{"id":61236,"date":"2020-01-19T00:01:00","date_gmt":"2020-01-18T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=61236"},"modified":"2021-10-12T05:17:13","modified_gmt":"2021-10-12T03:17:13","slug":"die-lyrikerin-ines-hagemeyer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/","title":{"rendered":"Die Lyrikerin Ines Hagemeyer"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ines Hagemeyers ist in der Hauptsache Lyrikerin. Sie ver\u00f6ffentlichte im Dichtungsring nur selten andere Texte, etwa eine Rezension oder ein pers\u00f6nliches Statement zur Zukunft unserer Zeitschrift. Der Dichtungsring ist f\u00fcr sie eine wichtige Sache, sowohl die Autorengruppe als auch die Mitarbeit an der Zeitschrift. Das sind die etwa monatlichen Redaktionssitzungen, die Stunden dauern k\u00f6nnen, in denen viele organisatorische Dinge besprochen werden, aber auch literarische Diskussionen stattfinden \u00fcber eingesandte Texte und Themen unserer Ausgaben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist keine \u00dcbertreibung, wenn ich behaupte, dass sie unsere treueste Dichtungsringerin ist. Meines Wissens hat sie nie bei einer Veranstaltung des Dichtungsrings gefehlt (Pr\u00e4sentation neuer Ausgaben, Jubil\u00e4en, Lesungen mit Beteiligung von Dichtungsringern etc.). \u00dcber Literatur und ihre \u00e4sthetischen und gesellschaftlichen Funktionen diskutiert sie leidenschaftlich gern. Und das oft mit einigem Humor. In den Redaktionssitzungen und in pers\u00f6nlichen Angelegenheiten unserer Autorengruppe ist sie eine hervorragende Vermittlerin in sachlichen und pers\u00f6nlichen Auseinandersetzungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ines Hagemeyer, Sprachlehrerin und \u00dcbersetzerin \u2013 zuletzt am Goethe-Institut in Bonn-Bad Godesberg \u2013, stammt aus Montevideo in Uruguay; sie ist aber noch in Berlin geboren, kurz bevor ihre Eltern Deutschland verlie\u00dfen, um der lebensbedrohenden Verfolgung zu entgehen. So spricht und schreibt sie Spanisch wie die deutsche Muttersprache. Die s\u00fcdamerikanische Mentalit\u00e4t hat sichtbar abgef\u00e4rbt auf sie. Durch ihre Arbeit kam sie nach Spanien und Deutschland. Ihren westf\u00e4lischen Mann lernte sie in Montevideo kennen. Sie heiratete ihn, wurde in Bonn-Holzlar sesshaft und gr\u00fcndete mit ihm eine Familie. Und schloss sich dem Dichtungsring an.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Als eine Mehrheit der Dichtungsringer sich eine demokratische Verfassung geben wollte, kam es zur Gr\u00fcndung des Dichtungsring e. V. am 8.3.1992 in Bonn bei eje winter (d. i. Elke Trefz-Winter). Die Gr\u00fcndungsmitglieder waren: Ingo Kottmayr, Dieter Pougin, Elke Trefz-Winter, Ines Hagemeyer, Irmtraut Petersson, Barbara Dunkel (alias Barbara Musial), Ulrich Bergmann, Alfons Knauth, Gisela Zimmer, und Gerd Will\u00e9e als Versammlungsleiter.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ines ist seit vielen Jahren unsere Pressechefin, im Vorstand war sie 1992-94 (als Schatzmeisterin) und seit Januar 2015 ist sie erneut im dreik\u00f6pfigen Vorstand. Sie wird auch in ihrem neunten Lebensjahrzehnt, das sie nun beginnt, im Vorstand mitarbeiten.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie war auch dabei, als die Dichtungsringer im April 1993 die ostbelgische Literaturzeitschrift <em>Krautgarten<\/em> in St. Vith besuchten.\u00a0Und im Oktober 2006 kamen die ostbelgischen\u00a0 Freunde, Bruno Kartheuser, Leo Gillessen und Robert Schaus als Spitze des <em>Krautgartens<\/em> zum 25-j\u00e4hrigen Jubli\u00e4um des <em>Dichtungsrings\u00a0<\/em>nach Bonn. Mit Ines fuhr ich mehrmals zu Sommerfesten des <em>Krautgartens<\/em>, zuletzt ein Jahr vor dem bedauerlichen Ende des <em>Krautgartens\u00a0<\/em>im Jahre\u00a0 2017.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Gedichten Ines Hagemeyers geht es oft um Lebensr\u00fcckblick, Lebenssumme, Erinnerungen, Schmerz, \u00dcberwindung, Verdr\u00e4ngung, und alle diese schweren Dinge. Auch Selbstdeutung. Aber es steht in einem der Gedichte (<em>irreal<\/em>):<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">f\u00e4nd ich den Zauberweg\u2028dahin\u2028<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zu dem der ich mal war\u2028<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">trieb ich die Unrast aus\u2028<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wodurch ich eiligst wuchs<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">verworfen h\u00e4tt ich l\u00e4ngst den Alp<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der sich in mir vergrub\u00a0 \u00a0 \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">l\u00f6ste den Knoten\u00a0 \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der mich zum Schweigen zwang<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">und w\u00fcrde sprechen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das ganze Leben, nicht nur ein erlebter Teil, nicht nur die politische Vergangenheit und der Tod, der Meister aus Deutschland, ist das Thema &#8230; Flucht: \u201eaus der Wiege gesp\u00fclt | an einen wei\u00dfen Strand &#8230;\u201c und zweisprachige Kindheit: das famili\u00e4re Deutsch einerseits, Spanisch in Uruguay andererseits: \u201ebezweifelte Einwurzelung\u201c (<em>R\u00fcckblende<\/em>). So wird die Sprache die eigentliche Heimat, obwohl auch immer wieder ein \u201eAbsturz der Worte\u201c (<em>inh\u00e4rent<\/em>) droht \u2013 das Nichtbegreifenk\u00f6nnen des erfahrenen Grauens. Nichts aber w\u00e4re das Leben ohne das Suchen nach Worten und S\u00e4tzen, um die eigene Existenz und die Fremde zu begreifen, die uns umgibt, und die \u201eErsch\u00fctterung | die dich zwischen T\u00fcr &amp; Angel | kalt erwischt hat\u201c &#8230; \u201edie ererbte Asche | aus heiterem Himmel\u201c. Asche und Sand &#8230; sind nicht zu tragen ohne Hoffnung: \u201edie Last deiner V\u00e4ter | gebeugt zu tragen | brauchst du nicht mehr\u201c (<em>Vision II<\/em>). Aber qu\u00e4lend vertraut bleiben die \u201elangen Schatten der Mythen\u201c &#8211; und der eigene Tod am Ende des Lebens.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es liegt manchmal eine Melancholie in den Versen, deren Sch\u00f6nheit bedrohlich glei\u00dft und in die Augen brennt. Schmerzende Wahrheit: homo homini lupus. Und doch \u2013 die Kindheit war \u201enicht nur Schatten und Alb\u201c, es gab \u201ebunte Bl\u00e4tter\u201c und duftende Erde (Herbst). Und es gibt die Poesie der Sprache! Im \u201eLied f\u00fcr Gitarre\u201c hei\u00dft es: \u201ewas das Gedicht sagt | wenn es schweigt | h\u00fcllt sich in Stille | ohne zu verstummen\u201c. Also gibt es doch Hoffnung auf Sagbares und auf Verstehen, auf \u00dcbersetzung der Stille in Wissen und Antwort. In einem der sch\u00f6nsten Gedichte, \u201eLied f\u00fcr Madrid\u201c, scheint das Leben hart und starr und leblos, und doch gibt es<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in meinem Wald aus Stein<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">benetzte Utopie<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">weht sanft eine Brise<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">tr\u00e4gt meine Haut ein Lied<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es geht um die gro\u00dfen Fragen im Leben: wie kann ich \u00fcberhaupt etwas erkennen, warum lebe ich, was bedeuten meine Tr\u00e4ume, was bedeuten die Schatten in meinem Herzen, in meinem Gehirn, in meinem Denken, in meinem F\u00fchlen, in meiner Erinnerung &#8230;\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das Schreiben und die Literatur ist ein Thema in den Gedichten. Die Poesie ist ein Erkenntnismittel. Sie hilft, mit dem Leben konstruktiv fertig zu werden oder es wenigstens auszuhalten. Ja, manchmal erschaffen die Worte das Leben, oder sie machen es farbiger, wertvoller. Keine fragw\u00fcrdige Verdr\u00e4ngung ist gemeint, sondern Bewusstwerdung in der Sch\u00f6nheit von Form und Bild, also der Wahrheit, so gut sie der Schreibende und der Lesende zu verstehen vermag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch wichtiger als Schreiben und Lesen ist die t\u00e4tige Poesie der Liebe zwischen zwei Menschen. Sie kann, sie soll auch zur gro\u00dfen sozialen Liebe f\u00fcr alle werden. Politik als Poesie! (So sieht es der Philosoph Richard Rorty.) Mit der Liebe im Kleinen m\u00fcssen wir beginnen. Sie rettet uns als Einzelne, trotz aller Schwierigkeiten und allen Scheiterns.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sanft deutet das ein und andere Gedicht auf die M\u00f6glichkeit einer besseren Welt hin: \u201eGewehre kr\u00fcmmen sich &#8230; Ophelia steigt aus dem Wasser &#8230; &amp; f\u00e4llt mir in die Arme\u201c. Deswegen gilt:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">brich dein Schweigen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wirf ein Wort in den Ring<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">und bring dich in Stellung<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der eigene Tod? In einigen Gedichten taucht die N\u00e4he des Todes auf. Er kann nur \u00fcberdauert werden durch das Werk, durch das Geschriebene, durch die Verse, die Gedichte, die Gedanken, die Ideen &#8230; vielleicht auch durch die Liebe, die einem anderen gegeben wird, die nun weiter wirkt im anderen.\u00a0Oder &#8230; wenns zu weit kommt, so hei\u00dft es augenzwinkernd<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&amp; meditierend<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wird der Tag kommen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">an dem hinter dem Wort<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4rme &amp; Brise<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mich heimlich davontragen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&amp; wenns zu weit kommt<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">werd ich das Schweigen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcbersetzen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Gedichte k\u00f6nnen in einem Atemzug genannt werden mit der Poesie von Nelly Sachs.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles gelingt so gro\u00dfartig in den Bildern, in der Sprache, in den Gedanken!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-61238\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Hagemeyer_Cover-672x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dichtungsring, eine Sondernummer f\u00fcr Ines Hagemeyer, Bonn, 2018<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Mit dem Geburtsort wird auch die Muttersprache als Ursprung und Wiege des Ich gesucht, aber nur als eine ihm fremde gefunden. Letztendlich wird die gemeinsame Fremdheit von Fremd- und Muttersprache zu einer ausgewogenen \u2013 indes labilen \u2013 Vertrautheit. So wie das <em>Findel<\/em> in dem gleichnamigen Gedicht, ohne festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu haben, \u201edas Gleichgewicht zwischen den Lauten\u201c sucht. Anders gesagt: Das Leben wiegt schwer \u2013 die Dichtung wiegt es leicht. Im Sprachenmeer.&#8220;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-right\" style=\"text-align: right;\">Alfons Knauth<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk<\/em> sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25201\">dokumentierte<\/a> den Grenzverkehr im Dreil\u00e4ndereck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Bruno Kartheuser finden Sie <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kartheuser.htm\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ines Hagemeyers ist in der Hauptsache Lyrikerin. Sie ver\u00f6ffentlichte im Dichtungsring nur selten andere Texte, etwa eine Rezension oder ein pers\u00f6nliches Statement zur Zukunft unserer Zeitschrift. 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