{"id":6140,"date":"2009-03-16T00:01:17","date_gmt":"2009-03-15T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6140"},"modified":"2022-02-21T15:12:45","modified_gmt":"2022-02-21T14:12:45","slug":"small-is-beautiful","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/16\/small-is-beautiful\/","title":{"rendered":"Small is beautiful \u2219 \u00dcber den Vorl\u00e4ufer der Twitteratur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/415AQE3JWXL._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"210\" \/><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die einfachsten Dinge habe ich zuletzt lernen m\u00fcssen. Daher die Schwierigkeiten <\/em>(Charles Olson). <em>Die Kontinuit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit wird gewahrt von den Anz\u00fcgen, die bei gutem Stoff zehn Jahre halten <\/em>(Gottfried Benn). <em>Wir sollten weniger entz\u00fcckt von uns sein und mehr arbeiten<\/em> (Anton Tschechov).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Notwendige Merkmale<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brillante S\u00e4tze, aber keine Aphorismen. Die heute weitgehend akzeptierte Definition des Aphorismus stammt von dem Literaturwissenschaftler Harald Fricke (1991). Danach besitzt der Aphorismus drei <em>notwendige<\/em> Merkmale: Prosaform, Nichtfiktionalit\u00e4t und kotextuelle Isolation. Kotextuelle Isolation bedeutet, dass der Text in einer Serie gleichartiger Texte erscheint, innerhalb dieser Serie aber jeweils von den Nachbartexten isoliert, d.h. in der Reihenfolge ohne Sinnver\u00e4nderung vertauschbar ist. Die voranstehenden Zitate sind also keine \u203aAphorismen\u2039 da das dritte der <em>notwendigen<\/em> Merkmale auf sie nicht zutrifft: Sie stammen aus Gedichten bzw. einem Dramentext.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Erkenntnis \u00b7 Form \u00b7 Erkenntnis<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun gelten Frickes <em>notwendige<\/em> Merkmale des Aphorismus nat\u00fcrlich auch f\u00fcr Einzels\u00e4tze aus Sammlungen\/Listen von Sachaussagen oder logisch-mathematischen Definitionen, das hei\u00dft, sie sind nicht hinreichend. Fricke f\u00fchrt als weiteres Merkmal ein, dass der Aphorismus eine sprachliche oder sachliche Pointe besitzt. Friedemann Spicker (2009) formuliert diese Feststellung etwas anders und wohl auch zutreffender: Der Aphorismus zeige <em>Erkenntnis und Form <\/em>oder <em>Form als Erkenntnis, <\/em>manchmal auch <em>Form statt Erkenntnis<\/em>. Allerdings muss man hinzuf\u00fcgen, dass mit der letztgenannten M\u00f6glichkeit der Aphorismus in gef\u00e4hrliche N\u00e4he zum Kalauer geraten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Nur noch Aphorismen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom britischen Schriftsteller B. S. Johnson stammt der Satz: <em>Ich denke mir, dass die Menschheit irgendwann vielleicht soweit ist, dass sie nur noch in Aphorismen schreibt<\/em>. Und weiter: <em>Der Pr\u00e4liminarien, Verflechtungen und Illustrationen \u00fcberdr\u00fcssig wird und all der K\u00fcnste, mit Hilfe derer ein gro\u00dfes Buch entsteht. <\/em>Hat er das ernst gemeint? Wir k\u00f6nnen ihn nicht mehr fragen, aber der \u00dcberdruss vieler am <em>gro\u00dfen Buch<\/em> ist ja auch heute schon sp\u00fcrbar. Es ist so viel einfacher, ins Kino zu gehen, einen Film zu verspeisen (im Kunstfilmkino, zu inhalieren), als sich durch einen dickleibigen Schm\u00f6ker hindurchzuarbeiten, und wir haben ja auch alle so wenig Zeit. Das Lesen von Gedichten w\u00e4re vielleicht f\u00fcr viele ein Ausweg, w\u00e4ren <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iQkp6FG07gg\"><span style=\"color: #000080;\">Gedichte<\/span><\/a><\/span> nur nicht so \u203aschwierig\u2039 und w\u00fcrden sie nicht immer noch schwieriger werden von Saison zu Saison. Und Aphorismen? Eine leichte, eine schnelle Lekt\u00fcre? Bereichernd?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Z\u00fcndend<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0F\u00fcr das Lesen und Wirken-Lassen eines guten Aphorismus braucht es Zeit. Ein guter Aphorismus spricht einen Gedanken aus und z\u00fcndet im Leser zehn weitere. Man kann das umdrehen: Wirkt ein Aphorismus schnell und ohne Nach- und Nebenwirkungen, ist er nicht viel wert. Wenn man sich einige Jahre lang mit Aphorismen besch\u00e4ftigt hat, wird man nat\u00fcrlich auch hier \u2013 \u00e4hnlich wie beim Gedichtelesen \u2013 Vorlieben f\u00fcr bestimmte Stile und Autoren entwickeln. Gelegentlich wird der erfahrene Aphorismenleser die Augenbrauen hochziehen, das Buch zuklappen und \u2013 sich an die Pointe eines alten Witzes erinnernd \u2013 sagen: Mein Gott, lasst ihr euch leicht unterhalten!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Im Falle eines Falles<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Womit befasst sich der Aphorismus? Mit allem, <em>was der Fall ist <\/em>oder der Fall sein k\u00f6nnte. Manchmal sind Sammlungen von Aphorismen reizvoll, die sich auf spezielle Lebensfragen oder Spezialgebiete menschlicher T\u00e4tigkeit beziehen. <em>Zwischen den Zeichen<\/em> (1988) ist der Titel eines Sammelbands von <em>Aphorismen \u00fcber und aus Natur und Wissenschaft<\/em>. Der Herausgeber, Hans-J\u00fcrgen Quadbeck-Seeger, ist Chemiker und war lange Zeit das f\u00fcr Forschung zust\u00e4ndige Vorstandsmitglied der BASF. Drei Beispiele aus der Sammlung: <em>Das Elektron, der wahre Held des Jahrhunderts<\/em> (Arthur Eddington); <em>In den Naturwissenschaften ist die zappelnde Fliege oft der einzige Beweis f\u00fcr die Existenz eines Spinnennetzes <\/em>(Erwin Chargaff); <em>We haven\u2019t the <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PX_qAtwMDFk\"><span style=\"color: #000080;\">money<\/span><\/a><\/span>, so we\u2019ve got to think <\/em>(Sir Ernest Rutherford). Die Autoren der in dem Band gesammelten Aphorismen sind \u00fcberwiegend ber\u00fchmte Wissenschaftler aus der Antike bis zur Gegenwart. Albert Einstein zum Beispiel ist mit 33 Aphorismen vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Sammelb\u00e4nde<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/ecx.images-amazon.com\/images\/I\/31aKGfFForL._SL500_AA300_.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"210\" \/>In den letzten Jahren sind zwei wichtige, gehaltvolle Aphorismen-Sammelb\u00e4nde erschienen: <em>Aphorismen der Weltliteratur, <\/em>herausgegeben von Friedemann Spicker (Reclam, Stuttgart 2009) und <em>Neue deutsche Aphorismen<\/em>, herausgegeben von Tobias Gr\u00fcterich, Alexander Eilers und Eva Annebelle Blume (edition AZUR, Dresden 2010). \u2013 Der Reclam-Band enth\u00e4lt Aphorismen von 58 Autoren, beginnend mit Francesco Guicciardini (1483 \u2013 1540) und endend mit Botho Strau\u00df (geb.1944). Von den lebenden deutschsprachigen Autoren sind au\u00dfer Strau\u00df nur noch Elezar Benyoetz und Peter Handke vertreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Der Aphorismus lebt!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Aphoristik ist eine aussterbende Literaturgattung, <\/em>lautet eine weit verbreitete Meinung. Die Herausgeber der Dresdener Anthologie wollten herausfinden, ob sie zutrifft, und zwar speziell f\u00fcr den deutschen Sprachraum, aus dem \u2013 historisch gesehen \u2013 viele ber\u00fchmte Aphoristiker stammen. Das Buch widerlegt die vorgezogene Todesnachricht \u00fcberzeugend. Die Herausgeber haben aus 160 000 Aphorismen (exzerpiert aus B\u00fcchern, Literaturzeitschriften, Zeitungen und unver\u00f6ffentlichtem Material) die in ihren Augen besten 1308 Aphorismen ausgew\u00e4hlt, wobei \u2013 wie es im Nachwort hei\u00dft \u2013 <em>ausschlie\u00dflich die literarische Qualit\u00e4t \u2013<\/em> als Auswahlkriterium diente. F\u00fcr die deutschsprachige Aphoristik der letzten 25 Jahre liegt damit ein sorgf\u00e4ltig erarbeitetes Standardwerk vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0So oder so<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man in <span style=\"color: #000080;\"><span style=\"color: #000080;\">Aphorismus<\/span><\/span>b\u00fcchern liest, erkennt man nat\u00fcrlich die Unterschiede in Weltsicht und Sprache der verschiedenen Autoren, aber auch viele Gemeinsamkeiten, Merkmale der Zunft sozusagen, oder wie es Elias Canetti ausgedr\u00fcckt hat: <em>Die gro\u00dfen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie alle einander gut gekannt h\u00e4tten.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99196\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Maximilian-Zander-e1645447503171.jpeg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" \/>Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander ver\u00f6ffentlichte seit Mitte der 1990er-Jahre Gedichte und Aphorismen. Seine lakonischen (immer wieder auch metalyrischen) Gedichte, die u.\u00a0a. in Literaturzeitschriften wie <i>ndl<\/i>, <i>Muschelhaufen<\/i>, <i>Faltblatt<\/i> und Anthologien wie Axel Kutsch, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12833\"><i>Versnetze<\/i><\/a> (2005) oder Theo Breuer, <i>NordWestS\u00fcdOst<\/i> (2003) sowie in bislang vier Gedichtb\u00e4nden erschienen, setzen sich auf ironisch-distanzierte Art und Weise mit Alltag und Gesellschaft aus der Sicht eines welterfahrenen Menschen auseinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auf KUNO auch Maximilian Zanders <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6140\">Essay<\/a> \u00fcber Aphorismen. Sowie einen Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die einfachsten Dinge habe ich zuletzt lernen m\u00fcssen. Daher die Schwierigkeiten (Charles Olson). Die Kontinuit\u00e4t der Pers\u00f6nlichkeit wird gewahrt von den Anz\u00fcgen, die bei gutem Stoff zehn Jahre halten (Gottfried Benn). 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