{"id":61991,"date":"2020-03-25T00:01:00","date_gmt":"2020-03-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61991"},"modified":"2022-02-20T16:40:54","modified_gmt":"2022-02-20T15:40:54","slug":"der-ueberbau-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/","title":{"rendered":"Vom \u00dcberbau der Freiheit"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eSeht ihr nicht, wie ihr einander zerfleischt in Unbedachtheit eures Sinnes?\u201c,<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">fragt der historisch verb\u00fcrgte Empedokles in seiner Fragmentsammlung katharmoi, den sogenannten S\u00fchneliedern, und H\u00f6lderlin greift diese fragende Figur auf und macht aus Empedokles den \u201eDenker des anderen Anfangs\u201c (Martin Heidegger). Das St\u00fcck behandelt die letzten Lebenstage des vorsokratischen Philosophen Empedokles aus Agrigent, der sich einer Legende nach durch einen Sturz in den \u00c4tna das Leben nahm. H\u00f6lderlin n\u00e4hert sich dem Stoff, setzt dreimal an und bricht immer wieder ab. Es ist, als ob er sich nach und nach in Empedokles verliere (\u201eein Stoff, der mich hinrei\u00dft\u201c- schreibt er im Sommer 1797 seinem Bruder), eine Indifferenz, die das Schreiben blockiert und ein anderes Zusichkommen fordert. Ich habe das St\u00fcck \u201eDer Tod des Empedokles\u201c neu gelesen und fand ein Gedicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Er selbst zu sein, das ist<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Das Leben, und wir andern sind der Traum davon.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sagt Panthea, die Tochter des Archon Kritias. Sie erkennt die Menschwerdung, die sich in dem Philosophen Empedokles vollzieht, den sich das Volk als Herrscher w\u00fcnscht; er will eine souver\u00e4ne Pers\u00f6nlichkeit werden und grenzt sich so von den Mitmenschen ab, die sich ihres Lebens noch unbewusst sind. Panthea zweifelt grunds\u00e4tzlich an der Selbsterkenntnisf\u00e4higkeit:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">O ewiges Geheimnis! Was wir sind<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und suchen, k\u00f6nnen wir nicht finden; was<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Wir finden, sind wir nicht.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">In der vierten Szene folgt eine andere Sicht von au\u00dfen auf Empedokles, dessen Sch\u00fcler Pausanias sagt:<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Liegt nicht vor Dir der Menschen Schicksal offen?<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und kennst Du nicht die Kr\u00e4fte der Natur,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Da\u00df Du vertraulich, wie kein Sterblicher,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Sie, wie Du willst, in stiller Herrschaft lenkst?<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Pausanias sieht in seinem Lehrer den verst\u00e4ndigen Herrscher, der die unbewussten Untertanen zu ihrem Gl\u00fcck f\u00fchrt. Aber Empedokles, die Natur anrufend, antwortet:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Verachtet hab\u2019 ich Dich, und mich allein<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Zum Herrn gesetzt, ein \u00fcberm\u00fctiger<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Barbar! &#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Die G\u00f6tter waren<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Mir dienstbar nun geworden. Ich allein<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">War Gott und sprach\u2019s im frechen Stolz heraus.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">O glaub\u2019 es mir, ich w\u00e4re lieber nicht<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Geboren.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Empedokles lehnt die Rolle des aufgekl\u00e4rten Monarchen ab. Sein Anspruch hei\u00dft, das Volk muss sich selbst regieren, jeder Einzelne muss g\u00f6ttliche Autonomie erlangen. Empedokles will mit seinen Mitmenschen als Gott unter G\u00f6ttern leben. Er erkennt, dass die meisten Menschen ihr Leben weder selbst bestimmen wollen noch k\u00f6nnen und verflucht seine eigene Existenz, in der er so einsam ist wie sp\u00e4ter Hyperion, der Eremit in Griechenland. Empedokles gelingt im Unterschied zu Hyperion noch nicht die Annahme der g\u00f6ttlichen Einsamkeit; er verschiebt sein Leben auf das erkenntnisvollere Leben k\u00fcnftiger Menschen, die in einem revolution\u00e4ren Akt eine Gesellschaft gleicher G\u00f6tter herstellen. Er nimmt also seine Geburt zur\u00fcck, indem er sich in den Schlund des \u00c4tna wirft. Das ist so schrecklich ambivalent: Kneift Empedokles vor dem Leben oder opfert er sich mutig f\u00fcr eine Idee, die noch nicht reif genug ist, um gelebt zu werden, um die Entwicklung dahin zu beschleunigen?\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der f\u00fcnften Szene wird deutlich, wie wichtig er als Kritiker der Kirche ist. Zum Priester Hermokrates sagt er:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hinweg! Ich kann vor mir den Mann nicht sehn,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Der Heiliges wie ein Gewerbe treibt,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Dein Angesicht ist falsch und kalt und tot,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Wie Deine G\u00f6tter sind.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Und dann wieder die Resignation:<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">G\u00f6nnet mir\u2019s,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Den Pfad, worauf ich wandle, still zu gehen,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Den heil\u2019gen, stillen Todespfad hinfort.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jetzt greift Hermokrates scharf an, er sp\u00fcrt die Schw\u00e4che des Empedokles:<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Sinn ist ihm verfinstert,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Weil er zum Gott sich selbst vor Euch gemacht. &#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Er hat\u2019s vollbracht! Verruchter, w\u00e4hntest Du,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Sie m\u00fc\u00dften\u2019s nachfrohlocken, da Du j\u00fcngst<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Vor ihnen einen Gott Dich selbst genannt?<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6lderlin zitiert hier das Christuswort am Kreuz: Es ist vollbracht! Und das anwesende Volk der Agrigentiner ruft \u201aBarrabas\u2019:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nun ist es klar! Er mu\u00df gerichtet werden.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Kritias, ganz Politiker, erg\u00e4nzt:<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Ich hab\u2019 es Euch gesagt; ich traute nie dem Tr\u00e4umer.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Er verschreit Empedokles Gesellschaftsideal als eine nicht realisierbare Utopie. Hermokrates verst\u00f6\u00dft Empedokles mit den Worten:<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Du hast mit uns<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Nichts mehr gemein. Ein Fremdling bist Du worden,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und unerkannt bei allen Lebenden.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Worte sind aus der Sicht des Ausgesto\u00dfenen Wahrheit geworden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der sechsten Szene allein mit Pausanias rechtfertigt Empedokles seinen Entschluss, sich in den Krater des \u00c4tna zu st\u00fcrzen, mit der Natur und dem allbewegenden Geist eins zu werden. Dem Sch\u00fcler gelingt es nicht, den Lehrer davon abzuhalten. Empedokles will nicht \u201ezum Rasenden\u201c werden in der politischen Auseinandersetzung mit den Agrigentinern, er will nicht wahnsinnig werden am Leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberraschend kommt es im Zweiten Akt zur Wende. Das Volk hat sich bes\u00e4nftigt und ruft Empedokles zur\u00fcck, der sich schon zum \u00c4tna begeben hat, es will ihn als F\u00fchrer (f\u00fcnfte Szene). Doch der bleibt bei seinem Entschluss und lehnt ab:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vergebens ists. Wir gehen verschiedne Wege.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Stirb Du gemeinen Tod, wie sichs geb\u00fchrt,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Am seeelenlosen Knechtsgef\u00fchl!<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">entgegnet er Hermokrates. Leben wie ein Knecht ist schon tot sein. Ein Abgeordneter der Agrigentiner bittet noch einmal:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wir w\u00e4ren g\u00f6tterfrei mit ihm geworden! &#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Sei unser wieder! &#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Du solltest K\u00f6nig sein. &#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Ich gr\u00fc\u00dfe Dich zuerst und alle wollen\u2019s.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Empedokles lehnt ab:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dies ist die Zeit der K\u00f6nige nicht mehr. &#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Hegt Im Neste denn die Jungen immerdar<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Der Adler? F\u00fcr die Blinden sorgt er wohl,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und unter seinen Fl\u00fcgeln schlummern s\u00fc\u00df<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Die Ungefiederten Ihr d\u00e4mmernd Leben.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Doch haben sie das Sonnenlicht erblickt,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und sind die Schwingen ihnen reif geworden,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">So wirft er aus der Wiege sie, damit<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Sie eignen Flug beginnen. Sch\u00e4met Euch,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Da\u00df Ihr noch einen K\u00f6nig wollt! Ihr seid<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Zu alt! Zu Eurer V\u00e4ter Zeiten w\u00e4r\u2019s<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Ein anderes gewesen. Euch ist nicht<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Zu helfen, wenn Ihr selber Euch nicht helft.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier finden auch H\u00f6lderlins Zeitgenossen ihre Herrschaftsverh\u00e4ltnisse gespiegelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rechtfertigung seines Todes gelingt Empedokles nicht so recht \u00fcberzeugend. Er tritt als letzter, aufgekl\u00e4rter Monarch ab:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Menschen ist die gro\u00dfe Lust<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Gegeben, da\u00df sie selber sich verj\u00fcngen.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und aus dem reinigenden Tode, den<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Sie selber sich zur rechten Zeit gew\u00e4hlt,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Erstehn die V\u00f6lker,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Wie aus dem Styx Achill, un\u00fcberwindlich!<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sollen die alten Gesetze vergessen, die alten G\u00f6tter auch, und auf Natur und Vernunft setzen. Empedokles will nicht die Sisyphos-Arbeit als Aufkl\u00e4rer und Vorbereiter einer gewaltlosen Revolution leisten, er kann nicht leben in einer Welt, die f\u00fcr ihn nicht lebbar ist. Er glaubt,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&#8230; wie die Sterne, geht<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Das Leben im Vollendungsgange weiter.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er will aber jetzt lieber zerbrechen, um nicht als Herrscher missbraucht zu werden:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Es offenbart die g\u00f6ttliche Natur<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Sich g\u00f6ttlich oft durch Menschen.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Doch hat der Sterbliche, dem sie das Herz<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Mit ihrer Wonne f\u00fcllte, sie verk\u00fcndet,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">O la\u00dft sie dann zerbrechen das Gef\u00e4\u00df,<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Damit es nicht zu anderem Brauche diene!<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">&#8230;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Denn heilig ist mein Ende!<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ist Ehre nur im Tod?<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">fragt Pausanias in der sechsten Szene.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&#8230; soll ich Knechten gleich<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Den Tag der Unehr\u2019 \u00fcberleben?<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">antwortet Empedokles und allein (siebte Szene) findet er Worte f\u00fcr seine Apotheose:<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Und jetzt erst bin ich! &#8211; &#8211;<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">&#8230; Am Tod entz\u00fcndet mir<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Das Leben sich zuletzt.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier greift H\u00f6lderlin das Motiv des Opfertodes wieder auf. In der letzten Szene runden die Worte Pantheas, die zu Beginn des St\u00fccks indirekt an der Idee der Selbstfindung und Selbstbestimmung des Menschen zweifelte, den Gedanken-Prozess im Gespr\u00e4ch mit Rhea ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nicht in der Bl\u00fct\u2019 und Purpurtraub\u2019<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Ist heilige Kraft allein. Es n\u00e4hrt<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Das Leben vom Leide sich, Schwester!<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und trinkt, wie mein Held, doch auch<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Am Todeskelche sich gl\u00fccklich!<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie greift das Motiv des Kelchs auf, den Sokrates und Christus tranken, und sieht im Tod des Empedokles Sinn, wenn sie zuletzt sagt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">So mu\u00dft es geschehen.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">So will es der Geist<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Und die reifende Zeit.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Denn einmal bedurften<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Wir Blinden des Wunders!<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott stirbt, damit der Mensch frei werde. H\u00f6lderlins Drama zeigt den Prozess der M\u00fcndigwerdung. Der Mensch selbst ist g\u00f6ttlich. Er soll es erkennen und sich aus der politischen\u00a0 Knechtschaft befreien.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist dem Ideen-Drama Schillers nah, aber der historische Kern wird noch radikaler reduziert: Der mythische Stoff gen\u00fcgt H\u00f6lderlin, er sucht den allgemeing\u00fcltigen Kern: Er schreibt ein s\u00e4kularisiertes Trauerspiel in der Nachfolge des B\u00fcrgerlichen Trauerspiels, das den aristokratischen Geist der antiken Trag\u00f6die zu \u00fcberwinden sucht. Aber das scheitert an dem Verhalten der Masse, die nicht m\u00fcndig werden will. H\u00f6lderlin f\u00fchrt nur unzureichend die gesellschaftlichen Bedingungen auf, unter denen die Idee des Empedokles scheitert: Die politische Elite und die Kirche manipulieren das Volk: Der opportunistische Archon von Agrigent, Kritias, und Hermokrates, der Priester der \u201eVaterlandsg\u00f6tter\u201c, der dreist den Spie\u00df umdreht und Empedokles den Verf\u00fchrer des Volks nennt, der er selbst ist. Immerhin wird deutlich: Allein durch Bewusstseins\u00e4nderung, Vorbilder und Anleitung zur Selbsterziehung eines neuen Menschengeschlechts ist die bestehende Gesellschaftsordnung nicht zu \u00fcberwinden \u2013 H\u00f6lderlin meint die zu seiner Zeit in Deutschland immer noch bestehende Herrschaft des Adels und die Macht der dem Staat dienenden Kirche. So steht am Ende der gegen\u00fcber Lessing und Schiller neue Gedanke, auf den der Tod des Empedokles anspielt: Er st\u00fcrzt sich in den Krater des \u00c4tna, der zur Metapher der Revolution wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das St\u00fcck ist ein Gedankendrama, es zeigt den Prozess der Bewusstwerdung an Empedokles, aber auch sein politisches Scheitern, seine Resignation und Verzweiflung, die er durch den Freitod zum Fanal f\u00fcr den revolution\u00e4ren Aufbruch umzubiegen versucht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6lderlins Dramenfragment ist ein Gedicht. In der dritten Fassung, die den Titel \u201eEmpedokles am \u00c4tna\u201c tr\u00e4gt, steht Empedokles am Kraterrand des \u00c4tna. Jetzt r\u00fcckt die historische und gesellschaftliche Realit\u00e4t noch weiter weg \u2013 das St\u00fcck wandelt sich zur Trag\u00f6die des Menschen, der im Angesicht des Todes nach dem Sinn seines Lebens sucht und ihn im Tod findet. Die Aspekte der Resignation und Verzweiflung werden geringer, da der Tod selbst bestimmt wird und noch deutlicher als in der ersten Fassung als Opfer f\u00fcr die Freiheit der anderen gesehen werden kann. Einige Textstellen, in denen der Opfer-Gedanke zum Ausdruck kommt, assoziieren Christus-Bilder. Hier kehrt der Gott gewordene Mensch jedoch nicht zu Gottvater zur\u00fcck, sondern er geht ganz in die Natur ein. Sie erscheint Empedokles als das h\u00f6chste Sein, die absolute Vernunft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6lderlin selbst sagt in seinem \u201eGrund zum Empedokles\u201c: \u201eSo ist Empedokles ein Sohn seines Himmels und seiner Periode, seines Vaterlandes, ein Sohn der gewaltigen Entgegensetzungen von Natur und Kunst, in denen die Welt vor seinen Augen erschien. Ein Mensch, in dem sich jene Gegens\u00e4tze <em>so <\/em>innig vereinigen, da\u00df sie zu <em>Einem<\/em> in ihm werden\u2026.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Tod des Empedokles<\/strong>, von Friedrich H\u00f6lderlin, Reclam 2006<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_14220\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-image-14220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-Hoelderlin_1792.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><p id=\"caption-attachment-14220\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich H\u00f6lderlin, Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie auch Friedrich H\u00f6lderlins Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14232\">\u00dcber die Verfahrungsweise des poetischen Geistes<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSeht ihr nicht, wie ihr einander zerfleischt in Unbedachtheit eures Sinnes?\u201c, fragt der historisch verb\u00fcrgte Empedokles in seiner Fragmentsammlung katharmoi, den sogenannten S\u00fchneliedern, und H\u00f6lderlin greift diese fragende Figur auf und macht aus Empedokles den \u201eDenker des anderen Anfangs\u201c (Martin&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/25\/der-ueberbau-der-freiheit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[220,866],"class_list":["post-61991","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-holderlin","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61991","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=61991"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61991\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98857,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61991\/revisions\/98857"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=61991"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=61991"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=61991"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}