{"id":61708,"date":"2020-11-25T00:01:00","date_gmt":"2020-11-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61708"},"modified":"2022-02-17T14:20:25","modified_gmt":"2022-02-17T13:20:25","slug":"stimmloses-f","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/25\/stimmloses-f\/","title":{"rendered":"Stimmloses F"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch bin in der Menschenwelt untergetaucht!\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer regnerischen Nacht ist sie vor meiner Wohnung gestrandet und hat mich wortlos \u00fcberflutet als ein stummes Abbild all meiner \u00c4ngste und Sehns\u00fcchte. Ich kann mich an kein Ger\u00e4usch erinnern, nur an Regen, nicht an ihre Schritte oder ihr leises perlendes Lachen, das ich mir eingebildet haben muss. Sie glitt in mein Leben als ein feuchter Wachtraum, der sich mir entzieht. Ich erinnere mich an den tropfenden Saum ihres Kleides und das lange nasse Haar, welches ihr bis zu den H\u00fcften floss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Stimme habe ich nie geh\u00f6rt, aber das Flehen ihrer Augen lie\u00df sie mich in mein Badezimmer tragen. Dort lebt sie bis heute.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich liebe es sie zu betrachten, sie liebt es zu baden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will ihn umarmen, meine Haare um ihn schlingen, bis er nicht mehr atmen muss und meine s\u00fc\u00dfe Stille teilt, solange bis er an mir ertrinkt und f\u00fcr immer und niemals bei mir ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Geruch l\u00e4sst mich Libellen denken. Kleine gr\u00fcne Spinnen nisten in ihrem absonderlichen Haar, fangen glitzernde Wassertropfen in ihren Netzen. Sie ist wie ein Stummfilm ohne je Kontur besessen zu haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte singen.<br \/>Seine Seele wird bersten und die meinige geb\u00e4ren. Mein Unterleib ist fruchtlos und kalt.<br \/>Manchmal tauche ich meinen Kopf unter und \u00f6ffne die Augen um ihn durch das Wasser zu erblicken. Erst dann erscheint er mir wirklich und als Teil meiner liquiden Welt, dann will ich ihn hinab rei\u00dfen. Ich m\u00f6chte singen,<br \/>und darf es nicht, ich w\u00fcrde ihn t\u00f6ten und doch; wie sehr scheint er es zu w\u00fcnschen.<br \/>Er wei\u00df nichts von der Sehnsucht meines geteilten Leibes.<br \/>Ich m\u00f6chte singen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Du bist schneewei\u00dfes Sterbe-Fisch-Fleisch mit lieblichen Z\u00fcgen.<br \/>Ich will in ihr leben, denn mit ihr leben kann ich nie. Sie ist das R\u00e4tsel vor\u00fcbersiechender Mondn\u00e4chte; voll von kalter, erbarmungsloser Sch\u00f6nheit, die summend durch meine vielstimmigen Tr\u00e4ume schwimmt.<br \/>Da lauert sie nun im Zwielicht meines Badezimmers als sch\u00f6nster aller Fremdk\u00f6rper. Das Tageslicht habe ich sie nie sehen lassen. Bereits ihr Kleid hat sie verraten, denn ich erahne das Reich aus dem sie geflossen sein muss. Ich sp\u00fcre sie wie einen erotischen Fiebertraum, der Grund zu der Annahme gibt, dass man wohl krank sein muss.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte singen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ist in mir, frisst Erinnerung, fremde Melodien- tr\u00e4umend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie singt. Zweifellos. Sie singt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seev\u00f6gel kreischen durch ihr Lied, erregt mit den Fl\u00fcgeln schlagend, verlieren einzelne Federn, die auf die erw\u00e4rmte Wasseroberfl\u00e4che nieder taumeln. Unter ihr tanzen silberne Fischschw\u00e4rme. Von<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">tiefstem Blau durchsetzt wiegen sich geschmeidige Wasserpflanzen im Takt. Quallen schweben vorsichtig durch das Dunkelschwarz ihrer Gedanken, liebkosen zaghaft ihren milchwei\u00dfen, entsetzlich kalten K\u00f6rper. Ihr Gesang l\u00e4sst Schiffe sinken, ist zerkl\u00fcfteter Fels und Sturm, ist die Lust sich windender Fischfrauen, die sich nach der Menschenwelt sehnen. Sie singt von unschuldigem Kinderspiel und von verblichenen Gebeinen, mit denen sie sich kr\u00f6nte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe nicht bemerkt, wie ich zu dir in die Wanne gestiegen bin.<br \/>Aber gewiss habe ich in dein Haar gegriffen und die kleinen gr\u00fcnen Spinnen zerquetscht, die es so liebevoll pflegten. Auch habe ich begriffen, wie das Leuchten aus deinen erschrockenen Augen gewichen ist, und wie du Tiefsee aus ihnen hervorgekehrt hast. Deinen verderblichen Leib habe ich an mich gezogen, noch bevor du dich wehren konntest. Fest habe ich meine Hand auf deinen M\u00e4nner-fressenden Mund gepresst, \u00fcberzeugt davon, dich nie mehr singen zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich von dir ablassen wollte, hast du mich gek\u00fcsst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam, weicht das Leben aus deinem mir so vertrauten Gesicht. Geliebter. Deine letzten Gedanken gelten mir.<br \/>Als ich beschlossen habe f\u00fcr dich zu singen, habe ich deinen Tod beschlossen. Als ich dich k\u00fcsste, den meinigen. Unsere Liebe hat kein Grab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles was bleibt ist meine h\u00fcllenlos geborene Seele, die an dich gebunden ist. In Freuden stirb du nun,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn mein Kuss ist nur ein einziger und ewig letzter. \u201eIch werde Wasser und kehre heim, denn ich bin an der Menschenwelt gescheitert.\u201c<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vom lustvollen Seufzer des Sudank\u00e4fers, <\/strong>Kurzgeschichten von Julia Kulewatz, ed(dition)-cetera.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-58993\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Sudanka\u0308fer_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"250\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das Deb\u00fct von Julia Kulewatz ist ein literarisches Arrangement, das in 12 Kurzgeschichten und 2 Miniaturen augenzwinkernd allerlei Einf\u00fchlsames, Tragisches, Erotisches, Groteskes, Traumhaftes und surreal Verspieltes bereith\u00e4lt.<br \/>Angesiedelt hinter fremden Zeiten und (un)wirklichen R\u00e4umen, irgendwo zwischen Duna und Wadi, verschmelzen in ihren Texten Sehnsucht, Liebe und Hoffnung, Verlust, Freude und Schmerz, Willk\u00fcr, Wahrheit und poetische Notwendigkeit. Sie erz\u00e4hlen von surrenden Frauenh\u00e4uptern, mit K\u00e4fertieren gef\u00fcllten Badewannen, Spieluhrenpanoramen, stimmlosen T\u00f6nen, ertraglosen Apfelb\u00e4umen im Restsommerhauch, Kellerglaspal\u00e4sten in der Unber\u00fchrbarkeit des Augenblicks und Leuchtk\u00e4fern am Rande der Einbildung. Der Leser schlie\u00dft Bekanntschaft mit koreanischen Wasserm\u00e4dchen, einer Femme fatale, die Aphrodisiaka aus Skarab\u00e4enm\u00e4nnchen herstellt, der Schuhe verkaufenden Magierin Grey, dem von Sturzregen und Kreidestaub eingerahmten M\u00e4dchen am Fenster, mit Aylin, die nahe bei Gott ist, und mit Irene, die zur Wand steht. Schlussendlich vernimmt der Leser, der Spur einer Ameise folgend, mit ein wenig Gl\u00fcck und Neugier einen Laut, den er im Gew\u00fchl des Alltags nur allzu leicht \u00fcberh\u00f6ren kann \u2013 den lustvollen Seufzer des Sudank\u00e4fers.&#8220; (Stephan Herbst)<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eIch bin in der Menschenwelt untergetaucht!\u201c In einer regnerischen Nacht ist sie vor meiner Wohnung gestrandet und hat mich wortlos \u00fcberflutet als ein stummes Abbild all meiner \u00c4ngste und Sehns\u00fcchte. Ich kann mich an kein Ger\u00e4usch erinnern, nur an&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/25\/stimmloses-f\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":190,"featured_media":97901,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2399],"class_list":["post-61708","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-julia-kulewatz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61708","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/190"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=61708"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61708\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97904,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61708\/revisions\/97904"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97901"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=61708"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=61708"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=61708"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}