{"id":61714,"date":"2020-03-15T00:01:00","date_gmt":"2020-03-14T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61714"},"modified":"2022-02-17T14:28:15","modified_gmt":"2022-02-17T13:28:15","slug":"vom-zugzwang-der-wolken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/15\/vom-zugzwang-der-wolken\/","title":{"rendered":"Vom Zugzwang der Wolken"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als mein Sohn mich nach seinem Vater fragte, hatte er ernste Augen. Er nannte mich zum ersten Mal bei meinem Vornamen, nicht l\u00e4nger Mutter. \u201eAmani, bitte erz\u00e4hle mir von ihm\u201c, flehte er. Bitte sage mir, dass ihr euch geliebt habt, stand in seinem Blick, sage mir, dass er lebt, zuckte um seine Mundwinkel. \u201eDein Vater kam als ein goldener L\u00f6we zu mir, er kam mit den Wolken. Es waren dieselben Wolken, die mich schon als Kind gerettet haben\u201c, antwortete ich ihm. Shaebel, mein kleiner Shaebel. Das Fliehen ist vorbei. Du allein hast es beendet. Da stand er vor mir, fragend, aufrichtig, in aller Gr\u00f6\u00dfe, zu der er f\u00e4hig war, mit den fordernden Augen eines Erwachsenen und dem Vertrauen eines Kindes. Er hat mich auf Deutsch gefragt, seiner Muttersprache, die niemals die Sprache seiner Mutter war. Das Deutsche hat mein Herz evakuiert. Mit und in dieser Sprache konnte und durfte ich \u00fcberleben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Wir f\u00fcllten den Vorlesungssaal mit \u00fcber 400 Studenten. Meine Kommilitonen nannten es ehrf\u00fcrchtig \u201edie Aussiebklausur\u201c und spielten dabei auf die etwa 85-prozentige Durchfallquote an. Ich kam nicht einmal bis in ihr deutschsprachiges Sieb. Als ich merkte, wie mein Puls raste, mein Herz unregelm\u00e4\u00dfig Blut pumpte, meine Schl\u00e4fen h\u00e4mmerten, rannte ich. Ich schaffte es gerade noch bis auf die Toilette, die Herrentoilette.Wenn ich heute dar\u00fcber nachdenke, war mir das Fliehen an diesem Punkt bereits zur Gewohnheit geworden, wie der Kaffee am Morgen oder die Zigarette danach. Das Davor verga\u00df ich, so schnell ich nur konnte. Die geborgte Zigarette vermischte sich als schwefliger Odem mit dem, was einmal mein Atmen war und mich mit der Welt verbinden sollte. Argw\u00f6hnisch zog ich an ihr und inhalierte giftige Wolken, um ganz stillzu werden, in mir, in einem Himmelbett, das mir nie geh\u00f6ren w\u00fcrde, das ich verlassen w\u00fcrde, sobald die Zigarette erstarb. Sie erlosch qualmend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Nichts als Fliehen. Ein Fliehen in Gegenst\u00e4nde, B\u00fccher, Kleidung, Menschen, Fremdsprachen und schlie\u00dflich Universit\u00e4tstoiletten. Das alles schlich sich auch in meinen K\u00f6rper ein, nachdem es meinen Alltag ganz selbstverst\u00e4ndlich bewohnte. Es gibt kleine und gro\u00dfe Fluchten, aber ich hatte sie niemals als solche empfunden, nicht zu dieser Zeit. Es ist so einfach, wie es auch komplex ist. Fluchten hatten mir mein Leben garantiert, mich meines Lebendig- seins versichert. Mein Ich in seiner Gesamtheit war auf einen fliehenden Punkt reduziert, in einer feindlichen Welt, in der nichts stillstehen konnte, was auch nur fl\u00fcchtig mit mir zu tun hatte. Mein Fliehen, es war so selbstverst\u00e4ndlich, m\u00fchelos leicht, vielleicht sogar sch\u00f6n, wie das Vor\u00fcberziehen der Wolken.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Jenseits BlassBlau<\/strong>, von Julia Kulewatz. Edition Roter Drache 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-61702\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Blass_blau_Cover-681x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Bernhard Hennen nennt Julia Kulewatz in seinem Vorwort &#8222;die Poetin der deutschen Phantastik&#8220;. So sprechen die hier versammelten Kurzgeschichten mit der Weisheit siebenj\u00e4hriger Kinder, lassen die Liebe durchsichtig werden und erwecken zartgr\u00fcne Jungfrauen aus den Leibern uralter Drachen, die \u00fcber die Menschen wachen. Wir werden auf abenteuerliche Entdeckungsreisen geschickt, bei denen es nicht weniger zu verlieren und zu gewinnen gibt als eine neue Perspektive auf uns selbst und die uns umgebende, fantastische Wirklichkeit. Dabei verfl\u00fcssigen sich Raum und Zeit in den Schritten barf\u00fc\u00dfiger Nixen. Mit der Virtuosit\u00e4t ihrer bildgewaltigen Sprache entf\u00fchrt uns die Autorin in die allumfassenden Tiefen des Ozeans, der zugleich Rettung und Vernichtung ist. Dabei verfl\u00fcssigen sich Raum und Zeit in den Schritten gefl\u00fcgelter Nixen, die erzwungene Wolkenformationen zu entr\u00e4tseln suchen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">KUNO empfiehlt auch <strong>Vom lustvollen Seufzer des Sudank\u00e4fers, <\/strong>Kurzgeschichten von Julia Kulewatz. Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/13\/duna\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als mein Sohn mich nach seinem Vater fragte, hatte er ernste Augen. Er nannte mich zum ersten Mal bei meinem Vornamen, nicht l\u00e4nger Mutter. \u201eAmani, bitte erz\u00e4hle mir von ihm\u201c, flehte er. 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