{"id":60293,"date":"2021-02-26T00:01:00","date_gmt":"2021-02-25T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60293"},"modified":"2022-02-21T13:58:30","modified_gmt":"2022-02-21T12:58:30","slug":"spuren-der-sprache-erspueren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/26\/spuren-der-sprache-erspueren\/","title":{"rendered":"spuren der sprache ersp\u00fcren"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der alle Erz\u00e4hler gesch\u00f6pft haben.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der titel des buches, in dem der nachla\u00df anklingt, der f\u00fcr viele autoren und k\u00fcnstler in einer einseitig gegenwartsbezogenen und gegen\u00fcber nachl\u00e4ssen nachl\u00e4ssig gewordenen gesellschaft immer schwieriger wird, und dessen cover, eine originalgrafik des k\u00fcnstlers <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/2016\/02\/04\/kuenstlerbuecher\/\">haimo hieronymus<\/a>, eine knochenhand zeigt, ist nat\u00fcrlich ironisch. weigoni nutzt hier, wie auch in anderen b\u00fcchern, einen paradoxen rheinischen humor, der mit verfremdenden, irritierenden, parodistischen und persiflierenden bezeichnungen zum nachdenken herausfordert. es gibt indes tats\u00e4chlich b\u00fccherschreiber, die literarisches leben und literatur verwechseln und die wirkungen beim publikum der literarischen qualit\u00e4t und tiefe vorziehen, denen das schreiben vor allem als mittel zu profanen zwecken dient und die dann h\u00e4ufig eher literaturgewerbe fabrizieren, und wirkliche schriftsteller. weigoni geh\u00f6rt zu letzteren. ihm ist zun\u00e4chst der text und dessen stoff oder gegenstand und die literarische gestaltung wichtig, und die wirkung folgt daraus. schlie\u00dflich wei\u00df er, da\u00df die dominanz von verwertungen und verwertungsabsichten zur verflachung und vergr\u00f6berung f\u00fchren kann. der laienleser sieht fast immer nur die wirkungen der literatur, vor allem bei sich selbst, w\u00e4hrend der literaturkenner, mit kreativen momenten und prozessen vertraut, ihr entstehen mitdenkt. und genau genommen wird literatur, die, um sich zu entfalten, gerade w\u00e4hrend ihrer entstehung unabh\u00e4ngig sein sollte von au\u00dferliterarischen faktoren, mi\u00dfbraucht, wenn man sie von vornherein auf blo\u00dfe gebrauchszwecke ausrichtet. einseitig zweckhafte kunst und literatur wurde banausisch genannt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor l\u00e4\u00dft sein buch, eine sammlung essayistischer schriften \u00fcber literatur, kunst, h\u00f6rspiel, medienp\u00e4dagogik, musik und fu\u00dfball, mit dem moment beginnen, an dem er den ersten satz seines lebens schrieb: \u00bb\u201eHeiner ist weg.\u201f Mir war es v\u00f6llig r\u00e4tselhaft, um wen es sich bei diesem Heiner handelt und wohin er verschwunden ist. M\u00f6glicherweise liegt darin der Sinn der Poesie, zu beschw\u00f6ren, was abhanden gekommen ist oder was wir erforschen wollen. Der Versuch gegen das Verschwinden anzuerz\u00e4hlen w\u00e4re \u2012 so besehen \u2012 eine Art Wiederaneignung der Welt. Poesie entdeckt Daseinsformen ausserhalb der Wirklichkeit und wird damit zu einem Echo der Realit\u00e4t, das unsere Seele erklingen l\u00e4sst.\u00ab der genannte erste satz war zwar, indem er durch die irritationen, die er ausl\u00f6ste, von der eigentlichen aufgabe, dem korrekten schreiben, ablenken konnte, vielleicht nicht gerade p\u00e4dagogisch naheliegend. aber er lie\u00df erahnen, da\u00df man auch \u00fcber das unbekannte und nicht sichtbare und sogar das nicht reale und nur vorgestellte sowie das verschwundene und verlorene schreiben k\u00f6nne. und was w\u00fcrde mehr zur phantasie anregen? \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ich erinnere mich an eine \u00e4hnliche, und filmisch wirkende, szene meiner kindheit, wo ich auf einer dorfstra\u00dfe im ersten schulhalbjahr, denn danach verlie\u00df ich das dorf, mit meinem schulranzen auf dem r\u00fccken, wahrscheinlich aus der schule oder vom hort kommend, an einem rinderstall vorbei gehe, den ich sicher auch gerochen hab, ein schulbuch in der hand halte, mit dem wir die ersten worte und s\u00e4tze lesen und schreiben lernten, darin lese und mir schlagartig bewu\u00dft wird, da\u00df man lesen darf, ohne daf\u00fcr jemanden um erlaubnis bitten zu m\u00fcssen, also die autonomie von sprache und denken begriff. einsamkeit kann derart zu einem refugium gegen feindliche au\u00dfenwelten werden. ein kind, das in seinen interessen nicht wahrgenommen und verstanden wird, mu\u00df wie ein sch\u00f6pfergott agieren, der sich seine eigene welt allein schafft, mit der er dann spielt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der autor schreibt zu \u00bbVorlass\u00ab: \u00bbIch analysiere in meinem letzten Buch, wie sich Zeit und Identit\u00e4t im Lesen und Wiederlesen spiegeln, Fakten die Fiktion beeinflussen, wie das Gelesene und Gesehene von den Umst\u00e4nden abh\u00e4ngt, unter denen es geschrieben wurde.\u00ab mit \u00bbEs gibt nur zwei Dinge: die Leere und das gezeichnete Ich\u00ab zitiert er gottfried benn, der sein gezeichnetsein ins dichterische werk aufnahm und seinerseits friedrich nietzsche mit der erkenntnis aufrief, da\u00df \u00bbdie Kunst die letzte metaphysische T\u00e4tigkeit innerhalb des europ\u00e4ischen Nihilismus\u00ab sei.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">matthias hagedorn schrieb: \u00bbUnverwechselbarkeit, Pers\u00f6nlichkeit, eine bewegliche Freiheit des Geistes, die Liebe zur offenen Form, der \u00fcberraschende Blickwinkel, die Neigung zum Vorl\u00e4ufigen, aber auch Pointierten, eine gewisse unternehmungslustige Heiterkeit umrei\u00dfen \u00a0positiv das essayistische Temperament, wie es sich skeptisch, auch kritisch zum Systemischen, Scholastischen, Dogmatischen verh\u00e4lt. Philosophie als strenge Wissenschaft ist dem Essayisten ein Gel\u00e4chter, eine Attit\u00fcde des Wahrheitsbesitzes, \u00fcberhaupt alles Fixierte, Gebundene ist verp\u00f6nt; Zweifel ist ihm die prim\u00e4re Tugend intellektueller Redlichkeit, Langeweile die S\u00fcnde wider den Geist.\u00ab dies beschreibt genau meine essayistischen intentionen. der rezensionsessay ist sozusagen das regietheater der buchbesprechung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">a.j. weigoni sp\u00fcrt dem wesen der poesie, und der literatur insgesamt, nach. die metaphorik der lyrik kann, zumal intuitiv und durch assoziationen, bildhaft konkret benennen, was das abstrakte und theoretische denken oft blo\u00df begrifflich oder gar nicht fa\u00dft. in \u00bbVerweisungszeichen zur Poesie\u00ab schreibt er: \u00bbPoesie bef\u00e4higt nicht nur, dem Terror der Gegenwart zu entkommen, sie ist in der Lage, den Kopf als R\u00fcckzugsraum zu sch\u00fctzen.\u00ab und \u00bbDie Welt kommt zur Poesie. Und nicht umgekehrt.\u00ab, so sollte es sein, und stellt allerdings fest: \u00bbPoesie <em>dient<\/em> nicht der Gesellschaft, sondern nurmehr Kennern.\u00ab das schreiben von gedichten gleicht der anrufung von g\u00f6ttern, die nur selten antwort geben. meist mu\u00df der vorgestellte leser gen\u00fcgen. dies ist auch die folge einer kluft zwischen postmodern gepr\u00e4gten leserschaften und autoren, die wirklich modern schreiben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn ich sage, ein schriftsteller oder k\u00fcnstler w\u00e4re modern, so meine ich unver\u00e4ndert, er sei seiner zeit voraus und entgegne dieser etwas, also den aufbruch ins unbekannte, unerwartete, au\u00dfergew\u00f6hnliche, der auch r\u00fcckgriffe auf \u00e4lteres und die bewahrung von vergangenem einbeziehen kann. das nachahmen von zeitgeistmoden, das wir vielfach finden, ist gerade nicht modern. im allgemeinen sprachgebrauch meint modern heute jedoch eher zeitgeistgem\u00e4\u00df, systemkonform und verwertbar. der abstand zwischen moderne und mode wurde seit den aufbr\u00fcchen der klassischen moderne, also innerhalb von hundert jahren, deutlich geringer. wenn die begriffe modern und mode immer mehr verschmelzen, so weist das auf stagnative tendenzen hin. oft vermodert das moderne in der mode, die stets bald veraltet. das lateinische modus = ma\u00df(stab), ziel, regel, vorschrift, art und weise, zeitma\u00df, takt, melodie, wovon modern und mode abgeleitet wurden, erlaubt indes beides, das eigene ma\u00df und die vorwegnahme wie das fremde ma\u00df und die nachahmung, mischformen inbegriffen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die erwartungen, etwa bei sch\u00fclern, gedichten gegen\u00fcber sind unver\u00e4ndert eher von der lyrik des 17. bis 19. jahrhunderts, vor allem der barocklyrik, klassik und romantik, gepr\u00e4gt, obwohl moderne gedichte, inhaltlich und stilistisch, erfahrungen heutiger junger menschen eigentlich viel n\u00e4her sein m\u00fc\u00dften. vermutlich lassen die begriffsorientierten methoden, mit denen der literaturunterricht moderne lyrik \u00fcberwiegend vermittelt, das mehrdeutige, offene, intuitive, spielerische, improvisierte und experimentelle darin nicht hinreichend sinnlich und konkret erleben und erkennen. und wahrscheinlich sind die modernen dichter des 20. jahrhunderts im bewu\u00dftsein heutiger menschen noch kaum angekommen, das hei\u00dft selbst unserer zeit weiterhin voraus. es dauert h\u00e4ufig jahrhunderte, ehe mehrheiten ann\u00e4hernd nachvollziehen k\u00f6nnen, was die literarische avantgarde entwickelt hat. wir sollten ohnehin st\u00e4rker der literatur selbst vertrauen und weniger literaturtheoretikern oder gar literaturvermarktern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wer kreativ sein will, mu\u00df konventionen und normen, die beengen, ignorieren, ja gegen sie versto\u00dfen. die mehrheit aber orientiert sich immer an konventionellem, das ihre vorstellungen pr\u00e4gt. menschen haben, auch genetisch bedingt, ein bed\u00fcrfnis nach dem opportunen und konformen, das stets allein einzelpersonen und minderheiten \u00fcbersteigen oder unterwandern. die meisten verstehen moderne literatur nicht, da ihre erwartungshaltung harmonisierungen und verkl\u00e4rungen bevorzugt, gegen die fast alle dichter der klassischen moderne, von deren aufbr\u00fcchen origin\u00e4re autoren bis heute profitieren, angeschrieben haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hugo friedrich nannte die moderne lyrik, die zwischen der mitte des 19. jahrhunderts und mitte des 20. jahrhunderts entstand, \u00fcberwiegend dunkel, hermetisch, vieldeutig, entgliedernd, fragmentarisch, paradox, absurd, ambivalent und dissonant. sie bilde nicht die wirklichkeit ab, sondern forme sie um und schaffe gegenwelten. die innere logik werde gegen die \u00e4u\u00dfere gesetzt. das unbekannte sprenge das bekannte auf. friedrich erkannte: \u00bbSeit RIMBAUD und MALLARM\u00c9 ist der m\u00f6gliche Adressat des Dichtens die unbestimmte Zukunft.\u00ab, und fragte: \u00bbSind uns alle diese Dichter so weit voraus, da\u00df noch kein gem\u00e4\u00dfer Begriff sie einholen kann und das Erkennen sich darum an jene negativen Begriffe halten mu\u00df, um einen Notbehelf zu haben?\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der surrealismus, der die gegens\u00e4tze und grenzen zwischen wirklichkeiten und traumwelten aufzuheben versuchte, war einer der konsequentesten vorst\u00f6\u00dfe moderner literatur und kunst. der dadaismus stie\u00df zuvor durch seine unbequeme urspr\u00fcnglichkeit und den versto\u00df gegen alle \u00fcberkommenen normen und regeln, und zwar k\u00fcnstlerischer und literarischer wie gesellschaftlicher art, die tore auf f\u00fcr neue kunstliteraturundauftrittsformen, indem er deren hexenk\u00fcche, also elfenh\u00f6hle, wurde. hugo ball schrieb: \u00bbDie Ironien hatten die Luft gereinigt.\u00ab, und das publikum so frei gemacht in kopf und seele. elias canetti meinte gar: \u00bbAlle K\u00fcnstler sind die Kannibalen ihrer Ahnen.\u00ab freilich waren dadaismus und surrealismus mehr aufbruch als vollendung, eben avantgarde. heute nehmen fast nur noch eingeweihte den kulturbruch, der, insbesondere nach dem ende des ersten weltkriegs und untergang der b\u00fcrgerlich feudalen kaiserreiche, mit dem beginn der moderne des 20. jahrhunderts verbunden war, in seiner anti-autorit\u00e4ren und anti-b\u00fcrgerlichen radikalit\u00e4t wahr. wann gibt es wieder solche anf\u00e4nge und aufbr\u00fcche?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">roland barthes bemerkte: \u00bbUm bekannt zu werden, m\u00fcssen die K\u00fcnstler durch ein kleines mythologisches Fegefeuer hindurch: Man mu\u00df sie automatisch mit einem Objekt, einer Schule, einer Mode oder einer Epoche in Zusammenhang bringen k\u00f6nnen, deren Vorreiter, Begr\u00fcnder, Zeugen oder Symbole sie dann angeblich sind; mit einem Wort: Man mu\u00df sie mit geringem Aufwand einordnen, einem Oberbegriff zuordnen k\u00f6nnen wie eine Spezies ihrer Gattung.\u00ab k\u00fcnstler, und ebenso schriftsteller, werden so klassifiziert wie seltene k\u00e4fer, die ernst j\u00fcnger w\u00e4hrend der gefechtspausen in den sch\u00fctzengr\u00e4ben des ersten weltkriegs suchte, fand und in seinen uniformtaschen aufbewahrte, wo sie, wenn er gefallen w\u00e4re, wom\u00f6glich seine grabbeigaben gewesen w\u00e4ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der literaturkunstundmedienanalytikerutopistundp\u00e4dagoge weigoni kritisiert den b\u00fcrgerlichen literaturbetrieb, den er skeptisch, also realistisch, sieht, seit jahren: \u00bbAuf die Anforderungen der modernen Medien reagiere ich als experimenteller Analytiker und analytischer Experimentierer.\u00ab, \u00bbEin Schriftsteller sollte vollst\u00e4ndig hinter seinem Werk verschwinden, doch dazu geh\u00f6rt Demut.\u00ab, die einen autoren wollen sich wichtig vorkommen, und die andern schreiben, \u00bbWas als k\u00fcnstlerische Vision universale Gestaltungskraft gewinnt, kann an den Forderungen des Tages leicht zerschellen.\u00ab, \u00bbDie grossen Werke sind Klopfzeichen aus den Nischen derer, die im geltenden Diskurs keine Stimme haben.\u00ab, \u00bbDie Marktpraxis zeigt, dass k\u00fcnstlerische Analphabeten h\u00e4ufig erfolgreicher sind als die Gebildeten.\u00ab franz kafka schrieb: \u00bbSelbstvergessenheit\u00ab sei \u00bbdie erste Voraussetzung des Schriftstellertums.\u00ab. bei friedrich d\u00fcrrenmatt sagt der literaturnobelpreistr\u00e4ger schwitter: \u00bbEin Schriftsteller, den unsere heutige Gesellschaft an den Busen dr\u00fcckt, ist f\u00fcr alle Zeiten korrumpiert.\u00ab ein hauptvorwurf unter kreativen menschen ist es, da\u00df jemand normal sei. h\u00e4ufig macht aber auch erfolg normal. an anderer stelle hei\u00dfts bei d\u00fcrrenmatt: \u00bbEin Narr, wer sich noch einbildet, f\u00fcr die Zukunft zu malen, zu komponieren, zu schreiben. Die Quelle, woraus die Zukunft flie\u00dft, sich in der Gegenwart staut und in der Vergangenheit versickert, versiegt.\u00ab m\u00f6glicherweise wird man sp\u00e4ter einmal sagen, die heutigen schriftsteller h\u00e4tten die strukturelle entwertung der literatur mitgestaltet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs gibt im deutschen Sprachraum zu Beginn des 21. Jahrhunderts keine 1000 Menschen, die Gedichte richtig lesen k\u00f6nnen, kaum 500, die imstande w\u00e4ren, Walter Benjamin so zu lesen, wie er eigentlich gelesen werden m\u00fcsste.\u00ab \u00bbArno Schmidt hat behauptet, er w\u00e4re mit 100 Lesern zufrieden, damit paraphrasierte er James Joyce, dem zw\u00f6lf Leser reichten. Poeten sollte es gen\u00fcgen, wenn sie ein Du als Gegen\u00fcber haben, einen Zu-H\u00f6rer.\u00ab g\u00fcnter eich hatte geschrieben: \u00bbZuversicht\u00ab: \u00bbIn Saloniki \/ wei\u00df ich einen, der mich liest \/ Und in Bad Nauheim. \/ Das sind schon zwei.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">weigoni nennt gr\u00fcnde f\u00fcr alldas. \u00bbKunst wird danach beurteilt, wie viel Zahlungsbereitschaft sie organisieren kann, Literatur daran bemessen, wie viel massenmediales Echo sie so erwirken kann, dass sie sich rechnet.\u00ab, \u00bbLiteratur wird immer noch als Dekoration empfunden, die man sich leistet, wenn man alles andere hat.\u00ab, \u00bbDer mentale Kapitalismus bezeichnet das knappe Gut nicht in der Information, sondern in der geleisteten Aufmerksamkeit. Wertsch\u00f6pfung entsteht dadurch, dass die hypermodernen Menschen ihre Beachtung hergeben. Weil Selbstwertsch\u00e4tzung in so eminentem Mass von der Wertsch\u00e4tzung abh\u00e4ngt, die <em>eingenommen <\/em>wird, verschwimmen die Begriffe Egoismus und Altruismus.\u00ab die \u00f6konomie der beachtung oder nichtbeachtung, die oftmals mit kr\u00e4nkungen verbunden ist, erg\u00e4nzt so die \u00f6konomie das geldes. den meisten erfolg hat, wer den opportunismus der mehrheit bedient.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">k\u00fcnstlerische autoren sind gegen\u00fcber gebrauchsautoren, zumal in vulg\u00e4rmaterialistisch verpr\u00e4gten oberfl\u00e4chenkulturen, immer in der minderheit. und der kulturbetrieb neigt dazu, nicht menschen, begabungen, k\u00fcnstler, dichter zu f\u00f6rdern, sondern etiketten. kultur will sich, st\u00e4rker kollektiv ausgerichtet, innerhalb einer zeit behaupten, das hei\u00dft darin meist traditionen und br\u00e4uche bewahren, moden, trends, standarts und klischees etablieren sowie vorhandene und vorgefertigte erwartungen erf\u00fcllen, w\u00e4hrend kunst, individuellen intentionen folgend, eher bestehendes infrage stellt, alternativen zum herk\u00f6mmlichen schafft und zeitlos wirkt. maurice merleau-ponty unterschied zwischen konventioneller und sch\u00f6pferischer kunst: \u00bbMan kann angenehme Gegenst\u00e4nde fabrizieren, die das Herz erfreuen, indem man schon fertige Ideen anders zusammenstellt und schon gesehene Formen pr\u00e4sentiert. Diese sekund\u00e4re Malerei oder Rede ist das, was man allgemein unter Kultur versteht. Der K\u00fcnstler im Sinne Balzacs oder C\u00e9zannes begn\u00fcgt sich aber nicht mit der Rolle des kultivierten Tieres, er ergreift die Kultur in ihrem Anfang und begr\u00fcndet sie neu, er spricht, wie der erste Mensch gesprochen hat, und malt, als h\u00e4tte man noch nie gemalt.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">manche kulturangestellte scheinen k\u00fcnstlerverb\u00e4nde f\u00fcr trachtenvereine zu halten. laienbewegungen sind in kirchen gut, weniger in den k\u00fcnsten. literatur verlangt f\u00fcr ein tiefergehendes verst\u00e4ndnis literarische bildung, die teils erschreckend fehlt. und die weniger gebildeten hassen und verachten dann die gebildeten, von denen sie sich entwertet und bedroht f\u00fchlen. k\u00fcnstlerische und literarische moden \u00e4hneln indes tats\u00e4chlich kleidermoden und werden, als konventionen, denen man marktgerecht folgen soll, ganz \u00e4hnlich produziert und inszeniert. so entsteht unter anderem eine zeitgeistkonforme und kleingeistige gebrauchs-literatur, die manchmal mehr an design und marketing erinnert. auch der \u00fcberm\u00e4\u00dfige drang nach einklang und geltung kann kreative und geistige potentiale ruinieren. ebenso sollten wir uns von geschm\u00e4cklerischen vorstellungen fernhalten. cremiges schokoladeneis ist keine literatur.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">gute literatur sollte immer auch gegenwelt sein, und nicht blo\u00df abbild oder nachahmung. konfektionsliteratur, also b\u00fccher von der stange, literarische serienbekleidung, d\u00fcrften bald computer herstellen. daf\u00fcr braucht man dann keine menschlichen autoren mehr. durch die entwicklungen der medienundkommunikationstechnologien werden die k\u00fcnste, die literarischen inbegriffen, wieder einmal, man denke an die anf\u00e4nge von fotografie und film, die malerei und theater nicht beseitigt, sondern ver\u00e4ndert haben, von au\u00dferliterarischen zwecken befreit und k\u00f6nnen sich, paradoxerweise, umso mehr auf ihr eigentliches, das kreative spiel, konzentrieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich l\u00e4\u00dft sich seit l\u00e4ngerem eine verjournalisierung der literatur beobachten. es gibt origin\u00e4re grenzg\u00e4nger zwischen literatur und journalismus. man denke an heinrich heine, ludwig b\u00f6rne, theodor fontane, karl kraus, arthur schnitzler, alfred kerr, alfred polgar oder kurt tucholsky, \u00fcberwiegend polemische naturen. journalismus an sich ist aber keine literatur, selbst wenn er sprachliche qualit\u00e4ten hat. und es besteht die gefahr, da\u00df ein journalistisch gepr\u00e4gtes schreiben zu einer einseitig wirkungs\u00e4sthetisch, handwerklich und kommerziell orientierten literatur f\u00fchrt. vielleicht d\u00fcrfen schriftsteller, wenn sie \u00f6ffentlich wirken wollen, dies gar nicht direkt anstreben, damit es gelingt. denn alles gute wirkt von allein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der moderne mensch sieht sich derart von erscheinungen und wirkungen umgeben, da\u00df er wesen und ursachen von verh\u00e4ltnissen und zust\u00e4nden kaum mehr zu erkennen vermag. \u00bbDie Medien haben sich selbst an die Stelle der \u00e4lteren Welt gesetzt. Auch wenn wir den Wunsch h\u00e4tten, diese \u00e4ltere Welt wiederzuentdecken, k\u00f6nnten wir das nur durch intensives Studium der Methoden erreichen, mittels derer die Medien sie verschlungen haben.\u00ab das klingt, als obs vom medienbeschleunigungsundentwirklichungsanalytikerundkritiker paul virilio w\u00e4re, ist aber vom medienvision\u00e4r marshall mcluhan, dessen empfehlung hilfreich sein kann, dem hier jedoch auch widersprochen werden mu\u00df. man findet durchaus noch zug\u00e4nge zu \u00e4lteren kulturschichten, etwa durch das studium der \u00fcberlieferungen der v\u00f6lker, die nicht von medien verstellt sein m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die gedanken von weigoni, der, \u00fcber literatur und kunst hinaus, und damit verbunden, auch gesellschaftliche entwicklungen insgesamt im blick hat, haben oft aphoristische sch\u00e4rfe. \u00bbWer auf M\u00fcllkippen nach Nahrung sucht, dem helfen keine Internetdiskurse.\u00ab wenn permanent \u00fcber probleme und konflikte diskutiert wird, ohne da\u00df sie gel\u00f6st werden, entsteht der eindruck, die diskussionen sollen die l\u00f6sungen ersetzen. man hat halt, mal wieder, dar\u00fcber geredet. teilweise sind kabarettundsatiresendungen inzwischen die besseren nachrichten. die aufkl\u00e4rung ist in die komik abgewandert. aus filmen von woody allen kannte man symbiosen aus beidem schon l\u00e4nger. das reflexive, skeptische, paradoxe und ironische denken seiner figuren wirkt sehr europ\u00e4isch aufgekl\u00e4rt, fast k\u00f6nnte man sagen lichtenbergisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb<em>In dem Ma\u00dfe, in dem sich das Grauen verst\u00e4rkt, verst\u00e4rkt sich auch das Lachen<\/em>.\u00ab, hei\u00dfts bei hugo ball. weigoni konstatiert: \u00bbIm Gel\u00e4chter &#8230; das eine Besonderheit der <em>Hypermoderne<\/em> zu sein scheint, die vielfach nur in komischem Gewande ernst zu sein vermag.\u00ab zuletzt wird selbst das g\u00f6ttliche, heilige, sakrale durch ironie, also die verweltlichung des religi\u00f6sen, bewahrt. doch das gabs ebenfalls bereits im altertum, wenn man an die satiren von aristophanes bis lukian denkt. theodor w. adorno schrieb: \u00bbNichts an theologischem Gehalt wird unverwandelt fortbestehen; ein jeglicher wird der Probe sich stellen m\u00fcssen, ins S\u00e4kulare, Profane einzuwandern.\u00ab und hershom scholem, in einem widmungsgedicht zu walter benjamins \u00bbEinbahnstra\u00dfe\u00ab: \u00bbIn alten Zeiten f\u00fchrten alle Bahnen \/ zu Gott und seinem Namen, irgendwie. \/ Wir sind nicht fromm. Wir bleiben im Profanen \/ und wo einst Gott stand, steht: Melancholie.\u00ab \u00bbEs rauben immer dem Griechen \/ Ph\u00f6niker und R\u00f6mer den K\u00f6rper.\u00ab, meinte albert ehrenstein. zu welchem ende oder anfang f\u00fchrt die hypermoderne?<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vorlass<\/strong>, Gebrauchsprosa von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2019.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_60290\" style=\"width: 176px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-60290\" class=\"wp-image-60290\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-664x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-664x1024.jpg 664w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-560x863.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-260x401.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover-160x247.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/VorlassCover.jpg 722w\" sizes=\"auto, (max-width: 166px) 100vw, 166px\" \/><p id=\"caption-attachment-60290\" class=\"wp-caption-text\">Cover: Original-Schablonendruck von Haimo Hieronymus<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einem <em>Schuber<\/em> aus schwarzer Kofferhartpappe erh\u00e4ltlich, es ist ein Akt der Werkoffenbarung. Darin enthalten sind die Novelle <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12899\"><em>Vignetten<\/em><\/a>, die Erz\u00e4hlungen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\">Zombies<\/a>, der Novellen-Band <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34359\"><em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em><\/a><em>.\u00a0<\/em>Der erste Roman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\"><em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em><\/a> und der \u201eHeimatroman\u201c <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/18\/seismograph-des-uebergangs-2\/\"><em>Lokalhelden<\/em><\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nur in diesem Schuber enthalten sind das H\u00f6rbuch <em>630, <\/em>sowie Weigonis Gebrauchsprosa <em>Vorlass, <\/em>in dem biographische, werkgenetische und poetologische Fragen beantwortet werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der alle Erz\u00e4hler gesch\u00f6pft haben. Walter Benjamin der titel des buches, in dem der nachla\u00df anklingt, der f\u00fcr viele autoren und k\u00fcnstler in einer einseitig gegenwartsbezogenen und gegen\u00fcber nachl\u00e4ssen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/26\/spuren-der-sprache-erspueren\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98415,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,44,94],"class_list":["post-60293","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-haimo-hieronymus","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60293"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60293\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99207,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60293\/revisions\/99207"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98415"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}