{"id":61726,"date":"2012-12-12T00:01:00","date_gmt":"2012-12-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61726"},"modified":"2020-05-30T03:27:01","modified_gmt":"2020-05-30T01:27:01","slug":"sonettgeflecht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/12\/sonettgeflecht\/","title":{"rendered":"Sonettgeflecht"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich kenne Rainer schon seit ein paar Jahren, <br \/> doch wusst ich lange nichts von den Romanen, <br \/> die er mit fein gespitztem Bleistift sauber in<br \/> die gro\u00dfen Kladden schrieb. Die gr\u00f6\u00dfte aber<br \/> <br \/> schenkte ich ihm letztes Jahr und dachte <br \/> mir dabei ein wenig schalkhaft: Diese <br \/> Kladde, ein Kontorbuch, w\u00fcrde selbst<br \/> ein Stephen King so schnell nicht f\u00fcllen k\u00f6nnen. <br \/> <br \/> Nur Wochen sp\u00e4ter, als ich ihn besuchte,<br \/> lag die gro\u00dfe Kladde aufgeschlagen <br \/> auf dem Schreibtisch. In der Rille ruhte<br \/> <br \/> spitz der Bleistift: Links ein Meer von Seiten,<br \/> rechts ein Meer von Seiten, ach, soviel<br \/> Sonette habe ich noch nie gesehn! <br \/> <br \/> <br \/> Kann man denn so erz\u00e4hlen?, dachte ich, <br \/> halt ich das aus, wenn ich durch diese Masse<br \/> ungereimter Jamben schwimmen muss? <br \/> Da packt doch nur ein Schwindel meinen Kopf,<br \/> <br \/> so abgelenkt vom Metrum, dass der Inhalt<br \/> glatt im virtuosen Spiel verschwindet, <br \/> dachte ich, doch gab mir Rainer seinen<br \/> letzten Versroman zum Lesen mit.<br \/> <br \/> Parbleu, ich las und brauchte eine Weile, <br \/> nach etwa zwanzig Seiten war ich drin<br \/> und kam zurecht mit Vers und Handlung. <br \/> <br \/> Es ist wie mit den sauren Spreewald-Gurken:<br \/> Die erste schmeckt so sauer, dass du t\u00fcchtig<br \/> st\u00f6hnst, und schon die zweite macht dich s\u00fcchtig! <br \/> <br \/> <br \/> Die Sonette in Rainer Marias Buch \u201eDas Sonnengeflecht\u201c sind keine  romanhafte Erz\u00e4hlung, sondern sie reflektieren und erz\u00e4hlen in  versgebundener Form, sie verdichten wirklich Erlebtes, heben es also ins  Allgemeine. <br \/> <br \/> Die einzelnen Gedichte, reimlose Sonette, bilden einen Zyklus. Zur  Entstehung dieser Gedichte, die an der \u201aHandlungs\u2019-Oberfl\u00e4che vom  Niedergang eines schweren Alkoholikers handeln, schrieb mir Rainer Maria  (am 21.9.2012 per Mail): <br \/> <br \/> \u201eDie \u00e4ltesten Gedichte, die ich in die Endfassung aufgenommen habe,  stammen aus den fr\u00fchen 90iger Jahren. Mein Bruder, Armin, lebte seit  einiger Zeit hier bei mir, und da wir so unterschiedlichen Lebensweisen  folgten, bewohnten wir zwar ein und dieselbe Wohnung, sahen einander  aber nur an den Wochenenden und auch dies nicht immer. Wenn ich am  Morgen das Haus verlie\u00df, um in die Schule zu gehen, schlief mein Bruder  noch fest, und wenn ich nachmittags wieder nach Hause kam, war Armin  bereits l\u00e4ngst bis in die sp\u00e4te Nacht unterwegs auf seinen Wanderungen  durch die Bonner Kneipen, und wenn er in den ersten Stunden des neuen  Tages zur\u00fcckkam, war ich lange schon eingeschlafen.<br \/> Meine freilich von je zum Scheitern verurteilten Versuche, meist an den  Wochenenden, Gespr\u00e4che mit Armin in Gang zu bringen, lie\u00dfen, wenn auch  qu\u00e4lend langsam (wir sprechen von Jahren), die Einsicht in mir reifen,  dass die Sucht ihn l\u00e4ngst so unentrinnbar in ihrem eisernen Griff hatte,  dass ein Laie, der ich war und auch heute noch bin, auf verlorenem  Posten stand und stehen musste.<br \/> Ich schrieb unter dem Eindruck mancher trauriger Verstimmungen wie auch  mancher hoffnungsfroher Momente immer wieder Sonette, die meine  Situation ergr\u00fcnden sollten als den zum Zuschauen Verurteilten wie auch  den zur ermutigenden Kritik Aufgeforderten. Dass die \u00dcberarbeitungen  dieser Sonette einmal Bestandteile eines zyklischen Gedichtes werden  w\u00fcrden, h\u00e4tte ich mir damals nicht tr\u00e4umen lassen. Viel sp\u00e4ter erst,  Armin war bereits seinem Krebsleiden erlegen, fiel mir bei kursorischer  Lekt\u00fcre des einen oder anderen Gedichtes immer \u00f6fter auf, dass nicht  wenige Gedichte, die scheinbar unabh\u00e4ngig voneinander entstanden waren,  meine ganz pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit Armins Sucht und Tod  gewisserma\u00dfen als Generalthema immer wieder neu bespiegelt hatten. Ich  begab mich also daran, diese Gedichte in eine wenigstens vorl\u00e4ufige  Ordnung zu bringen. Anderer Projekte wegen wurde diese Aufgabe aber  immer wieder f\u00fcr l\u00e4ngere Perioden unterbrochen, und schlie\u00dflich sah ich  ganz davon ab, mich weiter mit dieser Aufgabe zu besch\u00e4ftigen. Den  Gedanken, diese oder andere Gedichte aus meiner Feder einmal  ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen, hatte ich ja bereits seit Langem als v\u00f6llig  unrealistisch aufgegeben, und ich lebte in tiefstem und heiterem Frieden  damit.<br \/> Als vor etwa dreieinhalb Jahren H\u0131d\u0131r \u00c7elik durch die Vermittlung von  Giorgos Krommidas signalisiert hatte, sein Free-Pen-Verlag w\u00e4re bereit,  einen Band mit meinen Gedichten zu ver\u00f6ffentlichen, war mein erster  Gedanke, dass eine Auswahl jener Gedichte unter dem Titel \u201aDas  Sonnengeflecht\u2019 mein erstes Buch f\u00fcllen sollte. Auf den Umfang meines  Vorhabens angesprochen meinte H\u0131d\u0131r allerdings, ein so dickes Buch w\u00fcrde  die Finanzen seines Verlags zu sehr strapazieren, und also entschloss  ich mich, die Liebesgedichte \u201aFaneika Du Sch\u00f6ne\u2019 anzubieten. Wie es dann  mit \u201aH\u00e4nde und Lippen\u2019 und \u201aWortstaub\u2019 weiterging, wei\u00dft Du ja. \u201aDas  Sonnengeflecht\u2019 war aber die gesamte Zeit \u00fcber in meinem Hinterkopf, und  wenn mich die erz\u00e4hlenden Gedichte wieder einmal an einen Punkt gef\u00fchrt  hatten, an dem ich mir Abstand zu ihnen verschaffen zu m\u00fcssen glaubte,  besch\u00e4ftigte ich mich immer wieder mit dem Material das in jenen  Dunstkreis geh\u00f6rte. Dylan Thomas\u2018 Gedicht, \u201aDo not go gentle into that  Good Night\u2019, das er f\u00fcr seinen sterbenden Vater geschrieben hatte, und  in dem Dylan Thomas dem Vater seine Ergebenheit in die Unab\u00e4nderlichkeit  seines Hinscheidens in jenen gro\u00dfartigen Worten vorgeworfen hatte,  wurde f\u00fcr mich das Motto f\u00fcr das Sonnengeflecht. Ich hatte zwar nicht  meinem Vater, sondern meinem Bruder vorzuwerfen, dass er \u201aohne  Gegenwehr\u2019 den Weg in den schleichenden Tod ging, ich konnte mich aber  von der Verwendung Dylan Thomas\u2018 Gedicht als Motto nicht mehr abwenden,  und was Du nun vor Dir siehst, ist eine Auslese aus etwa dreimal so  vielen Sonetten, die dieses Thema auf die eine oder andere Weise  bearbeitet hatten.<br \/> Ich stelle mir nun vor, dass es sicherlich sinnvoll w\u00e4re, das erste  Gedicht des Zyklus auch als Einstieg in \u201aDas Sonnengeflecht\u2019 zu lesen.  \u201aDer Ruf\u2019 bedenkt einen verkatert aufwachenden S\u00fcchtigen, der sich der  letzten einer langen Reihe von Niederlagen gegen\u00fcbergestellt sieht, (\u2026  Flammen suchen nach Erinnern, \/ wo alles wei\u00dfrot unter Asche schwimmt.  \/) aber hilfloserweise kann er nichts anderes denken, als den Abend des  Tages zu ersehnen, (\u2026 Hoffnung f\u00fcr erflehtes \/ Abendrot; nur einmal noch  erkl\u00e4nge \/ eine Nacht in feuersatten T\u00f6nen. \/). Der Rausch freilich  verwischt die Kl\u00e4nge alsbald (\u2026  in schwarzen Schriften sp\u00fclt das Meer  an Berge \/ und malt ihnen die Fratzen auf die Haut. \/), und l\u00e4sst das  altbekannte Chaos wieder die Oberhand gewinnen. (Windverwaschen l\u00f6sen  sich die Bilder: \/ fliehen f\u00fcr Sekunden in den Mittag.) Alle  Orientierung in Zeit und Raum verfl\u00fcchtigt sich in ein zerdehntes  D\u00e4mmern.<br \/> Wollte ein Leser sich das Gedicht \u201aDer Ruf\u2019 gewisserma\u00dfen als den  Auftakt f\u00fcr die Gedichte des ersten Stranges zurechtlegen, dann, glaube  ich, wird er sich von Gedicht zu Gedicht immer wieder Variationen  gegen\u00fcbergestellt sehen, die das Thema \u201aSucht\u2019 bedenken. <br \/> \u201aDie Einzahl\u2019 hei\u00dft das zweite Gedicht. Wiederum erwacht ein S\u00fcchtiger  (im ersten Quartett), und er wei\u00df (in den Quartetten zwei und drei)  bereits, dass alle seine Schw\u00fcre, die Sucht bek\u00e4mpfen zu wollen, bei  Licht besehen nur Meineide waren und sind. Die abschlie\u00dfende Doppelzeile  stellt ihn dar als den Gefangenen, der den M\u00e4chten der Sucht  (\u201aZaubergr\u00e4ser\u2019 fassen ihn an seiner Achilles\u201aferse\u2019) wehrlos unterlegen  ist.<br \/> Das dritte Gedicht, so hoffe ich, l\u00e4sst nun ahnen, dass dem S\u00fcchtigen  ein ebenso hilfloser Mahner gegen\u00fcbersteht. (Wer erz\u00e4hlt sie Dir und mir  zum Trost der \/ vorgestellten Tr\u00e4nen? Die umarmten \/ Klagen kl\u00e4ngen  heiter \u2026). Res\u00fcmierend stellt der Sprecher nur fest: (Schwerelos  dazwischen ebnet sich die \/ Katastrophe Wege in die Stille.)<br \/> Ich stelle mir allerdings nun nicht vor, dass sich der Leser bei seiner  Lekt\u00fcre sklavisch an die im Buch getroffene Sukzession der Gedichttexte  h\u00e4lt. Ich glaube dass sich jedes Gedicht auch herausgel\u00f6st aus dem  Zusammenhang des gesamten Zyklus als g\u00fcltiges in sich selbst ruhendes  Gedicht lesen l\u00e4sst. Dies wird freilich nicht gelten f\u00fcr die  Gedichttexte des zweiten und vorletzten Stranges des Sonnengeflechts.  Sie sollten schon in der abgedruckten Reihenfolge gelesen werden, weil  sie ja als Bestandteile von Sonettenkr\u00e4nzen unaufl\u00f6slich miteinander  verbunden sind.\u201c<br \/> <br \/> Es fiel mir zun\u00e4chst allerdings sehr schwer, einen Einstieg in diese  Sonett-Welt zu finden \u2013 ohne den konkreten Hintergrund oder Anlass der  Gedichte zu kennen, f\u00fchrte die Interpretation zwar auch zu tieferen  Bedeutungen, aber das Verst\u00e4ndnis gewinnt durch die sinnliche Ebene des  sich im Rausch immer mehr verlierenden und sp\u00e4ter an Krebskrankheit  siechenden und sterbenden Bruders enorm viel. Das half mir jedenfalls  sehr. <br \/> Ich will nicht verschweigen, dass es immer noch einige Stellen gibt, die  ich kaum verstehe, weil sie m\u00f6glicherweise wieder auf sehr konkreten  Ereignissen oder Zust\u00e4nden gr\u00fcnden \u2013 das konnte ich verschmerzen, weil  ich das Wesentliche sah, und so lie\u00df ich derartige Bilder und Worte  einfach in sich selbst ruhen und genoss ihre Sch\u00f6nheit an sich; auch das  muss erlaubt sein. An den Stellen, wo der Leser auf erratische Splitter  und Konglomerate st\u00f6\u00dft, verselbst\u00e4ndigt sich vielleicht die Sprache des  denkenden und f\u00fchlenden Autors, oder anders gesagt, sie kommt aus einem  inneren tiefen Schacht, und was der Autor automatisch schreibt,  versteht er selber nur ansatzweise; selbst wenn er wei\u00df was er schrieb,  muss das f\u00fcr den Leser \u00fcberhaupt nicht bindend sein. <br \/> Jedenfalls las ich das Sonettgeflecht, das mich ganz forderte, mit  Interesse und Staunen vor der Kunstfertigkeit, und es brachte mir  Erbauung im besten Sinne des Wortes. <br \/> <br \/> Das Sonnengeflecht \u2013 oder Solarplexus \u2013 ist ein Nervengeflecht, eine  Schaltzentrale im Oberbauch. Hier werden Informationen verschaltet und  weitergeleitet, die viele wichtige Funktionen von inneren Organen (Magen  und Darm) regulieren. Die \u201aSchmetterlinge im Bauch\u2019 haben hier ihren  Sitz, auch entstehende \u00c4ngste sp\u00fcren wir hier \u2013 der Alkoholiker  besonders dann, wenn ihm der Stoff fehlt, dann muss er das  Sonnengeflecht wieder beruhigen und trinkt. <br \/> <br \/> Sonnengeflecht ist eine reiche Metapher, die wie von selbst entsteht und  nicht etwa nur auf die Alkoholkrankheit zu beziehen ist, sondern auf  die feine Empfindungsf\u00e4higkeit unseres K\u00f6rpers: Gehirn, vegetatives  System und Organe sind miteinander verflochten. Wir denken mit dem  ganzen K\u00f6rper. Ich denke Rainer Maria Gassen will mit den  Sonett-Str\u00e4ngen des Sonnengeflechts die Ganzheit unseres Ichs zeigen,  wie sehr unser Denken und F\u00fchlen zusammenh\u00e4ngt, wie schmal der Grat  zwischen Materialismus und Idealismus ist \u2013 ein dialektisches  Wechselspiel.<br \/> <br \/> Den Zyklus hat der Dichter wie ein Organ gebaut. Wie ein Sonettgeflecht.  Die Sonette ordnen sich wie Ringe um einen unsichtbaren Kern: 27 + 15 +  19 + 19 + 15 + 27 Sonette, das sind insgesamt 122 Sonette. W\u00e4hrend in  den ersten beiden Str\u00e4ngen des Sonnengeflechts Jamben dominieren, w\u00e4chst  sp\u00e4ter das Daktylische, und ein freieres Metrum bricht durch. Die  beiden Kapitel mit 15 Sonetten sind Sonettkr\u00e4nze. Soviel Symmetrie in  der Struktur! Der Dichter wirft sie der Unordnung des Seins entgegen, er  stemmt sich mit seiner Kunst gegen das Kranke, gegen den Schmerz, den  Tod, die Trauer &#8230; <br \/> <br \/> In den Sonetten lebt eine leicht dahinflie\u00dfende Sprache. Nie wird die  Sonettform f\u00fcr Rainer Maria zum Gef\u00e4ngnis, das es durch Reime, die  strenge Strophenform und das jambische Metrum leicht werden kann. Er  sprengt durch unz\u00e4hlige Versspr\u00fcnge die Formzw\u00e4nge, die Gedanken und  Bilder flie\u00dfen in ihrer eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit von Vers zu Vers und  Strophe zu Strophe. Und das gewinnt dann stellenweise auch in diesem  Buch eine gleichsam erz\u00e4hlerische Qualit\u00e4t \u2013 als erz\u00e4hle sich das Denken  selbst. <br \/> <br \/> Ich will noch einmal die Verdichtung betonen, die Gassens Sonette  aufweisen: Das konkrete Problem der Alkoholsucht kann der Leser nur  erahnen, er kann auch in vielen Sonetten ein anderes existentielles  Problem vermuten, um das es vordergr\u00fcndig geht. In jedem Fall aber wird  die verarmende kommunikative Situation zwischen zwei Menschen deutlich,  etwa im V. Sonett (\u201eStimmen\u201c), wo der Dialog in Bildern des Schweigens,  des Stillstands erstarrt: \u201eEingedicktes Silbenelend kratzen \/ wir von  trockenen W\u00e4nden, werfen alles \/ auf die hohen Halden &#8230;\u201c und \u201eDie  verebbten Wellen hinterlassen \/ hergefegte Str\u00e4nde und ein Summen.\u201c Fast  ein Stummen, dachte ich beim Lesen. Auch Zeit und Ort st\u00fcrzen in eins  zusammen, die Zeit rast allein dahin, ohne jeden Sinn. <br \/> <br \/> Im ersten Sonettkranz (Zweiter Strang des Sonnengeflechts) wird der Absturz des Bruders immer deutlicher. Nun <br \/> <br \/> \u201eVerengen sich die Blicke immer mehr, <br \/> die K\u00f6pfe schmerzhaft an die Wand gepresst, <br \/> Erl\u00f6sung st\u00fcrzt hinab auf einen Punkt.\u201c<br \/> (XLII Spirale \/ Meistersonett) <br \/> <br \/> Auch im dritten Strang ist es so, wo vom Zerbrechen der Worte die Rede  ist (XLIV); Winter bricht herein und kriecht in die im Rausch  erfrierende Seele (XLVIII), \u201ealles Erinnern ist Klang aus der Sehnsucht  danach.\u201c (L) Versteinerung, Verzeihen und Verrat (LII) \u2013dies alles in  k\u00fchnen Naturbildern und Imaginationen. \u201eDie Laute enden, wenn &#8230; ihre  Geburt in das Schweigen verkehrt wird &#8230;\u201c und es \u201eSt\u00fcrzen innige Wolken  jenseits der Grate \/ in die Meere, vergehen mit ihnen die Schritte \/  zaghafter Lieder &#8230;\u201c (LXI). <br \/> <br \/> <br \/> Im vierten Strang (LXIII) lesen wir die verzweifelte Frage angesichts des<br \/> ins Nichts versinkenden Bruders: <br \/> <br \/> Wo, jenseits der Ahnungen lie\u00dfe die<br \/> W\u00e4rme sich los, erflehte nicht<br \/> l\u00e4nger die Neige f\u00fcr sich. <br \/> <br \/> Wir beginnen die N\u00e4he des Todes mitten im Leben zu ahnen. Es ist der  Tod, den der Rausch bewirkt und das Wenigerwerden des Ichs: \u201eFl\u00e4che und  Strich verlassen den \/ Rahmen und zaubern sich fort.\u201c (LXXI)<br \/> \u201eN\u00e4her heran r\u00fcckt der Horizont, \/ und in st\u00fcrzenden Wolken wird \/ alles Kulisse, die Nacht \/ h\u00e4lt inne &#8230; (LXXII). <br \/> Und das Jenseitige Ufer steht vor dem inneren Auge als \u201edas fremde  Geflecht.\u201c (LXXIII) &#8211; den Abst\u00fcrzen im Rausch schon \u00e4hnlich &#8230; <br \/> Dem geistigen Niedergang entspricht die d\u00fcrre Form dieser  Sonettmutationen: \u201eEin Netz ohne Muster, ein Spiel mit der \/ Ebene, f\u00fcgt  zusammen die \/ Teile der Wirklichkeiten.\u201c (LXXVI)<br \/> <br \/> Der zweite Sonettkranz im f\u00fcnften Strang des Sonnengeflechts stellt den freien Fall ins Nichts dar: <br \/> <br \/> \u201eVerloren an Ufern ewiger Nacht<br \/> besteht die Silbe den Untergang, und<br \/> in den Augen kreisen Worte dahin.\u201c<br \/> (LXXXIII)<br \/> <br \/> Und \u201eEin gemalter Himmel auf dem Gesicht &#8230; dahinter ist \/ Schweigen f\u00fcr deine Zeit und Dunkelheit.\u201c (LXXXVII)<br \/> <br \/> Wenn ich\u2019s recht bedenke, \u00fcberh\u00f6hen die Sonette den Anlass und das Thema  ihrer Entstehung bei weitem. Je mehr ich davon lese, umso mehr denke  ich, die vielen Bilder von Zeit und Ort und Schmerz, von Reden und  Stummen, Sehen und Blindheit, Schweigen und Schreien \u2013 sie alle  beschreiben in einem gewaltigen Monolog des Gr\u00fcbelns und Empfindens  unser Sein, sind bis in ihre kommunikative Struktur mehrdeutig \u2013 so  gesehen bilden die Gedichte ein einziges Gedicht, eine philosophische  Parabel des Seins. In vielen Gedichten verschwindet der Bruder, oder ein  anderes Gegen\u00fcber wird denkbar, oder das lyrische Ich ist ganz allein  und denkt \u00fcber sich und seine Welt nach, \u00fcber die Natur, die Zeit, es  f\u00fchlt und sehnt sich nach Liebe, nach Ber\u00fchrung mit anderem. <br \/> <br \/> XXVI<br \/> Eingebunden<br \/> <br \/> Ich sehe in dir Regen und das Kleid<br \/> von Blumen, ausgestreut auf meinen Feldern,<br \/> den Bogen \u00fcber eine Welt geschlagen<br \/> und wie an eine Saite angesetzt. <br \/> <br \/> Einmal finge sich die Erde, f\u00e4nde<br \/> sich an ferne Sterne angelehnt und<br \/> lie\u00dfe ihren Atem in uns wehen<br \/> wie durch Laub jahrtausendalter B\u00e4ume.<br \/> <br \/> Ich finde in dir D\u00e4mmern und den Ton<br \/> des Morgens, ausgebreitet \u00fcber meinem <br \/> Verstummen; ziehen auf die roten Wolken<br \/> und z\u00fcnden uns die welken Himmel an.<br \/> <br \/> Lippen malen ein Geschenk f\u00fcr deine<br \/> Haut und bl\u00fchen brennen f\u00fcr Sekunden. <br \/> <br \/> Dieses Gedicht ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie speziell und allgemein ein  Gedicht gelten kann. Das Sonett mit dem Titel \u201eEingebunden\u201c l\u00e4sst sich  auf die geschwisterliche Liebe beziehen, die Hoffnung auf einen neuen  Tag, eine Zeit der Gesundung des Bruders und der Wiederauferstehung der  Gespr\u00e4che zwischen den beiden \u2013 und zugleich ist es ein Liebesgedicht  f\u00fcr eine andere Begegnung.  <br \/> <br \/> Nun folgt noch der sechste und letzte Strang des Sonnen- und  Sonettgeflechts. Gleich das erste Sonett k\u00fcndigt mit seinem Titel das  Ende des an Krebs erkrankten Bruders an: \u201eTrennen\u201c. Die Rede ist in den  n\u00e4chsten Sonetten von \u201ehimmelloser Dunkelheit\u201c (XCVII), der Weg wird zur  \u201eSpirale hin zu Asche und Stein\u201c (XCVIII). Dann ert\u00f6nt \u201eScharfes  Geklinge kalt wie Abendblau\u201c (C). Aber \u201eUm das Echo garnt sich feines  Gespinst, \/ l\u00e4sst die Kl\u00e4nge in der Leere vergehn.\u201c (CI) Die Krankheit  enfaltet sich, aus den Wunden schreit der Schmerz (CII), \u201edie betagten  Sonnen st\u00fcrzen in Nacht.\u201c (CV) Verzweifelt fragt der liebende Bruder den  weggehenden: \u201eWenn der Schnee geschmolzen ist, und die Nacht \/ wieder  bricht, vergisst du dann meinen Ruf?\u201c (CX) &#8230; es ist ein fiktiver  Dialog im Monolog des Dichtenden, er erreicht den Bruder nicht mehr, der  Andere verschwindet, und so kann er sich in ihm nicht mehr finden. Aber  was f\u00fcr ein Wille, den Bruder im Gedicht zu bewahren, so lange es geht!  Hier entsteht ein neues Sein, der Bruder findet kein Grab in den  Sonetten, sondern da lebt er weiter, und dennoch: Es ist der Versuch,  aus dem werdenden Nichts, in das der Bruder hineingeht, etwas zu machen,  und es wird nicht nur die Trauerarbeit f\u00fcr den Verlust, sondern der  letzte Gewinn, den der Verlust hergibt. So etwas Einf\u00fchlsames habe ich  bisher noch nicht gelesen, nicht geh\u00f6rt und nicht erfahren! <br \/> Das letzte Sonett (CXXII) wage ich kaum zu deuten: \u201eDein verstummter  Mund h\u00e4lt inne &#8230;\u201c, hei\u00dft es dort, das Schweigen wird gegliedert, das  Nichts bekommt Struktur. Wie absurd! Wie gro\u00df ist die Klage dessen, der  das formuliert, um letzten Seinsrest zu retten!  <br \/> <br \/>In allen Perspektiven spiegelt sich das eigene Sein, insbesondere  spiegelt sich in der Not des Anderen auch die eigene Not, wenngleich sie  eine ganz andere Not ist &#8230; Im Sein des Anderen erkennen wir uns  selbst. Und das macht diese Gedichte so gro\u00df. Weil in den Fragmenten,  die sie St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck beschreiben und in Bildern deuten, das Ganze  aufscheint. Und so wird aus der Analyse der fragmentarischen  Einzelheiten ein Geflecht von Menschen und ihren Universen, aus dem  Sonnengeflecht entsteht ein Geflecht von Sonnen \u2013 neues Leben! <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">***<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Sonnengeflecht<\/strong> von Rainer Maria Gassen. Free Pen Verlag. Bonn 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kenne Rainer schon seit ein paar Jahren, doch wusst ich lange nichts von den Romanen, die er mit fein gespitztem Bleistift sauber in die gro\u00dfen Kladden schrieb. 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