{"id":61962,"date":"2021-07-02T00:01:00","date_gmt":"2021-07-01T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61962"},"modified":"2022-02-27T14:13:25","modified_gmt":"2022-02-27T13:13:25","slug":"polyphone-erzaehlwerke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/02\/polyphone-erzaehlwerke\/","title":{"rendered":"Polyphone Erz\u00e4hlwerke"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Erscheinen von A.J. Weigonis erstem Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet hatte KUNO die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/04\/poesie-als-lebensform\"><span style=\"color: #ff0000;\">thematisiert<\/span><\/a>. Es ist f\u00fcr die Redaktion naheliegend auch den jeweils zweiten Roman in einer Doppelbesprechung vorzustellen. Der Titel von Seilers Roman \u201cStern 111\u201c, verweist auf die Bezeichnung eines Kofferradios aus der DDR, diese wird zum Leitstern f\u00fcr die Reise der Eltern. Ihre letzte Etappe enth\u00e4lt, das sei bereits verraten, den ergreifenden H\u00f6hepunkt des Romans.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>We&#8217;re gonna rock around the clock tonight<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch A.J. Weigoni ist seit den Kindertagen vom Medium Radio fasziniert. Er sa\u00df vor einem\u00a0Rundfunkempfangsger\u00e4t mit <em>Tigerauge<\/em> wie vor einer Kultst\u00e4tte und verga\u00df, als er vor dem Lautsprecher sa\u00df, die Apparaturen und Stationen. Das Medium Radio erlebte er als zauberhaft und seine Unmittelbarkeit als bestechend. Wenn er den Empfang optimieren wollte, musste er nur geradewegs ins magische Auge des Empfangsger\u00e4ts schauen, das aufging oder sich schloss, wie eine sogenannte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abstimmanzeiger\u00f6hre\">Abstimmanzeiger\u00f6hre<\/a>, welche die St\u00e4rke des Signals veranschaulichte. Der Himmel war nicht nur der Himmel der Erde, sondern auch das Firmament der Kunst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die halbe Stadt war verzwicktes Narbengel\u00e4nde<\/em>.<\/span><br \/><span style=\"color: #999999;\">Lutz Seiler \u00fcber die Hauptstadt der DDR<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNicht wenige sind unterwegs in dieser frisch befreiten Stadt. Die ganze Welt wird neu verteilt in diesen Tagen [\u2026]\u201c, sind die ersten S\u00e4tze, die Carl von Hoffi, dem Hirten, h\u00f6rt. Nach &#8222;Kruso&#8220; f\u00fchrt Lutz Seiler die Geschichte in zwei gro\u00dfen Erz\u00e4hlb\u00f6gen fort &#8211; in einem Roadtrip, der seine Bahn um den halben Erdball zieht, und in einem Berlin-Roman, der dem Leser die ersten Tage einer neuen Welt vor Augen f\u00fchrt. Und ganz nebenbei wird die Geschichte einer Familie erz\u00e4hlt, die der Herbst 89 sprengt und die nun versuchen muss, neu zueinander zu finden. Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verl\u00e4sst das Ehepaar Bischoff sein altes Leben &#8211; die Wohnung, den Garten, seine Arbeit und das Land. Ihre Reise f\u00fchrt die beiden F\u00fcnfzigj\u00e4hrigen weit hinaus: \u00dcber Notaufnahmelager und Durchgangswohnheime folgen sie einem lange gehegten Traum, einem &#8222;Lebensgeheimnis&#8220;, von dem selbst ihr Sohn Carl nichts wei\u00df. Carl wiederum, der den Auftrag verweigert, das elterliche Erbe zu \u00fcbernehmen, flieht nach dem Mauerfall in das von Energie und Pioniergeist pulsierende Berlin. Er lebt auf der Stra\u00dfe, bis er in den Kreis des &#8222;klugen Rudels&#8220; aufgenommen wird, einer Gruppe junger Frauen und M\u00e4nner, die dunkle Gesch\u00e4fte, einen Guerillakampf um leerstehende H\u00e4user und die Kellerkneipe Assel \u201eAssel\u201c im alten Scheunenviertel betreibt. \u201eSchneller als die Okkupanten und ihre Spekulanten\u201c, die laut Hoffi mit S\u00e4cken voller Geld bereitstehen, um Ostberlin in ein einziges gro\u00dfes Spekulationsobjekt zu verwandeln, gilt es zu sein, um die H\u00e4user, die man \u201ein Obhut genommen\u201c hat, zum einen vor dem endg\u00fcltigen Verfall zu sch\u00fctzen. Im U-Boot der Assel schlingert Carl durch das archaische Chaos der Nachwendezeit, immer in der Hoffnung, Effi wiederzusehen, &#8222;die einzige Frau, in die er je verliebt gewesen war&#8220;.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Sehnsucht nach einem Zuhause existiert zwar nach wie vor, aber es handelt sich dabei lediglich um eine Illusion.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Toni Morrison<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bonner Republik erscheint im Roman <em>Lokalhelden <\/em>als eine verwunschene Landschaft, die es aus dem Bann der Geschichte zu erl\u00f6sen gilt. Es ist weniger das Bem\u00fchen der Weltgeschichte in die Speichen zu greifen, vielmehr eine Hommage an die unprovinzielle Bodenst\u00e4ndigkeit der Rheinl\u00e4nder. An jeder Stra\u00dfenecke \u00fcberlagern sich Vergangenheit und Gegenwart. Weigoni ist er ein Virtuose im aufgeschobenen, fragmentierten Erz\u00e4hlen nachgetragener Vorgeschichten. In diesem r\u00e4tselhaften und faszinierenden, aber eben auch total kaputten Rheinland gibt es jede Menge Tabus, und dieser Romancier will sie alle brechen. Er bew\u00e4ltigt dies vor allem mittels ungew\u00f6hnlicher, spannender und am\u00fcsanter, gelegentlich auch umst\u00e4ndlicher Abstecher in wenig bekannte Gefilde der Geschichte und Gegenwart des Rheinlands, und er tut es mit gro\u00dfem Furor und bisweilen sogar polemisch. Es ist ein antiidyllischer Heimat-Roman, erz\u00e4hlt als Heimatgeschichte, die Zweifel und Selbstironie aush\u00e4lt. Dieser Roman stellt die Unantastbarkeit der heimatlichen oder nationalen Idee in Frage, entzieht der Heimat die geographische Komponente. Er vertiefte sich in die deutsche Seelenlage und blickte tief in die Schw\u00e4che der rheinischen Seele, die Hoffnung gab er deswegen nicht auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Lutz Seilers Ich-Erz\u00e4hler traumwandelt durch die Nachwendezeit in Berlin<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Stern 111 <\/em>ist Wende-, K\u00fcnstler- und Liebesroman in einem. Die Zeit zwischen dem Mauerfall im November 1989 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Der <em>Ich-Erz\u00e4hler<\/em> haust zun\u00e4chst im Auto, bis ihn eine Gruppe von Freunden halb erfroren aufliest, mit Ziegenmilch aufp\u00e4ppelt. Sie nennen ihn &#8222;Shigulimann&#8220;, nach dem Fabrikatsnamen des Fahrzeugs, das am Stra\u00dfenrand ersp\u00e4ht erkannt haben. Wohnungen aus den Abbruchh\u00e4usern des Prenzlauer Bergs werden \u201ein Obhut genommen\u201c. In der Rykestra\u00dfe des Prenzlauer Berg wird ihm eine Wohnung zugeschanzt. Der Wasserturm am Stra\u00dfenende wird Carls W\u00e4chter. Wenn er ihn umwandert, entstehen Verse im Rhythmus des Gehens; also wie in Kruso ist hier wieder eine Dichterexistenz im Spiel. &#8222;Stern 111&#8220; ist, wie auch schon &#8222;Kruso&#8220;, ein K\u00fcnstlerroman: Er erz\u00e4hlt davon, wie eine durch das Leben irrende Gestalt allm\u00e4hlich ihre Bestimmung erkennt und zu einem Poeten wird, der an einer Werkbank\u00a0dichtet. Parallel werden die Eltern beschrieben, sie sind um die 50 Jahre alt, eigentlich typische Wende-Verlierer. Doch Inge und Walter Bischoff gehen in den Westen, Carl verfolgt mit F\u00e4hnchen auf einer Karte ihre Stationen vom Aufnahmelager Gie\u00dfen aus. Er arbeitet er als Maurer mit, um die Kellerkneipe Assel in der Oranienburger Stra\u00dfe auszubauen und eine \u201eantikapitalistische Untergrundkolchose\u201c im Keller des besetzten Hauses zu betreiben. Einige Leute dort tr\u00e4umen von der neuen Arbeiterschaft. Der Originalschauplatzvoyeurismus wird mit diesem Roman bestens bedient.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Heimatbegriff ist so dicht mit Folklore verstellt, dass man die Verh\u00e4ngnisse der Vergangenheit dahinter kaum mehr wahrnimmt.<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich ist ein Roman kein Geschichtsbuch, es kann aber ein Geschichtenbuch sein, er verr\u00e4t einen scharfen Blick auf soziale und andere Realit\u00e4ten, integriert in der Intertextualit\u00e4t literarische Traditionen. In die politischen Ereignisse dieser Jahre webt Weigoni weitere Geschichten hinein, die den Kern des Romans ausmachen. Er ist ein meisterhafter Beobachter der Rheinl\u00e4nder, seine Figuren sind bis ins Detail ausgearbeitete Portr\u00e4ts \u2013 von windigen Bierh\u00e4ndlern, schmierigen Vertretern, skrupellosen Grundst\u00fccksbesitzern, stolzen Deutschen, cholerischen Fu\u00dfballfans, beflissenen Kleing\u00e4rtnern und trinkfreudigen B\u00f6rsianern. Er stellt sie in all ihren Facetten vor, mal bauernschlau, mal schwer von Begriff, mal von grenzenloser Nachsicht, mal von einer unfassbaren Arroganz. Er registriert den ungebrochenen Geltungsdrang der Parolenschwinger. Das Drumherumgerede liegt ihnen nicht sonderlich, seine Figuren sind direkt, derb und unverbl\u00fcmt. Ihr Fett weg bekommen aber vor allem die Gernegro\u00dfen des Rheinlands und selbstverst\u00e4ndlich die Politiker. Mit den <em>Lokalhelden<\/em> schlie\u00dft er an die <em>Zombies<\/em> an, diesmal sind die Rheinl\u00e4nder die Untoten, sie wissen es nur noch nicht. Die \u201eAlkstadt\u201c wimmelt von posthumanem Leben, Botox-Monstern und anderen \u00dcber- und Unterlebensformen. Weigoni macht die Realit\u00e4t als Produkt eines epochalen Niedergangs kenntlich, er zeigt die Installation des kapitalistischen Realismus als Versuch, in Zukunft jede Form von Zukunft zu verhindern, die diesen Namen verdient. Es ist das Unsittenbild einer \u00fcberalterten BRD<strong>.<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">\u201eEs war ein sch\u00f6nes flie\u00dfendes Fahren. Der Shiguli rollte praktisch von allein, und Carl konnte tr\u00e4umen. Er mochte das Ger\u00e4usch der Radialreifen auf Pflasterstra\u00dfen, und also suchte er sich Pflasterstra\u00dfen \u2013 die nachtgraue Sch\u00f6nhauser Allee zum Beispiel, bergauf und bergab, das Summen und Brummen unter den Sch\u00e4deldecken der Pflastersteine, so lange bis ihm warm war. Dazu das stumpfe Meeresrauschen des Gebl\u00e4ses, der Wind und die W\u00e4rme auf den Wangen. Der Shiguli lief wie auf Schienen, die er sich weise vorausschauend selbst auslegte.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Winter nach dem Mauerfall herrscht in Ostberlin spielerische Anarchie. Seiler setzt der Berliner Szene von damals ein literarisches Denkmal, wie es noch keines gegeben hat \u2013 mit vielen Anspielungen auf historische Orte und Personen und unvergesslichen Episoden. Er ger\u00e4t in eine Zwischenwelt voller Anarchie, Verweigerung, Mitmachutopien und lebensk\u00fcnstlerischem Anspruch. Er kippt geradezu in die Umbruchszeit des letzten Jahrs der DDR hinein, wird Teil einer verschworenen Gemeinschaft. Das \u00f6stliche Berlin um Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain wird hier zu einer Art Abenteuerspielplatz, und Carl, der als gelernter Maurer gut zu gebrauchen ist, mischt ordentlich mit. Eines Abends taucht Kruso aus dem Vorg\u00e4ngerroman auf, die Leute nennen ihn nun den Comandante. \u201eIm Licht der Baulampen verwandelte sich das Keller-Colloquium in eine Gespensterversammlung, die sich fortsetzte in unz\u00e4hligen Schatten an der Wand.\u201c Kruso spricht \u00fcber das \u201eVerhalten bei Fascho-Alarm\u201c, die Wachdienste, den \u201eNazi-Einsatzschrank\u201c im Durchgang eines Hauses und behauptet, dass nur die einstigen Grenzhunde Schutz b\u00f6ten. \u201eWie ein H\u00e4uptling ohne Volk\u201c wirkt er auf Carl. Auf wesensverwandte Szenen sto\u00dfen wir auch bei der Re-Lekt\u00fcre von Weigonis erstem Roman.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Bonn, das Atlantis der BRD<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Joachim Bessing<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Rheinland ist ein Lebenskatalog voller Skurrilit\u00e4ten, dem entspricht der Roman, er ist voller Pointen, \u00dcberraschungen und karnevalesker Heiterkeit. Diese Typen sind Helden eines streng verwahrten und verwarteten Lebens. In den <em>Lokalhelden<\/em> verkn\u00fcpft Weigonis eine \u00dcberlegungen zum widerst\u00e4ndigen Subjekt und welche Konsequenzen sich aus Normverweigerung und Repressionsabwehr ergeben. Es ist eine Gegen\u00fcberstellung von entindividualisierter Gesellschaft und den einzelnen Opfern. Da sich die Schrecken des 20. Jahrhunderts im einundzwanzigsten perpetuieren, hat das Lebensgef\u00fchl, das aus ihm spricht, an Berechtigung nichts verloren. Es sind elliptische Erz\u00e4hlbewegungen hinein ins Auseinanderstreben von menschlichem Handeln und nat\u00fcrlicher Ordnung, in das gro\u00dfe Nebeneinander von Bewusstem, Unbewusstem und Bewusstlosem. Und er f\u00fcgt es zu jenem Ganzen zusammen, in dem vielleicht nicht alles seinen Sinn, doch zumindest seinen Platz hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">\u00a0<span style=\"color: #999999;\">\u201eIch bin achtundzwanzig, und es ist so gut wie nichts geschehen.\u201c<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Rilke<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Thema beider Romane ist die die Br\u00fcchigkeit der Kultur, mag sie sich auch f\u00fcr \u00fcberlegen halten. Denkt man an die Erfolgsgesichte der alten BRD, ist es ein Erinnern an die Geschichte der Sieger. Da bleibt selten Platz f\u00fcr die Geschichte der Geschlagenen und Gedem\u00fctigten, jene, die f\u00fcr Sozialismus und Selbstbestimmung k\u00e4mpfen, die Widerstand gegen die Durchsetzung des Haifischkapitalismus leisten und versuchen, weitere Verschlechterungen abzuwehren. Es sind die Leser, welche die abgerissenen Stimmen und die Wahrheit zusammensetzen, um das Bild einer vergangenen Geschichte des alten Bonner Republik zu erkennen. Kein vern\u00fcnftiger Mensch wird sich w\u00fcnschen, in einem Buch zu enden, in diesem Rheinland w\u00fcrde man gern leben wollen. Was diesen Roman gro\u00df, wahr und schmerzhaft macht, ist, da\u00df hinter dem deformierten Sprechen und F\u00fchlen wirkliche Menschen stecken, die Herzen haben &#8211; und seien sie noch so vereist. Als Seiler in 2014 &#8222;Kruso&#8220; ver\u00f6ffentlichte war bekannt, dass ihm ein erster, aufgegebener Versuch vorausgegangen war. Sein neue Roman ist, nach den Indizien zur urteilen, eben dieses zun\u00e4chst gescheiterte, nun vollendete Werk. \u00c4hnlich, wie bei Weigoni sind die beiden B\u00fccher eng miteinander verbunden, wobei die Geschichte des Romans &#8222;Kruso&#8220; der Handlung in &#8222;Stern 111&#8220; um ein gutes Jahr vorausgeht. Zwar schlie\u00dfen die B\u00fccher nicht einander an. Doch scheinen die Helden beinahe miteinander verwandt zu sein, man sollte den Autor nicht mit der Hauptfigur verwechseln, doch ist offenbar, dass der Autor seinem Helden zur Seite steht. Das Buch ist ein K\u00fcnstlerroman, das aus der Verweigerung, aus dem Abseitigen heraus erz\u00e4hlt wird, nicht aus dem beherzten Aufbruch in eine neue Zeit. Es dominiert das Zaudernde, Z\u00f6gernde, Zur\u00fcckweichende inmitten des gro\u00dfen Weltenumbaus. Seiler leuchtet kunstvoll die toten Winkel der Geschichte aus. Die Erz\u00e4hlung des 500-Seiten-Romans ist in seinen Details von enormer, fast lyrischer Dichte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit, sondern die von Jetztzeit erf\u00fcllte bildet.<\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bereits bei seinem ersten Roman <em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em> setzt Weigoni die Wirklichkeit eines Romans aus kleinsten Partikeln zusammen. Die Sprachklaviatur erstreckt sich von Trash \u00fcber wenig zimperlicher Derbheit bis hin zum sogenannten hohen Ton. Aus dem Feinstaub der Erinnerungen und aus der br\u00fcchigen Gegenwart, aus Historie und Hirngespinsten. Seine <em>Zombie<\/em>-Erz\u00e4hlungen spiegelten in der Zeit nach 9\/11 die Angst vor dem Untergang der Welt wider, sie feierten aber zugleich den \u00dcberlebenswillen des Individuums. Das kalte Beieinander wird im Rheinland zum Miteinander der verlorenen Seelen. Der Roman <em>Lokalhelden<\/em> ist eine Tiefenbohrung ins gesellschaftliche Gewebe einer Zeit, die an den R\u00e4ndern durchl\u00e4ssig wird. Weigoni beschreibt das Rheinland als eine entbundene Gesellschaft, Geld ist gleichwohl wichtigste Faktor, der die Umgestaltung der Region vorantreibt. Die kommunale Selbstverwaltung franz\u00f6sischer Provenienz, die auch unter preu\u00dfischer Herrschaft noch lange erhalten blieb, verschaffte dem Rheinland eine grosse Bewegungsfreiheit und ein \u00fcerzogenes Selbstbewusstsein. Der Leser fragt sich, wie das alles zusammengeht, was man gemeinhin Leben nennt, und indem er eine klare Antwort verweigert, wechselt er auch seine Register. Weigoni erhebt weder Anspruch auf Objektivit\u00e4t noch den irgendeiner Form von Vollst\u00e4ndigkeit, er verbindet regionale Aspekte mit ihrer \u00fcberregionalen literarischen Bedeutung, wuchtet Literatur aus dem regionalen Heimatautoren-Sumpf heraus und gibt ihr und den Protagonisten das, was ihnen zusteht: W\u00fcrde und Bedeutung, Literatur und Unterhaltung \u2013 oder einfacher gesagt: Er erz\u00e4hlt glaubw\u00fcrdige und grandiose Geschichten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Stern 111<\/strong> von Lutz Seiler. Suhrkamp, Berlin 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-61964\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Stern-1.jpg\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"320\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Stern-1.jpg 383w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Stern-1-180x300.jpg 180w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Stern-1-260x434.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Stern-1-160x267.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Weiterf\u00fchrend<\/em> \u2192<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zum Erscheinen von A.J. Weigonis erstem Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet hatte KUNO die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d thematisiert. Es ist f\u00fcr die Redaktion naheliegend auch den jeweils zweiten Roman in einer Doppelbesprechung vorzustellen. 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