{"id":61549,"date":"2024-02-25T00:01:00","date_gmt":"2024-02-24T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61549"},"modified":"2024-01-04T09:47:48","modified_gmt":"2024-01-04T08:47:48","slug":"gebrauchslyrik-aber-nicht-so","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/02\/25\/gebrauchslyrik-aber-nicht-so\/","title":{"rendered":"Gebrauchslyrik? Aber nicht so!"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Chanson, wie es vom Montmartre zu uns heruntergekommen ist, war ein Feuer, an dem der Bohemien sich den R\u00fccken w\u00e4rmte, jederzeit bereit, einen Scheit zu ergreifen und ihn als Brandfackel in die Palais zu schleudern. Weil aber der Arme alles verkaufen mu\u00df, so mu\u00dfte er&#8217;s auch dulden, da\u00df der Reiche sich Zutritt zu seinem Asyl erzwang und sich&#8217;s bei einem Feuer gem\u00fctlich machte, das darauf brannte, ihn zu verzehren. Das ist der Ursprung des Kabaretts. Schwer ist es den Sch\u00fclern Aristide Bruants nicht geworden, sich auf die soziale Zweideutigkeit der Gattung einzulassen. Die sexuelle findet sich schnell dazu. Aber auch die Zote war noch Revolte, Aufstand des Sexus gegen die Liebe, und bei Wedekind geht es hart her. Erst recht geht es hart her bei Brecht, dem besten Chansonnier seit Wedekind, und dem lehrreicheren, weil bei ihm um den Waagebalken der Not die beiden Schalen Hunger und Geschlecht gerechter spielen. Mit Brecht hat das Chanson sich vom Brettl emanzipiert, die Decadence begann historisch zu werden. Sein Hooligan ist die Hohlform, in die dereinst mit besserem, vollerem Stoff das Bild des klassenlosen Menschen soll gegossen werden. Damit fand die Gattung ihre scharfe aktuelle Bestimmung. Es reicht nicht mehr aus, Gaunersprache und Platt, Argot und Slang zu parlieren, um hier mitreden zu d\u00fcrfen. Und, die Wahrheit zu sagen:\u00a0<em>nie\u00a0<\/em>hat es ausgereicht. Wenn es in den Kreisen der \u00bbVaterlandslosen\u00ab, \u00bbEntwurzelten\u00ab so etwas wie Heimatkunst gibt, dann ist es das Chanson, das aus dem engen rauchgeschw\u00e4rzten Kneipenwinkel kommt. Und wo dergleichen Weisen etwas taugen, da haben einmal M\u00e4nner beisammen gesessen. Mehring mag allerlei Qualit\u00e4ten haben, mag der Sprache rabeleske Toupets, balladeske Tollen oder bierbaumsche Schmachtlocken drehen \u2013 er hat nie an ungehobelten Tischen gesessen. Das Unvern\u00fcnftige, Verbissene, Herbe, Ver\u00e4chtliche, Heimweh und amor fati des Verrufenen sind ihm fremd \u2013 trotz \u00bbKetzerbrevier\u00ab und \u00bbLegenden\u00ab. Sein Chanson ist ein Esperanto der Dichtung, der Effekt ist sein letztes Wort und niemals liegt er in der Nuance. Ein Mann wie Brecht kann das Massivste anheben, wir werden immer unsere Freude daran haben, wie zart er es niederlegt. Mehring kann gar nicht athletisch genug stemmen, aber wenn man dagegen klopft, klingt es so hohl wie dies:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">Und acherontisch donnert der M\u00e9trozug,<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">Apokalyptisch reist der Passagier.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcberlieferungen der Decadence sind gerade in Deutschland zu schwer erkauft und zu lauter \u2013 man braucht hier nur den Namen Hardekopf zu nennen \u2013, um sich diese akademische Kopie gefallen zu lassen, der ihre Herkunft aus dem Am\u00fcsierbetrieb der Gro\u00dfstadt an der Stirn geschrieben steht. Diese Sachen haben keine ver\u00e4ndernde Kraft; sie werden keine Umgruppierung verschulden. Denn sie sind nicht von der Niedertracht, sondern vom Masochismus eines b\u00fcrgerlichen Publikums inspiriert.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Gedichte, Lieder und Chansons<\/strong> des Walter Mehring. Berlin: S. Fischer Verlag (1929). 255 S.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_98124\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98124\" class=\"wp-image-98124 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Walter_Benjamin-e1645553136487.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-98124\" class=\"wp-caption-text\">Walter Benjamin. KUNO dankt der Akademie der K\u00fcnste, Berlin und insbesondere dem Walter Benjamin Archiv<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2023 finden Sie \u00fcber dieses Online-Magazin eine Betrachtung als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78067\">eine Anthologie im Ganzen<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Chanson, wie es vom Montmartre zu uns heruntergekommen ist, war ein Feuer, an dem der Bohemien sich den R\u00fccken w\u00e4rmte, jederzeit bereit, einen Scheit zu ergreifen und ihn als Brandfackel in die Palais zu schleudern. 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