gruppe D: \u201aKunstexperten\u2018, die, da auch sie sp\u00e4t dran ist, ebenfalls auf dem k\u00fcrzesten Weg zu B zu gelangen sucht. Am Ende lassen sich aus der Vogelperspektive drei wundersch\u00f6ne Epiph\u00e4nomene, sprich: Trampelpfade, ausmachen: Sie treffen sich alle in B, wobei B in diesem Fall den gleichlautenden Signifikanten [Kunst] darstellt, hinter dem jeweils ein anderer Begriff \u201aKunst\u2018 steckt (es gilt eben nicht: <em>unum nomen, unum nominatum<\/em>). <br \/>Damit wurden wir Zeuge der Etablierung dreier verschiedener Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> (hier bezogen auf die Ebene: das konkrete Werk [Oehm 2019a: 10]), die mit ihrer Etablierung ihrerseits drei gruppenspezifische Begriffe \u201aKunst\u2018 generieren, denen wom\u00f6glich drei verschiedene Begriffstypen [6] entsprechen. Leider stellt sich aber der tats\u00e4chliche Sachverhalt noch um einiges komplexer dar. Um ihn pr\u00e4zise zu beschreiben, kommt man nicht umhin, das eing\u00e4ngige Bild des Trampelpfads ein wenig zu \u00fcberfordern: A<sub>n<\/sub> ist ja nicht nur jeder beliebige Einzelner, er ist als solcher immer auch Gruppenmitglied. Genauer gesagt: Er kann gleichzeitig Mitglied verschiedener Gruppen sein. So von C oder D oder beider Gruppen (inklusives Oder: Ich kann gleichzeitig Mitglied der Gruppe C: \u201aKunsthandel\u2018 und Gruppe D: \u201aKunstexperten\u2018 sein). Zudem kann A<sub>n<\/sub> entweder Mitglied der Gruppe E oder aber der Gruppe F sein (exklusives Oder: Ich kann <em>nicht<\/em> gleichzeitig Mitglied der Gruppe E: \u201aKunstinteressierte\u2018 und Gruppe F: \u201aDesinteressierte\u2018 sein). Und um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen: <em>In toto<\/em> leistet A<sub>n<\/sub> durch seinen je nicht-intendierten individuellen Beitrag zur Entwicklung jeweiliger gruppenspezifischer Begriffe \u201aKunst\u2018 <em>gleichzeitig<\/em> auch einen ebenso wenig intendierten individuellen Beitrag zur Entwicklung des innerhalb einer Sprachgemeinschaft <em>allgemein<\/em> akzeptierten Begriffs \u201aKunst\u2018. Dieser sollte, um verst\u00e4ndnissichernde Kraft zu besitzen, \u00fcber einen gewissen Zeitraum [7] Bestand haben. Um die Sache noch realit\u00e4tsn\u00e4her zu gestalten, lie\u00dfe sich die Anzahl der Reisebusse, das hei\u00dft: der an der Etablierung der Begriffe \u201aKunst\u2018 und damit auch des vieldiskutierten, aber recht undifferenziert gebrauchten Kunstbegriffs [8] beteiligten Gruppen, wie auch die der Parkpl\u00e4tze ins Unendliche erweitern \u2013 und damit auch die der Trampelpfade [9], die sich alle in B treffen. Doch davon wollen wir an dieser Stelle, eingedenk der \u201eHypermaxime unseres Kommunizierens (\u2026) Rede so, dass du die Ziele, die du mit deiner kommunikativen Unternehmung verfolgst, am ehesten erreichst\u201c (Keller 2014: 142), absehen, um unsere Chance auf eine erfolgreiche Kommunikation zu wahren. <br \/>Damit haben wir grob den Prozess skizziert, wie sich aktuelle episodale [10] Gebrauchsweisen der Worte, so auch die des Wortes <em>Kunst<\/em>, etablieren (und wie sich vergangene etabliert haben und kommende etablieren werden). Folgende Thesen lassen sich nun heuristisch f\u00fcr die weitere Analyse festhalten: <br \/>1.\u00a0\u00a0\u00a0 Die Gebrauchsweisen der Worte, so auch die des Wortes <em>Kunst<\/em>, etablieren sich in einem kollektiven, kausalen, nicht intendierten, nicht zielgerichteten und potentiell endlosen Prozess als das Ergebnis millionenfacher zumindest partiell gleichgerichteter individueller intentionaler Handlungen (\u201ainvisible hand process\u2018). Es ist ein Prozess, der strukturell zwar einen Anfang, aber, solange es Sprecher nat\u00fcrlicher Sprachen gibt, kein Ende kennt. 2.\u00a0\u00a0\u00a0 Diese Gebrauchsweisen stellen keine fixierten Endprodukte dar, ihr Seinszustand ist der einer fl\u00fcchtigen Episode (auf der synchronen Zeitachse) in einem zeitlichen Kontinuum (der diachronen Zeitachse): Jede Gebrauchsweise ist eine <em>episodale<\/em> Gebrauchsweise. 3.\u00a0\u00a0\u00a0 Es werden global asynchron unz\u00e4hlige Gebrauchsweisen neu etabliert und gewandelt. Und was aktuell der Fall ist, war nach menschlichem Ermessen auch in der Vergangenheit der Fall. 4.\u00a0\u00a0\u00a0 Wir sprechen von Kunst jeweils auf Basis aktuell etablierter und akzeptierter episodaler Gebrauchsweisen dieses Wortes innerhalb einer Sprachgemeinschaft. 5.\u00a0\u00a0\u00a0 Es gibt dar\u00fcber hinaus eine nicht zu beziffernde Anzahl aktueller gruppenspezifischer episodaler Gebrauchsweisen dieses Wortes. 6.\u00a0\u00a0\u00a0 Bei jeder singul\u00e4ren Gebrauchsweise, unabh\u00e4ngig davon, ob sie in einer Regularit\u00e4t der Gebrauchsweise oder gar in einer Gebrauchsregel und damit in einer etablierten resp. konventionellen Bedeutung m\u00fcndet, handelt es sich um eine episodale Gebrauchsweise (um Sprecher-Intentionen und Sprecher-Bedeutungen, davon wird noch zu sprechen sein) \u2013 damit erh\u00f6hen die singul\u00e4ren Gebrauchsweisen die Anzahl aktueller Gebrauchsweisen noch einmal dramatisch. 7. Jede etablierte episodale Gebrauchsweise (innerhalb einer Gruppe\/Sprachgemeinschaft\/Kultur\/Epoche) besitzt nur eine beschr\u00e4nkte \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2018. Bei ihr handelt es sich um eine verst\u00e4ndnissichernde Kraft, die \u00fcber einen Zeitraum x Bestand hat \u2013 was heute noch etabliert ist, kann sich morgen bereits grundlegend gewandelt haben. 8.\u00a0\u00a0\u00a0 In die Etablierungepisodaler Gebrauchsweisen flie\u00dfen Formen m\u00fcndlicher \u00c4u\u00dferungen ebenso ein wie Formen schriftlicher \u00c4u\u00dferungen. 9.\u00a0\u00a0\u00a0 M\u00fcndliche \u00c4u\u00dferungen machen den \u00fcberwiegenden Teil der <em>Komprehension<\/em> unseres Sprachgebrauchs, also die Menge des vergangenen, gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen Sprachgebrauchs, aus. 10. Vergangene schriftliche \u00c4u\u00dferungen, die sowohl ehemals etablierte wie auch vermutete singul\u00e4re episodale Gebrauchsweisen dokumentieren, liegen vor. Nun werden aber auf der Mikroebene der individuellen Handlungsweisen die Gebrauchsregularien der Worte konstituiert und als Gebrauchsregeln der Worte etabliert. Als kollektives Resultat der individuellen Handlungen sind sie die Bedeutung der Worte und \u201eerzeugen die Kategorien, nach denen wir unsere Welt klassifizieren\u201c (Keller 2014: 127). Diese von den Gebrauchsregeln erzeugten kollektiven Konsequenzen sind die Kategorien resp. die Begriffe. Im Zuge unseres Spracherwerbs und unserer aktiven Teilnahme an den jeweils aktuellen Sprachspielen einer Sprachgemeinschaft werden wir in die Sprache dieser Gemeinschaft, die Makroebene sozialer Institutionen, eingebunden. Dabei \u00fcbernehmen wir mit den sprachlich etablierten Klassifizierungen (die wir unsererseits durch unsere fortgesetzte Teilnahme an eben diesem kulturellen Prozess best\u00e4ndig sowohl perpetuieren als auch wandeln) ein \u201akollektives Wissen\u2018. So auch das kollektive Wissen um das jeweilige episodale sprachliche Ereignis soziokultureller Evolution namens \u201aKunst\u2018. Da wir aber nun mal sprachlich nicht in einer fernen Vergangenheit, sondern in der Gegenwart sozialisiert wurden, verm\u00f6gen wir auch nicht zu sagen, ob es zwischen dem vergangenen kollektiven Wissen und dem heutigen eine Schnittmenge gibt und wenn es sie g\u00e4be, wie gro\u00df sie w\u00e4re. Mangels fehlender sprachlicher Sozialisation in jenen Epochen besitzen wir weder ein internalisiertes Wissen um den episodalen Gebrauch etablierter und konventioneller Bedeutungen vergangener \u00c4u\u00dferungen noch ein Wissen um vergangene singul\u00e4re Gebrauchsweisen [11]. K\u00f6nnen aber unter diesen Voraussetzungen aus schriftlichen Zeugnissen etablierte und konventionelle Bedeutungen vergangener \u00c4u\u00dferungen oder gar singul\u00e4re Gebrauchsweisen rekonstruiert werden oder handelt es sich bei solchen Rekonstruktionen stets um Konstrukte? Gar um solche, bei denen wir eine \u201asp\u00e4tere Denkfigur in die Vergangenheit r\u00fcckprojizieren\u2018 (Majetschak)? 11. Vergangene m\u00fcndliche \u00c4u\u00dferungen, die ehemals etablierte und auch singul\u00e4re episodale Gebrauchsweisen dokumentieren w\u00fcrden, liegen fr\u00fchestens seit Ende der 1920er Jahre in Form authentischer Aufzeichnungen vor. Zuvor sind sie lediglich sporadisch als <em>schriftliche<\/em> Zeugnisse [12] dokumentiert. Damit entzieht sich, bis auf einige wenige Ausnahmen, der weit \u00fcberwiegende Teil aller vergangener \u00c4u\u00dferungen wie auch etwaige \u201aZwischenresultate\u2018 vergangener Prozesse sowohl der Bedeutungsetablierung als auch des Bedeutungswandels vollst\u00e4ndig und grunds\u00e4tzlich unserer Kenntnisnahme und Erkenntnis. Und da es in absehbarer Zeit niemanden mehr geben wird, der vor Ende der 1920er Jahre in seiner jeweiligen Sprachgemeinschaft sozialisiert wurde, wird es dann auch keine gesicherte Auskunft mehr \u00fcber vergangene Gebrauchsweisen aus dieser Zeit geben k\u00f6nnen, bleibt uns doch die Chance auf intersubjektive Vergewisserung und damit Verifizierung verwehrt. Gesicherte Aussagen \u00fcber vergangene Sprecher-Intentionen sind zuk\u00fcnftig kaum mehr m\u00f6glich, jede Aussage dar\u00fcber k\u00e4me aus prinzipiellen Gr\u00fcnden nicht mehr \u00fcber den Status einer Hypothese hinaus (dabei ist aber das Erkennen der Sprecher-Intentionen die Bedingung der M\u00f6glichkeit der Einsicht in das, was jemand meint, wenn er etwas sagt \u2013 darauf werden wir in den n\u00e4chsten Kapitel n\u00e4her eingehen). <br \/><br \/><strong>3.<\/strong> Soziokulturelle Ph\u00e4nomene zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht sind, sondern werden. Und dass sie nicht so bleiben, wie sie werden, sondern sich stets wandeln. Das ist bei Systemen und Strukturen nicht anders als bei Bedeutungen von Worten. Alles hat einen strukturellen Anfang \u2013 und der \u201eAusgangspunkt der Erkl\u00e4rung sind handelnde Individuen\u201c [13] (Keller 2014: 164). \u201eJede andere Strategie\u201c, so der Linguist Frank Liedtke, \u201ew\u00e4re hoffnungslos zirkul\u00e4r\u201c (Liedtke 2016: 43). <br \/>Die Etablierung der Bedeutung der Worte, das hei\u00dft: ihrer Gebrauchsweisen, sowie der stete Wandel dieser Gebrauchsweisen [14] und damit eben auch die des Wortes <em>Kunst<\/em> [15], \u201eentsteht letztlich aus singul\u00e4ren sprachlichen \u00c4u\u00dferungen und ihrer Intentionszuschreibung\u201c (ebd.: 41). Dem liegt ein Kooperationsmodell sozialer Interaktion zugrunde, in dem der Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello gar den Ursprung menschlicher Kommunikation sieht: \u201eMenschen <em>kooperieren<\/em> miteinander auf eine Weise, die wir von keiner anderen Spezies kennen, wobei diese Kooperation Prozesse geteilter Intentionalit\u00e4t beinhaltet\u201c (Tomasello 2017: 24). Es sind daran also immer Sprechende beteiligt, die bestimmte Intentionen haben, sowie Mitsprechende, die diesen \u00c4u\u00dferungen in aktuellen Situationen bestimmte Intentionen zuschreiben. Aus dem millionenfachen Vollzug derartiger Sprachhandlungen ergeben sich wie gesehen nicht-intendierte, nicht-vors\u00e4tzliche, kollektive kausale Resultate, idealiter die konventionellen Bedeutungen. Und, in letzter Konsequenz, \u201eallm\u00e4hlich eine Einzelsprache als Durchschnitt der Verwendungen vieler Sprecher\u201c (Liedtke 2016: 41). <br \/>Der britische Sprachphilosoph H. Paul Grice hat f\u00fcr den ersten und damit entscheidenden Schritt der Bedeutungsgenese innerhalb einer Sprachgemeinschaft von der singul\u00e4ren Situationsbedeutung hin zur konventionellen Bedeutung ein solches idealtypisches Kooperationsmodell sozialer Interaktion entwickelt, das ihren Anfang beim handelnden Individuum nimmt. Und beschreibt, wie sich die Bedeutung einer \u00c4u\u00dferung explizieren l\u00e4sst, wenn das, was der Sprecher mit ihr meint, vom Angesprochenen nicht schon durch den R\u00fcckgriff auf den konventionellen Sprachgebrauch, sondern erst im Rahmen einer dialogisch strukturierten Situation durch das Erkennen der \u201ereflexive(n) Intention\u201c (Liedtke 2016: 37) verst\u00e4ndlich ist: <br \/>i. Ich intendiere, dass du erkennst, dass ich mit meiner \u00c4u\u00dferung x beabsichtige. ii. Ich intendiere, dass du meine Intention (i.) erkennst. iii. Ich intendiere, dass du erkennst, was ich mit meiner \u00c4u\u00dferung x beabsichtige, indem du meine Intention (ii.) erkennst. <br \/>Um die kommunikative Intention (die Sprecher-Intention), also das mit der \u00c4u\u00dferung Gemeinte, sowie die intendierte Wirkung (die Sprecher-Bedeutung) verstehen zu k\u00f6nnen, muss der Angesprochene eine interpretative Leistung erbringen und \u00fcber relevantes Kontextwissen verf\u00fcgen. Zu letzterem geh\u00f6rt unter anderem das Wissen um \u201ekulturelle Praktiken, au\u00dferdem Einsch\u00e4tzungen der aktuellen Situation und schlie\u00dflich das, was im Diskurs vorher gesagt oder im Text vorher geschrieben wurde\u201c (Liedtke 2016: 38). Ob jedoch die Interpretation des Gemeinten durch den Angesprochenen mit der vom Sprecher intendierten Interpretation \u00fcbereinstimmt, kann \u201enur wechselseitig unterstellt werden\u201c (ebd.: 40). In einer dialogisch konzipierten, kooperativen Gespr\u00e4chssituation kann der Angesprochene unter anderem durch Nachfrage versuchen, seine unterstellte Interpretation zu verifizieren. Bei der Lekt\u00fcre eines Textes [16] gestaltet sich dieses Vorhaben schon schwieriger. Angenommen, den Aussagen resp. den darin gebrauchten Worten, so dem Begriff \u201aKunst\u2018, w\u00e4re nicht durch R\u00fcckgriff auf den konventionellen Sprachgebrauch [17] beizukommen, da es sich um eine singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung handelt: Wie kann der Leser feststellen, ob der Autor und er \u201e\u00fcbereinstimmende Interpretationen der Situation haben oder nicht\u201c (ebd.: 40), wenn es sich aus dem Kontext nicht eindeutig erschlie\u00dfen l\u00e4sst, was der Autor gemeint resp. intendiert hat? Handelt es um den Text eines lebenden Autors, so hat er zumindest die theoretische Chance einer Kontaktaufnahme zum kl\u00e4renden Dialog und einer damit verbundenen Vergewisserung und Verifizierung. Was aber, wenn es sich um einen Text handelt, bei dem der Interpret weder auf eine \u00fcbergreifende verst\u00e4ndnissichernde \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2018 (Keller) aktueller konventioneller Bedeutung zur\u00fcckgreifen kann noch imstande ist, seine Hypothesen zur Sprecher-Intention resp. Sprecher-Bedeutung im direkten Austausch zu verifizieren, da der Autor l\u00e4ngst verstorben ist? <br \/><br \/><strong>4.<\/strong> Erkenntnisf\u00f6rdernd mag an dieser Stelle ein Blick \u00fcber den Tellerrand der eigenen Disziplin, sei es nun die der Kunstphilosophie, Kunstgeschichte oder Kunstkritik, hinaus auf einen Fachbereich sein, der sich mit ganz \u00e4hnlichen Fragestellungen und Problemlagen konfrontiert sieht: den der Geschichtswissenschaft. Hier provozierte 1969 ein junger britischer Historiker und Politikwissenschaftler, Quentin Skinner, die Granden seines Fachs mit einem Aufsatz, der ihn \u00e0 la longue zum Spiritus rector der \u201aCambridge School\u2018 der Ideengeschichte machte: \u201aMeaning and Understanding in the History of Ideas\u2018. Mit ihm initiierte er eine Grundlagendebatte, die im Grunde bis heute andauert. Skinner verwies, so der deutsche Historiker und Politikwissenschaftler Alexander Gallus in einem Beitrag f\u00fcr die FAZ, \u201e(v)ier g\u00e4ngige Pr\u00e4missen der Ideengeschichte (\u2026) in seinem methodologischen Schl\u00fcsseltext ins Reich der Mythologien\u201c (Gallus 2019: o.S.): <br \/>\u2022 \u201eDie \u201amythology of doctrines\u2018 projiziere Lehren der Gegenwart in die Geschichte zur\u00fcck und erzeuge Anachronismen. Noch schlimmer ist es, wenn der Historiker gleich von zeitlosen Fragen und Werten ausgeht (\u201aperennialism\u2018)\u201c. \u2022 Die \u201emythology of coherence\u201c verf\u00fchre dazu, \u201eaus verstreuten Bemerkungen politischer Denker eine logisch geschlossene Theorie zu formen, mithin einen ebenso widerspr\u00fcchlichen wie wandlungsreichen Denkprozess in ein Schema zu pressen\u201c. \u2022 Zwei weitere Denkfehler, die \u201emythology of prolepsis\u201c und die der \u201eparochialism\u201c, zielen \u201eauf die Konstruktion von historischer Kontinuit\u00e4t (\u2026). Statt sich auf die Eigenlogik geschichtlicher Ideenwelten einzulassen, w\u00fcrden mit leichter Feder Vorwegnahmen von Sp\u00e4terem (\u2026) schraffiert\u201c (alle Zitate: Gallus 2019: o.S.).\u00a0 <br \/>Wie lassen sich nun, will man Aussagen und Wortbedeutungen eines historischen Textes verstehen, solche Denkfehler vermeiden? Aber wenn man in der Lage w\u00e4re, solche Denkfehler zu vermeiden: Lassen sich Aussagen und Wortbedeutungen eines historischen Textes angemessen verstehen? Die Antwort der postmodernen Textkritik auf diese Frage, namentlich von Jacques Derrida, ist unmissverst\u00e4ndlich: Eine <em>g\u00fcltige<\/em> Interpretation eines Textes, also die verifizierte Feststellung der \u201evom Autor intendierte(n) Bedeutung eines Textes\u201c (Skinner 2009: 7), kann es nicht geben. Schl\u00f6sse man sich nun dieser Auffassung zur G\u00e4nze an, so Skinner in seinem Aufsatz \u201a\u00dcber Interpretation\u2018, hie\u00dfe das in der Konsequenz, dass \u201edas hermeneutische Ziel der Bedeutungsexplikation, hier verstanden als Feststellung der auktorialen Intention\u201c (ebd.: 8), aufgegeben werden muss. Zwar ist auch er der Ansicht, dass die auktorialen Mitteilungsabsichten \u201erein mentale Eigenschaften (\u2026) und als solche dem Textinterpreten unzug\u00e4nglich\u201c (ebd.: 15) seien, auf sie als das hermeneutische Ziel verzichten will er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Er betont ausdr\u00fccklich, dass \u201edie Bestimmung der auktorialen Intention zum Kern der hermeneutischen Aufgabe\u201c (ebd.: 17) geh\u00f6re. Der Leser stutzt, klingt dies doch f\u00fcr seine Ohren im ersten Moment verd\u00e4chtig nach einer <em>contradictio in adiecto<\/em>. Eine unzug\u00e4ngliche Intention soll Kern der hermeneutischen Aufgabe sein? Einen ersten Hinweis auf einen Ausweg aus dieser vermeintlichen Widerspr\u00fcchlichkeit gibt Skinners recht drastische Feststellung, dass eine genauere Bestimmung der beiden grundlegenden Begriffe \u201aBedeutung\u2018 und \u201aIntentionalit\u00e4t\u2018 dringend erforderlich sei, werden sie doch \u201evon den verschiedenen Fraktionen [18] in dieser Debatte mit fast schon verbrecherischer Ungenauigkeit benutzt\u201c (ebd.: 8). <br \/>Um nun eine entmythologisierte Ideengeschichtsschreibung betreiben zu k\u00f6nnen, galt es f\u00fcr Skinner, diese Ungenauigkeit zu korrigieren: \u201eUnter R\u00fcckgriff auf die philosophische Theorie des Sprechakts entfaltete Skinner die Grundauffassung, dass die Texte politischer Theoretiker in spezifischen Konstellationen entstanden und zu w\u00fcrdigen seien. Es gen\u00fcge nicht, die blo\u00dfen Aussagen oder Wortbedeutungen eines einzelnen Textes zu verstehen. Vielmehr gelte es, seine Intention und Kraft (\u201aforce\u2018) [19] zu ermitteln, die er in einer Situation des politischen Deutungskampfes als Beitrag zu spezifischen Fragen und angesichts damals geltender Konventionen des Sagbaren hatte oder haben wollte\u201c (Gallus 2019: o.S.).\u00a0 <br \/>Texte sind demnach nicht zu verstehen, wenn man sie rein auf ihre semantische Ebene reduziert, werden sprachliche \u00c4u\u00dferungen doch de facto immer auf der pragmatischen Ebene ge\u00e4u\u00dfert: Sie sind stets in Kontexte und Handlungszusammenh\u00e4nge eingebunden, besitzen stets eine auktorial-intentionale Handlungskomponente und sind somit nie unabh\u00e4ngig von ihr zu verstehen. Sehe ich davon ab, so kann es sich dabei um ein vom Arbeitsziel gebotenes Erfordernis handeln, doch darf dieses nicht mit der Realit\u00e4t verwechselt werden. \u201eWir m\u00fcssen also nicht nur erfassen, was die Menschen sagen\u201c, so paraphrasiert Gallus eine zentrale These Skinners, \u201esondern auch, was sie tun, indem sie es sagen\u201c (ebd.: 2019). Das hei\u00dft: \u201eUm eine ernstgemeinte \u00c4u\u00dferung zu verstehen, m\u00fcssen wir nicht nur die Bedeutung des Gesagten erfassen, sondern zugleich auch die beabsichtigte Kraft, mit der die \u00c4u\u00dferung gemacht wurde\u201c (Skinner 2009b: 54). Also das, \u201ewas die Autoren damit gemeint haben\u201c (ebd.: 55). Allerdings reicht es nicht aus, nur den unmittelbaren Kontext zu untersuchen. \u201eVielmehr m\u00fcssen wir all die unterschiedlichen Kontexte untersuchen, in denen diese W\u00f6rter verwendet wurden \u2013 all die <em>Funktionen<\/em>, die diese W\u00f6rter haben k\u00f6nnen, all die unterschiedliche Dinge, die man mit ihnen tun kann\u201c (ebd.: 57, Hervorhebung S.O.). Dabei wird man letztlich erkennen, so Skinner, dass es keine \u201e\u201a\u00fcberzeitlichen Weisheiten\u2018 in Gestalt \u201auniversaler Ideen\u2018\u201c (ebd.: 21) sind, die von klassischen Texten vermittelt werden. In ihnen gibt es keine \u201eElementarideen\u201c (ebd.: 59) aufzusp\u00fcren, die von zentralen Begriffen getragen werden. Es gibt \u201elediglich eine Vielzahl von Aussagen von einer Vielzahl verschiedener Akteure mit einer Vielzahl verschiedener Absichten\u201c (ebd.: 58) und damit auch \u201enur eine Geschichte ihrer verschiedenen Verwendungsweisen und der verschiedenen hinter ihnen stehenden Absichten\u201c (ebd.: 58). <br \/>Ob es nun um die Frage der Gerechtigkeit geht, die Skinner als Beispiel dient, oder aber um die der Kunst: Jeder, der sich als reflektierter Mensch mit einer Frage besch\u00e4ftigt, beantwortet sie nicht nur auf seine je eigene Weise \u2013 es \u201ewerden auch die in der Formulierung der Frage verwendeten W\u00f6rter (\u2026) in den verschiedenen Theorien, wenn \u00fcberhaupt, dann in so unterschiedlichen Weisen verwendet, da\u00df es offensichtlich ein Zeichen von Verwirrung ist, wenn man meint, irgendwelche stabilen Begriffe thematisieren zu k\u00f6nnen\u201c (Skinner 2009b: 59). Wer also einen historischen Text und seine zentralen Begriffe, in unserem Fall den Begriff \u201aKunst\u2018, verstehen will, muss \u201esowohl die Absicht verstehen, die verstanden werden sollte, als auch die Absicht, da\u00df diese Absicht verstanden werden sollte, die der Text (und mit ihm die zentralen Begriffe, S.O.) als intentionaler Akt der Mitteilung beinhalten mu\u00df\u201c (ebd.: 60). Also das, was die jeweiligen Autoren \u201ezu jener Zeit, in der sie f\u00fcr eine spezifische Leserschaft geschrieben haben (\u2026) tats\u00e4chlich mit ihren \u00c4u\u00dferungen mitzuteilen beabsichtigt haben\u201c (ebd.: 60). <br \/>Es ist nicht zuletzt dieser Mythos von den \u201ezeitlosen Fragestellungen\u201c (ebd.: 61) und \u201e\u201azeitlosen\u2018 Wahrheiten\u201c (ebd.: 63), der selbst ausgewiesene Koryph\u00e4en der jeweiligen Fachgebiete dazu verf\u00fchrt zu glauben, es g\u00e4be eine Kontinuit\u00e4t in der Verwendungsweise bestimmter Aussagen. Aber \u201eAussagen verk\u00f6rpern immer eine bestimmte Absicht zu einem bestimmten Anla\u00df und sollen der L\u00f6sung eines bestimmten Problems dienen\u201c (ebd.: 62). Will man sie also im Rahmen der interpretativen M\u00f6glichkeiten angemessen verstehen, muss versucht werden, sie eingebettet in die je spezifische Kontextualit\u00e4t in der jeweiligen Synchronie zu betrachten. Wer hingegen diese vergangenen Aussagen in der R\u00fcckprojektion einer Denkfigur wie die des aktuellen Begriffs \u201aKunst\u2018 betrachtet, erh\u00e4lt als Resultat nur ein konstruiertes Konstrukt. Ein Kontinuit\u00e4t suggerierendes Trugbild, das mit dem, was die Autoren mit ihren Aussagen tats\u00e4chlich gemeint haben, <em>indem<\/em> sie sie ge\u00e4u\u00dfert haben, kaum mehr zu tun haben d\u00fcrfte als nur das Wort <em>Kunst<\/em>. <br \/><br \/><strong>5.<\/strong> Was will Skinner verstehen, wenn er vergangene \u00c4u\u00dferungen resp. den historischen Text eines Autors verstehen will? Rufen wir uns zur Beantwortung dieser Frage eine seiner zentralen Aussagen in Erinnerung: <br \/>\u201eUm eine ernstgemeinte \u00c4u\u00dferung zu verstehen, m\u00fcssen wir nicht nur die <em>Bedeutung des Gesagten<\/em> erfassen, sondern zugleich auch die <em>beabsichtigte Kraft<\/em>, mit der die \u00c4u\u00dferung gemacht wurde\u201c (Skinner 2009b: 54, Hervorhebungen S.O.). <br \/>Die \u201aBedeutung des Gesagten\u2018 ist die \u201eBedeutung der \u00c4u\u00dferung selbst\u201c (Skinner 2009c: 73), die Skinner von dem differenziert, was jemand mit eben dieser \u00c4u\u00dferung <em>meint<\/em> oder <em>beabsichtigt<\/em>. Nun gilt es aber zu beachten, dass das Gesagte nicht einfach eine Bedeutung hat so wie etwa die Bierflasche ein Etikett. Vielmehr geht, wie wir gesehen haben (cf. Kap. 3.), die Entwicklung der etablierten resp. konventionellen Bedeutung strukturell immer von \u201esingul\u00e4ren sprachlichen \u00c4u\u00dferungen und ihrer Intentionszuschreibung (aus)\u201c (Liedtke 2016: 41). Das hei\u00dft, \u201eAusgangspunkt der Erkl\u00e4rung sind handelnde Individuen\u201c (Keller 2014: 164), deren Gebrauchsweisen von Worten oder \u00c4u\u00dferungen sich zu individuellen Regularit\u00e4ten entwickeln k\u00f6nnen. Diese <em>k\u00f6nnen<\/em> im weiteren Verlauf sogar, falls sie in einer Peergroup oder, im gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab, in einer Sprachgemeinschaft auf breite Akzeptanz treffen, zu allgemeinen Regeln des Gebrauchs werden. Mit anderen Worten: Der Prozess beschreibt eine M\u00f6glichkeit. Singul\u00e4re Gebrauchsweisen k\u00f6nnen zur konventionellen Bedeutung werden, m\u00fcssen es aber nicht. Bei der Bedeutung des Gesagten kann es sich also um eine etablierte oder konventionelle Bedeutung, ebenso gut aber auch um eine singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung handeln, die nur in diesem einen Fall besteht. <br \/>Nun stehen aber, wie gesehen, singul\u00e4re sprachliche \u00c4u\u00dferungen <em>und<\/em> ihre Intentionszuschreibungen am Anfang des Prozesses der Bedeutungsetablierung. Dies f\u00fchrt uns zur\u00fcck auf das handlungstheoretische Modell von H. Paul Grice (cf. Kap. 3.) und damit zu einem zweiten wichtigen Punkt, den es zu beachten gilt: Skinner identifiziert das, \u201ewas die Autoren (\u2026) <em>gemeint<\/em> haben\u201c (Skinner 2009b: 55), mit der \u201abeabsichtigte(n) Kraft\u2018, mit der eine \u00c4u\u00dferung gemacht wurde. Bei Grice aber hatte sich gezeigt, dass das, was ein Autor mit einer \u00c4u\u00dferung <em>meint<\/em>, strukturell am Anfang einer Bedeutungsetablierung steht. Die Vermutung liegt also nahe, dass es sich hier um zwei verschiedene Gebrauchsweisen des Wortes <em>meinen<\/em> handelt: <br \/>a.\u00a0\u00a0\u00a0 <em>meinen<sup>S<\/sup><\/em> im Sinne Skinners: Um eine \u00c4u\u00dferung zu verstehen, muss sowohl die Bedeutung des Gesagten erfasst werden als auch das, was der Sprecher mit eben dieser \u00c4u\u00dferung <em>meint<sup>S<\/sup><\/em>. b.\u00a0\u00a0\u00a0 <em>meinen<sup>G<\/sup><\/em> im Sinne Grice\u2018: Es gibt F\u00e4lle, in denen das, was der Sprecher mit der \u00c4u\u00dferung <em>meint<sup>G<\/sup><\/em>, vom Angesprochenen nicht schon durch den R\u00fcckgriff auf den konventionellen Sprachgebrauch verstanden werden kann, sondern erst im Rahmen einer dialogisch strukturierten Situation durch das Erkennen der \u201ereflexive(n) Intention\u201c (Liedtke 2016: 37). In diesen F\u00e4llen ginge es nicht um die Bedeutung des Gesagten auf der einen Seite und auf der anderen Seite um das, was ich mit der \u00c4u\u00dferung<em>meine<sup>S<\/sup><\/em> \u2013 hier konstituiert vielmehr das, was der Sprecher mit der \u00c4u\u00dferung <em>meint<sup>G<\/sup><\/em>, die Bedeutung des Gesagten: <br \/>i. Ich intendiere, dass du erkennst, dass ich mit meiner \u00c4u\u00dferung x beabsichtige. ii. Ich intendiere, dass du meine Intention (i.) erkennst. iii. Ich intendiere, dass du erkennst, was ich mit meiner \u00c4u\u00dferung x beabsichtige, indem du meine Intention (ii.) erkennst. <br \/>Zu wissen, was jemand mit einer \u00c4u\u00dferung <em>meint<sup>G<\/sup><\/em>, bedeutet demnach, die kommunikative Intention oder Sprecher-Intention zu erkennen: Die Bedeutung der Gesagten ist in diesem Fall die Sprecher-Bedeutung, die durch <em>meinen<sup>G<\/sup><\/em> konstituiert wurde (cf. Oehm 2019b: 35ff.). Der Angesprochene muss, um zu verstehen, eine reflexiv interpretative Leistung erbringen \u2013 die Verst\u00e4ndnisschnittmenge ist nicht gegeben, sie muss erst erarbeitet werden. Handelt es sich bei der Bedeutung des Gesagten hingegen um die konventionelle Bedeutung, so <em>meint<sup>G<\/sup><\/em> ein Autor\/Sprecher mit der \u00c4u\u00dferung nichts anderes als das, was er sagt. Vorausgesetzt, es besteht zwischen Autor\/Sprecher\u00a0 und Interpreten hinsichtlich dieser konventionellen Bedeutung eine so gro\u00dfe Verst\u00e4ndnisschnittmenge, dass ein \u201aintuitives\u2018 Verstehen seitens des Interpreten gegeben ist, muss nicht nur keine <em>reflexiv<\/em> interpretative, sondern gar keine interpretative Leistung erbracht werden. <br \/>Wie kann aber nun bei <em>vergangenen<\/em> \u00c4u\u00dferungen die <em>Sprecher<\/em>-Bedeutung des Gesagten verstanden werden? Wie kann der Interpret seine Interpretation der reflexiven Intention, das hei\u00dft das, was der Autor\/Sprecher <em>gemeint<sup>G<\/sup><\/em> hat, verbindlich verifizieren, wenn er verstorben ist (cf. Kap. 3.)? Und wie kann ich bei <em>vergangenen<\/em> \u00c4u\u00dferungen die konventionelle Bedeutung des Gesagten gesichert verstehen, wenn es zwischen Autor\/Sprecher und Interpret keine nachpr\u00fcfbar gesicherte Verst\u00e4ndnisschnittmenge, keine diachronische Identit\u00e4t gibt? Ganz zu schweigen von dem \u201e\u00dcberschu\u00df an Bedeutung\u201c (Skinner 2009c: 76), von dem Skinner im Anschluss an Paul Ricoeur spricht, also von all den \u201eAnspielungen, Assoziationen und unterschwelligen Ankl\u00e4nge(n), die ein einfallsreicher Interpret in einem Text entdecken k\u00f6nnte\u201c (ebd.: 73). <br \/>Reden wir nun aber von <em>meinen<sup>S<\/sup><\/em>, so steht die Bedeutung des Gesagten gar nicht zur Debatte. Weder im Sinne der Sprecher-Bedeutung noch der konventionellen Bedeutung. Denn Skinner \u201egeht es nicht um Bedeutung, sondern um den Vollzug bzw. die Performance illokution\u00e4rer Akte\u201c (Skinner 2009c: 73), um \u201edie auktoriale Intentionalit\u00e4t\u201c (ebd.: 73). Die Frage, \u201ewas ein Autor mit einer \u00c4u\u00dferung gemeint oder beabsichtigt haben k\u00f6nnte\u201c (ebd.: 73), ist f\u00fcr Skinner also <em>keine<\/em> Frage nach der Bedeutung des Gesagten, sondern eine nach dem illokution\u00e4ren Akt. Wenn er jedoch gleichzeitig fordert, dass wir, um eine ernstgemeinte \u00c4u\u00dferung verstehen zu k\u00f6nnen, die Bedeutung des Gesagten erfassen <em>m\u00fcssen<\/em>, kann er nicht einfach nonchalant davon ausgehen, <em>dass<\/em> die Bedeutung des Gesagten, ganz egal, ob es sich nun um die Sprecher-Bedeutung oder die konventionelle Bedeutung handelt, erfasst wird. Er muss vielmehr plausibel <em>erkl\u00e4ren<\/em>, <em>wie<\/em> die Bedeutung des Gesagten im Falle l\u00e4ngst vergangener \u00c4u\u00dferungen und Texte erfasst wird. <br \/><br \/><strong>6.<\/strong> In Kap. 2. haben wir bei der Formulierung unserer heuristischen Thesen bereits einige grunds\u00e4tzliche Aspekte angesprochen, die der M\u00f6glichkeit eines gesicherten, verifizierten Verstehens von \u00c4u\u00dferungen und Texten entgegenstehen. Einige weitere Aspekte im Hinblick auf die \u201aBedeutung des Gesagten\u2018 gilt es nun zu bedenken: <br \/>1.\u00a0\u00a0\u00a0 Werden Autor\/Sprecher und Interpret in einer Sprachgemeinschaft zu einer bestimmten Zeit gemeinsam sozialisiert, so internalisieren sie in der Regel die dann jeweils allgemein akzeptierten Bedeutungen (\u201aVerst\u00e4ndnisschnittmenge\u2018): Der Interpret ist imstande, die konventionelle Bedeutung des Gesagten \u201aintuitiv\u2018 zu verstehen. Er muss keine reflexive Intention erkennen, um zu wissen, was mit der \u00c4u\u00dferung in diesem Fall <em>gemeint<sup>G<\/sup><\/em> ist. 2.\u00a0\u00a0\u00a0 Werden Autor\/Sprecher und Interpret in einer Sprachgemeinschaft zu verschiedenen Zeiten (gegebenenfalls sogar in verschiedenen Epochen) sozialisiert, so gilt: Je gr\u00f6\u00dfer der zeitliche Abstand zwischen \u00c4u\u00dferung und Rezeption, desto geringer die diachronische Identit\u00e4t der Bedeutung, also der Verst\u00e4ndnisschnittmenge des Gesagten \u2013 und damit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Interpret bei einer vergangenen \u00c4u\u00dferung die zum Zeitpunkt der \u00c4u\u00dferung konventionelle Bedeutung des Gesagten \u201aintuitiv\u2018 richtig versteht. 3.\u00a0\u00a0\u00a0 Werden Autor\/Sprecher und Interpret in verschiedenen Sprachgemeinschaften\/Kulturen zur gleichen Zeit sozialisiert, ist ein \u201aintuitives\u2018 Verstehen der konventionellen Bedeutung des Gesagten beim Interpreten wie in 1. nicht gegeben \u2013 es ist bestenfalls nachtr\u00e4glich \u201aerlernbar\u2018. 4.\u00a0\u00a0\u00a0 Findet die Sozialisation in verschiedenen Epochen <em>und<\/em> in verschiedenen Sprachgemeinschaften\/Kulturen statt, kann die konventionelle Bedeutung einer vergangenen \u00c4u\u00dferung nicht \u201aintuitiv\u2018 verstanden werden (kann sie \u00fcberhaupt eruiert werden, damit sie verstanden werden kann?). 5.\u00a0\u00a0\u00a0 Eine eher rhetorische Frage: Kann der Interpret verbindlich feststellen, ob es sich im Hinblick auf vergangene \u00c4u\u00dferungen bei der Bedeutung des Gesagten um eine etablierte resp. konventionelle Bedeutung oder doch eher um eine einmalige Sprecher-Bedeutung handelt? 6.\u00a0\u00a0\u00a0 Eine ebenso rhetorische Frage: Kann der Interpret im Hinblick auf vergangene \u00c4u\u00dferungen die Bedeutung des Gesagten verbindlich verstehen, wenn es sich um eine singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung handelt? 7.\u00a0\u00a0\u00a0 Wer im Hinblick auf vergangene \u00c4u\u00dferungen die Bedeutung des Gesagten verstehen\/eruieren will, muss seine eigenen aktuellen Gebrauchsweisen der Begriffe im Detail kennen und sie sich im Moment der Interpretation bewusst machen, damit er sie bei der Interpretation vergangener Aussagen nicht auf eben diese Aussagen projiziert und so eine Kontinuit\u00e4t konstruiert, die es nicht gibt \u2013 so zum Beispiel die des Gebrauchs des Wortes <em>Kunst<\/em> auf allen Ebenen und Achsen (cf. Oehm 2019a: 10, auch Oehm 2019b: 272). <br \/>Lassen wir f\u00fcr einen Moment einmal diese grunds\u00e4tzlichen Probleme beiseite, die sich bei der Frage nach der \u201aBedeutung des Gesagten\u2018 und der M\u00f6glichkeit, sie zu erfassen, ergeben. Denn \u201e(u)m eine ernstgemeinte \u00c4u\u00dferung zu verstehen, m\u00fcssen wir (ja) nicht nur die <em>Bedeutung des Gesagten<\/em> erfassen, sondern zugleich auch die <em>beabsichtigte Kraft<\/em>, mit der die \u00c4u\u00dferung gemacht wurde\u201c (Skinner 2009b: 54, Hervorhebungen S.O.). Also das, was ein Autor mit ihr <em>gemeint<sup>S<\/sup><\/em> hat. Dieses <em>meinen<sup>S<\/sup> <\/em>identifiziert Skinner nun mit derauktorialen Intentionalit\u00e4t alias: der \u201a<em>beabsichtigten Kraft<\/em>\u2018. Den Terminus \u201aKraft\u2018 entlehnt er bei dem englischen Sprachphilosophen John L. Austin, der ihn in seinem bahnbrechenden Werk \u201aZur Theorie der Sprechakte\u2018 einf\u00fchrte. Austin unterscheidet dort den <em>lokution\u00e4ren<\/em> Akt (den eigentlichen Akt des \u00c4u\u00dferns) vom <em>illokution\u00e4ren<\/em> Akt (dem konventionellen Zweck der Sprachhandlung: Befehl, Aufforderung, Behauptung, Verbot etc.) und diesen wiederum vom <em>perlokution\u00e4ren<\/em> Akt. Letztere Sprachhandlung vollzieht ein Sprecher, wenn er eine \u00c4u\u00dferung \u201emit dem Plan, in der Absicht, zu dem Zweck\u201c macht (Austin 1979: 118), bestimmte Wirkungen beim Angesprochenen auszul\u00f6sen. Die uns hier nur interessierende <em>illokution\u00e4re<\/em> Akt, ist der, \u201eden man vollzieht, <em>indem<\/em> man etwas sagt, im Unterschied zu dem Akt, \u201e<em>da\u00df<\/em> man etwas sagt\u201c (ebd.: 117). Im Vollzug des illokution\u00e4ren Akts k\u00f6nnen wir \u201e<em>die<\/em> \u00c4u\u00dferung <em>als etwas<\/em> (als Befehl und dergleichen) meinen\u201c (ebd.: 118, meinen im Sinne von <em>meinen<sup>S<\/sup><\/em>). Im Vollzug lokution\u00e4rer Akte k\u00f6nnen wir \u201e<em>mit der<\/em> \u00c4u\u00dferung <em>etwas<\/em> meinen\u201c (ebd.: 118, meinen im Sinne von <em>meinen<sup>G <\/sup><\/em>). Wenn wir nun in illokution\u00e4ren Akten die \u00c4u\u00dferungen als etwas <em>meinen<sup>S<\/sup><\/em> (also als Befehl, Aufforderung, Behauptung, Verbot etc.), dann \u00fcben sie verschiedene <em>Funktionen<\/em> aus, dienen sie verschiedenen <em>Zwecken<\/em>: Austin spricht von \u201e\u201aillokution\u00e4ren Rollen\u2018 [illocutionary forces]\u201c (Austin 1979: 117) der Sprache und unterscheidet dezidiert \u201ezwischen der <em>Rolle<\/em> (\u201aforce\u2018, Anm. S.O.) der \u00c4u\u00dferung und ihrer <em>Bedeutung<\/em> (im Sinne dessen, wor\u00fcber sie spricht und was sie dar\u00fcber sagt)\u201c (ebd.: 118). <br \/>Hier wird verst\u00e4ndlich, warum es Skinner bei einer \u00c4u\u00dferung ausdr\u00fccklich \u201enicht um Bedeutung, sondern um den Vollzug bzw. die Performance illokution\u00e4rer Akte\u201c (Skinner 2009c: 73) im Rahmen \u201eder in der \u00c4u\u00dferung selbst bestehenden Interventionen\u201c (ebd.: 80) geht. Denn f\u00fcr ihn ist jeder Text ein Eingriff in einen Diskurs. Das hei\u00dft, \u201e(j)eder Kommunikationsakt beinhaltet eine Stellungnahme in bezug auf einen bereits bestehenden Gespr\u00e4chs- und Argumentationskontext\u201c (ebd.: 78). Wollen wir also eine \u00c4u\u00dferung verstehen, m\u00fcssen wir verstehen, \u201ewarum jemand eine bestimmte \u00c4u\u00dferung macht\u201c (ebd.: 78). Damit wird nicht allein \u201ejede kategorische Trennung von Text und Kontext in Frage\u201c (ebd.: 80) gestellt, es wird auch der von Roland Barthes und Michel Foucault totgesagte Autor [20] wiederbelebt. Denn auch wenn Skinners \u201eAufmerksamkeit nicht prim\u00e4r individuellen Autoren (gilt), sondern den allgemeinen diskursiven Kontexten ihrer Zeit\u201c (ebd. 81), so gilt es anzuerkennen, \u201eda\u00df Texte (\u2026) Autoren haben und da\u00df Autoren \u00fcber bestimmte Absichten verf\u00fcgen, wenn sie Texte schreiben\u201c (ebd.: 82), wir uns also nicht auf die Untersuchung von Foucaults \u201adiskursiven Formationen\u2018 beschr\u00e4nken k\u00f6nnen, wollen wir einen Text oder eine \u00c4u\u00dferung angemessen verstehen. Die von Autoren verfassten Texte sind stets intentionale Interventionen zu bestimmten Diskursen in bestimmten Kulturen in bestimmten Epochen und deshalb zwingend als solche zu begreifen. Das allgemeine Ziel muss also darin bestehen, \u201edie (\u2026) untersuchten Texte zur\u00fcck in diejenigen kulturellen und diskursiven Kontexte zu stellen, in denen sie urspr\u00fcnglich verfa\u00dft wurden\u201c (ebd.: 88). <br \/><br \/><strong>7.<\/strong> Auch wenn hier zahlreiche grunds\u00e4tzliche Vorbehalte gegen das Gelingen eines solchen Unterfangens vorgetragen wurden, so bedeutet dies nicht, dass es nicht versucht werden sollte. Im Gegenteil. Nur dann, wenn Begriffe, \u00c4u\u00dferungen und Texte im Rahmen des nur eben M\u00f6glichen nicht als r\u00fcckprojizierte Konstrukte verhandelt, sondern in eben die kulturellen und diskursiven Kontexte gestellt werden, in denen sie urspr\u00fcnglich verfasst wurden, er\u00f6ffnet sich uns die M\u00f6glichkeit einer \u201eernsthafte(n) Auseinandersetzung mit unvertrauten Denkweisen\u201c (Skinner 2009c: 88) und Lebensformen. Es ist diese Auseinandersetzung, die es uns erm\u00f6glicht, \u201eeine gewisse Distanz zu unseren eigenen \u00dcberzeugungen und Wertesystemen zu gewinnen\u201c (ebd.: 88) und zu erkennen, \u201eda\u00df unsere eigenen Beschreibungen und Begriffe keineswegs zeitlos \u00fcberlegen sind\u201c [21] (ebd.: 88).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was gibt es in der Kunst zu \u201everstehen\u201c?<\/strong>, Rigorose Reflexionen zum Kunstbegriff von Stefan Oehm.\u00a0 K\u00f6nigshausen &amp; Neumann, 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-scaled-e1617188402283.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81219 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/oehm_Kunst2-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a>Die inflation\u00e4re Verwendung des zentralen Terminus technicus im Kunstdiskurs geht mit einer befremdlichen sprachlichen Sorglosigkeit einher. Keiner der Beteiligten nimmt eine systematische Begriffsdifferenzierung vor, um sicherzustellen, dass alle wissen, wor\u00fcber sie reden, wor\u00fcber sie miteinander reden und wor\u00fcber der Andere redet. Wie kann ein Verstehen gew\u00e4hrleistet sein, wenn nicht dieses Wissen gew\u00e4hrleistet ist? \u00dcber welchen Begriff \u203averstehen\u2039 reden wir in der Kunst? Geht es in der Kunst \u00fcberhaupt darum, etwas zu verstehen oder verstehen zu geben? Die hier vorliegenden f\u00fcnf Aufs\u00e4tze widmen sich einigen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, um von diversen liebgewonnenen Topoi Abschied zu nehmen. Helfen werden Gedanken des Ethnologen Clifford Geertz, den sein Unbehagen an der mangelnden begrifflichen Pr\u00e4zision deutender Ans\u00e4tze zum Konzept der \u203aDichten Beschreibung\u2039 f\u00fchrte. Des Weiteren jene des Historikers Quentin Skinner, der den Mythen der R\u00fcckprojektion bestehender Konzepte in die Vergangenheit und historischer Kontinuit\u00e4ten Einhalt bot. Und nicht zuletzt des Anthropologen Michael Tomasello, der die Infrastruktur geteilter Intentionalit\u00e4t als Basis menschlicher Kommunikation und kooperativen Handelns identifizierte \u2013 die Basis dessen, was wir so gerne Kunst nennen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte das Buch <em>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/em> von Stefan Oehm mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Rezensionsessay<\/a>. &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Literatur: <\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Austin, John L. (1979): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words), Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bembeza<\/strong>, Sofia et al. (2019): Polyphone \u00c4sthetik \u2013 Eine kritische Situierung, Wien\/Linz: transversal texts. <strong>Conard<\/strong>, Nicholas J. (2017): Vorsprung durch Kunst, Frankfurter Allgemeine Zeitung (<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/vorsprung-durch-kunst-das-glueck-der-neuen-menschen-14860383.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/vorsprung-durch-kunst-das-glueck-der-neuen-menschen-14860383.html<\/a>, zuletzt abgerufen am 29.01.2020) <strong>Ferguson<\/strong>, Adam (1767\/1904): An Essay on the History of Civil Society, Edinburgh. <strong>Gallus<\/strong>, Alexander (2019): Die Schule von Cambridge &#8211; Wort, Satz und Sieg, Frankfurter Allgemeine Zeitung (https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/geist-soziales\/quentin-skinner-und-die-schule-von-cambridge-16480789.html, zuletzt abgerufen am 29.01.2020) <strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1957\/1979): Intendieren, Meinen, Bedeuten. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1968\/1979): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung, Wort-Bedeutung. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Grice<\/strong>, Herbert Paul (1972-73\/1979): Sprecher-Bedeutung und Intentionen. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a. M.: Verlag Suhrkamp. <strong>Heinz<\/strong>, Marion\/Ruehl, Martin (2009): Nachwort, in: Quentin Skinner, Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jannidis, Fotis et al. (2016): Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Keller, Rudi (2006) Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?, in: Aptum. Heft 03\/2006, Zeitschrift f\u00fcr Sprachkritik und Sprachkultur, Bremen: Hempen Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Keller<\/strong>, Rudi (<sup>4<\/sup>2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag. <strong>Liedtke<\/strong>, Frank (2016): Moderne Pragmatik, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag. <strong>Majetschak<\/strong>, Stefan (<sup>4<\/sup>2016): \u00c4sthetik zur Einf\u00fchrung, Hamburg: Junius Verlag <strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019a): Entwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs &#8218;Kunst&#8216;, in: Mythos Magazin (<a href=\"http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm\">http:\/\/www.mythos-magazin.de\/erklaerendehermeneutik\/so_kunst.htm<\/a>) <strong>Oehm<\/strong>, Stefan (2019b): Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?, W\u00fcrzburg: Verlag K\u00f6nigshausen &amp; Neumann. <strong>de Saussure<\/strong>, Ferdinand (<sup>2<\/sup>1967): Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaften, Berlin: Walter de Gruyter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sefa<\/strong>, Nora (2019): Die W\u00fcrde mit den Mitteln der Kunst wiedererlangen, Frankfurter Allgemeine Zeitung (https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/kunst\/die-ausstellung-incarnations-im-bruesseler-bozar-museum-16343238.html, zuletzt abgerufen am 03.02.2020)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009a): \u00dcber Interpretation, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. <strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009b): Bedeutung und Verstehen in der Ideengeschichte, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. <strong>Skinner<\/strong>, Quentin (2009c): Interpretation und das Verstehen von Sprechakten, in: Visionen des Politischen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. <strong>Smith<\/strong>, Adam (1978): Der Wohlstand der Nationen, Mu\u0308nchen: Deutscher Taschenbuch Verlag. <strong>Thurn<\/strong>, Hans Peter (1994): Der Kunsth\u00e4ndler &#8211; Wandlungen eines Berufes, M\u00fcnchen: Hirmer Verlag. <strong>Tomasello<\/strong>, Michael (<sup>4<\/sup>2017): Die Urspr\u00fcnge der menschlichen Kommunikation, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. <strong>Wenzel<\/strong>, Horst (1997): Die \u201aflie\u00dfende\u2018 Rede und der \u201agefrorene\u2018 Text. Metaphern der Medialit\u00e4t, in: Gerhard Neumann (Hg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft, Stuttgart\/Weimar: Verlag Metzler (hier zitiert nach: https:\/\/www.metaphorik.de\/sites\/www.metaphorik.de\/files\/article\/wenzel-medialitaet.pdf, zuletzt abgerufen am 31.01.2020)<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[1] Siehe die Differenzierung der Gebrauchsebenen und damit der Gebrauchsregeln des Wortes <em>Kunst<\/em> in meinem Aufsatz \u201aEntwurf einer grunds\u00e4tzlichen Er\u00f6rterung des Begriffs \u201aKunst&#8217;\u2018 (Oehm 2019a: 10, auch Oehm 2019b: 272). [2] Ist dies, bezogen auf andere Epochen, eine Frage in diachroner Hinsicht, l\u00e4sst sie sich auch, bezogen auf andere Kulturen, ganz \u00e4hnlich in synchroner Hinsicht stellen. So wie dies die Kuratoren der Ausstellung \u201eIncarNations \u2013 African Art as Philosophy\u201c in Br\u00fcssel getan haben: \u201eWas ist afrikanische Kunst? (\u2026) Existiert sie \u00fcberhaupt? Oder ist sie nur eine Projektion eines westlichen Konzepts?\u201c (Sefa 2019: o.S). In einer Besprechung in der FAZ schreibt Nora Sefa, die Ausstellung sei eine einzige Aufforderung: \u201eDekolonisiert eure Sichtweise.\u201c Die Dekolonisierung w\u00fcrde allerdings damit zu beginnen haben, dass dieser abendl\u00e4ndisch gepr\u00e4gte und tradierte Begriff \u201aKunst\u2018 keine Anwendung auf Artefakte und Ent\u00e4u\u00dferungen nicht-abendl\u00e4ndischer Kulturen mehr findet. Insbesondere solcher Kulturen, die eine Kolonisierung durch aggressive Usurpation abendl\u00e4ndischer M\u00e4chte erleiden mussten \u2013 das hei\u00dft einen auch kulturell \u00fcbergriffigen Kolonialismus, der zumeist vom festen Glauben an eine eigene rassische H\u00f6herwertigkeit begleitet war. Was aber, wenn der in dieser Weise vorbelastete Begriff \u201aKunst\u2018, unbedarft durch Kuratoren gebraucht wird, die ihrerseits aus eben jenen L\u00e4ndern kommen, die durch einen solchen Kolonialismus ihrer kulturellen Identit\u00e4t vielfach fast g\u00e4nzlich beraubt wurden? \u201eKolonialit\u00e4t ist fester Bestandteil des Denkens, der Strukturen und Institutionen der Kolonialkulturen und entsteht nicht erst mit der territorialen Kolonisierung\u201c, so der Kulturtheoretiker Christoph Brunner (Bempeza et al.: 24). Nicht nur des Denkens, der Strukturen und Institutionen der Kolonialkulturen m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen: So perpetuieren durch den perpetuierten Gebrauch des abendl\u00e4ndischen Kernbegriffs der \u00c4sthetik par excellence \u201aKunst\u2018 ausgerechnet die die kolonialen Denkstrukturen, die sich gegen diese in Stellung bringen. [3] Beispielsweise redet der renommierte T\u00fcbinger Professor f\u00fcr \u00c4ltere Urgeschichte, Nicholas J. Conard, in seinem Beitrag \u201aVorsprung durch Kunst\u2018 f\u00fcr die FAZ einer solchen Kontinuit\u00e4t das Wort: \u201eDie Fragen, wann, warum und wo die Kunst entstanden ist, wird man wahrscheinlich noch viele Jahre lang diskutieren\u201c (Conard 2017: o.S.). [4] Zwischen Kunst und Handel bestand bereits in der Antike eine innige Beziehung. Darauf weist nicht zuletzt Hans Peter Thurn hin: Der griechische Gott <em>Hermeias<\/em>, uns besser bekannt als Hermes, galt als Schutzgott der Kaufleute, \u201eals Schirmherr der Herden und als Patron der K\u00fcnste\u201c (Thurn 1994: 14). Noch deutlicher wird diese enge Verbindung bei den R\u00f6mern. Sie \u201ebetonten diesen Gesch\u00e4ftsaspekt, indem sie den griechischen Hermes unter Verwendung des Handelswortes \u201amerx\u2018 in Merkur umtauften und diesem als Accessoire einen Geldbeutel mit auf den Weg gaben\u201c (ebd. 1994: 14). merx, mercis, dt. <em>Ware<\/em>. Davon leitet sich unter anderem unser heutiger Begriff \u201aMarkt\u2018 ab. [5] Den Begriff der unsichtbaren Hand (engl. <em>invisible hand<\/em>) f\u00fchrte der schottische National\u00f6konom Adam Smith in seinem Werk \u201aDer Wohlstand der Nationen\u2018 (Smith 1978: 371) ein. [6] Ein Beispiel zu Verdeutlichung: Die Begriffe \u201aPrimzahl\u2018, \u201aHaus\u2018 und \u201aSpielzeug\u2018 werden verschiedenen Begriffstypen zugeordnet. Die Primzahl ist eindeutig definiert: Jede Zahl ist eine Primzahl, die nur durch sich selbst und 1 teilbar ist. Der Begriff \u201aHaus\u2018 hingegen ist nicht so eindeutig definiert. Er kann zwar nach allgemein akzeptierter Gebrauchsweise nur auf bestimmte Objekte bezogen werden, aber dennoch ist ihm eine gewisse Vagheit eigen \u2013 ich habe <em>ad hoc<\/em> die M\u00f6glichkeit, etwas als Haus zu bezeichnen, was andere eher als H\u00fctte bezeichnen w\u00fcrden. Das hei\u00dft: Das gleiche Objekt kann zum gleichen Zeitpunkt von zwei verschiedenen Personen widerspruchsfrei einmal als Haus und einmal als H\u00fctte bezeichnet werden. Der Begriff \u201aSpielzeug\u2018 wiederum besitzt, ebenso wie der Begriff \u201aGeschenk\u2018, eine geradezu maximale Vagheit: Da alles potentiell ein Spielzeug oder ein Geschenk sein kann (auch wenn es uns noch so absurd erscheint), ist die Aussage \u201ax ist ein Spielzeug\/Geschenk\u2018 potentiell immer wahr. [7] Dieser Zeitraum einer verst\u00e4ndnissichernden \u201ediachronischen Identit\u00e4t\u201c (Keller 2014: 132) umspannt in der Regel die parallel lebenden und miteinander im Rahmen kooperativer Prozesse geteilter Intentionalit\u00e4t kommunizierenden Generationen \u2013 also drei bis maximal f\u00fcnf Generationen. [8] Die beiden Begriffe \u201aBegriff \u201aKunst\u2018\u2018 und \u201aKunstbegriff\u2018 sind sorgf\u00e4ltig voneinander zu trennen. Der Begriff \u201aKunst\u2018 bezieht sich auf die vertikale und horizontale Achse der Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> auf der Mikroebene des individuellen Kunstschaffens und der Makroebene der sozialen Institutionen \u00a0(Oehm 2019a: 10), der \u201aKunstbegriff\u2018 hingegen bezeichnet den in der Kunstwelt h\u00e4ufig undifferenziert gebrauchten Begriff, bei dem oftmals nicht klar wird, auf welche der verschiedenen Ebenen des Gebrauchs des Wortes <em>Kunst<\/em> er sich gerade in dem Moment bezieht: auf das konkrete Werk, das Oeuvre, das Genre, das Medium, den alle K\u00fcnste umfassenden Oberbegriff etc. pp. [9] So mancher Beteiligter wird von sich behaupten, das Wort <em>Kunst<\/em> angemessen gebrauchen und wom\u00f6glich sogar eine \u201akorrekte\u2018 Zuschreibung von etwas als Kunst (resp. als Kunstwerk) liefern zu k\u00f6nnen. Manche, so etwa Mitglieder der Gruppe D: \u201aKunstexperten\u2018, nehmen dies sogar exklusiv f\u00fcr sich in Anspruch. Allerdings verfangen sie sich dabei rasch in einer zirkul\u00e4ren Argumentation: Wer legt fest, dass nur Kunstexperten dazu bef\u00e4higt sind, sachdienliche Aussagen \u00fcber Kunst zu machen resp. ein Werk als Kunstwerk zu erkennen? In der Regel niemand anderes als eben Kunstexperten. [10] Der Begriff \u201aepisodal\u2018 soll einen entscheidenden Umstand kennzeichnen: Zum einen handelt es sich bei der Etablierung und Wandlung der Gebrauchsweisen um einen fortlaufenden Prozess, der erst mit dem Ende aller Sprecher nat\u00fcrlicher Sprachen sein Ende findet. Zum anderen ist dieser Prozess eingebettet in ein Kontinuum, das, nach derzeitiger Lehrmeinung der Wissenschaft, seinen Anfang in der kosmischen Inflation der Singularit\u00e4t, dem Urknall, nahm und in diesem einzigartigen Ereignis aus einem Punkt Raum und Zeit konstituierte. Bei der physikalischen Zeit handelt es sich nach allem, was wir wissen, demnach um ein gerichtetes, irreversibles Momentum, das de facto nur reine Dauer, aber <em>keine<\/em> Etappen kennt, die durch einen bezeichneten Anfang sowie ein bezeichnetes Ende definiert sind. Die Rede von einer Etappe w\u00e4re das, was Keller \u201eein vom Arbeitsziel gebotenes Erfordernis\u201c (Keller 2014: 171) nennen w\u00fcrde. Was so theoretisch klingt, hat praktisch dramatische Auswirkungen. Denn wenn wir bei dem Kontinuum, das wir als \u201aphysikalische Zeit\u2018 kennen, von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit reden, so nutzen wir, ohne dass es den meisten von uns bewusst ist, drei Begriffe, die drei verschiedenen Begriffstypen zuzuordnen sind: Die \u201aZukunft\u2018 als das, was kommen wird, ist, auch wenn sie bislang immer eingetreten ist, reine Spekulation \u2013 nichts berechtigt uns zu der Annahme, dass nicht morgen schon ein kosmisches Ereignis \u00e4hnlichen Ausma\u00dfes wie das des Urknalls dem ganzen Spuk ein Ende bereiten wird (das Problem ist bekannt als \u201aHumes Induktionsproblem\u2018). Die \u201aGegenwart\u2018 ist in diesem steten Fluss reiner Dauer lediglich als ein von den verschiedenen Sprechern nat\u00fcrlicher Sprache <em>ad hoc<\/em> definierter Zeitraum, als eine willk\u00fcrlich begrenzte Etappe, als \u201aepisodales Ereignis\u2018 (Oehm 2019b: 80 et al.) gegeben \u2013 de facto rauscht die Zukunft ungebremst durch sie hindurch in die Vergangenheit (der Gro\u00dfteil des Hier und Jetzt, das wir ad hoc <em>Gegenwart<\/em> nennen, liegt \u00fcbrigens bereits in der Vergangenheit). Die \u201aVergangenheit\u2018 ist demnach die einzige Gr\u00f6\u00dfe, die f\u00fcr uns fassbar ist. Da aber die Zeit, soweit wir wissen, irreversibel ist, entzieht sich ausgerechnet diese fassbare Gr\u00f6\u00dfe unserer validen Erkenntnis und damit der Erfassbarkeit: Wir k\u00f6nnen keine verifizierbaren Aussagen \u00fcber sie machen, alles muss prinzipiell Hypothese bleiben. [11]Ein analoges Defizit ergibt sich f\u00fcr uns aufgrund unserer fehlenden sprachlichen Sozialisation in anderen Sprachgemeinschaften und, mehr noch, in g\u00e4nzlich anderen Kulturkreisen. Dessen sollten wir uns immer bewusst sein \u2013 wie auch der Konsequenzen, die sich daraus ergeben. [12] Einzig ein Text, also das <em>schriftliche<\/em> Zeugnis vergangener \u00c4u\u00dferungen und Aussagen, ist uns aus vergangenen Zeiten zug\u00e4nglich. F\u00fcr den Historiker und Politikwissenschaftler Quentin Skinner (cf. 4.) handelt es sich dabei, so Marion Heinz\/Martin Ruehl in ihrem Nachwort zu dessen Aufsatzband \u201aVisionen des Politischen\u2018, um eine Form \u201e\u201aerstarrter Sprechhandlung\u2018 (<em>frozen speech<\/em>)\u201c (Heinz\/Ruehl 2009: 271). Eine Formulierung, die an eine Metapher des normannischen Chronisten Ordericus Vitalis (1075 &#8211; 1143) erinnert, der den Text resp. die Schrift als \u201egefrorene Sprache\u201c (Wenzel 1997: 15) bezeichnete. [13] Eine andere Position vertritt die Systemtheorie im Gefolge Niklas Luhmanns. Sie geht dezidiert nicht vom Einzelnen aus. Der Bestand von Systemen wird lediglich gesetzt, aber nicht systematisch erkl\u00e4rt. [14] Die verschiedenen Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> werden strukturell auf der vertikalen Achse differenziert. Auf der horizontalen Achse der jeweils faktischen Gebrauchsweisen des Wortes <em>Kunst<\/em> sind, wie gesehen, dessen singul\u00e4ren, gruppenspezifischen und auch die innerhalb einer Sprachgemeinschaft allgemein akzeptierten Gebrauchsweisen zu differenzieren (Oehm 2019b: 272). [15] Auf signifikante Weise ist von einem solchen Wandel auch das Wort <em>Kunst<\/em> betroffen. So wie sich im 18. Jahrhundert ein g\u00e4nzlich neuer Gebrauch des Wortes <em>Kunst<\/em> und im Verlaufe dessen ein Begriff \u201aKunst\u2018 im Sinne des Oberbegriffs aller K\u00fcnste als nicht z\u00e4hlbares Substantiv etablierte (wodurch erst die Wesensfrage \u201aWas ist Kunst?\u2018 m\u00f6glich wurde), so verschwanden im Laufe des 19. Jahrhunderts verschiedene spezifische Gebrauchsweisen der Wortes <em>Kunst<\/em> und damit des Begriffs \u201aKunst\u2018 fast v\u00f6llig aus unserem Sprachgebrauch: Kunst als die Bezeichnung der Aus\u00fcbung technischer Gewerke sowie die bestimmter Vorrichtungen resp. technischer Anlagen (z.B. \u201aWasserkunst\u2018 oder \u201aDampfkunst\u2018), die von einem \u201aKunstmeister\u2018 konstruiert und instand gehalten wurden. [16] Der Sprachgebrauch in der geschriebenen Sprache ist vom Sprachgebrauch in der gesprochenen Sprache zu differenzieren \u2013 die Etablierung allgemein akzeptierter Gebrauchsweisen l\u00e4uft in der Schriftsprache der in der gesprochenen Sprache stets hinterher. Es ist eine asynchrone Entwicklung: Das, was in gesprochenen Sprache bereits \u00fcblich ist und nicht als fehlerhaft empfunden wird, wird in der geschriebenen Sprache zur gleichen Zeit als Fehler empfunden. Noch. Denn wir sind \u201euns nicht bewusst, dass die systematischen Fehler von heute mit hoher Wahrscheinlichkeit die neuen Regeln von morgen sind\u201c (Keller 2004: 195). Plakativ vor Augen gef\u00fchrt wird uns das durch ein sprachhistorisch neues Ph\u00e4nomen, das sich der klassisch-dichotomen Einteilung von geschriebener und gesprochener Sprache entzieht \u2013 Linguisten nennen es \u201ageschriebene M\u00fcndlichkeit\u2018: die Sprache in E-Mails, auf WhatsApp, Twitter etc. [17] Wurden Sprecher und Angesprochener, Autor und Leser zur gleichen Zeit in der gleichen Sprachgemeinschaft sozialisiert, erh\u00f6ht dies die Chance erheblich, dass beide, Angesprochener wie Leser, \u201eauf eine g\u00e4ngige Bedeutung der ge\u00e4u\u00dferten Ausdr\u00fccke zur\u00fcckgreifen (k\u00f6nnen)\u201c (Liedtke 2016: 41). Der schweizerische Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure nannte den Prozess der Bildung einer solchen Verst\u00e4ndnisschnittmenge, die kollektives Resultat des Prozesses der unsichtbaren Hand ist, \u201asoziale Kristallisation\u2018: \u201eZwischen allen Individuen, die so durch die menschliche Rede verkn\u00fcpft sind, bildet sich eine Art Durchschnitt heraus: alle reproduzieren \u2013 allerdings nicht genau, aber ann\u00e4hernd \u2013 dieselben Zeichen, an die dieselben Vorstellungen gekn\u00fcpft sind\u201c (de Saussure 1967: 15) [18] Quentin Skinner wird hier wohl, neben dem Poststrukturalismus, insbesondere an den New Criticism gedacht haben, der lange Jahre die Literaturbetrachtung in den USA dominierte. Sein Gr\u00fcndungsdokument ist der 1946 erschienene Aufsatz \u201aThe Intentional Fallacy\u2018 (dt. \u201aDer intentionale Fehlschluss\u2018) von William K. Wimsatt und Monroe C. Beardsley. Ihr Credo lautete: \u201eZur Beurteilung und Deutung eines literarischen Textes sind allein dieser Text und seine Merkmale, nicht aber die Intention des Autors relevant\u201c (Jannidis et al. 2016: 80). Da sich dessen Intention, so beschreiben Jannidis et al. die Position von Wimsatt\/Beardsley, \u201esich nur mithilfe textexternen Materials rekonstruieren l\u00e4sst\u201c (ebd.: 80), halten diese den Schluss von der Autorenintention \u201eauf die Qualit\u00e4t und die Bedeutung eines literarischen Werks (\u2026) f\u00fcr einen Fehlschluss\u201c (ebd.: 80). [19] Den Begriff \u201aforce\u2018 f\u00fchrte John L. Austin in seinem Werk \u201aHow to do things with words\u2018 (dt. <em>Zur Theorie der Sprechakte<\/em>) ein (Austin 1979: 117). Er differenziert dort zwischen verschiedenen Sprachhandlungen, die wir in der umgangssprachlichen Kommunikation mit bestimmten \u00c4u\u00dferungen vollziehen. Einen dieser Sprechakte bezeichnet Austin als \u201eden Vollzug eines \u201aillokution\u00e4ren\u2018 Aktes (\u2026) d.h. einen Akt, den man vollzieht, <em>indem<\/em> man etwas sagt\u201c (ebd.: 117), der von \u201edem Akt, <em>da\u00df<\/em> man etwas sagt\u201c (ebd.: 117) zu unterscheiden sei. Austin nennt \u201edie Theorie der verschiedenen Funktionen, die die Sprache unter diesem Aspekt haben kann (\u2026) die Theorie der \u201aillokution\u00e4ren Rollen\u2018 [illocutionary forces]\u201c (ebd.: 117, in der von Eike von Savigny bearbeiteten deutschen Fassung wird \u201aforce\u2018 nicht mit \u201aKraft\u2018, sondern mit \u201aRolle\u2018 \u00fcbersetzt). Wollen wir also eine Aussage verstehen, m\u00fcssen wir sie auf beiden Ebenen verstehen. Wenn wir nun, so Quentin Skinner, Dinge mit Worten tun, wenn wir \u201eeine bestimmte Art von <em>Handlung<\/em> vollziehen, also etwas \u00fcberlegt und willentlich tun\u201c (Skinner 2009c: 66), so \u201ekann die Verbindung zwischen der illokution\u00e4ren Kraft der Sprache und dem Vollzug illokution\u00e4rer Handlungen \u2013 wie bei allen willentlichen Handlungen \u2013 nur in den Absichten des Sprechers liegen\u201c (ebd.: 66).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[20] Roland Barthes: \u201aDer Tod des Autors\u2018 sowie Michel Foucault: \u201aWas ist ein Autor?\u2018, in: Jannidis, Fotis et al. (2016): Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[21] Quentin Skinner verweist hier auf die \u00dcberlegungen insbesondere von Hans-Georg Gadamer (zur \u201aGeschichtlichkeit des Verstehens\u2018 in: \u201aWahrheit und Methode\u2018, T\u00fcbingen: J.C.B. Mohr) sowie Richard Rorty (in: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag).<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 1. Eine etwas ketzerische Frage vielleicht. 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