{"id":60252,"date":"2020-05-27T00:01:00","date_gmt":"2020-05-26T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60252"},"modified":"2022-06-17T13:44:23","modified_gmt":"2022-06-17T11:44:23","slug":"in-der-mammutsteppe-der-hypermoderne","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/27\/in-der-mammutsteppe-der-hypermoderne\/","title":{"rendered":"in der mammutsteppe der hypermoderne"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mit dem blick eines pr\u00e4historikers, der zeitalter und weltenorte \u00fcberschaut und verbindet, durchwandert andr\u00e9 schinkel in seinen gedichten epochen und landschaften des planeten und der menschheit. oft kann man dem terror des privaten und der provinz nur kreativ und geistig \u00a0entkommen, selbst wenn man dabei in eine jenseitige schattenwelt unter der nachtsonne fliehen mu\u00df. die zeile \u00bbWir sind Rosenk\u00e4fer im Wind der Verdammnis\u00ab wird wiederholt. wie schon im erz\u00e4hlband \u00bbDas Licht auf der Mauer\u00ab von 2015 erscheint der mensch insgesamt h\u00e4ufig als geworfenes wesen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">beschr\u00e4nkungen der gegenwart, die immer von gestern ist und in der viele, die der illusion folgen, ihr mehr oder minder virtuoses getriebensein entspreche ihrem eigenen willen, \u00a0verhei\u00dfungen und zw\u00e4ngen ihrer au\u00dfenwelt hinterherjagen, im kopf \u00fcberschreitend, erkundet er urwelten der jetztzeit. manche fragen, weshalb er kein praktizierender wissenschaftler geworden sei. ich vermute, auch um nicht durch theoriebetrieb und praxiszwang seine geistige unabh\u00e4ngigkeit und literarische kreativit\u00e4t einzub\u00fc\u00dfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">kommt er an endmor\u00e4nen vor\u00fcber, sieht er nicht blo\u00df vergangene gletscher, mammutherden und steinzeitliche j\u00e4ger, sondern auch die eisk\u00f6rper und h\u00f6hlenmenschen der zukunft. \u00bbdie Mammutsteppe \/ Im neuen Jahrtausend, bis \/ An den Rand gef\u00fcllt: \/\/ Mit den V\u00f6geln der Abkunft, \/ Schmetterlingen der Unzeit.\u00ab, hei\u00dfts in \u00bbSchwarzland\u00ab. erodieren aufkl\u00e4rung und humanismus, die religi\u00f6se und geistige gletscher abgeschmolzen und ausgewaschen haben, nun selber, w\u00e4hrend das projekt moderne noch l\u00e4ngst nicht vollendet ist, und in manchen gegenden kaum angekommen? oder waren oder sind die dichter und k\u00fcnstler der moderne, oder postmoderne, die in manchem der sp\u00e4teren antike \u00e4hnelt, die h\u00f6hlenmaler und urschamanen einer hypermoderne? klaus mann nannte kafkas \u00bbAmerika\u00ab-romanfragment \u00bbDer Verschollene\u00ab \u00bbhypermodern\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">joseph brodsky, der an einer stelle erkl\u00e4rte: \u00bbDer Mensch ist schlimmer als sein Aas.\u00ab, schrieb: \u00bbSei kein Idiot! Sei das, was die andern nie waren, nie im Leben. \/ Geh nicht aus dem Zimmer! Gib dich einzig den M\u00f6beln \/ hin, verschmelz mit den Tapeten. Sperr dich ein, \/ verbarrikadier dich zum Schlu\u00df \/ mit dem Schrank gegen Chronos, Kosmos, Eros, Rasse und Virus.\u00ab und \u00bbEine Drehung des Schl\u00fcssels, \/ und du findest dich dort wieder, wo es keinen \/ und niemand gibt: wie vor tausend Jahren \/ oder einiges fr\u00fcher: in der Epoche der Vereisung, \/ vor der Evolution. Der usurpierte Raum \/ verzichtet niemals auf seine \/ Unbewohnbarkeit, erinnert \/ den ma\u00dflos gewordenen Affen \/ an das altherk\u00f6mmliche, voreiszeitliche Recht \/ der Leere auf Wohnraum. Die Abwesenheit \/ ist letztlich nur die Privatadresse des Nichts, \/ das im Endergebnis, als richtiger Bourgeois, \/ kurz bevor der Vorhang f\u00e4llt, den Feldsteinen \/ und Graumoosen Tapeten vorzieht. \/ Je detaillierter ihre Dschungel, desto ungl\u00fccklicher der Affe.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">ganz so radikal und abgewandt, das hei\u00dft heimatlos und verzweifelt, denkt und lebt andr\u00e9 schinkel denn doch nicht. manche der gedichte, die refugien gegen zumutungen des gegenw\u00e4rtigen und k\u00fcnftigen sein k\u00f6nnen, haben eine befreiende leichtigkeit, vor allem sprachlich. es gibt sehr sinnliche texte, etwa \u00bbDie D\u00fcnung des Leibs\u00ab: \u00bbRaubvogelgleich schwirrt der Leibkolibri \/ Durch die Gestr\u00e4uche der Gierde.\u00ab zugleich wirken private konflikte und seelische verwundungen in diese texte hinein. die fotografie am ende des buches zeigt ihn nachdenklich und traurig. mitunter mu\u00df man kulturgeschichte freilich ausblenden, damit man unbefangen schreiben kann.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">anhand der tintenfische, die wie urwesen aussehen und ihre farbe wechseln, so bei der balz, der \u00bbSepia\u00ab-gedichte, in denen von der \u00bbHochsee der Tr\u00e4ume\u00ab die rede ist, beschreibt und reflektiert er das liebesverlangen, das menschliches und animalisches vereint, \u00bbIhr flackerndes Steigen ins Licht andrer Tage, wenn \/ Unser Leuchten schon lange dem Verglimmen sich neigt\u00ab, aber auch machtaus\u00fcbungen unter liebenden und liebesverletzten. bei hugo ball leben tintenfische in \u00bbSatanopolis\u00ab. sepien sind kopff\u00fc\u00dfer, w\u00e4hrend beim menschen der kopf, wom\u00f6glich die nachfolgeform einer haftknolle, durch sein denken halt gibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">die texte sprechen zur anwesenden oder abwesenden liebe, das hei\u00dft zu frauen, die in sachsen als sch\u00f6ne m\u00e4dchen auf den b\u00e4umen wachsen sollen, oder zum weiblichen an sich, das f\u00fcr ihn ein wichtiger ansprechpartner ist. in \u00bbDu bist eine Lilie\u00ab schreibt er: \u00bbIch lieb den Gedanken, \/ Da\u00df du mich so liebst \/ Als g\u00e4bs keine Schranken \/ Im Sehnsuchts-Betrieb.\u00ab doch auch der sehnsuchtsbetrieb hat seine lebensrealen zw\u00e4nge. im \u00bbHohelied\u00ab hei\u00dft die erw\u00e4hlte braut \u00bbLilie unter Dornen\u00ab. venus verwandelte junge m\u00e4dchen in lilien. insbesondere die wei\u00dfe lilie gilt als liebessymbol. das altertum verband die lilie mit liebe, ehe, fruchtbarkeit und geburt, das christentum mit der jungfrau maria und christus sowie unschuld, reinheit, gnade, auserw\u00e4hltheit, unantastbarkeit und erl\u00f6sung. die griechen der antike sahen in wei\u00dfen lilien auch symbole f\u00fcr tod, unsterblichkeit und auferstehung und legten sie auf gr\u00e4ber. ebenso sind sie christlich grabschmuck. bei jakob b\u00f6hme hei\u00dft die zeit vor dem weltende lilienzeit und die lilie ist symbol der wiedergeburt im heiligen geist. sp\u00e4ter symbolisierten wei\u00dfe lilien die romantik. im gedicht klingen jedoch ebenso feuerfarbene lilien an: \u00bbDu bist eine Lilie \/ Aus Lodern und Schnee.\u00ab die rote lilie kann s\u00fcnde bedeuten, die gelbe eitelkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkel f\u00fchlt sich eher heidnischen welten und figuren nahe. in der frauenfigur im gedicht \u00bbAn eine Ungenannte\u00ab, von der es hei\u00dft, da\u00df sie \u00bbdie Leib-Katarakte, \/ Nachts, in den W\u00fcsten der Hirne\u00ab besingt, verbinden sich magierin, prophetin, geliebte, au\u00dfenseiterin und opfergabe. beim ersten lesen dachte ich an medea oder kassandra. \u00bbDie Ungenannte\u00ab war, oder ist, auch eine bezeichnung f\u00fcr hexen, spinnen und krankheiten, \u00bbDer Ungenannte\u00ab hingegen f\u00fcr gott, s\u00fcnder und henker. beides ersetzte tabuworte. die sprache lebt nicht zuletzt von ambivalenzen. mitunter sind gegens\u00e4tze noch in einem wort vereint, wie im lateinischen sacer, das heilig und verflucht bedeutet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">seit jahren fallen das gro\u00dfe formbewu\u00dftsein, die handwerkliche strenge und die genauigkeit der lyrik von andr\u00e9 schinkel auf. der reim in manchen gedichten gibt offenbar noch, oder wieder, halt, und ist zugleich eine herausforderung. er sagte einmal, pindar habe ihn beeinflu\u00dft. ich h\u00e4tte eher horaz vermutet. aber er meint mit pindar wohl etwas \u00e4hnliches wie johannes bobrowski, der klopstock seinen stilistischen lehrmeister nannte. der band vereint verschiedene lyrische formen, von sonetten bis zu prosagedichten. der leser findet stilles innehalten und exzessives erleben, poetische und derbe sprache. letztere folgt einer plebejischen tradition. neben der literatur fordert ihn auch das leben dazu heraus. bei den derberen passagen, das mit derb verwandte schwedische dj\u00e4rv bedeutet k\u00fchn, wagemutig, verwegen, denke ich, neben horaz, an andere dichter kunstvoller derbheit, catull, martial, fran\u00e7ois villon, bertolt brecht, peter r\u00fchmkorf, karl mickel. beim formulieren des kontrasts zwischen profanem und grausamem alltag und mythischer vorzeit, die distanz gewinnen l\u00e4\u00dft, sowie im tonfall sp\u00fcrt man zudem einfl\u00fcsse gottfried benns.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">der leser entdeckt bei andr\u00e9 schinkel einen kreisenden blick, der auch landschaften der eigenen herkunft betrachtet, so eine tagebau-landschaft bei bitterfeld in \u00bbSchwarzland\u00ab: \u00bbDas staubige Schilf knackt, in \/ Den brackigen T\u00fcmpeln aus Teer.\u00ab der stillgestellten dialektik und gebremsten entwicklung folgten die stillgelegten betriebe. er beschreibt eine von bergbau und industrie zerw\u00fchlte und besch\u00e4digte, kulturgeschichtlich aber reiche heimat. im gedicht \u00bbApril\u00ab, also \u00fcber einen monat, in dem sich wetter wenden, hei\u00dft es: \u00bbSchw\u00e4rend \/ der reaktion\u00e4re Rauch der Ver\u00e4chter \/ \u00fcber den entsetzt schweigenden Feldern. \/ Leere Herzen reden pulsierende Blitze \/ in leere Augen hin\u00fcber \u2012 das Gr\u00f6len \/ veralteter Tage f\u00e4llt kalt und schneidend \/ rhetorisch auf uns zur\u00fcck.\u00ab albert ehrenstein, der europa \u00bbBarbaropa\u00ab nannte, schrieb 1929, auf heinrich heines gedicht von der lorelei zur\u00fcckgreifend, geradezu prophetisch: \u00bbNur das arme Stimmvieh \/ Wei\u00df nicht, was soll es bedeuten. \/ Da\u00df es so d\u00e4mlich ist. \/ Es nahn der Zwangsarbeit faschistische Zeiten.\u00ab und \u00bbBald gibt es auf Erden nur \/ Die alleinseligmachende Bombenkultur.\u00ab der rechtsradikale anschlag auf die synagoge in halle im oktober 2019 war keine hundert meter von der wohnung andr\u00e9 schinkels entfernt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">wir finden heute vieles wieder, das zunehmend erschreckend an die zeit zwischen erstem und zweitem weltkrieg erinnert und dem all jene gern folgen, die sich vorteile davon erhoffen oder destruktive gef\u00fchle abreagieren wollen: die gering entwickelte f\u00e4higkeit zum eigenst\u00e4ndigen und unabh\u00e4ngigen denken, ideelle orientierungslosigkeit, die neigung zu stereotypen weltbildern, die kritiklose \u00fcbernahme kollektiver vorurteile, mangelnde konfliktkompetenz gegen\u00fcber ungewohntem, permanente projektionen, das s\u00fcndenbockprinzip, die vermeintliche st\u00e4rkung gest\u00f6rter identit\u00e4ten durch feindbilder, die kompensation von dem\u00fctigungen, minderwertigkeitskomplexen und der eigenen ich-schw\u00e4che durch grobe urteile \u00fcber andere, eine kleinb\u00fcrgerliche wagenburgmentalit\u00e4t, die alles fremde f\u00fcr bedrohlich und minderwertig halten l\u00e4\u00dft, die ablehnung, abwertung und verachtung anderer kulturen, religionen und lebensweisen, nationalismus, v\u00f6lkische grenzziehungen, rassistische ressentiments, den glauben an eine erblich bedingte eigene \u00fcberlegenheit, verhaltenslehren der k\u00e4lte, sehns\u00fcchte nach autorit\u00e4rer herrschaft und ordnung, die schnelle und teils fanatische bef\u00fcrwortung von zwangsma\u00dfnahmen und bestrafungen, die kriminalisierung humanen handelns, die zunahme eines egoistisches verhaltens, das kaum noch r\u00fccksichten nimmt, eine fortschreitende enthemmung der gewalt, mordaufrufe und morddrohungen, anschl\u00e4ge gegen minderheiten, politische morde. und jedes vorurteil und feindbild f\u00f6rdert andere vorurteile und feindbilder, deren strukturen immer gleich bleiben, w\u00e4hrend die opfergruppen, auf die man sie \u00fcbertr\u00e4gt, leicht austauschbar sind und daher wechseln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">wenn die heutige dummheit vor allem eine dummheit des privaten ist, die sich durch medien und meuten vervielfacht, so hat sie doch gesellschaftliche ursachen. wo permanent egoismus gepredigt wird, mu\u00df man sich \u00fcber extreme egoisten nicht wundern. weil es an substantieller systemkritik fehlt, macht die grobe systemkritik karriere. wo das eintreten f\u00fcr soziale gerechtigkeit als naiv gilt, denken tats\u00e4chlich jene naiv, die glauben, das mi\u00dfachten sozialer rechte r\u00e4che sich nicht. wenn t\u00e4uschung und betrug, \u00f6ffentlich und privat, allgemein \u00fcblich werden, w\u00e4hlen die menschen zuletzt diejenigen, die am konsequentesten l\u00fcgen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">andr\u00e9 schinkel kritisierte wiederholt das \u00bbWolfsgesetz\u00ab, das unter menschen herrscht, und die w\u00f6lfische gesellschaft. ich frage mich, ob die sympathie mancher f\u00fcr den wolf nicht auch mit dessen r\u00e4uberischem charakter zusammenh\u00e4ngt. w\u00f6lfe waren oft mit j\u00e4gerundkriegerkulten verbunden. die \u00bbIlias\u00ab vergleicht die k\u00e4mpfenden krieger vor troja mit w\u00f6lfen. bis heute hei\u00dfen jagdhunde meute. es ist gut m\u00f6glich, da\u00df sich die fr\u00fchen menschen die hordenjagd von der rudeljagd der w\u00f6lfe abgeschaut haben. die meutebildung bei menschen w\u00e4re dann eine nachfolgeform davon. teilweise wurden aus j\u00e4gerundkriegergemeinschaften sp\u00e4ter r\u00e4uber und pl\u00fcnderer, ebenso wie umgekehrt raubrittern adlige folgten und invasoren unternehmer. wom\u00f6glich wird man eines tages an ortseing\u00e4ngen deutscher st\u00e4dte schilder mit der aufschrift: \u00bbMut zum Wolf!\u00ab aufstellen, auf denen rotk\u00e4ppchen abgebildet ist, das den wolf umarmt und k\u00fc\u00dft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">im gedicht \u00bbHandstand. F\u00fcr Uwe Pfeifer\u00ab, den maler aus halle an der saale, von 2016 kann der leser eine metaphorik entdecken, die\u00a0 magischem oder phantastischem realismus nahekommt: \u00bbAn die chthonischen Dinge gebannt, bleibt uns nur zu \/ Schauen, wie ihre Auren und Leiber entfliehn: zart \/ In unsere Tr\u00e4ume geschient, die F\u00fc\u00dfe zu uns gereckt; \/\/ Die H\u00e4nde, den Kopf schon in den gesperberten Wolken \/ Andrer Gestirne, und seien&#8217;s die kleinsten der Monde, \/ Wo man den Glanz, die Sch\u00f6nheit von Engeln noch sch\u00e4tzt.\u00ab und \u00bbWann hat einer einen Engel schon auf dem Kopf wandeln \/ Sehn \u2026 es reden nur die \u00e4ltesten Legenden davon\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">im \u00e4gyptischen totenreich k\u00f6nnte man sich auf dem kopf stehende oder gehende verirrte engel vorstellen. au\u00dferdem d\u00fcrften vom himmel fallende engel h\u00e4ufig kopf\u00fcber st\u00fcrzen. und ist nicht alles, das real wird, letztlich ein st\u00fcrzender engel? beim blick in den himmel wittert andr\u00e9 schinkel zudem meteoriten und asteroiden, die kommen, man wei\u00df nur nicht, wann. wenn uns der himmel auf den kopf f\u00e4llt, werden wir das leben kennen. der moment vom herabbrechen des himmels bis zum aufschlag kann der zeitraum der h\u00f6chsten, oder tiefsten, erkenntnis sein, was unter anderem erkl\u00e4ren w\u00fcrde, weshalb einsichten lebensreal meist wenig nutzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">dichtung und kunst k\u00f6nnen selbst etwas zeitloses und \u00fcberwirkliches und damit auch jenseitiges und unterweltliches haben. auf dem grabstein von paul klee steht eine passage aus einem seiner gedichte: \u00bbDiesseitig bin ich gar nicht fa\u00dfbar. Denn ich wohne grad so gut bei den Toten, wie bei den Ungeborenen. Etwas n\u00e4her dem Herzen der Sch\u00f6pfung als \u00fcblich. Und noch lange nicht nahe genug.\u00ab, am grab von kurt schwitters hingegen: \u00bbMan kann ja nie wissen.\u00ab durch ironie l\u00e4\u00dft sich das heilige bewahren, wo man es sonst nicht mehr wahrnimmt. philippe soupault am\u00fcsierte das begr\u00e4bnis von francis picabia: \u00bbWarum \/ wolltest du da\u00df man dich mit deinen vier Hunden begr\u00e4bt \/ einer Zeitung \/ und deinem Hut \/ Du hast darum gebeten da\u00df man auf dein Grab schreibt \/ Gute Reise \/ Man wird dich auch dort oben f\u00fcr einen Irren halten\u00ab. der himmel hat eine ziemliche fallh\u00f6he, die klee und schwitters durch einf\u00fchlung ins menschliche und selbstironie abd\u00e4mpfen konnten. picabia gelang dies mit seiner inszenierten seelenreise nicht. dabei hatte er selber einst geschrieben: \u00bbBeim Betrachten der Truth\u00e4hne, Pfauen, G\u00e4nse, dem Rahm der Gesellschaft, steigt mir die S\u00e4ure in den Magen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">in edgar allan poes erz\u00e4hlung \u00bbDas Manuskript per Flaschenpost\u00ab versteckt sich die schiffbr\u00fcchige hauptfigur auf einem totenschiff, bis klar wird, die dort agierenden personen, alles ozeanische geisterfahrer, erkennen den lebenden nicht, das hei\u00dft haben keine ahnung von seiner anwesenheit, und er konstatieren mu\u00df: \u00bbWir sind sicherlich dazu verdammt, immerfort vor den Pforten der Ewigkeit umherzukreuzen, ohne uns endg\u00fcltig in die bodenlose Tiefe zu st\u00fcrzen.\u00ab poe bezog diese konstellation, das ausweglose leben unter den totenseelen eines totenschiffes inmitten der tosenden weltmeere, auf die grundsituation des schriftstellers, oder \u00fcberhaupt kreativer und gebildeter menschen: \u00bbEs ist meinerseits v\u00f6llig t\u00f6richt, mich zu verbergen, denn die Leute <em>sehen nicht<\/em>.\u00ab und \u00bbEs ist wahr, da\u00df ich keine Gelegenheit finden mag, es der Welt zu \u00fcbermitteln, aber ich werde nicht vers\u00e4umen, den Versuch zu machen. Im letzten Augenblick werde ich die Aufzeichnungen in einer Flasche verschlie\u00dfen und diese ins Meer werfen.\u00ab die literarische flaschenpost poes kam ans ufer und wurde gefunden. denn wir k\u00f6nnen ihn ja lesen. diese hoffnung bleibt also.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">beim betrachten des cover-motivs dachte ich zun\u00e4chst an beeren, dann an bakterien. es zeigt jedoch bl\u00fctenpollen unterm mikroskop, was mir den poetischen und geistigen bl\u00fctenstaub der jenaer fr\u00fchromantiker um novalis und friedrich schlegel ins ged\u00e4chtnis ruft, der auch nach halle geweht wurde. andr\u00e9 schinkel selbst f\u00fchlt sich kulturell nach th\u00fcringen hingezogen. der titel \u00bbBodenkunde\u00ab verweist, indem er arch\u00e4ologische, geologische, geographische und biologische motive assoziert, ebenfalls auf zeitundraum\u00fcbergreifende zusammenh\u00e4nge, die, neben menschlichen aktivit\u00e4ten, das kleine wachstum der pflanzen ebenso umfassen wie gro\u00dfe erdbewegungen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">im aufsatz \u00bb\u00dcber den Gegensinn der Urworte\u00ab wies sigmund freud darauf hin, da\u00df boden im deutschen das oberste und unterste im haus bedeute, erdundfu\u00dfboden sowie dachspeicher. der dachboden, der kornboden, heuboden, malzboden, nahm als vorrat auf, was der boden der erde gegeben hatte. lateinisch fundus = boden, grund(st\u00fcck), landgut, autorit\u00e4t, ma\u00df und ziel, siehe zudem profundus tief, tiefliegend, bodenlos, unergr\u00fcndlich, unerme\u00dflich, ist verwandt mit mittelirisch bunad = ursprung. irisch hei\u00dft die anderswelt, das keltische jenseits, unter anderem ort ohne grund.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">neben den mythen und der sprache bietet die natur einen r\u00fcckzugsraum. andr\u00e9 schinkel wei\u00df, ahnt und fragt, was in und aus dem boden w\u00e4chst und welche wesen darauf leben. wenn es in der neueren deutschsprachigen lyrik vielfach biologische motive gibt, so k\u00f6nnte das eine reaktion auf die dominanz der technologien und das fortschreiten des klimawandels, und damit der naturverdr\u00e4ngungundzerst\u00f6rung, sein. was vergeht, soll wenigstens in worten bewahrt bleiben. das erinnert an die ausgestopften ausgestorbenen v\u00f6gel in museen. in \u00bbBodenkunde\u00ab erscheinen \u00fcber 50 tierarten, die h\u00e4lfte davon vogelarten. im nachwort zum lyrikband \u00bbL\u00f6wenpanneau\u00ab von 2007 erkl\u00e4rte andr\u00e9 schinkel: \u00bbDer K\u00fcnstler will Fleisch und Luftwesen zugleich sein.\u00ab, also auch auffliegen k\u00f6nnen, zumindest geistig, seelisch und literarisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">der leser findet l\u00f6we, hirsch, wildschwein, wolf, hund, katze, pferd, stier, schaf, kaninchen, maus, falke, bussard, nachtigall, lerche, amsel, star, meise, rotkehlchen, grasm\u00fccke, weidenlaubs\u00e4nger, sperling, buchfink, taube, schwan, storch, gans, kranich, reiher, kormoran, rabe, elster, eichelh\u00e4her, eule, kolibri, totenkopffalter, seefalter, rosenk\u00e4fer, bombardierk\u00e4fer, schwanzlurch, unke, tintenfisch, forelle, barsch, rotfeder, keilfleckbarbe, koralle, auster und molluske, daneben phantasiewesen wie minotaurus, greif, blutschink und harpyie, die beides sein kann, real und mythisch. der vorspruch zum band, \u00bbHic sunt leones et dracones\u00ab, der auf mittelalterlichen weltkarten die terra incognita, das unbekannte, unerforschte, fremde, \u00a0gef\u00e4hrliche land bezeichnet, bezieht sich wohl auch auf die l\u00e4nder gegenw\u00e4rtiger l\u00f6wen und drachen, oder schlangen, was in der antike fast dasselbe war. dennoch wollen wir die positiven bedeutungen der schlange als symbol der klugheit bei friedrich nietzsche nicht vergessen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00e4hnlich wie bei seamus heaney erscheint bei andr\u00e9 schinkel die amsel \u00f6fter, der, neben kr\u00e4hen, sperlingen und tauben, visuell und akustisch vertrauteste vogel hiesiger st\u00e4dtebewohner, unter anderem als s\u00e4nger einer variantenreichen, also kreativen, harmonie. eine \u00fcber den weg fliegende amsel war deutsch ein gl\u00fcckszeichen. auch wer amseln im winter f\u00fctterte, sollte gl\u00fcck haben. weil sie auf der erde nistet, geh\u00f6rte die amsel zur griechischen erdg\u00f6ttin gaia, laut hesiod die erste g\u00f6ttin, die dem urchaos entsprang, was ebenfalls zum buchtitel \u00bbBodenkunde\u00ab pa\u00dft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">um 1800 war die amsel, die man die einsame nannte, noch ein scheuer waldvogel, der verborgen auf waldlichtungen lebte. erst seit knapp 200 jahren dringen amseln in bewohnte gebiete vor. heute leben sie, typische kulturfolger, ganz selbstverst\u00e4ndlich in st\u00e4dten und haben menschen gegen\u00fcber ihre scheu verloren. m\u00e4nnliche amseln ahmen sogar klingelt\u00f6ne nach. man kann nur einen meter entfernt an einer amsel vorbeigehn, die auf einem zaun oder einer hecke sitzt, ohne da\u00df sie auffliegt. wenn man jedoch vor ihr stehen bleibt, fliegt sie davon. die ver\u00e4nderung im vertrauten bewegungsablauf eines ungefl\u00fcgelten zweibeinigen stadtbewohners wird als zeichen der gefahr wahrgenommen. georg trakl, der im gesang der amsel vor allem eine klage h\u00f6rte, schrieb: \u00bbwenn die Amsel im schwarzen Wald ruft, \/ Dieses ist dein Untergang.\u00ab, albert ehrenstein: \u00bbFortflog melodischer Schatten der Amsel, \/ S\u00fc\u00df umnachteter Ton, \/ Schwarzer Vogel Musik.\u00ab, else lasker-sch\u00fcler \u00bbFielen die Amseln wie Trauerrosen \/ Hoch vom blauen Geb\u00fcsch\u00ab. so sind auch im motiv der amsel sehnsucht und angst verbunden, und damit weite und enge, weshalb sehnsucht und weite immer erneut die \u00e4ngste und die enge \u00fcberwinden m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Bodenkunde<\/strong>, Gedichte von Andr\u00e9 Schinkel, Mitteldeutscher Verlag Halle 2017<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/cover-bodenkunde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"197\" height=\"300\" class=\"wp-image-44733\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/cover-bodenkunde-197x300.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">In seinen neuen Gedichten, die den Nachfolger seines 2007er Bandes\u00a0<em>L\u00f6wenpanneau<\/em> bilden, sieht man Andr\u00e9 Schinkel mit der Vertiefung seiner poetischen Sichten befasst. Die Texte von <em>Bodenkunde<\/em> entstanden in einer bewegten Phase des Autors und sprechen \u00fcber den Zweifel an der und die Hoffnung auf die Liebe, sie reden in Amouren und Rondellen \u00fcber die Sch\u00f6nheit und den Schrecken der Welt, ihrer Gegenwart als zu entdeckendes Paradies, berichten von inneren wie \u00e4u\u00dferen Reisen, Gestirnen, vom Licht und der Sehnsucht. Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; mit dem blick eines pr\u00e4historikers, der zeitalter und weltenorte \u00fcberschaut und verbindet, durchwandert andr\u00e9 schinkel in seinen gedichten epochen und landschaften des planeten und der menschheit. oft kann man dem terror des privaten und der provinz nur kreativ und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/27\/in-der-mammutsteppe-der-hypermoderne\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98168,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,94],"class_list":["post-60252","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60252"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103726,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60252\/revisions\/103726"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98168"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}