{"id":60189,"date":"2020-03-12T00:01:00","date_gmt":"2020-03-11T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60189"},"modified":"2021-01-06T05:17:45","modified_gmt":"2021-01-06T04:17:45","slug":"kuchenmaennchen-und-hummermenschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/12\/kuchenmaennchen-und-hummermenschen\/","title":{"rendered":"kuchenm\u00e4nnchen und hummermenschen"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der band \u00bbBernstein und Valencia\u00ab von sibylle ciarloni, die auch b\u00fchnentexte und essays schreibt und mit auftrittsformen experimentiert, enth\u00e4lt 22 erz\u00e4hlungen. die ersten texte, behutsam geschriebene realistische kurzgeschichten mit oft famili\u00e4ren hintergr\u00fcnden und einem genauen blick auf details, bieten, meist von den figuren, die \u00fcberwiegend aus einfachen verh\u00e4ltnissen stammen, selbst erz\u00e4hlt, innenansichten von lebenswelten, wobei vermieden wird, die protagonisten blo\u00dfzustellen. in \u00bbDie ganze Arbeit\u00ab erkl\u00e4rt sie: \u00bbEs gibt Erz\u00e4hlungen, die nichts zu suchen haben im Licht der \u00d6ffentlichkeit, weil sie dort kleinm\u00fctig zerfetzt werden und der Mensch, der sie aus eigener Erfahrung und mit seinem Herz in der Hand erz\u00e4hlt, nicht mehr geachtet wird.\u00ab vielleicht hebt es auch fragmentierungen und zersplitterungen von identit\u00e4ten auf, wenn man die figuren selber reden l\u00e4\u00dft. ich dachte beim lesen dar\u00fcber nach, welche erfahrungen autobiographisch sein k\u00f6nnten und damit auf pr\u00e4gungen der autorin verweisen. f\u00fcr die geschichten selbst, die ihre eigene dynamik entfalten, ist dies aber nebens\u00e4chlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das authentische mu\u00df von sibylle ciarloni, die im aargau aufwuchs und heute in italien lebt, jedenfalls nicht gesucht oder konstruiert werden. es ist nat\u00fcrlicherweise in ihr vorhanden. aufgrund der urspr\u00fcnglichkeit ihrer erz\u00e4hlerischen sprache, bei der erz\u00e4hlton und w\u00f6rtliche rede oft ineinanderflie\u00dfen, ahnt man, da\u00df sie mit traditionen des m\u00fcndlichen erz\u00e4hlens vertraut ist. einige der texte setzen sich mit vorurteilen gegen\u00fcber benachteiligten, mi\u00dfbrauchten, besch\u00e4digten und au\u00dferseitern auseinander, so \u00bbDie ganze Arbeit\u00ab, wo das ausnehmen, entgr\u00e4ten, entschuppen und filetieren von fischen in einer hotelk\u00fcche mit der wollust der hotelchefin und ihrer k\u00fcchenangestellten verbunden wird, zu deren aufgaben offenbar auch die prostitution geh\u00f6rt, wobei es zum bildungsniveau der hotelbesitzerin hei\u00dft: \u00bbWarum man B\u00fccher zweimal \u00fcbersetzt, war ihr schleierhaft.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">nebenbei beschaffen sich in dieser erz\u00e4hlung alpendohlen, auch bergdohlen genannt, listig nahrung, wie natur und kultur des alpenraums insgesamt \u00f6fter hintergr\u00fcnde der handlungen bilden. alpendohlen, die einen gelben schnabel und rote f\u00fc\u00dfe haben, leben in den schweizer alpen, wo sich ihr nahrungsangebot durch den tourismus kontinuierlich verbessert hat, noch auf 3800 metern h\u00f6he. im sommer ernten sie obstg\u00e4rten, plantagen und weinberge im schwarm ab. w\u00e4hrend der partnerwerbung vollf\u00fchren alpendohlen, die in felsspalten, wo sie auch ihre nahrung f\u00fcr den winter verstecken, h\u00f6hlen und grotten nisten und durchschnittlich 15 jahre alt werden, effektvolle synchronfl\u00fcge vor hochgebirgskulisse, wie wenn sie touristen etwas vorf\u00fchren wollten. in den mammutsteppen der eiszeit waren diese v\u00f6gel verbreiteter als im heutigen europa. die alpen sind eines ihrer r\u00fcckzugsgebiete.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">einige passagen assoziierten mir szenen aus filmen des italienischen neorealismus. mehrfach werden eltern beschrieben, die ihre kinder nicht wirklich gut behandeln oder gar f\u00fcr egoistische interessen mi\u00dfbrauchen, wie in \u00bbIch war Durty\u00ab, wo eine mutter ihre sexuellen spiele mit ihrem zw\u00f6lfj\u00e4hrigen sohn treibt, bis sie schwanger wird, \u00bbAlles in Ordnung\u00ab, \u00bbSchneckenpaare\u00ab oder \u00bbDas M\u00e4dchen\u00ab, worin es hei\u00dft: \u00bbKinder lieben ihre Eltern bedingungsloser als Eltern ihre Kinder.\u00ab hier dachte ich beim lesen an jeremias gotthelfs erz\u00e4hlung \u00bbRabeneltern\u00ab, worin rabeneltern, indem gotthelf das sprichwort beim worte nahm, wirklich zu raben werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Haustier\u00ab, eine parodie des haltens von haustieren, mit dem der moderne mensch seine zunehmende entfernung und entfremdung von der natur zu kompensieren versucht, und der erf\u00fcllung des traums vom gl\u00fccklichen mitbewohner, der zum alptraum wird, hat etwas phantastisch absurdes, indem ein wellensittich namens romilda derart extrem w\u00e4chst, da\u00df die eigent\u00fcmerin erst ihr bett in seinen k\u00e4fig stellt, dann eine wand der wohnung herausrei\u00dfen l\u00e4\u00dft, damit er weiterhin fliegen kann, und schlie\u00dflich auszieht. \u00bbRomilda lebte inzwischen in allen Zimmern inklusive dem Bad. Dort lebten die Teile, die dahingeh\u00f6rten. Im Wohnzimmer waren Bauch und R\u00fccken, in den beiden kleineren Zimmern die Fl\u00fcgel und in der K\u00fcche der Kopf mit dem Schnabel.\u00ab, da\u00df die teile eines hauses k\u00f6rperteile seien, ist eine alte magische vorstellung, bis das haus am ende einst\u00fcrzt, weil der vogel, der die besten speisen bekommt, explodiert. \u00bbDann gab ich ihr zu essen. Zuerst die gebratenen Pilze mit Knoblauch und Petersilie, dann Tomaten mit Mozzarella und Basilikum, dann eine Lasagne mit Auberginen und B\u00e9chemel. Romilda gluckste. \/\/ Dann die gebratenen Taubenfl\u00fcgel mit Kartoffengratin, dann die ged\u00fcnsteten Seegurken mit frischem Blattspinat umwickelt, dazu in \u00d6l eingelegte Artischocken \/\/ Romildas Augen wurden immer gr\u00f6sser und ich war gl\u00fccklich, dass sie auf diese Weise ihre Freude zeigte. Dann ein Zitronensorbet und zum Schluss drei Kilo Trauben. Das ist ges\u00fcnder als Quarktorte. \/ Dachte ich. \/\/ Dann platzte Romilda und mit ihr zerbarst das Haus. Der ganze Siebeng\u00e4nger lag im Keller und mich hatte es in den Garten auf den Apfelbaum geschleudert. Und ja, da hing ich dann.\u00ab dies ist auch eine persiflage der \u00fcberversorgung bei menschen, und damit der vergeudung von ressourcen. am ende h\u00e4ngt die figur im apfelbaum allein und hat keinen gl\u00fccklichen mitbewohner. der wellensittich, der kleine australische papagei, der seit dem 18. jahrhundert nach europa eingef\u00fchrt wurde, war einst ein stubenvogel des volks, im gegensatz etwa zum kakadu, der in verm\u00f6genden haushalten lebte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">kritik am halten von hausv\u00f6geln gab es schon in der literatur fr\u00fcherer jahrhunderte. explodierende wellensittiche sind mir dabei noch nicht begegnet. finken wurden einst geblendet, damit sie umso besser singen. \u00fcber einen guten s\u00e4nger sagt man italienisch, er singe wie ein blinder fink. eine gem\u00e4\u00dfigtere variante war, da\u00df man finken den sommer \u00fcber an einen dunklen ort setzte, damit sie im herbst, ins helle gesetzt, desto sch\u00f6ner s\u00e4ngen. manche finken wurden sogar, wie zirkustiere, abgerichtet, melodien nachzuahmen und kunstst\u00fccke zu vollf\u00fchren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in \u00bbD\u00e4mmerungen 1\u00ab und \u00bbD\u00e4mmerungen 2\u00ab greift die autorin auf motive der schwarzen romantik zur\u00fcck. in \u00bbD\u00e4mmerungen 1\u00ab l\u00e4dt ein graf die weibliche hauptfigur und ihren begleiter, \u00bbDer Andere\u00ab genannt, auf sein schlo\u00df zu einem bankett ein, das sich als party von totengeistern erweist, die lebende nicht erkennen. \u00bbBlasse Menschen sprachen in einer Sprache, die wir nicht verstehen konnten. Niemand bemerkte uns, niemand drehte sich um.\u00ab der graf spielt lieder der huzulen aus den karpaten. \u00bbEr schien eine Maschine zu sein, jederzeit bereit, auseinanderzuklappen und an Ort und Stelle r\u00f6chelnd in sich selbst zu verschwinden.\u00ab zuletzt bei\u00dft sie den grafen, der an dracula erinnert, und ihren begleiter. in \u00bbD\u00e4mmerungen 2\u00ab ist die m\u00e4nnliche hauptfigur ein untoter, der durch einen vampirbi\u00df starb. totengeister sehnen sich nach dem leben. deshalb trinken sie blut. in \u00bbDer Ungar\u00ab fri\u00dft ein drei meter gro\u00dfer automatenhafter mann, der eigent\u00fcmer einer kneipe ist, die abgerissen werden soll, und den vampir-figuren \u00e4hnelt, seine letzten g\u00e4ste. in franz\u00f6sischen m\u00e4rchen hei\u00dfen zauberkundige riesen ungar.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in der ersten erz\u00e4hlung des bandes, \u00bbAlles in Ordnung\u00ab, sucht die ich-figur, aus der schweiz kommend, ihre berliner tante bei einer kreativen party, die sie zun\u00e4chst als chaotisch empfindet und deren besucher durch ihre nonkonformistisches verhalten teils irritierend auf sie wirken, ehe deren erleben ihre autorit\u00e4re und zwanghafte erziehung infrage stellt. man bemerkt indes auch hier ironische untert\u00f6ne, wie \u00fcberhaupt manche erz\u00e4hlungen von sibylle ciarloni etwas satirisches haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDavon weiss niemand\u00ab erz\u00e4hlt eine eisenbahnfahrt mit traumhaften einsch\u00fcben. beschleunigung ist eines der wesentlichen merkmale der eisenbahn sowie des traums und films. auch viele tr\u00e4ume handeln vom reisen und haben eine rasante handlungsdynamik. bahnfahrten wirken schon an sich filmisch, indem die fahrende zeit landschaften, r\u00e4ume, reisende, gegenst\u00e4nde und erinnerungen in immer wieder neuem licht und schatten erscheinen l\u00e4\u00dft. zugleich k\u00f6nnen die monotonen fahrtger\u00e4usche des zuges zum schlafen und tr\u00e4umen einladen. hier bekommt der panettone, ein italienischer kuchen mit kandierten fr\u00fcchten und rosinen, der im karton mit der weiblichen hauptfigur reist und zeitweilig verlorengeht, w\u00e4hrend seine besitzerin tr\u00e4umt, ehe er au\u00dfer atem wieder im zugabteil auftaucht, menschliche eigenschaften. \u00bbDas Zugfahren, vorausgesetzt man findet einen Platz in Fahrtrichtung, l\u00e4sst wegfallen, was nach dem Ordnungmachen der letzten Tage noch \u00fcbrig ist. Nach dem hintersten Wagen f\u00e4llt die Welt zusammen. Doch davon weiss niemand \/\/ Der Panettone muss diesen Abgrund gesehen haben. Sonst w\u00e4re er mir niemals hinterhergerannt.\u00ab da fragt man sich, und hier wirkt erneut ironie, ob ein wesen, das einem kuchen gleicht, sozusagen ein kuchenm\u00e4nnchen, einer frau, der er hinterherl\u00e4uft, wirklich gef\u00e4llt. die rosinen im kuchen sind jedenfalls tot. vielleicht wollte der panettone ja zu seinen vorfahren zur\u00fcck. ich hab als kind \u00f6fter vorm hintersten fenster am ende eines fahrenden zuges gestanden, wahrscheinlich weil ich dort das gef\u00fchl haben konnte, da\u00df ich die reale welt hinter mir lassen k\u00f6nne.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der sehr pr\u00e4gnante hummer auf dem cover, der sich beim ersten betrachten ebenfalls ironisch deuten l\u00e4\u00dft, bezieht sich auf die titelgeschichte des buches und bekommt etwas mahnendes, wenn man diese kennt. \u00bbBernstein und Valencia\u00ab ist der h\u00f6hepunkt eines phantastischen realismus, zu dem, da das buch \u00fcberwiegend wie nach musikalischen prinzipien, vom einfachen hin zum komplexeren, geordnet ist, die andern texte hinleiten. zun\u00e4chst kann der leser der erz\u00e4hlung kurzzeitig glauben, eine frau und ein mann w\u00fcrden ganz normal tauchen und sich unter wasser begegnen, bis er die verwandlung beider in meerestiere nach einer planetarischen und tektonischen katastrophe miterlebt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die erde ist \u00fcberflutet. st\u00e4dte mit ihrer wohnh\u00e4usern und fabriken sind gr\u00f6\u00dftenteils ins meer abgesunken. \u00bb\u00fcber dem Meer waren nur noch einzelne Felsen, auf welchen die Menschen zusammengepfercht in engen hohen H\u00e4usern zu leben hatten.\u00ab, \u00bbJedes Felsst\u00fcck, das aus dem Wasser ragte, war dicht bebaut. Die hohen H\u00e4user waren durch Br\u00fccken miteinander verbunden. An den Br\u00fccken hingen Stahlger\u00fcste, in welchen mithilfe von Brettern und Netzen kleine G\u00e4rten angelegt und auch Schlafpl\u00e4tze eingerichtet wurden. Auf den wenigen B\u00e4umen und in den kr\u00e4ftigen Str\u00e4uchern gab es Baumh\u00fctten.\u00ab, \u00bbLandkarten gab es keine mehr, Staaten auch nicht. Wegweiser f\u00fchrten nach nirgendwo: \/\/ Jeder Fels war f\u00fcr sich allein.\u00ab, \u00bbDer Horizont war unwichtig geworden. Weltansichten wurden neptunisch und vulkanisch formuliert und nicht mehr in Himmelsrichtungen und durch Angaben von Fl\u00e4chen.\u00ab die tatsache, da\u00df dies nicht nur eine zukunftsvision ist, sondern die meeresspiegel schon in der gegenwart steigen, gibt dieser erz\u00e4hlung etwas sehr aktuelles.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">viele menschen t\u00f6ten sich in anbetracht der katastrophe. andere versuchen, wenigstens zeitweilig zu \u00fcberleben. \u00bbEinige Menschen hatten sich den Haien hingegeben oder waren einfach so ertrunken. Die Selbstm\u00f6rder schossen sich selbst in ihren rasend schnellen Autos von den Parkhausd\u00e4chern.\u00ab auch das hat was filmundalptraumhaftes. \u00bbDer Film ist die gesteigerte Lebensgefahr, der die Heutigen ist Auge zu sehen haben, entsprechende Kunstform. Das Bed\u00fcrfnis, sich Chockwirkungen auszusetzen, ist eine Anpassung der Menschen an die sie bedrohenden Gefahren.\u00ab, schrieb walter benjamins, \u00bbRochenaug und Haifischzahn bleibt uns ewig untertan!\u00ab albert ehrenstein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sibylle ciarloni beschreibt transformationen der menschen zu meeresbewohnern, die noch andauern. manche menschen werden zu haien. \u00bbValencia l\u00f6ste die Arme hinter ihrem R\u00fccken und Bernstein entdeckte Hummerscheren anstelle der H\u00e4nde.\u00ab, \u00bbSie l\u00e4chelte, als sie bemerkte, wie sich an ihren Handgelenken und Unterarmen eine krustenartige Haut bildete.\u00ab, \u00bbDann wurde Valencias Kleid von einem R\u00fcckenpanzer zerrissen, der ihr direkt aus der Wirbels\u00e4ule zu wachsen schien. Ihr Mund blieb offen. Die voranschreitende Verwandlung zeigte sonst noch keine Zeichen in ihrem Gesicht.\u00ab, \u00bbDoch die Frau w\u00fcrde in wenigen Stunden ein gew\u00f6hnlicher Hummer sein.\u00ab das ist sozusagen die evolutionstheorie von charles darwin, der auch krebse erforschte, apokalyptisch weitergedacht. \u00e4hnlich wie sich in der \u00fcberlieferung vieler v\u00f6lker seelen neue k\u00f6rper suchen, m\u00fcssen hier menschen auf der suche nach einem neuen naturzustand tiergestalt annehmen, damit sie weiterleben. die autorin l\u00e4\u00dft offen, wie die verwandlungen enden, die denen in mythen \u00e4hneln, und inwieweit die menschliche intelligenz in meerestieren weiterlebt. hier kann der leser selber weiterdenken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">auch bernstein wird zum hummer. schlie\u00dflich hat er valencia unter wasser gefunden. der hummer, der zu den anthropoden, gliederf\u00fc\u00dfern, z\u00e4hlt, von denen es \u00fcber eine million arten gibt, kann ein alter von 100 jahren erreichen. die schale der hummer, wirbellosen tieren, besteht aus chitin. die panzerung hat die funktion einer wirbels\u00e4ule, wie bei insekten das au\u00dfenskelett. krebse geh\u00f6ren, was schon ihre form vermuten l\u00e4\u00dft, zu den urtieren. die \u00e4ltesten erhaltenen krebsfossilien sind 500 millionen jahre alt. urzeitliche meereskrebse waren zwei meter lang. die triboliten verschwanden freilich bei einem gro\u00dfen artensterben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das hummermotiv ist klug gew\u00e4hlt, weil der krebs viele symbolische bedeutungen hat, die zu dieser geschichte passen. in mythen, etwa indischen und indianischen, wirken krebse bei der weltsch\u00f6pfung mit, indem sie mit ihren scheren schlamm vom meeresgrund heraufschaufeln, damit land entsteht. au\u00dferdem symbolisieren krebse, die ihren panzer abwerfen und erneuern, wiedergeburt und auferstehung. in \u00bbBernstein und Valencia\u00ab werden die beiden hauptfiguren einer endzeit der menschen sozusagen in hummern wiedergeboren. auf antiken m\u00fcnzen dienten krebse dem abwehrzauber. in griechenland und italien h\u00e4ngte man kindern krebsscheren um, damit sie gegen den b\u00f6sen blick gesch\u00fctzt seien.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">h\u00e4ufig erscheinen krebse in mythen, m\u00e4rchen, sagen sowie in der literatur und kunst als tiere der bedrohung, vor allem wegen ihrer scheren. manche krebse haben eine spannweite von drei metern, die japanischen riesenkrebse sogar von f\u00fcnf metern. der krebs, der oft ungl\u00fcckszeichen war, verk\u00f6rpert d\u00e4monische urkr\u00e4fte. das r\u00fcckw\u00e4rtsgehen der krebse wurde im sinne einer umkehrung der herrschenden und vertrauten ordnung gedeutet. deutsche sagen, etwa aus brandenburg und mecklenburg, beschreiben krebsungeheuer, die stadtmauern und kircht\u00fcrme zerst\u00f6ren oder fressen, wie sonst drachen. so k\u00f6nnte also auch das gewaltsame im menschen in krebstieren neue gestalt bekommen. in der parodistischen irischen sage \u00bbDie Seelenk\u00e4fige\u00ab h\u00e4lt ein wassermann tausende totenseelen ertrunkener matrosen in hummerk\u00f6rben am meeresgrund gefangen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der \u00bbEpilog \/ Wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Anweisung\u00ab gibt ratschl\u00e4ge, sich auf ein unterwasserleben vorzubereiten. der bei menschen beliebteste fisch d\u00fcrfte der delfin sein, der unter anderem krebse fri\u00dft, schon im alterums als heilszeichen galt und bis heute liebe, freundschaft, sympathie, harmonie, gemeinschaft, freude, optimismus, gro\u00dfz\u00fcgigkeit, rettung, kraft und leichtigkeit verk\u00f6rpert. w\u00e4ren delfine die besseren menschen? ansonsten symbolisiert der fisch wegen seiner menge fruchtbarkeit und gedeihen und damit reichtum und wohlstand, so altorientalisch, buddhistisch, indisch, chinesisch und japanisch. das chinesische zeichen f\u00fcr fisch, y\u00fc, ist gleichlautend mit y\u00fc = \u00fcberflu\u00df. zugleich haben fische nat\u00fcrlicherweise jenseitsbedeutungen, weil sie in unterwasserwelten leben. biblisch steigt jonas vom wal verschlungen in die unterwelt hinab. in der antike wurden fische \u00a0unterweltg\u00f6ttern geopfert und verstorbenen f\u00fcrs jenseits mitgegeben. ich empfinde die schildkr\u00f6te, die mythologisch urmutter sein konnte, als eines der sympathischsten meereslebewesen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bernstein und Valencia<\/strong> \/ Stories von Sibylle Ciarloni, Knapp Verlag, Olten, 2018<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53124&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bernstein-Cover-300x300.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe aufgelebt, daher brachten wir den Austausch zwischen Sibylle Ciarloni und Joanna Lisiak \u00fcber<em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/12\/03\/hier-also-bin-ich\/\"> Weltfremdheit, Mehrwert und selbstbewusste W\u00f6rter<\/a>.<\/em><\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>der band \u00bbBernstein und Valencia\u00ab von sibylle ciarloni, die auch b\u00fchnentexte und essays schreibt und mit auftrittsformen experimentiert, enth\u00e4lt 22 erz\u00e4hlungen. die ersten texte, behutsam geschriebene realistische kurzgeschichten mit oft famili\u00e4ren hintergr\u00fcnden und einem genauen blick auf details, bieten, meist&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/12\/kuchenmaennchen-und-hummermenschen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":53128,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1961],"class_list":["post-60189","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-sibylle-ciarloni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60189"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60189\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}