{"id":61380,"date":"2020-08-25T00:01:00","date_gmt":"2020-08-24T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61380"},"modified":"2020-08-24T20:16:30","modified_gmt":"2020-08-24T18:16:30","slug":"tauge-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/25\/tauge-nichts\/","title":{"rendered":"Tauge\/Nichts"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitten  auf  dem  Markt  in  Leipzig ist ein Loch. Es ist so tief, dass der Taugenichts den Grund nicht erkennen kann. Ein unglaublich ungepflegter Bagger steht unmittelbar  daneben,  er  muss  wohl  einmal  gelb  gewesen  sein.  Ein  wenig  weiter  ein  nagelneuer  Tanklaster,  von  dem  aus  ein  schwarzes,  flexibles  Rohr  zum   Loch   hingelegt   worden   ist,   in   dem   es   verschwindet.  Der  Tanklaster  macht  einen  H\u00f6llenl\u00e4rm.  Ein ungepflegter, h\u00e4sslicher Bagger, der schweigt, ein hochglanzpolierter  Tanklaster,  dessen  Motor  br\u00fcllt.  Drumherum  eine  Baustellenabsperrung,  sehr  modern,  rotwei\u00dfe  Plaste  mit  fest  installierten  Lampen,  die   gelb   blinken. Ganz   fr\u00fch   am   Morgen.   Kein   Mensch  zu  sehen.  Das  Rohr  verschwindet  in  tiefer  Dunkelheit, buchst\u00e4blich. Ob hier etwas hinein- oder herausgepumpt  wird,  ist  aber  nicht  recht  klar.  Pl\u00f6tzlich  erstirbt  der  Motor  des  Tanklasters,  ein  paar  glucksende Ger\u00e4usche, dann Totenstille. Man k\u00f6nnte  eine  Haarnadel  fallen  h\u00f6ren.  Klar  ist  aber  noch  immer  nichts,  denn  entweder  ist  das  Loch  voll  und  der  Tank  leer,  oder  der  Tank  ist  voll  und  das  Loch  leer,  oder  aber  der  Tank  ist  leer,  das Loch aber bei  weitem  noch  nicht  voll,  oder  der  Tank  ist  voll,  das  Loch  aber  noch  nicht  leer.  Er  geht  zum  Tanklaster.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus dem Motorraum dringt eine wabernde Hitze, es riecht nach \u00d6l und Diesel und Schmierstoffen, nicht aber  nach  M\u00e4nnerschwei\u00df.  Oder  doch?  Er  hat  so  eine  Ahnung.  Er  sieht  sich  ganz  verzerrt  im  Chrom  des  Tanks.  Der  Laster  macht  was  her,  keine  Frage.  Lange   Motorhaube,   f\u00fcr   den   Highway   konzipiert. Eine  riesige  Schlafkabine.  Alles  dunkelblau  lackiert,  metallic. Alle Wetter, denkt er. Und Sternchen drauf. In  Gelb.  Wer  damit  keinen  Eindruck  schindet,  dem  ist nicht zu helfen. Die ersten Passanten tauchen auf und gehen quer \u00fcber den Markt. Schlecht angezogene  Leipziger  und  Pendler  aus  dem  Umland,  die  f\u00fcr  die besser angezogenen Leipziger flei\u00dfig die Drecksarbeit machen. Selbst die J\u00fcngeren sehen nicht wirklich  jung  aus.  Alle  tragen  Turnschuh  und  R\u00f6hrenjeans und diese Anoraks. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ganze Nacht ist der Taugenichts in Leipzig  herumgestiefelt,  der  Altstadt, alles tote Hose. Eine Bar irgendwo  mit  roter  Leuchte,  in  der  aber  nur  alte  M\u00e4nner. Eine \u00fcberfahrene Taube, ganz platt. Es gibt St\u00e4dte, da ist nachts mehr los. Dann aber der Bagger und  der  Tanklaster  und  das  schwarze  Loch.  Das  Abenteuer beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Tauge\/Nichts<\/strong>. Erz\u00e4hlender Essay von Norbert W. Schlinkert.  Mit einem Nachwort von Martin A. V\u00f6lker<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-646x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-61382\" width=\"162\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-646x1024.jpg 646w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-768x1217.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-970x1536.jpg 970w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-560x887.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-260x412.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts-160x253.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/TaugeNichts.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 162px) 100vw, 162px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/> &nbsp;<br \/> Um nichts in der Welt darf ein Taugenichts dort bleiben, wo ihn sein  Taugenichtssein ereilte, wo es ihm zugef\u00fcgt worden ist. So verl\u00e4sst er,  sich zu retten, die heimatlichen Gefilde und sucht sein Gl\u00fcck anderswo.  Doch der Schlinkertsche Taugenichts ist, im Gegensatz zu dem des Joseph  von Eichendorff, weder naiv noch leichtgl\u00e4ubig. Dennoch aber jagt ein  unglaubliches Abenteuer das andere, w\u00e4hrend er immer mehr in den Bann  der eigenen Gedanken ger\u00e4t. Er erinnert sich, an die Eltern, seine  Jugend in der Provinz, aber auch an das Entdecken all der Taugenichtse  in Romanen und Filmen, \u00fcber die er staunt und von denen er lernt, bis  ihm endlich luzide vor Augen tritt, welch eigene Haltung zur Welt er hat  entwickeln m\u00fcssen, um ganz und gar eines zu sein: Taugenichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten auf dem Markt in Leipzig ist ein Loch. Es ist so tief, dass der Taugenichts den Grund nicht erkennen kann. Ein unglaublich ungepflegter Bagger steht unmittelbar daneben, er muss wohl einmal gelb gewesen sein. 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