{"id":60244,"date":"2020-02-08T00:01:00","date_gmt":"2020-02-07T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60244"},"modified":"2021-02-28T18:35:49","modified_gmt":"2021-02-28T17:35:49","slug":"die-witterung-der-worte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/08\/die-witterung-der-worte\/","title":{"rendered":"die witterung der worte"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der titel erinnert mich daran, da\u00df die worte wetter und gewitter mit wittern verwandt sind, siehe altnordisch ve\u00f0r = wetter, witterung, wind, geruch, norwegisch v\u00e6r = wetter, atem, v\u00e6re = wittern. der mensch hat das wetter mit seinem geruchssinn erkundet und vorausgeahnt. ursprung der sprache ist die sinnliche wahrnehmung. sprechen wir also von der witterung der worte, die ahnungen folgt, um in und mit der sprache zu erkennen. die autorin fragt, wie viele w\u00f6rter f\u00fcr eine sprache g\u00fcnstig sind, damit sich menschen darin maximal gut verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. man m\u00f6chte zun\u00e4chst antworten: so viele wie m\u00f6glich. \u00bbW\u00e4re das Zusammenleben der Menschen friedlicher, einfacher, komplizierter, kultivierter, bereichernder, wenn wir mehr W\u00f6rter zur Verf\u00fcgung und im Gebrauch h\u00e4tten\u00ab, ja manche w\u00f6rter \u00bbK\u00fcrzestgeschichten\u00ab w\u00e4ren? vorstellbar scheint dies schon. immerhin war das erz\u00e4hlen von geschichten einst identit\u00e4tsbildend f\u00fcr gemeinschaften.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">goethe, der auch wu\u00dfte, da\u00df polnisch lisica f\u00fcchsin bedeutet, hatte einen riesigen wortschatz, der ihm viele differenzierungen und sublimierungen erm\u00f6glichte. die modernen gesellschaften haben, zumal durch die globalisierung in allen bereichen, potentiell ebenfalls enorm viele w\u00f6rter zur verf\u00fcgung. zugleich kann wortundbedeutungsvielfalt menschen \u00fcberfordern und dann empf\u00e4nglich machen f\u00fcr stereotype begriffe, denkweisen und weltbilder. nicht zuletzt dies erkl\u00e4rt die wirkungen des groben denkens. die \u00bbNachrichten in einfacher Sprache\u00ab sind eine reaktion darauf, die aber wohl eher ratlosigkeit zeigt, weil seri\u00f6se medien bestimmte bev\u00f6lkerungsschichten kaum mehr erreichen, als da\u00df sie viel bewirken werden. die einen sch\u00e4tzen das unbekannte, weil sie dar\u00fcber nachdenken k\u00f6nnen. andere f\u00fchlen sich davon entwertet und bedroht und reagieren mit vorurteilen und feindbildern. die haltung \u00bbWas ich nicht verstehe, das kann nichts taugen.\u00ab, oder \u00bbdas darfs nicht geben.\u00ab, ist weit verbreitet. nicht alle menschen denken gern, und einige nur, wenns gar nicht mehr anders geht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak fragt: \u00bbW\u00e4re die Sprache durchgreifender, effizienter, da man mit weniger W\u00f6rtern bereits viel sagen k\u00f6nnte? Und was bedeutete diese Effizienz? Weniger oder mehr Gespr\u00e4che? Emotionalere oder sachlichere? Was w\u00fcrden wir als Gesellschaft, als Individuen verlieren oder gewinnen? Wie w\u00fcrde sich alles verlagern \u00fcber die zwischenmenschliche Sprache hinaus: in den Medien, in B\u00fcchern, im Theater oder im Film? Was vertr\u00e4gt ein Mensch an Kommunikation \u00fcberhaupt?\u00ab das sind fragen, die haften bleiben, also nachhaltig wirken, weil es einfache antworten darauf nicht gibt. eine effiziente sprache bef\u00f6rdert wohl sachliche umgangsformen, und umgekehrt. einerseits bleiben viele menschen von den worten und deren bedeutungen und bewertungen, mit denen sie aufwachsen, abh\u00e4ngig, und hinterfragen sie nie wieder, zum andern w\u00e4hlt jeder seine worte selektiv. eine tiefergehende verdichtung der worte, bei der auch neue wortsch\u00f6pfungen entstehen, wird immer nur minderheiten erreichen. mir f\u00e4llt regelm\u00e4\u00dfig bei synonymen auf, da\u00df ich die meisten davon nie benutzen w\u00fcrde, da sie nicht meinen bevorzugten sprachebenen entsprechen. zugleich staune ich, wenn ich h\u00f6re, da\u00df eine hausfrau ihr kochbuch \u00bbstudiert\u00ab oder ein fu\u00dfball-trainer \u00bbeine Philosophie\u00ab hat, weil ich bei studieren und philosophie an ganz anderes denke.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">walter benjamin meinte: \u00bbDas Wort ist das Gegenwort gegen die W\u00f6rter.\u00ab man macht w\u00f6rter zu worten, das hei\u00dft zum wortindividuum gegen\u00fcber den wortkollektiven, indem man sie sensibel ergr\u00fcndet und originell verwendet. joanna lisiak sagt: \u00bbTriftige, pr\u00e4gnante Worte, die alles scharfsinnig und doch offen zu beschreiben verm\u00f6gen, gibt es selten. Ein Wort beispielsweise, das intim ist, um sich m\u00f6glichst rasch zu verbinden, ohne dass es einen entbl\u00f6sst. Oder eines, das geradezu aufruft, eifrig, lustvoll weiter er\u00f6rtert zu werden. Eines, welches das Konkrete im Abstrakten birgt, Inneres und \u00c4u\u00dferes zusammengebracht. Oder ein Wort aus einem komplexen Geflecht, das mehrere Ebenen umfasst und dennoch leicht daherkommt. Solche W\u00f6rter stehen auf meiner pers\u00f6nlichen Lieblingswortliste zuoberst. Vielleicht, weil sie rar sind.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">beim erkunden der wechselnden bedeutungen eines wortes l\u00e4\u00dft sich manches aus der denkundmentalit\u00e4tsgeschichte nachvollziehen. joanna lisiak verweist jedoch zugleich auf den verlust von w\u00f6rtern: \u00bbNicht nur ganze Sprachen sterben, auch einzelne W\u00f6rter sind verg\u00e4nglich. Sie werden einem neuen Sprachgebrauch unterzogen, werden neu komponiert, gelten eine Weile als altmodisch, nicht mehr im Gebrauch, bis sie tats\u00e4chlich nirgendwo mehr geschrieben stehen und von niemandem mehr in den Mund genommen werden.\u00ab \u00fcberdies geht mit alten sprachen und w\u00f6rtern oft sprachklang verloren. man vermutet, da\u00df im 21. jahrhundert weltweit mehr als tausend kleinere sprachen verschwinden. wir brauchen auch eine \u00f6kologie der kultur. alexander von humboldt berichtete von einem papagei, der noch w\u00f6rter eines indianerstamms sprach, bei dem er aufwuchs und der inzwischen ausgestorben war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">dieses buch kann auch als lebensratgeber gelesen werden, aber nicht der herk\u00f6mmlichen didaktischen und vulg\u00e4rpsychologischen art. die autorin reflektiert darin oft grunderfahrungen und existentielle momente, etwa solche an weggabelungen, wo man entscheidungen trifft, die weiterwirken. \u00bbDer Geruch von Wind\u00ab ist sozusagen ein w\u00f6rterbuch der besonderen gro\u00dfen und kleinen augenblicke, das dem leser angebote zum nachdenken und dialog macht. \u00bbDie Grenzen sehen, anerkennen und dar\u00fcber hinaus gehen.\u00ab das k\u00f6nnte man lebensweisheit nennen. \u00bbIm Auge des Orkans ruhig werden.\u00ab wer gen\u00fcgend kreative energien hat, um etwas in bewegung zu versetzen, das dann tanzend umherwirbelt, ist im inneren seines eigenen orkans, und der darin gewonnenen erkenntnisse, am sichersten. das cover zeigt das bild \u00bbTauchgang\u00ab von mariola lisiak mit strukturen des wassers, die das flie\u00dfen und eintauchen in tiefen assoziieren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak bedenkt denkarten und denktechniken: \u00bbJemand mit einem klaren, witzigen, direkten Verstand.\u00ab, \u00bbJemand mit einem unklaren, diffusen, ernsten Verstand.\u00ab sie selbst hat einen blickenden verstand und verst\u00e4ndigen blick auf menschen und dinge. ein zugleich ernster und witziger verstand ist ebenso m\u00f6glich. und das witzige kann auch indirekt wirken. alles gute wirkt sowieso am besten von allein. verschmelzungen von gegens\u00e4tzen an der oberfl\u00e4che k\u00f6nnen ambivalenzen sichtbar machen und in die tiefe f\u00fchren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Intensit\u00e4t von Kindern.\u00ab, \u00bbLeichtigkeit in eine Sache bringen.\u00ab, \u00bbWenn man ganz frei und wild kommuniziert; in alle Richtungen, auf allen Ebenen.\u00ab, \u00bbWenn man vor lauter Ideen nicht wei\u00df, wo man beginnen soll.\u00ab dieses gef\u00fchl war jean paul sicher sehr vertraut. \u00bbGleichzeitig f\u00fchlen und denken.\u00ab dies gelingt, indem intuition und reflexion zusammenwirken, und zwar von beiden seiten her und auf augenh\u00f6he. \u00bbSich beim Unterwegssein von der Intuition navigieren lassen.\u00ab, die auch dem navigiertwerden durch andere entgegnet. es sind schon autofahrer, die sich navigieren lie\u00dfen, ohne dabei mitzudenken, in s\u00fcmpfen und mooren gelandet. \u00bbDem eigenen Auto einen Namen geben.\u00ab bei der, auch emotionalen, bedeutung, die autos f\u00fcr menschen haben, ist es schon erstaunlich, da\u00df man ihnen keine namen gibt. manche m\u00e4nner w\u00fcrden ihrem auto wohl namen von raubtieren oder kriegernamen verpassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJemand, der die Aussagen mit Anekdoten, Zitaten, historischen Gegebenheiten erg\u00e4nzt.\u00ab da f\u00fchle ich mich angesprochen, ebenso bei \u00bbSich n\u00e4hren aus dem, was man wei\u00df und denkt.\u00ab \u00bbJemanden erst in seiner Gr\u00f6\u00dfe\/Vielfalt\/Wahrhaftigkeit erfassen, wenn er schon gestorben ist.\u00ab in der literatur bekommt man die meisten anregungen von schriftstellern, die nicht mehr leben. im realen leben interessieren sich viele nicht f\u00fcr die tiefen anderer menschen und folgen lieber oberfl\u00e4cheneindr\u00fccken und vorurteilen, weil dies das nachdenken erspart. \u00bbMit einem Verstorbenen sprechen.\u00ab ich f\u00fchre \u00f6fter fiktive dialoge mit toten dichtern oder k\u00fcnstlern. und vermutlich sind die toten, von allen irdischen zw\u00e4ngen und interessen befreit, ohnehin die kl\u00fcgeren und besseren menschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn man personen erst entdeckt, nachdem sie gestorben sind, begreift man oft zugleich, da\u00df sie ihrer lebenszeit voraus und \u00fcberlegen waren. kleingeister und flachdenker wollen menschen mit eigenen denkhaltungen und denkleistungen besser nicht wahrnehmen, und zwar aus egoistischen gr\u00fcnden, damit sie ihre unterlegenheit nicht bemerken. hugo ball schrieb: \u00bb\u00dcber nichts \u00e4rgern sich ja die Menschen so sehr als \u00fcber einen Aufwand von Bildung und Intelligenz, der ihnen geschenkt wird.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ich bin in einem leipziger restaurant 1988 einmal einer \u00e4lteren frau begegnet, die am gleichen tisch sa\u00df und behauptete, sie habe albert einstein noch pers\u00f6nlich gekannt. ihre frische intelligenz und einige details aus dem leben einsteins, die ich zuvor nicht kannte, machten dies durchaus glaubw\u00fcrdig. etwa soll er an der t\u00fcr seines hauses ein schild mit der aufschrift: \u00bbBitte nicht st\u00f6ren! Ich arbeite!\u00ab angebracht haben und dann einmal selbst vor seiner eigenen haust\u00fcr umgekehrt sein, sicher weil seine gedanken woanders waren, also arbeiteten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Gefahr einer pauschalen Aussage.\u00ab die f\u00e4higkeit zum relativieren geh\u00f6rt zu den origin\u00e4r mittelwestundnordeurop\u00e4ischen gaben, w\u00e4hrend man anderswo noch oder wieder eher an eindeutige, allgemeing\u00fcltige und unantastbare wahrheiten und bekenntnisse glaubt, was differenzierungen und entspannende ironie verhindern kann. zudem glauben viele, ihre subjektiven stimmungen, meinungen und deutungen entspr\u00e4chen direkt objektiven tatsachen. und das betrifft nicht nur ungebildete menschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das reflexive denken ist das wichtigste erbe der aufkl\u00e4rung, und der kritik derselben, weil es sich immer erneut neu anwenden l\u00e4\u00dft, w\u00e4hrend politische, soziale, wirtschaftliche, religi\u00f6se und kulturelle systeme zerfallen und vergehen. der europ\u00e4ische geist will reflektieren. und das sollte so bleiben, zumal es vor groben weltbildern sch\u00fctzen kann. freilich besteht auch die gefahr, da\u00df man etwas zerreflektiert und vor lauter deutungsnuancen, die als spiegelbilder das original \u00fcberblenden, das inhaltsganze und wesentliche aus dem blick verliert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">einer zeugin jehovas, die bei mir klingelte und mich am haustelefon fragte, ob auch ich der meinung sei, da\u00df gott im leben oft fehle, antwortete ich einmal, g\u00f6tter seien keine mangelware, es g\u00e4be tausende davon, genauso wie d\u00e4monen, da k\u00f6nne sich jeder einen, oder sogar mehrere, aussuchen, worauf sie \u00bbEinen sch\u00f6nen Tag noch.\u00ab sagte. eine stunde sp\u00e4ter fand ich ein faltblatt der zeugen jehovas im briefkasten, das mich wohl von der vielg\u00f6tterei heilen sollte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">im vorwort schreibt die autorin: \u00bbDie Bewahrung der Vieldeutigkeit kann in Gefahr geraten, wenn die Benennung zur Wahrheit erkl\u00e4rt wird.\u00ab wo dies geschieht, mu\u00df das angeblich wahre entnannt werden. \u00bbEwig ist nur, was zur Wahrheit keinerlei Beziehung hat.\u00ab, behauptete emile m. cioran. das wort bewahrung deutet an, da\u00df das vieldeutige bereits im leben vorhanden ist und weder erst erfunden werden mu\u00df noch durch abstrakte begriffe, lehrs\u00e4tze und parolen, die allzu oft die funktion haben, weiteres und tieferes nachdenken zu verhindern, abget\u00f6tet werden sollte. \u00bbDen aktuellen Zeitgeist nicht verstehen.\u00ab menschen folgen dem zeitgeist, weil sie ihre zeit sonst nicht ertragen w\u00fcrden. wer einem zeitgeist folgt, versteht oft die probleme seiner zeit nicht. zeitungen sind zeitgeistverwertungsorgane.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">differenzierung und relativierung sind bei joanna lisiak denkart und kulturform zugleich. \u00bbJemand, der Strukturen erkennt.\u00ab das geh\u00f6rt zu den f\u00e4higkeiten, die ihren texten tiefe gibt. wer selber vielschichtig strukturiert ist, erkennt auch strukturen seiner mitwelt genauer. \u00bbJemand, der die Dinge ganz f\u00fcr sich, einzeln, einmalig sehen und sch\u00e4tzen kann.\u00ab die gedanken im buch sind zudem in ihrer reihenfolge bewu\u00dft komponiert, so da\u00df die s\u00e4tze miteinander korrespondieren und sich gegenseitig erg\u00e4nzen. \u00bbDie Anpassung, die durch Unsicherheit entsteht.\u00ab, \u00bbDie Anpassung, die durch Vernunft entsteht.\u00ab und \u00bbDie Anpassung, die aus dem Bewusstsein f\u00fcr Harmonie entsteht.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">au\u00dferdem gibt es, wie in anderen ihrer b\u00fccher, kulturgeschichtliche reflexionen: \u00bbDie Faszination f\u00fcr eine ganz bestimmte Kultur haben.\u00ab der verstand kann solche vorlieben nicht immer sofort erkl\u00e4ren. mir sind beispielsweise die altorientalischen kulturen, die griechische und keltische mythologie, die j\u00fcdische mystik, die romantik und der surrealismus besonders nahe, was wahrscheinlich mit meiner neigung zum bildhaften denken sowie der sympathie f\u00fcr gegenwelten der phantasie zusammenh\u00e4ngt. \u00bbDie Liebe und Faszination f\u00fcr bestimmte M\u00e4rchen\u00ab. ich komme immer wieder auf m\u00e4rchen wie \u00bbFrau Holle\u00ab, \u00bbH\u00e4nsel und Gretel\u00ab, \u00bbRotk\u00e4ppchen und der Wolf\u00ab oder \u00bbSchneewittchen\u00ab zur\u00fcck, die ich als kind teilweise auswendig kannte, daneben auf m\u00e4rchen, die etwas mit eigenen grunderfahrungen, projektionen inbegriffen, zu tun haben m\u00fcssen, wie das niederdeutsche \u00bbVon dem Machandelboom\u00ab, das bei ludwig bechstein vor 2000 jahren spielt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Unbehagen, im falschen Moment vom Traum erwacht zu sein.\u00ab bis zu einem gewissen ma\u00dfe kann man \u00fcben, im richtigen moment aufzuwachen. im g\u00fcnstigen fall ist das erwachen der beginn der rekonstruktion des traums durch die montage seiner handlungen und bilder, \u00e4hnlich wie ein arch\u00e4ologe mit seinen funden eine fr\u00fchere kultur rekonstruiert. joanna lisiak schreibt, da\u00df sie gelegentlich eine klartr\u00e4umerin sei. w\u00e4hrend ich an traumnotaten arbeitete, tr\u00e4umte ich auch \u00f6fter und intensiver, oder merkte mir mehr tr\u00e4ume. in seltenen f\u00e4llen hab ich sogar eine traumdeutung oder verschiedene ausg\u00e4nge eines traums getr\u00e4umt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn einem Gesicht etwas sehr Altes erkennen.\u00ab das meint wahrscheinlich etwas allgemeinmenschlichen, das zeitlos wirkt. kinder haben kurzzeitig merkmale fr\u00fcher vorfahren im gesicht, die dann wieder verwachsen. bei manchen ahnt man so die geschichte der v\u00f6lkerwanderungen ihrer ahnen. ich kannte personen, denen ich erkl\u00e4rte, sie h\u00e4tten sumerer oder etrusker unter ihren ahnen. bei einigen, die urdeutsche namen tragen, bemerkt man sogar ostasiatische gesichtsz\u00fcge. beim betrachten meiner kindheitsfotos sage ich mir, da\u00df ich vermutlich germanisch und keltisch gemischt bin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMit Gegenst\u00e4nden sprechen.\u00ab, \u00bbMit Pflanzen sprechen.\u00ab und \u00bbEine Sprache zwischen Mensch und Tier entwickeln.\u00ab das benennt den anspruch, auch dingen, pflanzen und tieren in ihren eigenarten zu entsprechen, indem man ihnen mit empathie begegnet. \u00bbEin Insekt retten.\u00ab ich fange sogar wespen, die den weg ins freie nicht mehr selber finden, mit einem plastikglas, das ich dann mit einem kleinen notizbuch abdecke, ehe ich die wespe am fenster wieder freilasse. gegen\u00fcber m\u00fccken bin weniger tolerant. \u00bbIns Wasser schauen, bis man etwas entdeckt, das sich bewegt.\u00ab, also bis das zu sehende einem entgegenkommt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEtwas f\u00fcr k\u00fcnstlich halten und beim N\u00e4herkommen und Anfassen feststellen, dass dieses Etwas lebt.\u00ab, oder umgekehrt. strabon berichtete \u00fcber ein bild des protogenes mit einem an eine s\u00e4ule gelehnten satyr und einem rebhuhn daneben, das, sobald das gem\u00e4lde aufgestellt war, von den menschen betrachtet und bewundert wurde, als sei es echt, w\u00e4hrend sie den satyr, obgleich ebenfalls gelungen dargestellt, fast \u00fcbersahen. noch mehr aber staunten die besitzer von rebh\u00fchnern, als ihre zahmen v\u00f6gel, die sie mitbrachten und vors gem\u00e4lde stellten, dem gem\u00e4lde zuriefen wie ihresgleichen und damit f\u00fcr einen menschenauflauf sorgten. da nun protogenes sah, da\u00df die nebensache zur hauptsache wurde, bat er die vorsteher des tempels, den vogel auf dem bild beseitigen zu d\u00fcrfen. und so tat er es. heute wissen wir, da\u00df sich das reale und fiktive, im alltag wie in der literatur und kunst, permanent miteinander verbinden und vermischen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p><strong>Der Geruch von Wind, W\u00f6rterbuch ohne W\u00f6rter <\/strong>von Joanna Lisiak, 2019, 280 Seiten, isbn 978-3-74942-246<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\">\r\n<div id=\"attachment_56553\" style=\"width: 195px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-56553\" class=\"wp-image-56553\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Der-Geruch-von-_Wind-Cover-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Der-Geruch-von-_Wind-Cover-185x300.jpg 185w, 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\u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verleiht der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; der titel erinnert mich daran, da\u00df die worte wetter und gewitter mit wittern verwandt sind, siehe altnordisch ve\u00f0r = wetter, witterung, wind, geruch, norwegisch v\u00e6r = wetter, atem, v\u00e6re = wittern. der mensch hat das wetter mit seinem geruchssinn&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/08\/die-witterung-der-worte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":56553,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1803],"class_list":["post-60244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60244"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60244\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}