{"id":61659,"date":"2011-02-25T00:01:00","date_gmt":"2011-02-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61659"},"modified":"2022-02-27T18:11:53","modified_gmt":"2022-02-27T17:11:53","slug":"istanbul","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/02\/25\/istanbul\/","title":{"rendered":"Istanbul"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Bei Peter Valentin im M\u00f6glinger Pflegeheim \u201eKleeblatt\u201c am 25.2.2011<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich hatte ich die Kraft, ihn zu besuchen! Ich schob es vor mir her, und ich z\u00f6gerte noch, als ich mit dem Auto Ludwigsburg erreichte, ob ich lieber Traian Pop, meinen Verleger, besuche. Aber ich dachte dann: wenn ich jetzt, so nah vorm Ziel, nicht hingehe, gehe ich nie zu ihm hin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann war alles leichter als gedacht. Eine junge, sehr freundliche Schwester brachte mich zu ihm, und ich stand ungef\u00e4hr 15:05 Uhr an seinem Bett. Er musterte mich, leicht genant, dann nahm ich den Stuhl, setzte mich an seine linke Seite ihm gegen\u00fcber und gab ihm die linke Hand.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Fernseher lief. Bilder von Istanbul. Er konzentrierte sich in den ersten 30 Minuten ganz auf mich. Die Konzentration schien ausgezeichnet. Seine Verlegenheit l\u00f6ste sich. Ich nahm meinen Zettel und ging die notierten Themen durch. Permanent fragte ich ihn, ob er mich versteht, ob er X oder Y kennt, jedes Mal nickte er oder verneinte, hob manchmal die Hand und gestikulierte ziemlich differenziert ein \u201eVielleicht\u201c oder \u201eWeder noch\u201c oder \u201eUngef\u00e4hr\u201c oder \u201eSowohl als auch\u201c, teils mimisch begleitet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte, du wohnst ja ganz dicht an deinem Haus in der Br\u00fchlstra\u00dfe, ich kam eben dort vorbei. Er schaute resignativ-indigniert. Dann berichtete ich von Frau Signe Brunner, dass sie meine Post brachte und mir mitteilte, wie Peter darauf reagierte. Er nickte. Mein Brief lag noch auf dem Tisch. Hinten an der Wand steht Wein. Im Regal alle Eremitagen, auch Nr. 16, nur Nr. 1 fehlte. Dann B\u00fccher seines Verlags \u2013 nicht vollst\u00e4ndig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann erz\u00e4hlte ich von Otto Eberhardt, Sch\u00fcler von HAP Grieshaber, den ich in Schwetzingen besuchte, und von meinen beiden Br\u00fcdern, die ich am Abend in der Aula des Bietigheimer Ellertal-Gymnasiums treffe, dort ist eine Sch\u00fclerauff\u00fchrung von D\u00fcrrenmatts \u201eBesuch der alten Dame\u201c, im St\u00fcck spielt die Tochter einer Freundin meines \u00e4lteren Bruders mit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bestellte Gr\u00fc\u00dfe von Holger Benkel, Francisca Ricinski und vom Bonner \u201eDichtungsring\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun erz\u00e4hlte ich von meiner Pensionierung und meinem Leben als Pension\u00e4r. Nur das Sch\u00fclertheater fehlt mir, sagte ich, und die Klassen- und Studienfahrten. Ich sagte, du hattest dich so auf deine Pensionierung gefreut, Peter, und er nickte traurig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sprach vom Club Forum Literatur (CFL), der nun umgewandelt wird in Literatur Forum Ludwigsburg (LFL). Ich sage, ich bleibe bzw. werde dort Mitglied. Ich erinnerte an die Eremitagen und die Archivierung in Marbach, rede von E16 und w\u00fcrdige Peters \u0152uvre.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich spreche vom Dichtungsring, der 30 Jahre alt wird \u2013 und dies und das in Sachen Literatur. Es scheint ihn zu interessieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Du hast so gern Wein getrunken, sage ich, bleibt dir der wenigstens?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, nickt er. Ich erz\u00e4hle von unseren Treffen in den Weinbergen, vom Grafen Bentzel und seinem Weingut, wo wir zwei Mal waren, einmal gab es eine Kunstausstellung, ein anderes Mal hatte ich eine Lesung, und immer gab es Wein, soviel wir wollten. Peter muss zwei Mal lachen, er will antworten, aber er kann nicht artikulieren. Ich sage, du hast die Worte auf der Zunge, er nickt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine linke Seite ist intakt, die rechte gel\u00e4hmt. Sp\u00fcrst du rechts was \u2013 ja, sagt er. Rechts will er ein kleines Kissen auf der Hand haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich rede von meinem Roman, der bald fertig ist. Er zeigt Interesse. Ich erz\u00e4hle mehr. Ich sehe B\u00fccher auf dem Tisch, die ihm Besucher brachten, mit Widmung. Ich frage ihn, kannst du lesen? Nein. Kannst du die Bilder im Fernseher erkennen? Ja.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage, meinst du, du wirst wieder sprechen k\u00f6nnen? Er nickt: Ja. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pflegeschwester bringt zwei Getr\u00e4nke und einen cremigen Kuchen. Sehr ruhig und freundlich. Ich sage, hast du keinen Rollstuhl? Nein. Die Schwester sagt, er will nicht. Er isst mit der linken Hand, aber der rechts h\u00e4ngende Mund kann nicht ohne zu kleckern essen. Ich wische den Mund sauber und entferne ein paar Brocken vom Kuchen auf dem T-shirt und auf der Decke. W\u00e4hrend er a\u00df, betrachtete ich alle Bilder im Raum, seine Enkelkinder, seinen Vater und seine Mutter kurz nach dem Krieg, ein Schwarzwei\u00df-Foto.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Kaffee spreche ich mit ihm \u00fcber die Bilder und erw\u00e4hne versehentlich seinen Bruder \u2013 aber er nickt, er ist nicht mehr so konzentriert und schaut hin und wieder zum Fernseher. Ich sage, du hast ja eine Schwester, er nickt. Da ahne ich, er ist nicht immer konzentriert. Ich frage noch einmal, kannst du lesen? Er nickt. Kannst du jedes Wort lesen? Er dreht die Hand, will damit sagen: Nicht ganz oder so. Rollstuhl w\u00e4r doch gut, sage ich. Er reagiert darauf kaum. Du willst nicht, sage ich. Er bejaht. Strengt dich das Gespr\u00e4ch an? Ja. Er schaut mich fest an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sage, ich gehe jetzt. Ist gut, nickt er. Ich komme bald wieder. Ja. Ich gebe ihm die Hand, er schaut etwas traurig. Als ich die T\u00fcr des Zimmers schlie\u00dfe, sehe ich noch, wie er unverwandt zum Fernseher schaut, auf die Kuppel der Hagia Sophia.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist 15:55 Uhr.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO dokumentierte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/21\/monsieur-le-gourmet-de-la-litterature-aux-serpents\/\">Korrespondenz<\/a> von Ulrich Bergmann mit Peter Valentin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk<\/em> sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25201\">dokumentierte<\/a> den Grenzverkehr im Dreil\u00e4ndereck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Bruno Kartheuser finden Sie <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kartheuser.htm\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Peter Valentin im M\u00f6glinger Pflegeheim \u201eKleeblatt\u201c am 25.2.2011 Endlich hatte ich die Kraft, ihn zu besuchen! 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