{"id":61618,"date":"2020-07-19T00:01:00","date_gmt":"2020-07-18T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61618"},"modified":"2020-11-28T09:05:59","modified_gmt":"2020-11-28T08:05:59","slug":"verliert-walter-benjamin-seine-aura","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/19\/verliert-walter-benjamin-seine-aura\/","title":{"rendered":"Verliert Walter Benjamin seine Aura?"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eva Weissweiler ist Verfasserin von Biografien, Romanen, Kurzgeschichten, H\u00f6rfunkfeatures und Dokumentarfilmen. KUNO sch\u00e4tzt sie wegen ihrer gro\u00dfartigen Musikerbiographien, wie etwa <em>Clara Schumann, Eine Biographie<\/em>. Nun hat sie mit \u201eEcho deiner Frage\u201c die vorgebliche \u201eBiographie einer Beziehung\u201c geschrieben, einer Frau, die \u2013 auch wenn es stark nach Intentionskitsch m\u00fcffelt \u2013 \u201eWalter Benjamins Seele ber\u00fchrte\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Autorin hat f\u00fcr ihr Buch u.a. in Jerusalem, New York, London und Berlin recherchiert und mit den Enkelinnen und Urenkeln des Paares gesprochen. Als \u201eEhrgeizige Gans\u201c bezeichneten Zeitzeugen Dora Kellner, die sp\u00e4tere Frau Walter Benjamins. Und auch die bisherige Forschung lies an ihr nichts Gutes:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">\u201eDora sei f\u00fcr Walter Benjamin nicht bedeutsam gewesen\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch wird das der Frau, die dreizehn Jahre mit dem Philosophen verheiratet war, gerecht? &#8211; Keinesfalls, meint Eva Weissweiler. Die journalistisch sorgf\u00e4ltig arbeitende Autorin l\u00e4uft dann zu gro\u00dfer Form auf, wenn sie den Alltag im 19. Jahrhundert schildert, in dem die junge Frau aufw\u00e4chst. Sie lotet die Enge des traditionellen Judentums aus, zeichnet die intellektuellen Debatten in den zionistischen Kreisen, denen Doras Vater angeh\u00f6rt, aber auch der Judenhass nach, der forciert bewu\u00dft gemacht wird ist. Dank der gro\u00dfen Detailkenntnis, die Weissweiler gekonnt mit Zitaten aus Briefen, Biographien und Zeitungsartikeln collagiert, wird man unmittelbar hineingezogen in die Welt dieser Familie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie es sich f\u00fcr eine HeldInnen*reise geh\u00f6rt, entkommt Dora Keller dieser Enge, sie verdankt ihre Befreiung, so Weissweilers Interpretation, selbstverst\u00e4ndlich der aufkommenden Frauenbewegung (in der die Autorin ein Spiegelbild des 1970er Jahre Feminismus der BRD sieht). \u00dcber Jahrzehnte wird sie sich mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau besch\u00e4ftigen \u2013 nicht nur analytisch, in journalistischen und literarischen Texten, aus denen Weissweiler immer wieder ausf\u00fchrlich zitiert. Auch Doras Ehe mit Walter Benjamin, den sie 1917 heiratet, ist gepr\u00e4gt von der permanenten Zerrei\u00dfprobe zwischen Zuwendung und dem Wunsch nach Selbstbestimmung. Hier kommt Weissweilers schreiberisches K\u00f6nnen wie einst bei <em>Clara Schumann, Eine Biographie<\/em>, voll zur Geltung: Man f\u00fchlt und leidet mit im Auf und Ab dieser Beziehung, die alles andere als normal ist und durch Krieg, Antisemitismus und st\u00e4ndige Geldsorgen noch zus\u00e4tzlich belastet wird \u2013 obwohl beide eigentlich aus verm\u00f6genden Elternh\u00e4usern stammen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich wie bei Clara Wiek ist es faszinierend, wie vielschichtig Dora Keller von der Biographin gezeichnet wird. Als eine Frau, die einerseits den lebensunt\u00fcchtig wirkenden Walter unterst\u00fctzt und die gleichzeitig ihre eigene berufliche Entwicklung weiter verfolgt, quasi der Liebespakt: Simone de Beauvoir und Sartre als Prequel im Weimarer Zeitalter. Ob Dora Keller ihren Ehemann Walter Benjamin auch intellektuell inspiriert hat, oder gar Anteil an seinem geistigen Schaffen hat, kann Weissweiler nur mutma\u00dfen, seltsam sch\u00fctter wirken hier die ansonsten flei\u00dfig beigebrachten Zitate. Von der Biographin wird Walter Benjamin als gef\u00fchlskalter Eigenbr\u00f6tler, und wie seinerzeit Robert Schumann, sehr eindimensional abgehandelt. Die Autorin geht davon aus, da\u00df es an dem Wert von Walter Benjamins Werkes \u00fcberhaupt keinen Zweifel gibt, und diese will sie auch nicht \u00e4u\u00dfern, an seinen menschlichen Verhaltensweisen allerdings. Sie findet nicht, da\u00df es \u201ein Ordnung war\u201c, wie er sich seinem Sohn Stefan gegen\u00fcber verhalten hat und wie er auch zum Schlu\u00df versucht hat, seine Frau \u201eregelrecht auszubeuten\u201c, indem er ihr alles abnehmen wollte, alles Geld, das Sorgerecht f\u00fcr ihren Sohn. Rosenkrieg in Weimar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bereits bei <em>Clara Schumann, Eine Biographie<\/em> hat Weissweiler die Biographie zweier Menschen geschrieben, die sich geliebt und wieder getrennt haben, die ohne einander nicht leben und doch nicht beieinander bleiben konnten. Schuman fl\u00fcchtete bei Endenich in den Wahnsinn, Benjamin bei Portbou in den Tod.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eva Weissweiler jongliert virtuos mit Zitaten, sie ergreift dabei sehr h\u00e4ufig und meist einseitig Partei f\u00fcr Dora Benjamin und schildert ihren Ehemann, die Ikone der Deutschen Linken, als egomanisch und kalt. Sie \u00e4hnelt in ihrer Montagetechnik dem Dokumentarfilmer Michael Moore. In ihrer neuen <em>Dokufiction<\/em> arbeitet sie &#8211; hier eine weitere Parallele zu dem Schumannbuch &#8211; auch mit Spekulationen, sehr freien Deutungen und teilweise auch mit Unterstellungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00c4hnlich, wie sie die Heiligenlegende des Traumpaars der Deutschen Romantik, Clara und Robert, dekonstruierte, nimmt sie auch Dora und Walter auseinander. Es ist jedoch kein Beitrag zu #MeeToo, eher die nachgereichte Dokumentation eines altbacken wirkenden 1970-er Jahre Feminismus, der freudo-marxistisch ein Weltbild zur rekonstruieren versucht, ein Gegenbild zu einer digitalisierten Welt, die kein Echo auf Rufe im hallfreien Raum mehr ben\u00f6tigt. Beim Lesen dieser \u201eBiographie einer Beziehung\u201c f\u00e4llt auf, was heute fehlt. Vor allem der kluge und belesene Blick auf das, was eigentlich da ist.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"167\" height=\"251\" class=\"wp-image-61621\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Echo.png\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Echo.png 167w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Echo-160x240.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das<\/strong> <strong>Echo deiner Frage. <\/strong>Dora und Walter Benjamin. Biographie einer Beziehung, von Eva Weissweiler. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Eva Weissweiler finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/04\/wie-war-es-denn-nun-wirklich-und-warum-das-alles-nebensaechlich-ist\/\">hier<\/a>. &#8211; Einen Essay zur Reihe <em>Kollegengespr\u00e4che<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25436\">hier<\/a>. &#8211; Einen R\u00fcckblick zum 50. Jahrestag des (VS), der gewerkschaftlichen Interessenvertretung der Schriftsteller in Deutschland (fr\u00fcher IG Druck und Papier) findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/08\/revisited\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eva Weissweiler ist Verfasserin von Biografien, Romanen, Kurzgeschichten, H\u00f6rfunkfeatures und Dokumentarfilmen. KUNO sch\u00e4tzt sie wegen ihrer gro\u00dfartigen Musikerbiographien, wie etwa Clara Schumann, Eine Biographie. 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