{"id":60259,"date":"2020-10-26T00:01:45","date_gmt":"2020-10-25T23:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60259"},"modified":"2021-12-22T04:58:23","modified_gmt":"2021-12-22T03:58:23","slug":"kleine-dinge-mit-seelen-oder-im-originellen-wohnt-auch-sonderbares","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/26\/kleine-dinge-mit-seelen-oder-im-originellen-wohnt-auch-sonderbares\/","title":{"rendered":"kleine dinge mit seelen oder: im originellen wohnt auch sonderbares"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der erz\u00e4hlband von joanna lisiak aus der schweiz enth\u00e4lt auf 356 seiten 263 texte, wenn ich richtig gez\u00e4hlt habe, zwischen 2 zeilen, titel mitgerechnet, und 5 seiten l\u00e4nge, \u00fcberwiegend komische, ironische, satirische, paradoxe, absurde, groteske, heitere und humorvolle prosaminiaturen, bis hin zu sprachspiel und nonsens. die schweizer literatur hat eine tendenz zum sonderbaren und skurrilen, wenn man an jeremias gotthelf, johann peter hebel, robert walser, friedrich d\u00fcrrenmatt, max frisch, sergius golowin, adolf muschg oder urs widmer denkt. in gebirgst\u00e4lern konnten sich originale und eigenheiten \u00fcber jahrhunderte hinweg besonders gut ausbilden und erhalten. oder gibts im gebirge die besseren zauberkr\u00e4uter? vielleicht ist das phantastisch komische und komisch phantastische aber auch ein gegenimpuls zur betonten, und dabei teils bieder anmutenden, b\u00fcrgerlichkeit, die inzwischen politisch weit nach rechts ger\u00fcckt ist. dabei hatte walter benjamin noch vermerkt:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Schweiz hat wohl am l\u00e4ngsten in ihren oberen Schichten Z\u00fcge eines vorimperialistischen B\u00fcrgertums festgehalten.<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">an einigen stellen findet der leser schweizerische worte, wie etwa \u00bbvorg\u00e4ngig\u00ab, also vorausgehend, \u00bbpressant\u00ab und \u00bbAutomobilistin\u00ab. pressant bedeutet \u00fcberst\u00fcrzt, eilig, franz\u00f6sisch dringend, dringlich, nach lateinisch press\u0101re = dr\u00fccken, pressen. heinrich heine verwendete das wort \u00bbpressiert\u00ab = bedr\u00fcckt, bedr\u00e4ngt. um 1900 sprach man auch deutsch von automobilisten, ehe das wort in deutschland veraltete. franz\u00f6sisch benutzt man automobiliste = autofahrer(in) ebenfalls bis heute.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">selbstfahrende autos w\u00e4ren, wie immer man dar\u00fcber denkt, die vollst\u00e4ndige \u00fcbersetzung des worts auto in die realit\u00e4t. den deutschen scheint das fahren derart wichtig, da\u00df sie mehrere damit verbundene worte, die sie aus andern sprachen \u00fcbernahmen, wieder verdeutschten. der passagier, altfranz\u00f6sisch f\u00e4hrmann, schiffer, wurde zum fahrgast, billett zu fahrschein. fahrrad, bahnsteig und schaffner verdr\u00e4ngten veloziped, das hei\u00dft schnellfu\u00df, perron und konduktor. und selbst fahrstuhl ist gebr\u00e4uchlicher als lift.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das bild \u00bbMagma\u00ab von mariola lisiak auf vorderundr\u00fcckseite des buches zeigt strukturen und zust\u00e4nde des feuers. schlie\u00dflich kommt kreativit\u00e4t aus dem magmatischen inneren der seele. joanna lisiak betont das intuitive des gedankenflusses: \u00bbDie Erkenntnis, einen Gedankenfluss \u00fcberhaupt zu haben und zu erleben, macht den Gedankenfluss zunichte.\u00ab in \u00bbFragen\u00ab hei\u00dft es: \u00bbWenn Fragen denken k\u00f6nnten, w\u00fcrden sie denken, da\u00df sie fliegen.\u00ab die zu neuen ufern aufbrechenden fragen sind meist beweglicher als die antworten, die eher ihren standpunkt verteidigen. franz kafka verglich das schreiben mit dem reiten oder fliegen. fragenden, offenen, neugierigen und kreativen menschen fliegen ideen oft wie von selbst zu. man mu\u00df sie nur auffangen oder von den b\u00e4umen der phantasie pfl\u00fccken. \u00bbimmer wieder ist es m\u00f6glich, dass die besten Ideen zu denen kommen, die damit entspannt umgehen und die Ideen zulassen. Eine einzige gute Idee gen\u00fcgt und ersetzt viele schlechte.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in einem gespr\u00e4ch sagte joanna lisiak, deren einf\u00e4lle vielfach aus ihrem intuitiven querdenken und ihrer querdenkenden intuition entstehen, da\u00df sie in texten, die hier erz\u00e4hlend, szenenhaft, reflektierend und sinnunterwandernd sind, versuche, \u00bbdas jeweilige optimale Haus f\u00fcr diese Idee zu bauen.\u00ab mit ihren b\u00fcchern l\u00e4dt sie dazu ein, solche literarischen h\u00e4user lesend zu besichtigen. manche ihrer miniaturen \u00e4hneln mit ihren pointen epigrammen, so \u00bbGegen\u00fcberstellung\u00ab: \u00bbBenjamin beklagt sich bei seinem Kumpel Ferdinand, dass er immer wieder Hemdenkn\u00f6pfe verliert und wie ihn das fertigmacht. Dieser aber winkt l\u00e4ssig ab und meint, dass das nichts im Vergleich dazu ist, was er regelm\u00e4\u00dfig verliert: Ganze Hemden n\u00e4mlich.\u00ab man nennt die pointe auch den springenden punkt. und punkt ist mit bunt verwandt. viele punkte schaffen eine bunte welt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGelegentlich neige den Kopf\u00ab: \u00bbGl\u00e4serne Blicke zu tauschen mit n\u00fcchternen Blicken, kann zun\u00e4chst unm\u00f6glich wirken. Doch es ist m\u00f6glich. Vergeblich sind tauschende Blicke nie. Es z\u00e4hlen blickende Blicke. So blicke in Blicke, ob gl\u00e4sern ob n\u00fcchtern und neige den Kopf.\u00ab auch beim betrachten von bildern in ausstellungen ists g\u00fcnstig, wenn man den kopf neigt sowie die augen schlie\u00dft und das gesehene wirken l\u00e4\u00dft, verinnerlicht und vertieft. mit wieder ge\u00f6ffneten augen sieht man dann vielfach noch etwas neues und anderes. freilich neigen ebenso vampire ihren kopf, um blut zu saugen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">vieles in diesem buch basiert auf alltagsbeobachtungen. in \u00bbDas Werk\u00ab umkreist der barkeeper, also getr\u00e4nkemischer, martin im caf\u00e9 eine junge frau namens luise, die in einem buch liest und ihm gef\u00e4llt. er spricht sie erwartungsfroh an, um mit ihr n\u00e4her ins gespr\u00e4ch zu kommen, erkl\u00e4rt, auch er sch\u00e4tze die literatur, und erf\u00e4hrt dann den titel des buches: \u00bbDie asymbolische F\u00e4higkeit des Deweyschen Systems unter Hinzuziehung algebraischer Operationssymbole zu Beginn des 20. Jahrhunderts\u00ab. die reaktion ist entsprechend: \u00bbMartin wurde blass und schluckte leer. Es wurde ihm regelrecht schlecht.\u00ab das angebot der frau war wohl zu hochprozentig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn joanna lisiak in diesen texten einen aufkl\u00e4rerischen ton anschl\u00e4gt, um allzu menschliches zu erkl\u00e4ren, ahnt man, was meist kommt, n\u00e4mlich etwas ironisches. in \u00bbDas Ph\u00e4nomen Ingeborg Bachmann Preis\u00ab, wo kr\u00e4nkung schnell der anerkennung folgen kann, j\u00e4hrlich zu sehen auf \u00bb3SAT\u00ab, betrachtet sie die jurorenundpreisanw\u00e4rterrunde ethnopsychoanalytisch, oder kulturanthropologisch, und erkennt, da\u00df sich noch heutige menschen unter ihren kulturschichten h\u00e4ufig verhalten wie fr\u00fchzeitmenschen. \u00bbViele Sonnen sind \u00fcber einem Halbkreis Kreaturen aufgegangen. Ziemlich sicher ist das ein Ritual. Interessant ist zu beobachten, dass aus Furcht vor dem Feind fast alle in Tarnfarbe gekleidet sind.\u00ab, \u00bbDie Kreaturen der gro\u00dfen Gruppe sitzen auf Konstrukten aus Brettern und Pf\u00e4hlen. Die von Sonnen beleuchtete Minderheit hat zus\u00e4tzlich gr\u00f6\u00dfere Bretter mit Pf\u00e4hlen vor sich auf Brusth\u00f6he. Schutzschilder vermutlich, wenn man sie angriffe. Sie verwenden die Schilder auch zum St\u00fctzen der Arme. M\u00f6glicherweise beten sie so.\u00ab und \u00bbDer Oberh\u00e4uptling muss jedoch sehr m\u00e4chtig sein. Momentgleich bringt er alle zum Lachen und Raunen. Indem er seine Rede unterbricht, respektiert er offenbar seine Z\u00f6glinge. In seiner kurzen Pause nimmt er heimlich kristallene G\u00f6ttermilch oder sonst einen Trank zu sich.\u00ab im gruppenverhalten wirken die genetischen anlagen unserer vorfahren st\u00e4rker nach als individuell. wenn menschen ihre besonderheit vor anderen betonen wollen, neigen sie oft zu ritualen, die das besondere dann vielfach durch zu h\u00e4ufigen gebrauch abnutzen und entwerten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbSymposium\u00ab, worin die \u00bbQual der Wahl\u00ab eine eigene bedeutung bekommt, treffen sich phobikerinnen und phobiker. die teilnehmer haben angst vor kosmos, himmel, radikalen abweichungen, arbeit, gerechtigkeit, wissen, poesie, langen w\u00f6rtern, hippopotomonstrosesquippedaliophobie genannt, offenbar kann dieser begriff selbst die phobie ausl\u00f6sen, papier, wei\u00df, purpur, 8-f\u00f6rmigen gegenst\u00e4nden, bei mir ist die acht wegen ihrer form die zahl der harmonie, musik, fl\u00f6ten, bewegung, springen, tanzen, fr\u00f6hlichkeit, verwandten, jungfrauen, der aufforderung zum gehen oder hinsetzen, kn\u00f6pfen, schn\u00fcren, nadeln, fleisch, huhn, eiern, gem\u00fcse, kohlk\u00f6pfen, knoblauch, teufel, d\u00e4monen und vampire wurden einst mit knoblauch ferngehalten, verstopfungen, kr\u00e4tze, undsoweiter, also vom gr\u00f6\u00dften und heiligsten bis zum kleinsten und profansten. psychologen k\u00f6nnten noch manch andere phobie, also angstst\u00f6rung, nennen. es gibt auch eine angst vor und einen ha\u00df auf kreativit\u00e4t und originalit\u00e4t bei menschen, die dazu weniger f\u00e4hig sind und sich davon beunruhigt, bedroht und abgewertet f\u00fchlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">erstaunlicherweise fehlt die spinnenangst im \u00bbSymposium\u00ab. aber dar\u00fcber w\u00e4re vielleicht ein eigener text zu schreiben. \u00bbDie schwarze Spinne\u00ab wohnt ja in der schweiz, jedenfalls bei jeremias gotthelf, in dessen texten es, oft verbunden mit christlich volksaufkl\u00e4rerischen und moralerzieherischen ambitionen, was ihn mit johann peter hebel verbindet, der etwa ausrechnete, wie lange eine kanonenkugel von der erde bis zur sonne fliegt, oder umgekehrt, manches sonderbare gibt. eine affinit\u00e4t hatten hebel und gotthelf, dessen romane und erz\u00e4hlungen sp\u00e4ter friedrich d\u00fcrrenmatt anregten, so \u00e4hneln die energischen und rabiaten tatmenschen bei d\u00fcrrenmatt gotthelfs figuren, zu jean paul, dem joanna lisiak mit ihrer spontanen und beweglichen phantasie nahe ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbEin Fisch\u00ab nutzt sie phantasievolle namen von fischen, die alle wirklich existieren, so \u00bbBreitflossenk\u00e4rpfling\u00ab, \u00bbMauschmerle\u00ab, \u00bbPhantomsalmler\u00ab, \u00bbT\u00fcpfelantennenwels\u00ab, \u00bbF\u00fcnfg\u00fcrtelbarbe\u00ab, \u00bbTeleskopfisch\u00ab, \u00bbLaternentr\u00e4ger\u00ab oder \u00bbBeulenkopf\u00ab. \u00e4hnlich phantasiereich, und damit bildhaft und farbenfreudig, sind schmetterlingsnamen:\u00a0 \u00bbBlauschillernder Feuerfalter\u00ab, \u00bbGelbw\u00fcrfliger Dickkopffalter\u00ab, \u00bbSchwefelgelber Schmuckspanner\u00ab, \u00bbAchatspanner\u00ab, \u00bbSteinbrechwidderchen\u00ab, \u00bbPflaumenzipfelfalter\u00ab, \u00bbGetupfter Vielfu\u00df\u00ab und \u00bbGoldafter\u00ab. \u00bbDer braune Brom-B\u00e4r \/ Sog sich an den beerenblauen Vorderpfoten \/ Tief in den Winterschlaf.\u00ab, schrieb albert ehrenstein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbTempor\u00e4res schwarzes Loch\u00ab, und das ist weder ein fischname noch ein schmetterlingsname, gehen frauen durch eine glast\u00fcr in einen laden und verschwinden teils stundenlang darin. ein mann beobachtet dies von einem gegen\u00fcber liegenden caf\u00e9 aus. beim lesen dachte ich zun\u00e4chst, da die motive bei joanna lisiak auch eine vertrautheit mit m\u00e4rchen zeigen, da\u00df der ladenbetreiber vielleicht ein ritter blaubart sein k\u00f6nne, dessen motiv man bis ins 6. jahrhundert zur\u00fcckverfolgen kann. doch dann tauchen die frauen wieder auf. denn der laden ist ein schuhgesch\u00e4ft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbSp\u00e4ter das Tanzbein\u00ab spielt das \u00bbSchimpanski-Quartett\u00ab. der erste primat im weltall, der \u00bbSchimponaut\u00ab genannt wurde, bekam nach seinem weltraumflug einen ehrenplatz in einem amerikanischen zoo. in meiner kindheit und jugend spielten im magdeburger raum drei geiger, die sich, wenn ich mich richtig erinnere, \u00bbDie drei Raben\u00ab nannten, \u00e4ltere herren im schwarzen frack, die manchmal auch einer einzelnen dame ein st\u00e4ndchen brachten, in hotels sowie gr\u00f6\u00dferen restaurants und caf\u00e9s kaffeehausmusik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">auch dinge werden mit empathie und einem staunenden blick beseelt und vermenschlicht. selbst das scheinbar oder wirklich nebens\u00e4chliche ist gegenstand ihrer texte. dabei f\u00e4llt die kleinheit vieler dinge auf, die gerade anregt und herausfordert, das originelle, und das komische, daran und darin zu entdecken, sowie die pr\u00e4zision einer knappen sprache mit charme. die sprache wird zum medium der dinge, die sprechen. der virtuose sprachrhythmus, der auch durch die kenntnis verschiedener sprachen, das experimentieren mit sprache und das ausprobieren unterschiedlicher schreibarten entstand, folgt zugleich einer intuition, die improvisieren l\u00e4\u00dft, sowie strukturen des denkens: \u00bbDies merke\u00ab: \u00bbLeute, die Dinge bewegen, bewegen Leute, die Dinge werden bewegen. Ob heute, ob morgen. Sie werden.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">es gab und gibt immer noch l\u00e4den oder kaufhallen, die \u00bbTausend kleine Dinge\u00ab hei\u00dfen, wo man vieles bekommt, das man insbesondere im haushalt braucht. und \u00bbTausend kleine Dinge\u00ab k\u00f6nnte auch ein titel f\u00fcr die prosaminiaturen von joanna lisiak sein, die \u00fcber ein gro\u00dfes sortiment literarischer gegenst\u00e4nde verf\u00fcgt, denen sie sich zuwendet. noch genauer w\u00e4ren \u00bbTausend kleine belebte Dinge\u00ab, \u00bbTausend kleine Dinge mit Seelen\u00ab oder \u00bbTausend Seelen, in Dingen verborgen\u00ab. der leser begegnet einem kugelschreiber, der wandern geht, um papier zu finden, zirpenden haarklammern, xylophon, schachfiguren, sofa, stuhl, tapete, gl\u00fchbirne, weihnachtskugeln, mantel, pullover, kn\u00f6pfen, schl\u00fcsselbund, boot, laterne, schaufel, hebeln, zirkel, kleber, einkaufst\u00fcte, gabeln, kl\u00f6ppelnadeln, kamm, creme, parf\u00fcm, zeitungen, einem filee, fleischb\u00e4llchen, austern, birnen, honigmelonen, mandeln, r\u00fcben, erbsen, kapern, lorbeer. \u00bbL\u00f6blich\u00ab: \u00bbL\u00f6bliches Spiel zu knebeln mit Hebeln. Sehr l\u00f6blich.\u00ab das verweist auf verwandte dr\u00fcckende bewegungen beim knebeln und hebeln. wie m\u00f6gen solche texte entstehen? etwa so: bei haushaltsarbeiten hat der kreative und gebildete kopf \u00fcberwiegend frei. und was macht er? er denkt \u00fcber die kleineren oder gr\u00f6\u00dferen dinge nach, die ihm dabei begegnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Sofa, von dem hier die Rede ist, ist bequemer als ein Stuhl, jedoch ausdr\u00fccklich ist es kein Sessel und keineswegs handelt er sich um einen Hocker, schon gar nicht ist dieses Sofa eine Couch, geschweige denn ist das Sofa ein Sofa \u00fcberhaupt. Nein, dieses Sofa ist ein Bett.\u00ab man k\u00f6nnte als m\u00f6gliche schlafstatt noch ottomane, diwan, kanapee, chaiselongue, w\u00f6rtlich langstuhl, deutsch auch faulbett, sowie liege, klappbett, schlafsack oder, wenn sich gar kein anderes nachtnest mehr findet, teppich oder h\u00e4ngematte nennen. sofa kommt vom arabischen suffa = steinerner vorsprung, vordach, sims, womit das erh\u00f6hte sowie mit teppichen und kissen belegte podium bezeichnet wurde, auf dem orientalischen k\u00f6nige und f\u00fcrsten sa\u00dfen und ruhten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">franz\u00f6sisch couche, wovon couch abgeleitet ist, bedeutet bett, lager, schicht, coucher sich hinlegen, niederlegen, niederstrecken, ins bett gehen, schlafen, untergehen (der sonne). auch die sonne legt sich, jedenfalls in der subjektiven menschlichen wahrnehmung, zur nachtruhe, wenn sie untergeht. ottomane geht auf den namen des t\u00fcrkischen herrschers osman I, oder otman, zur\u00fcck, der vor 800 jahren das osmanische reich gr\u00fcndete. diwan gelangte \u00fcbers t\u00fcrkische diw\u00e1n = von gro\u00dfen sitzkissen eingefa\u00dfter empfangssaal, das aus dem persischen stammt, nach mitteleuropa, siehe franz\u00f6sisch divan = empfangszimmer vornehmer t\u00fcrken, (liege)sofa. kanapee = sitzsofa kam \u00fcbers franz\u00f6sische canap\u00e9 ins deutsche und meinte einst im lateinischen und griechischen worturspung ein himmelbett unter einem m\u00fcckennetz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbMensch und Stuhl\u00ab hei\u00dft es: \u00bbDer Stuhl sieht lediglich den R\u00fccken des Menschen. Der Mensch wiederum sieht den Stuhl kaum. Weder der eine noch der andere kann, so vereint sie zusammen sind, einer mit dem anderen auf Augenh\u00f6he kommunizieren, wenn der Mensch auf dem Stuhl sitzt und sich nicht umst\u00e4ndlich umdreht.\u00ab man kann beim umgang mit st\u00fchlen auch etwas lernen. ich hab mich schon seit jahren nicht mehr auf meine fernsehbrille gesetzt. siegfried kracauer bemerkte, da\u00df st\u00fchle und h\u00fcte im fr\u00fchen film \u00bbzum Rang von Hauptdarstellern\u00ab erhoben wurden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbCreme\u00ab schreibt sie, mythen des alltags ber\u00fchrend, bei manchen frauen habe die richtige creme die religion ersetzt. religionen bekommen menschen meist durch ihre geburt mitgegeben, w\u00e4hrend man sich die creme selber ausw\u00e4hlen kann. manche frauen favorisieren bis ins alter babycreme. wer in einem glauben erzogen wurde, findet nach glaubensbr\u00fcchen h\u00e4ufig immer wieder neue glaubengr\u00fcnde, weil die glaubensstrukturen erhalten bleiben und lediglich die glaubensinhalte ausgetauscht werden. so k\u00f6nnen auch profane gegenst\u00e4nde des glaubens, und zwar individuell wie kollektiv, an die stelle der sakralen treten, zumal viele menschen und menschengruppen das bed\u00fcrfnis haben, an etwas zu glauben, das ihnen halt gibt. bei friedrich d\u00fcrrenmatt hei\u00dfts: \u00bbWer an Gott glaubt, glaubt auch an die Medizin.\u00ab joanna lisiak erkl\u00e4rt: \u00bbHeute hingegen h\u00f6rt man distinguierte Leute verlautbaren, Creme sei das neue Wei\u00df.\u00ab und \u00bbTeenager bevorzugen eher die Farbe Creme, als dass sie mit dem allzu puristischen, fabrikneuen Tintenwei\u00df etwas anfangen k\u00f6nnen. Die Vorliebe f\u00fcr das reine Wei\u00df kommt erst mit einem gewissen Alter.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAnweisung\u00ab: \u00bbMan z\u00e4hle die Erbsen, die weichen, die kleinen, die faulen. Erbsen sind z\u00e4hlbar auf Tellern.\u00ab das assoziiert die erbsen oder linsen oder den mohn, der an rauschmittel denken l\u00e4\u00dft, in der asche im m\u00e4rchen vom aschenputtel, oder aschenbr\u00f6sel. vielleicht war aschenputtel urspr\u00fcnglich eine magierin und meisterin des feuers, was ihren letztendlichen erfolg erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. feuer oder herd waren einst das zentrum einer menschengemeinschaft. polnisch hei\u00dft aschenputtel kopuszek, von kopec = ru\u00df, rauch, siehe auch kopci\u0107 = qualmen. \u00a0der schweizer schriftsteller sergius golowin schrieb: \u00bbDas franz\u00f6sische Aschenbr\u00f6del sitzt auf einem Aschenhaufen und &#8222;sucht in den Ritzen des Kamins&#8220;. Dort findet sie, offenbar als Geschenk eines freundlichen Herd-Geistes, &#8222;einen goldenen Schl\u00fcssel&#8220;, dank dessen sie die sch\u00f6nen Kleider erh\u00e4lt, mit denen sie den Ball des Prinzen besuchen kann.\u00ab zwerge m\u00f6gen erbsen ganz besonders, w\u00e4hrend k\u00fcmmel sie krank macht. \u00bbMan wei\u00df, was man will\u00ab: \u00bbEin Klops verlangte den Klaps und den bekam er auf flapsige Art. Und siehe: er wuchs.\u00ab, eventuell auch weil er seine n\u00e4hrstoffe aus der wortwurzel von klops bezog. denn der klops ist der geklopfte, nicht zu verwechseln mit \u00bbdem Bekloppten\u00ab in \u00bbder Klapsm\u00fchle\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der text \u00bbVon Motten zu L\u00e4usen zu Fl\u00f6hen\u00ab, \u00bbNicht alle Motten sind bigotte Motten. Nicht allen L\u00e4usen hapert es an Bildung. Nicht alle Fl\u00f6he fassen forsch Entschl\u00fcsse.\u00ab, spielt mit vermenschlichungen von insekten. goethe erkl\u00e4rte: \u00bbM\u00e4us und Ratten, Fl\u00f6h&#8216; und Wanzen \/ m\u00fcssen alle beitragen zum Ganzen.\u00ab und \u00bbHat doch der Walfisch seine Laus, \/ mu\u00df ich auch meine haben.\u00ab, roda roda \u00bbDie Menschen sind den L\u00e4usen n\u00e4her als den G\u00f6ttern.\u00ab insekten wurden sprichw\u00f6rtlich und literarisch in fr\u00fcheren jahrhunderten oft humorvoll, sp\u00f6ttisch, ironisch, satirisch und sarkastisch betrachtet. wahrscheinlich verarbeitete man so ihr vorhandensein im menschlichen leben. brannte ein haus ab, sagte man im deutschen: \u00bbWenn das nicht gut ist gegen Wanzen.\u00ab elias canetti karikierte feldherren, indem er schrieb: \u00bbNapoleon, Wellington und Bl\u00fccher, hoch zu Floh im Zirkus.\u00ab bei e.t.a. hoffmann ziehen fl\u00f6he, die als fr\u00f6hliche tiere gelten, kleine kanonen, pulverkarren, r\u00fcstwagen und wagen mit historischen figuren hinter sich her und tragen flinten, patronentaschen, schwerter und s\u00e4bel am k\u00f6rper. ein floh kann das 80-fache seines eigenen gewichts ziehen. andere tiere bei joanna lisiak sind weniger wendig. \u00bbSpaziergang\u00ab: \u00bbEin geistesabwesendes, leicht aufgew\u00fchltes Nacktschneckchen tappte in ein Fettn\u00e4pfchen. Weniger gut, dass das Tierchen zuvor Filzpant\u00f6ffelchen \u00fcberzog.\u00ab wenn letztere bei nacktschnecken gerade mode waren, w\u00e4re die schnecke am leben kleben geblieben, weil sie modischem folgte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die autorin betrachtet auch ph\u00e4nomene und erscheinungen als beseelte wesen, die so zugleich ausdruck eigener seelischer erfahrungen sein k\u00f6nnen. \u00bbLautlos\u00ab: \u00bbEinmal trafen sich in einem ged\u00e4mpften Raum die Stille und das Schweigen. Sch\u00f6n waren die beiden anzuschauen, wie sie klein und bescheiden nebeneinander kauerten, aus ihren gro\u00dfen \u00c4uglein schwiegen und unmerklich doch friedlich ein- und ausatmeten. Die Stille war still und leicht. Das Schweigen war tief und schwer.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der leser findet zudem sarkastische texte. \u00bbTrag\u00f6die\u00ab: \u00bbEin Mensch kam mit vielen lockeren Schrauben auf die Welt. Mit den Jahren lernte er, sie eine nach der anderen nachzuziehen.\u00ab gemeinhin nennt man das erwachsenwerden. die kreativit\u00e4t bleibt dabei h\u00e4ufig auf der strecke. es gibt eben auch menschen, die zu viele feste schrauben haben, oder zu viele tassen im schrank, wom\u00f6glich noch in reih und glied. joanna lisiak dagegen gewinnt ihre originalit\u00e4t immer wieder durch ihr freies spiel mit eindr\u00fccken, motiven und facetten, ihren eigenst\u00e4ndigen blick darauf sowie die lebendigen und \u00fcberraschenden bewegungen ihres wahrnehmens und denkens.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Blempek ist ein Trick, der sich bew\u00e4hrt<\/strong>, von Joanna Lisiak, 2018<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<figure class=\"wp-block-image size-large\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"152\" height=\"216\" class=\"wp-image-52057 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Blempek_ist_ein_Trick_der_sich_bewa\u0308hrt-e1548914860986.jpg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. Holger Benkel denkt in einem Rezensionsessay \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/30\/vom-sinn-der-wendungen\/\">sinn der wendungen<\/a> nach. KUNO verleiht der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; der erz\u00e4hlband von joanna lisiak aus der schweiz enth\u00e4lt auf 356 seiten 263 texte, wenn ich richtig gez\u00e4hlt habe, zwischen 2 zeilen, titel mitgerechnet, und 5 seiten l\u00e4nge, \u00fcberwiegend komische, ironische, satirische, paradoxe, absurde, groteske, heitere und humorvolle prosaminiaturen,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/26\/kleine-dinge-mit-seelen-oder-im-originellen-wohnt-auch-sonderbares\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":52057,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1803],"class_list":["post-60259","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60259","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60259"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60259\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60259"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60259"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60259"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}