{"id":60219,"date":"2020-05-17T00:01:36","date_gmt":"2020-05-16T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60219"},"modified":"2022-02-27T14:47:41","modified_gmt":"2022-02-27T13:47:41","slug":"unerwarteter-mehrwert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/05\/17\/unerwarteter-mehrwert\/","title":{"rendered":"unerwarteter mehrwert"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mit dem titel \u00bbWirklich reisen\u00ab grenzt sich die autorin, die zwischen reisen und tourismus unterscheidet, von vornherein vom massentourismus ab. in \u00bbVor Reiseantritt\u00ab schreibt sie: \u00bbDie Allmacht der Natur gab uns oft zu verstehen, wie klein und verletzlich wir sind, wenn wir nicht achtsam und vorausschauend agierten, oder uns kein Gl\u00fcck oder das Geschick beschieden war, die Unwegsamkeiten zu meistern. Zusammenh\u00e4nge zu sehen: Wasserkreisl\u00e4ufe, das Entstehen und Vergehen, das Leben der Tiere, was beeinflusst die Natur, was uns? Wie bewege ich mich fort, was sch\u00fctzt uns, welche Gefahren gibt es? Ruhe, den Wind h\u00f6ren, V\u00f6gel beobachten, Landschaften erleben, sich ausprobieren, Erfahrungen sammeln und &#8230; sehr viel lachen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">indem sabine raczkowski konkret und detailliert beschreibt, wie sie und ihr mann rainer bei jeder reise stets erneut, zwanglos, intuitiv, spontan, neugierig, erkundend, entdeckend, improvisierend und erprobend, zu ihren eigenen reisef\u00fchrern werden, kann der leser anteil an der lebendigkeit und lebensfreude der reisenden nehmen, das hei\u00dft im kopf mitreisen und anregungen daf\u00fcr empfangen, selber durch individuelles und selbstbestimmtes reisen urspr\u00fcnglich zu leben, zumindest vor\u00fcbergehend. die autorin beendet die tagesnotizen jeweils mit einem sternchen, das sozusagen der gutenachtgru\u00df ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sie reist mit ihrem mann gemeinsam im auto mit zelt, campingausr\u00fcstung, schlafs\u00e4cken und sturmstreichh\u00f6lzern, zu entfernteren reisezielen auch im wohnmobil. an einer stelle nennt sie diese art des reisens nomadisch. manchmal scheint dabei das suchen interessanter als das finden. wenn m\u00f6glich, w\u00e4hlt man nachtlager entlang der reiseroute. geradezu dokumentarisch und mit ge\u00fcbtem blick beschreibt und beurteilt sie das inventar und die beschaffenheit der jeweiligen unterk\u00fcnfte sowie die speiseangebote der lokale. wenn in einem der nachtquartiere ein floh erschienen w\u00e4re, k\u00f6nnte ich anmerken, da\u00df einst \u00bbAngenehmes Flohbei\u00dfen\u00ab ein gutenachtgru\u00df war. es erscheint aber im gesamten buch kein einziger floh.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das einleitende zitat von friedrich nietzsche, \u00bb\u201eWie komm ich am besten den Berg hinan?\u201f Steig nur hinauf und denk nicht dran.\u00ab, ist w\u00f6rtlich zu nehmen. die abenteuer der reisetage werden mitunter ungeplant, doch nicht unvorbereitet, zu mutproben, mit denen die reisenden ihre lebensf\u00e4higkeit durch bew\u00e4ltigung nicht vorhersehbarer herausforderungen, die den einsatz des ganzen k\u00f6rpers verlangen, erproben und sich best\u00e4tigen, und zwar auf befreiende, weil freiwillige weise, was nicht zuletzt der gesundheit des k\u00f6rpers guttut. mitunter gleicht dies einem \u00fcberlebenstraining unter ungewohnten und bisweilen schwierigen bedingungen, also lebenstauglichkeitspr\u00fcfungen. und dabei sieht es bei sabine raczkowski sehr gut aus. f\u00fcr einen mittelschweren meteoriteneinschlag w\u00e4re sie gewappnet und ger\u00fcstet und k\u00f6nnte dann sogar anderen helfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mit \u00bbMatschepampe\u00ab wiederum begegnet man bei ihr, die in magdeburg lebt, einem sch\u00f6n sinnlichen niederdeutschen wort. matsch und pampe sind lautnachahmende worte. der sprachklang wird oft umso besser, je \u00e4lter, oder gar schlechter, die sprache ist. ich h\u00f6rte einmal, wie eine mutter ihrer kleinen tochter, die in einer pf\u00fctze spielte, \u00bbDu olle Modderpadde.\u00ab zurief, also: du alte schlammkr\u00f6te oder du alter schlammfrosch. modderpadde hat mehr klang.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">fahren ist mit gefahr verwandt. zum gleichen wortstamm geh\u00f6ren deutsch fahrt, erfahrung, vorfahre, f\u00e4hrte, f\u00e4hre, gef\u00e4hrt, gef\u00e4hrte, fern, f\u00fchren, furt, fjord, f\u00f6rde, pforte, pf\u00f6rtner, port, porta, portal und portier, mittelhochdeutsch v\u0101re nachstellung, hinterlist, falschheit, betrug, gefahr, begierde, furcht, ervarunge durchwanderung, erforschung, englisch fear furcht, bef\u00fcrchtung, zu bef\u00fcrchtende gefahr, sorge, besorgnis, angst, altnordisch f\u0101r feindschaft, gefahr, schaden, falschheit, isl\u00e4ndisch farsott epidemie, seuche, w\u00f6rtlich fahrende krankheit, norwegisch farlig gef\u00e4hrlich, varlig vorsichtig, schwedisch varsel vorzeichen, (vor)warnung, varsam vorsichtig, behutsam, sorgsam, griechisch p\u00f3ros durchgang, zugang, \u00fcbergang, ausweg, lateinisch porta (stadt)tor, pforte, eingang, zugang, t\u00fcr, portus (sicherer) hafen, (flu\u00df)m\u00fcndung, zufluchtsort, portitor f\u00e4hrmann, z\u00f6llner, charon.\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">urspr\u00fcnglich bezogen sich diese worte vor allem auf umherziehende menschengruppen, etwa bei v\u00f6lkerwanderungen, die nach zudurchund\u00fcberg\u00e4ngen und auswegen suchten und dabei hohe gebirge und tiefe gew\u00e4sser, und die damit verbundenen gefahren, \u00fcberwanden. fahren bedeutete durchqueren, \u00fcberqueren, also f\u00e4hrten und furten erkunden, gesch\u00fctzte orte finden, nahrung auflesen, jagen, erbeuten, gefahren voraussehen und vermeiden und notfalls umkehren und fliehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">manche der reiseerfahrungen erinnern mit ihren erkundungen und hindernissen tats\u00e4chlich an v\u00f6lkerwanderungen. wie bei diesen m\u00fcssen die selber reisenden immer auch die naturbedingungen, vom wetter bis zum zustand der wege und pfade, im blick haben, um gefahrenmomente rechtzeitig zu erkennen. das alleinsein mit der natur erdet. und diese erfahrung ist ein mehrwert selbstbestimmten reisens, der unabh\u00e4ngig von geldkreisl\u00e4ufen wirkt und besteht. zugleich beschreibt die autorin lebensformen der bereisten l\u00e4nder. aus manchen begegnungen k\u00f6nnten geschichten werden. die sozialen beobachtungen lie\u00dfen sich noch vertiefen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">am dichtesten sind naturbeschreibungen wie die folgende aus norwegen, wo es noch urw\u00e4lder gibt und sich meer und berge, die das k\u00f6rperliche training \u00fcber jahrhunderte hinweg herausgefordert haben, h\u00e4ufig nahe sind: \u00bbUnterwegs treffen wir auf eine Ansammlung Baumwollgras. Wie ein heller Fleck wehender Grashippies, die stolz, noch langhaarig, wenn auch schlohwei\u00df, die Zeit \u00fcberdauert haben. Vielleicht laufen sie ja davon, wenn wir uns entsprechend entfernt haben. Vielleicht sind das die Flower-Powers der Trolle und Elfen, die nur den Bauch einziehen und die Luft anhalten, wenn jemand vor\u00fcber kommt. Ich werde das Foto sp\u00e4ter mit der Lupe betrachten. Eventuell kann ich es dann erkennen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in norwegen ahnt sabine raczkowski trolle, findet aber keine, vielleicht zum gl\u00fcck. denn trolle waren urspr\u00fcnglich riesen, verk\u00f6rperungen elementarer naturgewalten. irgendjemand mu\u00df die norwegischen fjorde und gebirge schlie\u00dflich erschaffen haben. und riesen neigen zum j\u00e4hzorn und zur gewalt. etwa wurden trolle in m\u00e4rchen und sagen als menschenfresser beschrieben, die reisende entf\u00fchren. trolle, die nachtaktiv sind, f\u00fcrchten, meiden und hassen sonne, hitze und gewitter. wenn ein sonnenstrahl sie trifft, k\u00f6nnen sie versteinern. norwegisch sagt man beim gewitterdonner: \u00bbThor verhaut die Trolle.\u00ab sp\u00e4ter wurde das wort troll auf andere phantasiewesen, wiederg\u00e4nger, also totengeister, die keine ruhe finden, ungeheuer und teufel \u00fcbertragen. die welt der menschen war einst voller geister. irgendwo mu\u00dften die seelen der toten ja bleiben. in norwegen erkundigte sich sogar jemand bei den reisenden, wie er beim n\u00e4chsten urlaub selber mit seinem auto zu den trollstiegen kommt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">am rhein ist sie auf spuren von heinrich heine unterwegs. in der schweiz beschreibt sie den sinn von kuhglocken: \u00bbDamit die K\u00fche nicht vereinsamen, weil sie ihre Artgenossen bei Nebel nicht mehr sehen k\u00f6nnen, und so die teuren Tierpsychologen eingespart werden, die unweigerlich gebraucht w\u00fcrden, bei einer Einsamkeitsneurose einer Kuh. Darum tragen sie Glocken.\u00ab vielleicht tragen eines tages auch einsame menschen in der anonymit\u00e4t der st\u00e4dte glocken oder gl\u00f6ckchen. andererseits haben schon b\u00fcrger gegen kuhglocken geklagt, die sie als l\u00e4rmbel\u00e4stigung empfanden. daran verdienen dann juristen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in irland thematisiert sie die nationalfarbe gr\u00fcn. \u00bbUrlaub in Irland ist Urlaub f\u00fcr die Augen, f\u00fcr die Seele.\u00ab und \u00bbDie Wirkung der Farbe ist der Grund, warum Holzbearbeitungsmaschinen gr\u00fcn sind. In einem Maschinensaal darf nichts Alarmierendes, Aufregendes zu sehen sein. Schon gar nicht d\u00fcrfen die gef\u00e4hrlichen Fr\u00e4sen und S\u00e4gen gef\u00e4hrlich aussehen. Ruhe ist Pflicht. Seelische Ruhe, denn ruhig ist es \u00fcberhaupt nicht zwischen diesen Monstern. St\u00e4ndige Aufmerksamkeit ist erforderlich. Ablenkung t\u00f6dlich. Es kann sich mithilfe dieser Farbe auf das Wesentliche konzentriert werden.\u00ab ein mangel an intensiver farbigkeit, der beruhigt, kann also abgetrennte arme, h\u00e4nde und finger verhindern, wie die gelernte m\u00f6beltischlerin sabine raczkowski wei\u00df. ich hab in meiner jugend eher beklagt, da\u00df die w\u00e4nde von maschinenhallen und werkst\u00e4tten wie mit tarnfarben gestrichen waren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in norwegen, der f\u00fchrenden wintersportnation, wo die autorin in lillehammer eine fahrt mit dem sommerbob machte, fand sie im wald einen meterhohen ameisenhaufen. die waldameise, die vor allem in nadelw\u00e4ldern lebt und auch h\u00fcgelameise hei\u00dft, baut h\u00fcgel mit einem meter h\u00f6he. unter der erde sind die baue noch gr\u00f6\u00dfer. populationen einer gemeinschaft von waldameisen k\u00f6nnen sich mit dutzenden nestern auf einer fl\u00e4che von mehreren hektar ausbreiten. und \u00e4hnelt ein ameisenhaufen, zumal von oben gesehen, sozusagen aus kosmischer perspektive, nicht sehr der menschenwelt? wer die menschheit objektiv zu betrachten versucht, sieht zun\u00e4chst vor allem ameisenhaufen, w\u00e4hrend die zeitgeistkonformen ich-marionetten nicht einmal ahnen, da\u00df sie zu einem haufen geh\u00f6ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der private und famili\u00e4re ton des buches entspricht der tagebuchform, was vertrautheit schafft und die unmittelbarkeit der reiseeindr\u00fccke betont, aber auch naturalistisch wirken kann, zumal dort, wo die sprache wenig distanz zum beschriebenen und zur umgangssprache hat. man mu\u00df beim schildern von erlebtem immer aufpassen, da\u00df nicht das substantielle dem authentischen geopfert wird. manche beschreibungen haben, indem sie von momentanen eindr\u00fccken leben, schon etwas touristisches und passagierhaftes. \u00bbDurch die sch\u00f6ne Jugendstilstadt schlendern wir mal hier hin, mal dort hin, essen einen Happen und schlendern weiter.\u00ab franz\u00f6sisch bedeutet das substantiv passager passagier, reisender, fahrgast, fluggast, das adjektiv passager augenblicklich, vor\u00fcbergehend, durchreisend, fl\u00fcchtig, verg\u00e4nglich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn autoren schreiben wie sie sprechen, so wirkt das sicher urw\u00fcchsig. das postmoderne denken und empfinden glaubt indes nicht mehr ans ungebrochen unmittelbare. zu sehr wurde nahezu alles bereits reflektiert, und mitunter zerreflektiert. man kann dies kritisieren. dennoch verlangt literarische gestaltung symbiosen, indem etwa die reflexion das erleben und die vertiefung die momenteindr\u00fccke erg\u00e4nzt. wenn sie von einem film \u00fcber den heiligen ciaran, oder kiran, irisch ciar hei\u00dft dunkel, schwarz, den sie im irischen clonmecnoise sieht und der ihr wie ein heldencomic vorkommt, zur eiertorte mit schinken \u00fcberleitet, die sie hinterher i\u00dft, so l\u00e4\u00dft sich das als postmoderne ironie vor ernstem historischen hintergrund deuten. der heilige gr\u00fcndete an besagtem ort 548 eine m\u00f6nchssiedlung, deren klosteranlage im 17. jahrhundert, wie andere kl\u00f6ster irlands, von engl\u00e4ndern zerst\u00f6rt wurde. die erw\u00e4hnung der speisen, die tagt\u00e4glich w\u00e4hrend der reisen gegessen werden und deren notiz zun\u00e4chst der chronistenpflicht der tagebuchschreiberin folgt, hat mitunter etwas rituelles. heinrich heine schrieb, da\u00df er in k\u00f6ln eierkuchen mit schinken a\u00df, der jedoch so gesalzen war, da\u00df er rheinwein dazu trinken mu\u00dfte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">f\u00fcr die berichte \u00fcber den australienaufenthalt verwendete die autorin, abweichend von der sonstigen gegenwartsform, die vom reisetagebuch ausgeht, die vergangenheitsform, die eine gr\u00f6\u00dfere distanz erm\u00f6glicht. australien ist eben doch ein g\u00e4nzlich anderer und daher teils fremder kontinent, der vieles hat, das ein europ\u00e4isches gem\u00fct nicht kennt. zur belastung wurden dort h\u00e4ufiger regen, eine sturmflut mit todesopfern, die angst vor schlangen und spinnen und schreiende papageien. die autorin kommentiert denn auch manches sarkastisch: \u00bbKein Papierschnipselchen lag auf der Erde, nur ein Schl\u00e4fer ab und zu.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">immerhin entsch\u00e4digte das essen: \u00bbRote Einhandkrabben, in Knoblauchbutter gebacken.\u00ab, eine abwehrzauberspeise. krebse sollten, sicher vor allem wegen ihrer scheren, apotrop\u00e4ische wirkungen haben, so schon auf antiken m\u00fcnzen, in griechenland und italien h\u00e4ngte man kindern krebsscheren gegen den b\u00f6sen blick um, und knoblauchzehen ebenfalls teufel, d\u00e4monen und vampire fernhalten. es soll menschen gegeben haben, die sich t\u00e4glich vorm schlafengehen mit knoblauch einrieben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">man nannte oder nennt die australier, als bewohner der anderen erdseite, die auch einen andern sternenhimmel hat, antipoden oder gegenf\u00fc\u00dfler. da kann das bergebesteigen zum globusbesteigen werden. und die obdachlosen m\u00fcssen sich nachts gut festhalten. in australien begegnen die reisenden kakadus, die ein alter von 100 jahren erreichen k\u00f6nnen. bei australischen ureinwohnern ist der kakadu totemtier. im malayischen bedeutet kakat\u016bwa, wovon das wort kakadu abgeleitet wurde, alter bruder oder alter vater.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ich erlebte als kind eher urlaubsreisen der zwanghaften art. mein vater f\u00fcrchtete und ha\u00dfte, folge seiner autorit\u00e4ren erziehung sowie der harten pr\u00e4gungen durch krieg, flucht und nachkrieg, alles spontane und \u00fcberraschende, das er als bedrohung empfand, und ma\u00df mit linealen, die er mitnahm, am ersten urlaubstag auf wanderkarten, die er zuvor kaufte, die wanderwege, um die routen von wanderungen f\u00fcr die n\u00e4chsten tage festzulegen. wenn dann das lokal, das er anhand der karten f\u00fcrs mittagessen ausgew\u00e4hlt hatte, ruhetag gehabt hat und der errechnete zeitablauf durcheinanderkam, war das eine tortur f\u00fcr ihn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sabine raczkowski formuliert als ziel, durch die reisen kraft zu sch\u00f6pfen, um danach wieder arbeiten zu k\u00f6nnen. \u00bbDie Aufenthalte, die Texte \u2012 w\u00fcnsche ich mir, m\u00f6gen Fluchten aus dem Alltag sein, wie sie meine, wie sie unsere Fluchten immer noch sind \u2026\u00ab fluchtimpulse treiben die modernen gesellschaften \u00e4hnlich dynamisch an wie die illusionen der verhei\u00dfungen. und viele sind bereit, \u00bbtats\u00e4chlich das zu sehen, worauf man sie warten l\u00e4\u00dft.\u00ab, wie roland barthes in seinen \u00bbMythen des Alltags\u00ab konstatierte, weshalb sie das ersehnte solange nicht wirklich bekommen m\u00fcssen, wie die manipulation funktioniert. der fatale kreislauf wird so nie durchbrochen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">f\u00fcr manche, und auf diesen kontrast zu den reisen von sabine und rainer raczkowski sei hier hingewiesen, sind reisen und reiseberichte heute auch machtdemonstrationen, die zeigen, da\u00df man sich reisen leisten kann. freilich mag das dem \u00bbHomo Touristicus\u00ab nicht immer bewu\u00dft sein. die menschen in den bereisten l\u00e4ndern merken das jedoch. und die art und weise, wie touristen die fotos ihrer reisen herumreichen, verr\u00e4t es ebenfalls. oft gehts dabei gar nicht ums reiseziel, sondern um die troph\u00e4en, die man hinterher vorf\u00fchren kann. urlaubsfotos, die abbilder in souvenirs verwandeln, zeigen h\u00e4ufig beutez\u00fcge von j\u00e4gern und sammlern, die glauben, man w\u00fcrde beherrschen und besitzen, was man fotografiert hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">dies meint freilich verhaltensweisen von reisenden, die \u00fcberwiegend gruppenweise transportiert werden und meist alles wie daheim haben wollen, blo\u00df anders. karl kraus schrieb schon 1926: \u00bbDie Fremdenf\u00fchrer, welcher Branche sie immer angeh\u00f6ren m\u00f6gen, der Kultur oder dem Gastwirtgewerbe schlechthin, wechseln; die Fremden bleiben dieselben.\u00ab an einigen stellen beschreibt die autorin, wie tourismusunternehmen und deren partner massentouristen, denen sie bei ihren reisen begegnete, auch als massemenschen behandeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">viele der leute, die sich reisen lassen, sind vermutlich selbst im urlaub fast nur mit banalem und trivialem besch\u00e4ftigt, da es ihnen, w\u00e4hrend sie als urlauber das gef\u00fchl haben, sie handelten aus eigenem antrieb, nicht gelingt, vom antrainierten fremdbestimmten verhalten ihres sonstigen lebens loszukommen. die beschr\u00e4nkung aufs private, samt der neigung, umfassend gemeintes verk\u00fcrzt pers\u00f6nlich zu nehmen, geh\u00f6rt zu den grundmerkmalen des kleinb\u00fcrgers. roland barthes analysierte: \u00bbDer Kleinb\u00fcrger, das ist der Mensch, der sich selbst vorzieht.\u00ab, \u00bbdie Unf\u00e4higkeit, sich das Andere vorzustellen, ist einer der durchg\u00e4ngigsten Z\u00fcge jeder kleinb\u00fcrgerlichen Mythologie.\u00ab und \u00bbDer Schneid des Kleinb\u00fcrgers besteht darin, qualitative Werte zu meiden und jedem Ver\u00e4nderungsproze\u00df die Statik der Gleichheiten entgegenzusetzen (Auge um Auge, Wirkung gegen Ursache, Ware gegen Geld, auf Heller und Pfennig usw.)\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">durch momentaufnahmen im touristischen vor\u00fcberfahrenodergehen wesentliches \u00a0wahrzunehmen, ist allerdings auch schwierig. allzu oft folgt in eben dem moment, wo man etwas n\u00e4her erkunden und vertiefen k\u00f6nnte, bereits der n\u00e4chste eindruck und das n\u00e4chste reiseziel. bei vielen touristen zeigt sich ein grunddilemma der menschen, die ja mehrheitlich unter ihrem menschsein leiden und nach kompensationen suchen, da\u00df sie sogar dort, wo sie etwas neues, unbekanntes, ungew\u00f6hnliches entdecken k\u00f6nnten, h\u00e4ufig blo\u00df augenblickseindr\u00fccken folgen und \u00e4u\u00dferlichkeiten wahrnehmen, weshalb die mitgebrachten souvenirs und fotos die wirkliche erfahrung ersetzen m\u00fcssen, mit denen sie sich dann an etwas erinnern, das sie nicht erlebt haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zum reisebuch geh\u00f6ren fotografien mit reisemotiven, \u00fcberwiegend aufnahmen von landschaften. einigen gab ich beim betrachten ironische namen. das cover-motiv, das eine winzige felseninsel zeigt und im buch das kapitel \u00fcber die reisen im westen der usa einleitet, nannte ich \u00bbdas inselreich des eremiten\u00ab, das foto auf seite 131, das in australien unmittelbar vor einem unwetter entstand, \u00bbwellenwolken wolkenwellen\u00ab, und das foto auf seite 207 von einem ort unmittelbar am felsigen fjord in norwegen \u00bbidylle mit zacken\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">bei der fahrt durch irland h\u00f6rten die reisenden, neben irischer musik, tom waits, neil young, janis joplin oder van morrison. warum ist die irische musik so gut? weil die iren, die ihren toten fr\u00fcher whisky, also lebenswasser, und tabak mit ins grab gaben, aufgrund ihrer keltischen urspr\u00fcnge spiralf\u00f6mig singen und musizieren k\u00f6nnen. die spiralform gilt als eine form des zyklischen, also werdens und vergehens, sowie der entwicklung und verwandlung bis hin zur auferstehung, und somit einer ganzheit in bewegung.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-60224\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Reisen.jpg\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"374\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Reisen.jpg 347w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Reisen-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Reisen-260x374.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Reisen-160x230.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wirklich reisen<\/strong>, von Sabine Raczkowski. 2000-2009 \/ USA Ostk\u00fcste, Norwegen, \/ Deutschland, Schweiz, Australien, Schweden, Irland, USA Westk\u00fcste\u00ab \u00bbTelescope Verlag\u00ab, mildenau, 2018<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; mit dem titel \u00bbWirklich reisen\u00ab grenzt sich die autorin, die zwischen 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&rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":98546,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,2420],"class_list":["post-60219","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-sabine-raczkowski"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60219","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60219"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101022,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60219\/revisions\/101022"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98546"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60219"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}