{"id":60213,"date":"2020-04-27T00:01:00","date_gmt":"2020-04-26T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60213"},"modified":"2020-09-08T14:18:59","modified_gmt":"2020-09-08T12:18:59","slug":"spielraeume","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/27\/spielraeume\/","title":{"rendered":"spielr\u00e4ume des staunens"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">2016 erschien von joanna lisiak, die zwischen z\u00fcrich und basel lebt, der gedichtband \u00bblinks wenn sie tr\u00e4umt\u00ab beim verlag \u00bbedition 8\u00ab in z\u00fcrich, einem der ausgangsorte der klassischen moderne. \u00bblinks wenn sie denkt\u00ab w\u00e4re ebenfalls m\u00f6glich. links tr\u00e4umen und denken bedeutet, die zukunft mitdenken, \u00fcber das vorgefundene hinausgehn, alternativen zum herk\u00f6mmlichen und bestehenden entwickeln, etwas frei und neu gestalten, die gef\u00e4hrdeten und schutzlosen verteidigen und fehlentwicklungen entgegenwirken. der titel lie\u00df mich zudem an die linke gehirnh\u00e4lfte denken. f\u00fcr das schreiben von gedichten braucht man, sofern die zuordnungen stimmen, mehr die intuitiv, sch\u00f6pferisch und ganzheitlich wahrnehmende rechte gehirnh\u00e4lfte, f\u00fcrs \u00fcberarbeiten st\u00e4rker die systematisch, analytisch und detailbezogen arbeitende linke. vielleicht war diese trennung, die inzwischen teils infrage gestellt wird, aber selber die folge dualistischer weltbilder. mir scheint am wichtigsten, da\u00df die gehirnh\u00e4lften zusammenwirken. in einem gespr\u00e4ch sagte die autorin, insbesondere auf ihre lyrik und deren leser bezogen: \u00bbFinde mich, aber komm nicht auf die Idee zu denken, mich deswegen zu kennen.\u00ab wer gedichte verstehen will, sollte beachten, da\u00df sie etwas geheimnisvolles und vieldeutiges enthalten, dem sich ein interpret n\u00e4hern kann, ohne sich einzubilden, es bis ins letzte entschl\u00fcsseln zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die texte des bandes, der entspannt und entspannend wirkt, zeigen, wie joanna lisiak, lebenszugewandt und phantasievoll zugleich, das angenehme mit allen sinnen erlebt und dabei urspr\u00fcnglich und originell ist, und umgekehrt. wenn sie mit facetten des alltags spielt und ihre spontane und energiegeladene kreativit\u00e4t vieles verkn\u00fcpft und vernetzt, verbindet sie, nachdenklich und heiter veranlagt, etwa gedankentiefe und humor, die f\u00fcr sie keinen gegensatz bilden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der leser findet ein poetisches gastmahl der sch\u00f6nheit, leichtigkeit und lockerheit. die lebenswelt wird staunend erkundet und betrachtet, in ihren nuancen wahrgenommen und mit der eigenen phantasie ausgef\u00fcllt, also poetisiert, wie im gedicht \u00bbin bereitschaft\u00ab: \u00bbins schaufenster des optikers \/ gesp\u00e4ht auf den regalen \/ aufgereiht all die blinden \/ brillengestelle noch unbeseelt \/ auch sie lugen hinaus \/ zur strasse hin \/ nackte nasen im visier\u00ab. die brillen gleichen hier seelen, die, wie in mythen und noch lange im volksglauben, auf ihren k\u00f6rper warten, indem sie ihren m\u00f6glichen k\u00fcnftigen tr\u00e4ger anschauen. bei hans arp wurden st\u00fchle, uhren, krawatten, kn\u00f6pfe, teller, gabeln, messer und besen zu gegenst\u00e4nden in gedichten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">immer wieder beschreibt sie das zarte, sanfte, nuancierte und grazile, sogar im unscheinbaren und allt\u00e4glichen. vielleicht lenkt auch die erkenntnis, die gro\u00dfen prozesse der welt, die sie in anderen b\u00fcchern thematisiert, seien kaum noch individuell beeinflu\u00dfbar, bis sie selber durch ihre wirkungen ver\u00e4nderungen erzwingen, den blick auf die kleinen dinge. literatur lebt vom konkreten. und das konkrete ist oft klein. walter benjamin und ernst bloch waren meister der beschreibung kleiner dinge. roland barthes erkl\u00e4rte, da\u00df alle wahren k\u00fcnstler \u00bbsich aus dem Kleinen heraus entfalten.\u00ab \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">novalis schrieb: \u00bbIndem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gew\u00f6hnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die W\u00fcrde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.\u00ab selbst das derbere oder robustere gedicht \u00bbmutmassung am bahnhofsplatz\u00ab geh\u00f6rt in dieses motivfeld. \u00bbnoch eher finden sich lippenstiftstummel unbrauchbare \/ fahrkarten vergilbte \/ notizzettel ung\u00fcltige telefonnummern \/ schirmsprossen loser \/ zigarettentabak ausgetrocknete \/ kugelschreiber leere petflaschen \/ vergessene rezepte \/ verlorene koordinaten verschneuzte \/ taschent\u00fccher zermanschte \/ pralinen kaputte \/ brillengestelle eine kr\u00fcmelsaat \/ stilles feuer als dass \/ in einer der baumelnden taschen \/ ein gedicht l\u00e4ge\u00ab. ich lie\u00df einmal, wahrscheinlich weil meine gedanken woanders waren, drei gerade gekaufte b\u00fccher samt einkaufsbeutel in einer stra\u00dfenbahn liegen, die dann in keinem fundb\u00fcro mehr auftauchten. an einer stelle schreibt sie: \u00bbviele w\u00fcrden \/ g\u00e4be es keine b\u00fccher \/ an der tatsache als solcher \/ sterben und manche die \/ w\u00fcrden es nicht \/ einmal merken\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die gedichte haben teils die poesie von m\u00e4rchen. in \u00bbich sah sie sofort\u00ab wird aus stiefm\u00fctterchen \u00bbmutterstiefelchen\u00ab. das wort stiefel oder schuh tragen tats\u00e4chlich einige blumen im namen. der frauenschuh etwa aus der familie der orchideen, die im antiken griechenland und noch viele jahrhunderte sp\u00e4ter f\u00fcr aphrodisiaka verwendet wurden, hei\u00dft deutsch auch venusschuh, marienschuh, kuckucksschuh und kuckucksstiefel, \u00f6sterreichisch guggerschuh, russisch ebenfalls kuckucksschuh. in \u00bbweichzeichner\u00ab finden sich \u00bbpusteblumenpropeller\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">au\u00dferdem gibt es eine kulinarische komponente. die passage \u00bbda flog mir eine idee \/ f\u00fcr ein gedicht entgegen sie schwebte \/ in einem bepuderten windbeutel dahin \/ da war ganz viel \u00a0musik \/ und poesie drin\u00ab im gedicht \u00bbtraum\u00ab mu\u00df man sich wohl mit einem l\u00e4cheln vorgetragen vorstellen. in \u00bbheute in der b\u00e4ckerei \/ (die paillasse-br\u00f6tchen)\u00ab kommt das wort \u00bbgeb\u00e4cksb\u00e4ckchen\u00ab vor. im \u00f6sterreichischen burgenland hei\u00dft ein weihnachtsgeb\u00e4ck wickelkind. in manchen orten bayerns bekamen eltern nach der geburt eines kindes einen \u00a0\u00a0meterlangen brotzopf geschenkt. das backen von brot, br\u00f6tchen, kuchen und anderem geb\u00e4ck im backofen, der wegen seiner gew\u00f6lbten form symbol des schwangeren bauches war, entspricht symbolisch dem wachsen des kindes im k\u00f6rper der mutter. schon das altertum kannte diese symbolik.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak erkundet in ihren gedichten, die unmittelbar, konkret, facettenreich und reflektierend sind, stets auch zwischenr\u00e4ume, intervalle, \u00fcberg\u00e4nge. ein kapitel hei\u00dft \u00bbim wirbel eines zwischentons\u00ab. \u00bbich werde in \u00fcberg\u00e4ngen verweilen\u00ab, schreibt sie im gedicht \u00bbbeschlossene sache\u00ab. das innehalten erm\u00f6glicht sublimierungen und vertiefungen. in \u00bbzustimmung\u00ab l\u00e4\u00dft sich das lyrische ich ins alter sinken, um daraus verj\u00fcngt aufzuerstehen, was mit alten techniken der verwandlung korrespondiert und mir den keltischen kessel der wiedergeburt ins ged\u00e4chtnis ruft. \u00bbdas bild sinkt herab \/ es ist j\u00fcnger als ich \/ ich sinke hinein \/ und bin alt \/\/ etwas erhabenes naht \/ ist bereit sich zu binden \/ ich gebe mich preis \/ und bin jung\u00ab. kreatives denken und gestalten erweckt und verj\u00fcngt menschen seelisch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbhier also bin ich\u00ab schreibt sie: \u00bbich bin pr\u00e4sens selbst wenn ich zeiten \u00fcberwinde \/ ich werde nicht \u00e4lter die \u00e4usseren \/ umst\u00e4nde ver\u00e4ndern sich\u00ab. dies meint spielr\u00e4ume des subjektiven erlebens und wahrnehmens sowie der phantasie und imagination gegen\u00fcber profanen realit\u00e4ten. die seelische zeit eines menschen entspricht sowieso nie ganz der uhrzeit. zwischen den worten lebt der dichter ohne uhr, zumindest w\u00e4hrend ein gedicht entsteht. mythische zeit ist immer zeitlose gegenwart. auch in wohnst\u00e4tten der elfen und zwerge herrscht eine andere zeitordnung, weshalb menschen, die solche orte aufsuchen, hinterher um jahrhunderte gealtert, krank und irre sein k\u00f6nnen, mitunter jedoch auch, sagt man, verj\u00fcngt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">manches im buch entspricht den ungezwungen vitalen und leichtf\u00fc\u00dfigen bewegungen von kindern, wie im gedicht \u00bbso leben\u00ab: \u00bbtanze ich im herbst \/ tango mit fallendem laub \/ mit leseb\u00e4ndchen im haar\u00ab oder in \u00bbangeprickelt\u00ab: \u00bbnoch im zarten segeln fischten wir die silben \/ in unsere schriftnetze\u00ab. ein kapiteltitel lautet: \u00bbunterwegs im flug\u00ab. das buch k\u00f6nnte auch \u00bblinks wenn sie fliegt\u00ab hei\u00dfen. im gedicht \u00bburwald\u00ab, ich denke da an den urwald bei kielce, der mich als kind begeistert hat, und wei\u00df bis heute, da\u00df der reisef\u00fchrer dort mikulski hie\u00df, ist von \u00bbklingenden fl\u00fcgeln\u00ab die rede. in \u00bbwie fl\u00fcssige seide\u00ab wird eine haarklammer wegen ihrer form mit einem schmetterling verglichen. in \u00bbkann dauern\u00ab hei\u00dft es: \u00bbich gehe erst wenn ich \/ naturgem\u00e4ss ein schmetterling \/ geworden bin\u00ab. bei hans arp findet sich die zeile \u00bbim sommer wachsen den toten wieder fl\u00fcgel\u00ab. der gedankenflug, durch den die lisiakschen texte entstehen, hat auch etwas schmetterlingshaftes, womit sie sich dem stil eines jean paul n\u00e4hert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">auf kinder wirken pl\u00f6tzlich auftauchende schmetterlinge, die wie wesen einer anderen welt erscheinen und im volksglauben seelen verk\u00f6rperten, m\u00e4rchenhaft und geheimnisvoll. ludwig bechstein schrieb: \u00bbEs war einmal eine Zeit, da es noch keine M\u00e4rchen gab, und die war betr\u00fcbend f\u00fcr die Kinder, denn es fehlte in ihrem Jugendparadiese der sch\u00f6nste Schmetterling.\u00ab, friedrich r\u00fcckert \u00bbwenn der Lebensschmetterling in der Puppe Tod erwacht.\u00ab, theodor d\u00e4ubler: \u00bbDas Land hat Gold f\u00fcr Sternenschmetterlinge.\u00ab, jean paul, der die \u00bbSchmetterlingsfl\u00fcgel bunter Einf\u00e4lle\u00ab kannte und tr\u00e4ume \u00bbNachtschmetterlinge des Geistes\u00ab nannte: \u00bbDie \u00e4ltesten Gef\u00fchle flattern unter den Nachtschmetterlingen.\u00ab, und hans arp: \u00bbEin gro\u00dfer blauer Falter lie\u00df sich auf mir nieder \/ und deckte mich mit seinen Fl\u00fcgeln zu \/ Und tiefer und tiefer versank ich in Tr\u00e4ume. \/ So lag ich lange und vergessen \/ wie unter einem blauen Himmel.\u00ab der chinesische philosoph zhu\u0101ngzi berichtete vor 2300 jahren, er habe getr\u00e4umt, ein schmetterling zu sein, und fragte sich beim erwachen, ob er nicht eigentlich ein schmetterling sei, der tr\u00e4ume, er w\u00e4re ein mensch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ernst j\u00fcnger wies auf die verbindung von traumhaft phantastischem und erotischem im erscheinen der schmetterlinge hin. insbesondere das hellenistische denken verband den schmetterling mit aphrodite, eros, dionysos und priapos, gottheiten der liebe und der fruchtbarkeit. aphrodite, zu deren gefolge der tagfalter geh\u00f6rte, und venus erschienen schmetterlingsgefl\u00fcgelt. bilder der aphrodite und venus mit eroten und schmetterlingen waren in der antike h\u00e4ufig. aphrodite wurde in ihrer liebe zu eros mit schmetterlingsfl\u00fcgeln dargestellt. lukian schrieb, da\u00df eros, mit dem der \u00fcbergang vom chaos zum kosmos beginne, sogar macht \u00fcber die g\u00f6tter, etwa seine mutter aphrodite, habe. eros selbst spannte schmetterlinge vor einen muschelwagen, der als symbol der weiblichkeit galt, oder pflug. auf fresken aus pompeji ziehen schmetterlinge eine kutsche.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">dante sah das irdische leben als raupendasein. anton tschechow \u00e4u\u00dferte, bei insekten entstehe der schmetterling aus der raupe, beim menschen w\u00e4re es umgekehrt. jean paul, der schrieb: \u00bbLiebe ist die Bienenk\u00f6nigin des jugendlichen Gedankenschwarms.\u00ab, bemerkte, der mangel an poetischen einf\u00e4llen k\u00f6nne darauf hindeuten, da\u00df der moralische mensch noch nicht alle raupenh\u00e4ute abgelegt habe. christlich war oder ist der schmetterling symbol des flatterhaften, l\u00fcsternen, unsteten, unbest\u00e4ndigen und eitlen sowie der t\u00f6richten liebe zur flackernden, also gef\u00e4hrlichen flamme, die s\u00fcnde assoziiert und in der man verbrennt. die verwandtschaft von flattern und flackern l\u00e4\u00dft an feuer denken. deutsch sagt man \u00fcber flatternde schmetterlinge, sie w\u00fcrden gaukeln. das wort gaukeln = flattern, schwankend fliegen, auf spielerische art t\u00e4uschen, zauberei treiben, geh\u00f6rt zur gleichen wortwurzel wie kokeln = unvorsichtig mit feuer spielen. schweizerisch toggeli bedeutet zugleich alp, nachtgespenst und schmetterling.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ebenso berichtet sie von ihrer kindheit in polen und erw\u00e4hnt, da\u00df ihr gro\u00dfvater imker war. elias canetti schrieb: \u00bbDer Dichter, der die Bienensprache verstand, und sie wird gesprochen.\u00ab gedichte f\u00fcr bienen m\u00fc\u00dften allerdings in ultravioletten farben erscheinen, die das menschliche auge nicht wahrnehmen kann, etwa bienenpurpur oder bienenviolett. wollten m\u00e4dchen in polen ihre unschuld beweisen, gingen sie mit ihrem verliebten zu einem bienenstock, in der hoffnung, nicht gestochen zu werden. nach katholischem glauben sollten bienen, deren schutzpatronin die jungfrau maria ist, jungfrauen erkennen. der polnischen braut wurde nach der einsegnung des ehebettes der mund mit honig bestrichen, der als symbol der verm\u00e4hlung galt. \u00bbDeine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim.\u00ab, hei\u00dfts im \u00bbHohelied\u00ab. in polen gab man fr\u00fcher, wie in anderen l\u00e4ndern, toten honig f\u00fcr die auferstehung mit ins grab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbovids g\u00f6ttertr\u00e4nen\u00ab, also der bernstein, ruft kindheitstage an der ostsee ins ged\u00e4chtnis. bernstein ist honigfarben und polnisch mi\u00f3d = honig mit met verwandt. an der ostsee wurde 40 bis 50 millionen jahre alter bernstein mit darin eingeschlossenen bienen gefunden, die sich kaum von heutigen bienen unterscheiden. ovid war am schwarzen meer in der verbannung, weshalb er vor allem in der russischen literatur oft als bezugsperson erscheint. ich bewahre noch heute einige ostseefunde, vor allem originell geformte steine, aus meiner kindheit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">beim lesen der gedichte von joanna lisiak erinnerte ich mich daran, da\u00df ich als kind am fenster der zweiten etage frau holle gespielt hab, indem ich es aus den puderdosen meiner tante schneien lie\u00df, und sp\u00e4ter, nachdem ich fallschirmspringer im fernsehen gesehen hatte, mit dem aufgespannten regenschirm meiner mutter vom schuppendach auf einen darunter liegenden komposthaufen gesprungen bin, wobei ich weich landete, der schirm aber schaden nahm. in bayern soll 1430 ein sturmwind einen dreij\u00e4hrigen jungen in die luft gehoben haben. im alpenraum gibts zudem sagen, in denen kinder von adlern davongetragen werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">im gedicht \u00bbes warnt meine lippen\u00ab erscheinen lachende schwalben, wie man sonst von lachenden m\u00f6wen spricht. bereits in der antike waren schwalben gl\u00fccksv\u00f6gel. die schwalbe, die um segen angerufen wurde, verhie\u00df das reine, lichte, erfreuliche, auf das man auch ihren hellen schrei bezog. in deutschland, \u00f6sterreich und der schweiz galt es als gutes zeichen, schwalben zu sehen. auf dem pariser vogelmarkt kauften noch im 19. jahrhundert personen aller volksschichten schwalben, die sie fliegen lie\u00dfen, weil dies gl\u00fcck bringen sollte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zum band geh\u00f6ren einige sch\u00f6ne liebesgedichte, wie \u00bbglockenklang\u00ab: \u00bbdu und ich zwei \/ glocken ohne kl\u00f6ppel \/ wenn du dich an deiner \/ angel festmachst und auch \/ ich mich sichere dann \/ schweben wir beide jeder \/ f\u00fcr sich kann nicht fallen \/ ein ferner wind sanft verzahnt \/ unsere ketten \/\/ dann stossen wir aneinander \/ mit gew\u00f6lbten k\u00f6rpern \/ und bringen zum klingen \/ wir selbst \/ ohne kl\u00f6ppel die leerstellen \/ im raum zwischen uns\u00ab. hier l\u00e4\u00dft sich darauf verweisen, da\u00df spanisch tocar und italienisch toccare zugleich das glockenl\u00e4uten und die ber\u00fchrung bezeichnen. im deutschen volksglauben konnten kirchenglocken, die man sich als beseelt, ja vernunftbegabt dachte, fliegen und sich ihren standort selber w\u00e4hlen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mehrmals erscheint der kater von joanna lisiak, wie in \u00bbaus dem nichts\u00ab: \u00bbdas majest\u00e4tische auftauchen von p\u00e9pino aus dem dunklen nichts \/ steuert er auf samtpfoten gezielt \/ wie ein findling dem lichtkegel entgegen \/ er rechnet gelassen doch genau \/ mit meinen verschwenderischen \/ \u00fcbergriffen sanfter streichelattacken\u00ab. in \u00bbtag des kusses\u00ab, einem gedicht, das etwas augenzwinkernd ironisches hat, hei\u00dfts: \u00bbspontan schaffe sicher ich eine libelle \/ am bauch k\u00fcssend zu packen\u00ab. libellen, die auch r\u00fcckw\u00e4rts fliegen k\u00f6nnen, lieben sich fliegend. jeder in seinem element. durch die sumpfw\u00e4lder des karbon, der kohlezeit, flogen riesenlibellen mit 30 bis 60 zentimetern l\u00e4nge und 70 bis 75 zentimetern fl\u00fcgelspannweite. forscher vermuten sogar bis zu einem meter lange urlibellen, f\u00fcr die es aber noch keine arch\u00e4ologischen belege gibt. die gr\u00f6\u00dfte heutige libelle ist 19 zentimeter lang. die mitteleurop\u00e4ische gro\u00dfe k\u00f6nigslibelle mit gr\u00fcnblauem k\u00f6rper und goldgelben fl\u00fcgeln hat 8 zentimeter l\u00e4nge und 11 zentimeter spannweite.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">im gedicht \u00bbplan\u00ab hei\u00dft es: \u00bbwird der garten \/ ein st\u00fcck himmel.\u00ab franz\u00f6sisch planter, verwandt mit deutsch plan und pflanze, bedeutet (be)pflanzen. das \u00bbAlte Testament\u00ab beschreibt das paradies als einen garten. der \u00bbTalmud\u00ab erkl\u00e4rt: \u00bbDie Welt ist der sechzigste Teil des (Paradies-)gartens, der Garten der sechzigste Teil des (Gartens) Eden\u00ab. im \u00bbKoran\u00ab und arabisch sind garten oder baumgarten synonyme f\u00fcr paradies. michel serres schrieb in \u00bbDie f\u00fcnf Sinne \/ Eine Philosophie der Gemenge und Gemische\u00ab: \u00bbDer alte Rat: &#8222;Bestelle deinen Garten&#8220;, diese alte Weisheit, bedeutet in Wirklichkeit: &#8222;Du wirst leben wie ein Gott&#8220;.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbportrait\u00ab spielt mit sprachklang: \u00bbnicht mit schl\u00fcsseln klimpert sie nicht \/ mit geldst\u00fccke nein nicht \/ mit armb\u00e4ndern diesen bettelarmb\u00e4ndern \/ schon gar nicht mit ihren wimpern denn \/ wimpernklimpern ist nicht ihr ding \/ hingegen mit gedanken gelegentlich \/ mit ihrem klimperherzen klimpert sie \/ fr\u00f6hlich stets aufs harmonische klimpern \/ bedacht \/\/ mit kindern sagt sie sei leicht zu klimpern \/ ihre tr\u00e4ume reine klimperparadiese \/ klimpernd sei dort alles bis die ohren sausen \/ pianissimo alles ineinander klimpert ein aus \/ mit was sie am liebsten klimpere fragte ich \/ mit allen sinnen meinte sie an mir vorbeiklimpernd \/ mit allem ernst\u00ab. das lautnachahmende wort klimpern ist verwandt mit klampfe, klampfern, klampern = ein metallisches ger\u00e4usch verursachen, klempern = klingen, klimpern, h\u00e4mmern, klopfen, und klempnern, also klempnerarbeiten verrichten, bei denen das vom werkzeug ber\u00fchrte metall klingt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbr\u00f6ntgenaufnahme\u00ab versetzt die autorin menschliche k\u00f6rper anhand der formen und strukturen eines r\u00f6ntgenbildes zur\u00fcck in biologische urspr\u00fcnge vor dem landgang der lebewesen: \u00bbk\u00f6nnten wir uns jetzt zu einem \/ gruppenfoto begeben und ein \/ r\u00f6ntgenbild schiessen \/ in unserer brust zeigte sich \/ ein spreizendes ge\u00e4st \/ feierlich und wir w\u00fcrden \/ mit einem schlag zu korallen \/\/ der bunt gedeckte tisch \/ auf einmal ein bootswrack \/ wir w\u00e4ren vom meer umgeben \/ statt worten perlen stiegen auf \/ wenn wir zart atmeten \/ aus den poren um uns \/ die stille der tiefe ein teil von uns \/ w\u00fcrde unsichtbar werden \/\/ \u00fcberall tangwald in der k\u00fcche \/ statt speiseresten wirbelndes \/ plankton das wohnzimmer \/ mit algen \u00fcberzogen \/\/ unsere herzkranzgef\u00e4sse und wir \/ als gruppe aus freunden \/ bildeten ein ganzes korallenriff \/ in jeder koralle w\u00e4re ein \/ zuckender kleiner fisch auf besuch \/ unser herz\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das gedicht \u00bbiras 16293-2422\u00ab verbindet makrokosmos und mikrokosmos, stern und ich, indem es einen stern poetisiert: \u00bbda ist ein junger stern \/ am himmel von einer \/ zuckerhaltigen gaswolke umgeben \/ bei diesem gedanken steigt \/ mein blutzuckerspiegel \/ auf meiner zunge fernfiebrige \/ geschmacksknospen im tanz \/ mit der s\u00fcsse sie gaukelt \/ harmonie vor und ich weiss \/ wenn leben entsteht \/ ist auch zucker im spiel\u00ab. das wort \u00bbnebelmelker\u00ab in \u00bbder himmel zeuge\u00ab erinnert an hans arps \u00bbWolkenpumpe\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das buch ist mit dem einband eines orangenen bildes samt orangenem leseb\u00e4ndchen von mariola lisiak sehr sch\u00f6n gestaltet. vielleicht h\u00e4ngt die wahl der farbe auch mit den verkleinerungsformen in den texten zusammen, die mit abstufungen und feinheiten spielen lassen und im polnischen, doch auch im schweizerischen, vorgepr\u00e4gt sind, da sie dort h\u00e4ufiger vorkommen. ponisch <em>mandarynka<\/em> f\u00fcr mandarine bedeutet mandarinchen. ursprung k\u00f6nnte das wort mandara auf mauritius sein, wo mandarinen angebaut werden. mandarine und apfelsine stammen urspr\u00fcnglich aus s\u00fcdostasien. der orangengarten neben der kathedrale, der fr\u00fcheren maurischen moschee, von c\u00f3rdoba ist \u00fcber 1000 jahre alt. renaissance und barock verbanden orangen mit den goldenen \u00e4pfeln der hesperiden, womit wir erneut im paradies w\u00e4ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das gedicht \u00bbdie tatsache gen\u00fcgte vollkommen \/ zu meinem vergn\u00fcgen\u00ab beschreibt eine fiktive, oder tagtraumhafte, begegnung mit paul klee: \u00bbpaul klee sass im publikum \/ er war da als ich \u00fcber paul klee \/ sprach als ich klee zitierte h\u00f6rte \/ er als ich erz\u00e4hlte wie klee \/ teil meiner gedichte wurde\u00ab. 2010 erschien von joanna lisiak beim \u00bbLittera Autoren Verlag\u00ab z\u00fcrich ein gedichtband unterm titel \u00bbKlee compos\u00e9 \/ Lyrik mit Paul Klee\u00ab, in dem sie mit worten, wortkreationen, werktiteln und s\u00e4tzen von paul klee eigene gedichte komponierte. dabei verwendete sie texte klees aus b\u00fcchern, katalogen, tageb\u00fcchern und seiner lehrt\u00e4tigkeit am \u00bbBauhaus\u00ab, wo er glasmalerei, buchbinderei, schmiedekunst und formgestaltung unterrichtete. auf passagen aus klees briefen und gedichten verzichtete sie. beim buchtitel ist wohl auch mitzudenken, da\u00df klee, sohn eines musiklehrers und einer s\u00e4ngerin, der seit seinem siebenten lebensjahr geige spielte, musikalische prinzipien auf farben, formen und strukturen seiner bilder \u00fcbertrug, in deren titeln h\u00e4ufig musikalische motive anklingen, also syn\u00e4sthetisch arbeitete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die montage profitiert stets von der qualit\u00e4t des montierten. und da ist man bei klee in guten h\u00e4nden. im vorwort zu diesem band hei\u00dft es: \u00bbGanz im Sinne des K\u00fcnstlers kann das Unausgesprochene in den Gedichten manchmal mehrstimmig anklingen, das Unbewusste pr\u00e4sent sein. Wie auch bei Klees Arbeiten entziehen sich die Texte einer einfachen Deutung, bergen zugleich poetische wie abstrakte Elemente in sich und schliessen Ironisches, Humor nicht aus.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">klees f\u00e4higkeit, das spielerische und poetische mit gestalterischem und geistigem zu verbinden, entspricht genau den intentionen von joanna lisiak. ein buchtitel bei klee lautet \u00bbDas bildnerische Denken\u00ab. sie erreicht ihre gr\u00f6\u00dfte originalit\u00e4t meist dort, wo sie bei oder nach einem assoziativen flug der kreativit\u00e4t, der intuitiv ideen und einf\u00e4llen folgt, metaphern und gedanken sprachlich verknappt und konzentriert, also beide gehirnh\u00e4lften intensiv kooperieren. \u00bbwill fliegen wie der junge fuchs \/ voll von schwungkr\u00e4ften \/ die \u00fcber die schwerkraft \/ triumphieren\u00ab, ist sicher eine selbstanspielung. polnisch lisica hei\u00dft f\u00fcchsin. man findet in ihren texten \u00f6fter eine heitere selbstironie. auch die passage \u00bbschmeckt ein \u00e4sthetisches \/ manifest fraglich doch sie \/ ist weiblich sch\u00f6pferisch \/ wesentlich ist ihr voller \/ langer augenaufschlag \/ nach innen\u00ab bezieht sie wohl selbstironisch auf sich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbkristallisation\u00ab ist auch eine hommage f\u00fcr klee selbst: \u00bbengel \u00fcbervoll frisst mir \/ unwirklich aus der hand \/ gibt mir mein eigenes \/ bild zum lachen \/ wir wandern auf sternen \/ gebaut auf sand wo \/ h\u00e4ngende fr\u00fcchte und \/ pathetisches keimen auf \/ einem bilderbogen zum \/ strauss zu binden m\u00f6glich \/ wir sitzen gelassen auf \/ einem bl\u00fchenden baum \/ ich behaupte sein sch\u00fcler \/ zu sein h\u00e4tte einen guten \/ klang es gl\u00fcht nach als er \/ mich am ende k\u00fcsst mit \/ seines mundes kuss\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">um klees worte und s\u00e4tze miteinander zu verbinden, ist die montagetechnik nicht allein eine m\u00f6glichkeit zum poetischen spiel, sondern notwendig. die gedichte in \u00bbKlee compos\u00e9\u00ab sind bewu\u00dft gebaut und scheinen sich dennoch, durch die intuition, die darin wirkt, mitunter der automatischen schreibweise der surrealisten zu n\u00e4hern. an einer stelle erscheint der \u00bbmond \/ mit sonnenschirm\u00ab. \u00bbwas alles w\u00e4chst und ist\u00ab folgt wahrnehmungsweisen von k\u00fcnstlern der zwanziger jahre des zwanzigsten jahrhunderts: \u00bbin der zwitschermaschine \/ eine vorf\u00fchrung des wunders \/ ein engel vom stern noch \/ weiblich mit fl\u00fcgelblick pflegt \/ die empfindung beim spiel \/ einer lyristin zweige im herbst \/ mit gelben v\u00f6geln mit dem ei \/ ein l\u00e4chelndes tierchen an der \/ pfote saugt auf einer welle \/ ein modehut wie eine seerose \/ gibt mir pianissimo sein h\u00e4ndchen \/ zwei unter dem schirm ein \/ abgek\u00fcrztes h\u00f6rnendes tier und \/ fabelhafter nachwuchs winken \/ vogel-flugzeuge einsamen \/ dem hafen entlang beflaggte \/ stadt entfettet etwas schwerh\u00f6rig \/ auf gr\u00fcn bemanteltes selbf\u00fcnft \/ regen besprengt zeigt mir die zunge \/ es gl\u00fcht vor lauter liebe so \/ m\u00f6cht ich auch\u00ab. klee meinte sein bild \u00bbZwitschermaschine\u00ab, das mechanische v\u00f6gel zeigt, die beim bet\u00e4tigen einer handkurbel singen, und nach dem musikst\u00fccke verschiedener komponisten entstanden, spielerisch, phantasievoll und ironisch. auch seine gedichte, bei denen man eine n\u00e4he zu hans arp, hugo ball, joachim ringelnatz oder christian morgenstern bemerkt, sind \u00f6fter sprachundklangspielerisch. hugo ball sprach vom \u00bbBuchstabenbaum\u00ab, von dem die poetischen evas und adams essen. manchmal fliegen die fr\u00fcchte der kreativit\u00e4t freilich durch die luft und man mu\u00df sie auffangen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in fr\u00fcheren jahrhunderten waren k\u00fcnstliche v\u00f6gel popul\u00e4r, die sich bewegen, singen oder kr\u00e4hen und teils sogar berauschende d\u00fcfte verstr\u00f6men konnten. w\u00e4hrend der renaissance gab es in italien k\u00fcnstliche pfaue, die das rad schlugen und wohlriechendes r\u00e4ucherwerk im schnabel trugen. ernst jandl soll sich wenige monate vor seinem tod, schon schwer krank, eine chinesische hahnenuhr gekauft haben, die zu jeder vollen stunde einen hahnenschrei ert\u00f6nen l\u00e4\u00dft. so konnte er jede stunde seines ihm noch verbleibenden lebens als neuen tag erleben. am stra\u00dfburger m\u00fcnster befindet sich bis heute ein aus eisen geschmiedeter 117 zentimeter hoher hahn an einer astronomischen uhr, die von 1352 bis 1354 gebaut wurde. das war noch eine imposante haltbarkeitsdauer. dieser hahn kann mit den fl\u00fcgeln schlagen, seinen hals strecken, den schnabel \u00f6ffnen und mittels kleiner orgelpfeifen t\u00f6ne erzeugen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">meist eulengestaltige vogelgef\u00e4\u00dfe, das hei\u00dft fayencegoldodersilbereulen, die man heute in museen findet, entstanden seit dem 16. jahrhundert in deutschland, der schweiz, belgien und italien. solche gef\u00e4\u00dfe besa\u00dfen teilweise ein laufwerk, das sie auf dem tisch umherfahren lie\u00df. vor wem das weingef\u00fcllte beh\u00e4ltnis stehen blieb, der mu\u00dfte es austrinken. andere eulengef\u00e4\u00dfe schossen pfeile oder gewehre ab oder verspritzten strahlenf\u00f6rmig fl\u00fcssigkeit. die sexuelle symbolik ist hier unverkennbar. au\u00dferdem gab es silberne gl\u00f6ckchen und eingebaute fl\u00f6ten an und in metalleulen. \u00e4hnliche gef\u00e4\u00dfe wurden auch in form von adler, greif, hahn, basilisk, pfau, ente, pelikan oder kr\u00e4he hergestellt. alldas k\u00f6nnte klee zu seiner \u00bbZwitschermaschine\u00ab angeregt haben. egon friedell schrieb in seiner \u00bbKulturgeschichte der Neuzeit\u00ab, novalis sei der einzige nat\u00fcrlich singende vogel unter den deutschen romantikern gewesen, w\u00e4hrend die andern alle virtuose spieldosen waren. ich w\u00fcrde da zumindest noch e.t.a. hoffmann und wilhelm hauff ausnehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die farben der bilder klees sind oft mediterran, das hei\u00dft von den landschaften und kulturen der mittelmeerl\u00e4nder gepr\u00e4gt, und haben teils etwas orientalisches. er hat in \u00e4gypten und tunesien gemalt und gezeichnet. neben expressionismus, surrealismus, kubismus und konstruktivismus beeinflu\u00dfte ihn auch der impressionismus, malerisch einer der h\u00f6hepunkte der bildenden k\u00fcnste, vor allem paul c\u00e9zanne, zumindest in der wahl der farben. f\u00fcr mich bilden europa und der orient kulturgeschichtlich ohnehin einen kulturraum. aber das wu\u00dfte, w\u00e4hrend man es heute eher wieder vergi\u00dft, bereits goethe, siehe sein \u00bbWest\u00f6stlicher Diwan\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbich hab&#8217;s geh\u00f6rt\u00ab aus \u00bbKlee compos\u00e9\u00ab verbindet und verschmilzt joanna lisiak konkrete und abstrakte wahrnehmungen, farben und kl\u00e4nge, wobei das visuelle das akustische \u00fcberwiegt. \u00bbein zum virtuosen neigender \/ sieht mit seinen regnerischen \/ augen nichtkomponiertes mosaik \/ im raum bedr\u00e4ngt und bewegt \/ von der macht des str\u00f6menden \/ orange-blau zeitlich gr\u00fcn in gr\u00fcn \/ r\u00e4umlich umd\u00e4mpft baut er auf \/ dem farbklavier die sch\u00f6nheit \/ der variationen in aller stille geht \/ hoffnung durch ihn durch lehmgr\u00fcn \/ rosa nach allen seiten hin sichtbar \/ sich entfaltend zarteste bestimmtheit \/ nuancen flackern zun\u00e4chst \/ strenger dann freier bis heilsam\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">man spricht vom hellen klang einer stimme oder glocke oder eines instruments oder sagt, etwas halle nach. umgekehrt hei\u00dfen grelle farben schreiend. hell beschreibt urspr\u00fcnglich einen akustischen eindruck und wurde erst sp\u00e4ter aufs visuelle wahrnehmen \u00fcbertragen. ich hab bei schrillen ger\u00e4uschen grelle farben vor augen, vor allen gelbe. das wort gelb ist verwandt mit glut und gl\u00fchen. \u00bbheller wirbelt der Hain\u00ab, schrieb ludwig christoph heinrich h\u00f6lty, und meinte den vogelgesang. verwandte worte von hell sind deutsch gellen, schelle, schelten, hall, hallen, schall, das gall in nachtigall, althochdeutsch gihelli = harmonisch, unhelli = mi\u00dft\u00f6nend,\u00a0 gellan = grell t\u00f6nen, schreien, klingen, grellen = laut, vor zorn schreien, galan = singen, bezaubern, behexen, isl\u00e4ndisch gala = kr\u00e4hen, gelta = bellen, altirisch kaileach = hahn, litauisch gulbe = schwan, russisch galka = dohle, griechisch ch\u0113lid\u1e53n = schwalbe und armenisch ca\u0142r = gel\u00e4chter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">walter benjamin zitierte georg simmel: \u00bbWer sieht, ohne zu h\u00f6ren, ist viel beunruhigter als wer h\u00f6rt ohne zu sehen. Hier liegt etwas f\u00fcr die Soziologie der Gro\u00dfstadt Charakteristisches. Die wechselseitige Beziehung der Menschen in den Gro\u00dfst\u00e4dten zeichnet sich durch ein ausgesprochenes \u00dcbergewicht der Aktivit\u00e4t der Augen \u00fcber die des Geh\u00f6rs aus.\u00ab so k\u00f6nnen auch akustische eindr\u00fccke mit worten bezeichnet werden, die visuelle wahrnehmungen beschreiben. roland barthes erkl\u00e4rte: \u00bbIn den Tr\u00e4umen wird das Geh\u00f6r nie eingesetzt. Der Traum ist ein streng visuelles Ph\u00e4nomen, und das an das Ohr gerichtete wird mit dem Auge wahrgenommen: Es handelt sich sozusagen um akustische Bilder.\u00ab r\u00fcckt uns der traum der gro\u00dfstadt also n\u00e4her? wer aus dem traum erwachen will, mu\u00df freilich h\u00f6ren. verinnerlichte ger\u00e4usche verlagert die erinnerung meist wieder nach au\u00dfen, vor allem die negativ erlebten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ich empfinde \u00bblinks wenn sie tr\u00e4umt\u00ab als einen sehr pers\u00f6nlichen gedichtband von joanna lisiak, die sich vielem anderen anverwandeln kann und ihre blickwinkel und schreibweisen wechselt, weshalb man \u00fcber ihre lyrik nicht summarisch schreiben sollte, weil jeder band anders ist. sie geh\u00f6rt zu den seefahrern der literatur, die stets zu neuen k\u00fcsten aufbrechen. \u00a0hier beschreibt sie spielerisch vor allem eigene lebenskreise, lebensformen und sehns\u00fcchte. die reisegedichte des bandes leben von fotografischen oder filmischen momentaufnahmen und episoden sowie reflexionen \u00fcber worte und zeichen anderer sprachen und kulturen. \u00bbspanisch\u00ab schildert die situation an einer verkehrsampel: \u00bbhoffe gr\u00fcn meint keck\u00ab. der gr\u00fcnfink gilt als keck und flink. in den gr\u00fcnphasen k\u00f6nnten also ampelfinken aufleuchten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>links wenn sie tr\u00e4umt<\/strong>, Gedichte von Joanna Lisiak. Edition 8, 2016<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"242\" class=\"wp-image-60215\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/image-3.jpeg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verleiht der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2016 erschien von joanna lisiak, die zwischen z\u00fcrich und basel lebt, der gedichtband \u00bblinks wenn sie tr\u00e4umt\u00ab beim verlag \u00bbedition 8\u00ab in z\u00fcrich, einem der ausgangsorte der klassischen moderne. \u00bblinks wenn sie denkt\u00ab w\u00e4re ebenfalls m\u00f6glich. links tr\u00e4umen und denken&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/04\/27\/spielraeume\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":60215,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1803],"class_list":["post-60213","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60213"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60213\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}