{"id":62018,"date":"2020-11-20T00:01:06","date_gmt":"2020-11-19T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62018"},"modified":"2022-02-20T16:58:17","modified_gmt":"2022-02-20T15:58:17","slug":"lieber-hoelder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/20\/lieber-hoelder\/","title":{"rendered":"Lieber H\u00f6lder"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">Der Brief des elfj\u00e4hrigen Henry Gontard an seinen Lehrer H\u00f6lderlin:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber H\u00f6lder! Ich halte es fast nicht aus, da\u00df Du fort bist. Ich war heute bei Herrn Hegel, dieser sagte, Du h\u00e4ttest es schon lange im Sinn gehabt, als ich wieder zur\u00fcck ging, begegnete mir Herr H\u00e4nisch, welcher den Tag Deiner Abreise zu uns kam, und ein Buch suchte; er fand es, ich war gerade bei der Mutter, er fragte die Jette, wo Du w\u00e4rst, die Jette sagte, Du w\u00e4rst fort gegangen, er wollte eben auch zu Herrn Hegel gehn, und nach Dir fragen, er begleitete mich, und fragte, warum Du fort gegangen bist, und sagte, es schmerzte ihn recht sehr. Der Vater fragte bei Tische, wo du w\u00e4rst, ich sagte, Du w\u00e4rst fort gegangen, und Du lie\u00dft Dich ihm noch empfehlen. Die Mutter ist gesund, und l\u00e4\u00dft Dich noch vielmals gr\u00fc\u00dfen, und Du m\u00f6chtest doch recht oft an uns denken, sie hat mein Bett in die Balkonstube stellen lassen und will alles, was Du uns gelernt hast, wieder mit uns durchgehn. Komm\u2019 bald wieder bei uns, mein Holder, bei wem sollen wir denn sonst lernen. Hier schick ich Dir noch Tabak und der Herr Hegel schickt Dir das 6te St\u00fcck von Posselt\u2019s Annalen. Lebe wohl, lieber H\u00f6lder! ich bin Dein Henri.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dieser Brief ist ein ausgezeichnetes Beispiel f\u00fcr Walter Benjamins These: \u201eVIII. Im Kunstwerk ist der Stoff ein Ballast, den die Betrachtung abwirft.\u201c (<em>Einbahnstra\u00dfe: Dreizehn Thesen wider Snobisten<\/em>)\u00a0<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kann beim Lesen zusehen, wie die Form den Stoff besiegt, oder wie der Stoff zur Form wird. Dabei ist der Brief noch gar kein gewolltes Kunstwerk!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Mysterium H\u00f6lderlins ist seine zweite Lebensh\u00e4lfte. Sie ist f\u00fcr mich untrennbar mit seinem Dichten verbunden, keine isolierbare medizinische Frage. In der Erforschung der Seele des Menschen ist die Wissenschaft unwissender als bei der Seele der Materie. Ist H\u00f6lderlin ein quantenmechanischer Unfall &#8211; oder ist seine zweite Lebensh\u00e4lfte ein bis zum physischen Tod andauernder Selbstmord? Folgt dieses zweite Leben aus dem ersten, in dem er bewusst dichtete?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bobrowskis Gedicht \u201eH\u00f6lderlin in T\u00fcbingen\u201c (1961) h\u00f6ren wir den Anklang an H\u00f6lderlins Gedicht \u201eH\u00e4lfte des Lebens\u201c mit den klirrenden Fahnen &#8211; Bobrowski sieht einen Lebens-Zusammenhang in den beiden Strophen: H\u00f6lderlins trunkene Jugend und Tod durch Erfrieren in einer unlebbaren Welt. Dann sind H\u00f6lderlins Gedichte vielleicht von Anfang an das einzige ihm m\u00f6gliche Leben, an das er aber auch nicht mehr glauben konnte, als er, der ungl\u00fcckliche Hofmeister, in Frankreich auf seiner Lebens-Reise sich selbst verlor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich bedenke, dass auch so mancher Hofmeister von heute untergeht in seinem Beruf und in der Unw\u00fcrde unmittelbar empfundener gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse (ich habe es schon mehrmals von au\u00dfen mitangesehen), kann ich H\u00f6lderlins langes Sterben mir vorstellen. Nicht jeder hat die Kraft sich zu retten wie ein Woody Allen &#8211; bis zuletzt wissen wir nicht, ob und wie gut wir uns gerettet haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_14220\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-image-14220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-Hoelderlin_1792.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><p id=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p>\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann hat das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Gedicht<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Brief des elfj\u00e4hrigen Henry Gontard an seinen Lehrer H\u00f6lderlin: Lieber H\u00f6lder! 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