{"id":60125,"date":"2024-01-25T00:01:24","date_gmt":"2024-01-24T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=60125"},"modified":"2022-05-30T06:14:23","modified_gmt":"2022-05-30T04:14:23","slug":"unsere-lyrische-und-epische-poesie-seit-1848","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/25\/unsere-lyrische-und-epische-poesie-seit-1848\/","title":{"rendered":"Unsere lyrische und epische Poesie seit 1848"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt neunmalweise Leute in Deutschland, die mit dem letzten Goethe&#8217;schen Papierschnitzel unsere Literatur f\u00fcr geschlossen erkl\u00e4ren. Forscht man n\u00e4her nach bei ihnen, so theilen sie Einem vertraulich mit, da\u00df sie eine neue Bl\u00fcte derselben \u00fcberhaupt f\u00fcr unwahrscheinlich halten, am wenigsten aber auch nur die kleinsten Keime dazu in den Hervorbringungen der letzten zwanzig Jahre gewahren k\u00f6nnten. Wir kennen dies Lied. Die goldenen Zeiten sind immer\u00a0vergangene\u00a0gewesen. Wollten jene Herren, die so grausam \u00fcber alles Neue den Stab brechen, nach der eigensten Wurzel ihres absprechenden Urtheils forschen, sie w\u00fcrden sie in selbsts\u00fcchtiger Bequemlichkeit und in nichts Besserm finden. Gerechtigkeit gegen Zeitgenossen ist immer eine schwere Tugend gewesen, aber sie ist doppelt schwer auf einem Gebiete, wo das wuchernde Unkraut dem fl\u00fcchtigen Beschauer die echte Bl\u00fcte verbirgt. Solche Bl\u00fcten sind m\u00fchsam zu finden, aber sie sind da. Was uns angeht, die wir seit einem Decennium nicht m\u00fcde werden, auf dem dunklen Hintergrunde der Tagesliteratur den Lichtstreifen des Genius zu verfolgen, so bekennen wir unsere feste Ueberzeugung dahin, da\u00df wir nicht r\u00fcckw\u00e4rts, sondern vorw\u00e4rts schreiten, und da\u00df wir drauf und dran sind, einem Dichter die Wege zu bahnen, der um der Richtung willen, die unsere Zeit ihm vorzeichnet, berufen sein wird, eine neue Bl\u00fcte unserer Literatur, vielleicht ihre h\u00f6chste, herbeizuf\u00fchren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was unsere Zeit nach allen Seiten hin charakterisirt, das ist ihr\u00a0Realismus. Die Aerzte verwerfen alle Schl\u00fcsse und Combinationen, sie wollen Erfahrungen; die Politiker (aller Parteien) richten ihr Auge auf das wirkliche Bed\u00fcrfni\u00df und verschlie\u00dfen ihre Vortrefflichkeitsschablonen ins Pult; Milit\u00e4rs zucken die Achsel \u00fcber unsere preu\u00dfische Wehrverfassung und fodern &#8222;alte Grenadiere&#8220; statt &#8222;junger Rekruten&#8220;; vor allem aber sind es die materiellen Fragen, nebst jenen tausend Versuchen zur L\u00f6sung des socialen R\u00e4thsels, welche so entschieden in den Vordergrund treten, da\u00df kein Zweifel bleibt: die Welt ist des Speculirens m\u00fcde und verlangt nach jener &#8222;frischen gr\u00fcnen Weide&#8220;, die so nah lag und doch so fern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Realismus unserer Zeit findet in der\u00a0Kunst\u00a0nicht nur sein entschiedenstes Echo, sondern \u00e4u\u00dfert sich vielleicht auf keinem Gebiete unsers Lebens so augenscheinlich wie gerade in ihr. Die bildende Kunst, vor allem die Sculptur, ging hier mit gutem Beispiel voran. Als\u00a0Gottfried Schadow\u00a0die K\u00fchnheit hatte, den Zopf in die Kunst einzuf\u00fchren, nahm er ihr zugleich den Zopf. So wurde der &#8222;Alte Dessauer&#8220;, an dessen Dreimaster und Gamaschen wir jetzt gleichgiltig vor\u00fcbergehen, zu einer That von unberechenbarer Wirkung. Jener Statue zur Seite stehen\u00a0Schwerin\u00a0und\u00a0Winterfeldt\u00a0in antikem Cost\u00fcme, und wahrlich, wenn es Absicht gewesen w\u00e4re, das Ridicule der einen Richtung und das Frische, Lebensf\u00e4hige der andern zur Erscheinung zu bringen, die Zusammenstellung h\u00e4tte nicht sprechender getroffen werden k\u00f6nnen. Seit funfzig Jahren sind wir auf dem betretenen Wege fortgeschritten in Malerei, Sculptur und Dichtkunst, und es war ein Triumphtag f\u00fcr jene neue Richtung, von der wir uns eine h\u00f6chste Bl\u00fcte moderner Kunst versprechen, als die H\u00fclle vom Standbild Friedrich&#8217;s des Gro\u00dfen fiel und der &#8222;K\u00f6nig mit dem Kr\u00fcckstocke&#8220; auf ein jubelndes Volk herniederblickte. Dieser &#8222;Alte Fritz&#8220; des genialen\u00a0Rauch\u00a0ist \u00fcbrigens nicht das H\u00f6chste der neuen Kunst; er geh\u00f6rt jenem Entwickelungsstadium an, durch das wir nothwendig hindurch m\u00fcssen; es ist der nackte, prosaische Realismus, dem noch durchaus die poetische Verkl\u00e4rung fehlt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben bei der Sculptur (in der Malerei w\u00fcrden wir als besonders charakteristisch\u00a0Adolf Menzel\u00a0und den Amerikaner\u00a0Karl Leutze\u00a0zu nennen haben) mit vollem Vorbedacht so lange verweilt, einmal um an bekannten Beispielen darzuthun, wie bedeutsam und in die Augen springend das Grundstreben unserer Zeit sich bereits auf einzelnen Kunstgebieten geltend gemacht hat, andererseits um verstanden zu werden, wenn wir in Bezug auf die Dichtkunst ausrufen: was uns zun\u00e4chst noththut, ist ein Meister Rauch unter den Poeten. Er, als der entschiedenste, wennschon nicht h\u00f6chste Ausdruck einer neuen Kunstrichtung, fehlt uns noch, aber es fehlt uns nicht die Richtung \u00fcberhaupt. Die moderne Kunst ist auf allen Gebieten dieselbe, und ihre Unterschiede sind nur quantitativer Natur, wie sie durch ein verschiedenes Ma\u00df von Kraft und Talent bedingt werden. Wir haben im Romane einen\u00a0Jeremias Gotthelf, im Drama einen\u00a0Hebbel, in der Lyrik einen\u00a0Freiligrath. Bevor wir inde\u00df dazu \u00fcbergehen, diesen Realismus theils an den einzelnen Erscheinungen unserer modernen Literatur nachzuweisen, theils darzuthun, was wir auf diesem Gebiete unter Realismus verstehen, sei uns noch gestattet, eine Art Genesis desselben zu geben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Realismus in der Kunst ist so alt als die Kunst selbst, ja, noch mehr:\u00a0er ist die Kunst. Unsere moderne Richtung ist nichts als eine R\u00fcckkehr auf den einzig richtigen Weg, die Wiedergenesung eines Kranken, die nicht ausbleiben konnte, solange sein Organismus noch \u00fcberhaupt ein lebensf\u00e4higer war. Der unnat\u00fcrlichen Geschraubtheit\u00a0Gottsched&#8217;s\u00a0mu\u00dfte, nach einem ewigen Gesetz, der sch\u00f6ne, noch unerreicht gebliebene Realismus\u00a0Lessing&#8217;s\u00a0folgen, und der bl\u00fchende Unsinn, der w\u00e4hrend der drei\u00dfiger Jahre dieses Jahrhunderts sich aus verlogener Sentimentalit\u00e4t und gedankenlosem Bilderwust entwickelt hatte, mu\u00dfte als nothwendige Reaction eine Periode ehrlichen Gef\u00fchls und gesunden Menschenverstandes nach sich ziehen, von der wir k\u00fchn behaupten: sie ist da. Aus dem Gesagten ergibt sich von selbst eine nahe Verwandtschaft zwischen der Kunstrichtung unserer Zeit und jener vor beinahe hundert Jahren, und, in der That, die Aehnlichkeiten sind \u00fcberraschend. Das Frontmachen gegen die Unnatur, sie sei nun L\u00fcge oder Steifheit, die Shakspeare-Bewunderung, das Aufhorchen auf die Kl\u00e4nge des Volksliedes \u2013 unsere Zeit theilt diese charakteristischen Z\u00fcge mit den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, und es sollte uns nicht schwer fallen, die Pers\u00f6nlichkeiten zu bezeichnen, welche die\u00a0Herder\u00a0und\u00a0B\u00fcrger\u00a0unserer Tage sind oder zu werden versprechen. Das klingt wie Blasphemie und ist es doch keineswegs. Man warte ab, was sich aus unsern jungen Kr\u00e4ften entwickelt, und \u00fcberlasse es dem Jahre 1900, zwischen uns und Jenen zu entscheiden. Aber, gesetzt auch, da\u00df die poetische Kraft und F\u00fclle Derer, die wir f\u00fcr berufen erachten, das angefangene und wiederunterbrochene Werk der hervorragenden Geister des vorigen Jahrhunderts fortzusetzen, sich als zu schwach f\u00fcr solche Aufgabe erweisen sollte, so sind wir doch entschieden der Meinung, da\u00df unser Irrthum sich lediglich auf die Personen beschr\u00e4nken wird, und da\u00df neben diesen nothwendig sich Talente entwickeln m\u00fcssen, die bei gleicher dichterischer Begabung den G\u00f6ttinger Dichterbund und selbst die Heroen der Sturm- und Drangperiode um so weit \u00fcberfl\u00fcgeln werden, als sie ihnen an klarer Erkenntni\u00df Dessen, worauf es ankommt, voraus sind. Es ist th\u00f6richt, Autorit\u00e4ten im Glanze unfehlbarer G\u00f6tter zu erblicken. Dem Guten folgt eben das Bessere. Unsere Zeit wei\u00df mehr von Shakspeare, als man vor hundert Jahren von ihm wu\u00dfte, und selbst Tieck und Schlegel werden sich n\u00e4chstens Verbesserungen gefallen lassen m\u00fcssen. Der alte Isegrimm Wolff stach den Vo\u00df aus, und es ist keine Frage, da\u00df man sich auf englische und spanische Volksges\u00e4nge heutzutage besser versteht als zu den Zeiten B\u00fcrger&#8217;s und Herder&#8217;s. Man wei\u00df mehr von den Sachen, und mit dem Wissen ist gr\u00f6\u00dfere Klarheit und Erkenntni\u00df gekommen; einem kommenden Genius ist vorgearbeitet; er wird sich nicht zersplittern, nicht rechts und links umherzutappen haben; er wird seine Stelle finden, wie sie Shakspeare fand. Das ist der Unterschied zwischen dem Realismus unserer Zeit und dem des vorigen Jahrhunderts, da\u00df der letztere ein blo\u00dfer Versuch (wir sprechen von der Periode nach Lessing), ein Zufall, im g\u00fcnstigsten Falle ein unbestimmter Drang war, w\u00e4hrend dem unserigen ein fester Glaube an seine ausschlie\u00dfliche Berechtigung zur Seite steht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es d\u00fcrfte vielleicht eben hier an der Stelle sein, mit wenigen Worten auf das Verh\u00e4ltni\u00df hinzuweisen, da\u00df die beiden Tr\u00e4ger unserer sogenannten classischen Periode jener Richtung gegen\u00fcber einnehmen, die wir in Vorstehendem nicht Anstand genommen haben entschieden als die unserige zu bezeichnen. Beide,\u00a0Goethe\u00a0wie\u00a0Schiller, waren entschiedene Vertreter des Realismus, solange sie &#8222;unangekr\u00e4nkelt von der Bl\u00e4sse des Gedankens&#8220; lediglich aus einem vollen Dichterherzen heraus ihre Werke schufen. &#8222;Werther&#8220;, &#8222;G\u00f6tz von Berlichingen&#8220; und die wunderbar-sch\u00f6nen, im Volkstone gehaltenen Lieder der Goethe&#8217;sche Jugendperiode, soviele ihrer sind, sind ebenso viele Beispiele f\u00fcr unsere Behauptung, und Schiller nicht minder (dessen Lyrik freilich den Mund zu voll zu nehmen pflegte) stand mit seinen ersten Dramen v\u00f6llig auf jenem Felde, auf dem auch wir wieder, sei&#8217;s \u00fcber kurz oder lang, einer neuen reichen Ernte entgegensehen. Die jetzt nach Modebrauch (und auf Kosten des ganzen \u00fcbrigen Mannes) \u00fcber alle Geb\u00fchr verherrlichten &#8222;R\u00e4uber&#8220; geh\u00f6ren dieser Richtung weniger an als &#8222;Fiesco&#8220; und &#8222;Kabale und Liebe&#8220;, denn der Realismus ist der geschworene Feind aller [357] Phrase und Ueberschw\u00e4nglichkeit; keine gl\u00fcckliche, ihm selber angeh\u00f6rige Wahl des Stoffs kann ihn auss\u00f6hnen mit solchen M\u00e4ngeln in der Form, die seiner Natur zuwider sind. \u2013 Im Uebrigen blieben ihm unsere gro\u00dfen M\u00e4nner nicht treu f\u00fcrs Leben; Schiller brach in seinen letzten Arbeiten vollst\u00e4ndig mit ihm, und Goethe (der in der Form ihn immer hatte und immer bewahrte) verd\u00fcnnte den Realismus seiner Jugend zu der gepriesenen Objectivit\u00e4t seines Mannesalters. Diese Objectivit\u00e4t ist dem Realismus nahe verwandt, in gewissen F\u00e4llen ist sie dasselbe; sie unterscheiden sich nicht im Wie, sondern im Was, jene ist das Allgemeine, dieser das Besondere; die &#8222;Braut von Korinth&#8220; hat Objectivit\u00e4t, das jede Herzensfaser ersch\u00fctternde &#8222;Ach neige, du Schmerzensreiche&#8220; hat Realismus. Wir werden bald Gelegenheit finden, uns des Weitern hier\u00fcber auszulassen. An dieser Stelle nur noch die Beantwortung der Frage: war der &#8222;Torquato Tasso&#8220; (die Vollendung der Dichtung in ihrem Genre wird Niemand bek\u00e4mpfen) oder gar die &#8222;Jungfrau von Orleans&#8220; ein Fortschritt oder nicht? Wir beantworten diese Frage mit einem blo\u00dfen Hinweis auf Lessing oder auf Shakspeare, der \u00fcbrigens (weil er als Poet und nicht als Kritiker dichtete) das Princip, um das es sich hier handelt, in minder ausschlie\u00dflicher Reinheit vertritt. Der &#8222;Nathan&#8220;, diese reifste Frucht eines erleuchteten Geistes, der \u2013 gleichviel ob Dichter oder nicht \u2013 wie keiner, weder vor ihm noch nach ihm, wu\u00dfte worauf es ankommt, liefert uns den sprechenden Beweis, da\u00df drei\u00dfig Jahre voll eifervollen Studiums, voll Nachdenkens und Erfahrung au\u00dfer Stande gewesen waren, die Anschauungen von einer ausschlie\u00dflichen Berechtigung des Realismus innerhalb der Kunst im Herzen unserer gro\u00dfen kritischen Autorit\u00e4t zu ersch\u00fcttern, und, wenn es irgendwo gestattet ist, auf Autorit\u00e4ten zu schw\u00f6ren, so d\u00fcrfte hier die Stelle sein. Wir wiederholen, auch der &#8222;Nathan&#8220; ist auf dem Boden des Realismus gewachsen, und, weil wir nicht eben \u00fcberrascht sein w\u00fcrden, diese unsere Behauptung selbst von halben Richtungsgenossen angezweifelt zu sehen, z\u00f6gern wir nunmehr nicht l\u00e4nger, unsere Ansicht dar\u00fcber auszusprechen, was wir \u00fcberhaupt unter Realismus verstehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor allen Dingen verstehen wir\u00a0nicht\u00a0darunter das nackte Wiedergeben allt\u00e4glichen Lebens, am wenigsten seines Elends und seiner Schattenseiten. Traurig genug, da\u00df es n\u00f6thig ist, derlei sich von selbst verstehende Dinge noch erst versichern zu m\u00fcssen. Aber es ist noch nicht allzu lange her, da\u00df man (namentlich in der Malerei)\u00a0Misere\u00a0mit Realismus verwechselte und bei Darstellung eines sterbenden Proletariers, den hungernde Kinder umstehen, oder gar bei Productionen jener sogenannten Tendenzbilder (schlesische Weber, das Jagdrecht u. dgl. m.) sich einbildete, der Kunst eine gl\u00e4nzende Richtung vorgezeichnet zu haben. Diese Richtung verh\u00e4lt sich zum echten Realismus wie das rohe Erz zum Metall: die L\u00e4uterung fehlt. Wol ist das Motto des Realismus der Goethe&#8217;sche Zuruf:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Greif nur hinein ins volle Menschenleben,<br \/>Wo du es packst, da ist&#8217;s interessant;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">aber freilich, die Hand, die diesen Griff thut, mu\u00df eine k\u00fcnstlerische sein. Das Leben ist doch immer nur der Marmorsteinbruch, der den Stoff zu unendlichen Bildwerken in sich tr\u00e4gt; sie schlummern darin, aber nur dem Auge des Geweihten sichtbar und nur durch seine Hand zu erwecken. Der Block an sich, nur herausgerissen aus einem gr\u00f6\u00dfern Ganzen, ist noch kein Kunstwerk, und dennoch haben wir die Erkenntni\u00df als einen unbedingten Fortschritt zu begr\u00fc\u00dfen, da\u00df es zun\u00e4chst des Stoffes, oder sagen wir lieber des\u00a0Wirklichen, zu allem k\u00fcnstlerischen Schaffen bedarf. Diese Erkenntni\u00df, sonst nur im Einzelnen mehr oder minder lebendig, ist in einem Jahrzehnd zu fast universeller Herrschaft in den Anschauungen und Productionen unserer Dichter gelangt und bezeichnet einen abermaligen Wendepunkt in unserer Literatur. Ein Gedicht wie die in ihrer Zeit mit Bewunderung gelesene &#8222;Bezauberte Rose&#8220; k\u00f6nnte in diesem Augenblicke kaum noch geschrieben, keinesfalls aber von Preisrichtern gekr\u00f6nt werden; der &#8222;Weltschmerz&#8220; ist unter Hohn und Spott l\u00e4ngst zu Grabe getragen; jene Tollheit, die &#8222;dem Felde kein golden Korn w\u00fcnschte, bevor nicht Freiheit im Lande herrsche&#8220;, hat ihren Urtheilsspruch gefunden, und jene Bildersprache voll hohlen Geklingels, die, anstatt dem Gedanken Fleisch und Blut zu geben, zehn Jahre lang und l\u00e4nger nur der bunte Fetzen war, um die Gedankenbl\u00f6\u00dfe zu bergen, ist erkannt worden als Das, was sie war. Diese ganze Richtung, ein Wechselbalg aus bewu\u00dfter L\u00fcge, eitler Beschr\u00e4nktheit und bl\u00fcmerantem Pathos, ist verkommen &#8222;in ihres Nichts durchbohrendem Gef\u00fchle&#8220;, und der Realismus ist eingezogen wie der Fr\u00fchling, frisch, lachend und voller Kraft, ein Sieger ohne Kampf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir in Vorstehendem \u2013 mit Ausnahme eines einzigen Kernspruchs \u2013 uns lediglich negativ verhalten und \u00fcberwiegend hervorgehoben haben, was der Realismus nicht ist, so geben wir nunmehr unsere Ansicht \u00fcber Das, was er ist, mit kurzen Worten dahin ab: er ist die Wiederspiegelung alles wirklichen Lebens, aller wahren Kr\u00e4fte und Interessen im Elemente der Kunst; er ist, wenn man uns diese scherzhafte Wendung verzeiht, eine &#8222;Interessenvertretung&#8220; auf seine Art. Er umf\u00e4ngt das ganze reiche Leben, das Gr\u00f6\u00dfte wie das Kleinste: den Columbus, der der Welt eine neue zum Geschenk machte, und das Wasserthierchen, dessen Weltall der Tropfen ist; den h\u00f6chsten Gedanken, die tiefste Empfindung zieht er in sein Bereich, und die Gr\u00fcbeleien eines Goethe wie Lust und Leid eines Gretchen sind sein Stoff. Denn Alles das ist\u00a0wirklich. Der Realismus will nicht die blo\u00dfe Sinnenwelt und nichts als diese; er will am allerwenigsten das blos Handgreifliche, aber er will das\u00a0Wahre. Er schlie\u00dft nichts aus als die L\u00fcge, das Forcirte, das Nebelhafte, das Abgestorbene \u2013 vier Dinge, mit denen wir glauben eine ganze Literaturepoche bezeichnet zu haben. Der Realismus w\u00fcnscht nicht &#8222;todt geschossen zu werden&#8220;, wie Heine in einem seiner ber\u00fchmtesten Liedchen; er w\u00fcnscht nicht wie Freiligrath &#8222;gelehnt an eines Hengstes Bug&#8220; zu stehen; er beschw\u00f6rt nicht wie Lenau &#8222;den Blitz, ihn zu erschlagen&#8220;, er nennt den Gram nie und nimmer wie Karl Beck &#8222;den rothen Korsaren im stillen Meere der Thr\u00e4nen&#8220;; er h\u00e4lt nichts von Redwitz&#8217;schen &#8222;Harfensteinen&#8220; und bel\u00e4chelt jenen unerreichten Freiheitss\u00e4nger aus der Herwegh&#8217;schen Schule, der &#8222;sich\u00a0blind\u00a0zu sein w\u00fcnschte, um nicht die Knechtschaft dieser Welt tagt\u00e4glich mit Augen sehen zu m\u00fcssen&#8220;. Der Realismus h\u00e4lt auch nichts von Dem, was unserm Interesse v\u00f6llig fremd geworden ist. Der ganze La Motte-Fouqu\u00e9 ist ihm mit Haut und Haaren noch nicht das kleinste Uhland&#8217;sche Fr\u00fchlingsliedchen werth, und ein deutscher Kernspruch ist ihm lieber als alle Weisheit des Hariri. Ob K\u00f6nig Thor den Hammer schwingt oder nicht, ist ihm ziemlich gleichgiltig, und Sesostris und Rhampsinit, ja selbst die &#8222;Kraniche des Ibykus&#8220; mit der Schilderung griechischen B\u00fchnenwesens, oder die &#8222;Braut von Korinth&#8220; mit ihrem wunderbar verzwickten Problema, sind nichts weniger als angethan, dem Realismus seine heiterste Miene abzugewinnen. Noch einmal: er l\u00e4\u00dft die Todten oder doch wenigstens das Todte ruhen; er durchst\u00f6bert keine Rumpelkammern und verehrt Antiquit\u00e4ten nie und nimmer, wenn sie nichts Anderes sind als eben \u2013 alt. Er liebt das Leben je frischer je besser, aber freilich wei\u00df er auch, da\u00df unter den Tr\u00fcmmern halbvergessener Jahrhunderte manche unsterbliche Blume bl\u00fcht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wenden uns nunmehr zu den Erscheinungen selbst und schicken nur noch zwei unerl\u00e4\u00dfliche Bemerkungen voraus. Zun\u00e4chst bitten wir, dem begrenzenden Zusatz unserer Ueberschrift &#8222;seit 1848&#8220; au\u00dfer der Absicht, an bestimmter Stelle einen Strich ziehen zu wollen, keine weitere Bedeutung unterzuschieben. Wir sind durchaus nicht der Meinung, da\u00df die Vorg\u00e4nge des Jahres 1848 richtunggebend auf unsere sch\u00f6nwissenschaftliche Literatur eingewirkt haben, und k\u00f6nnen uns h\u00f6chstens zu der Ansicht bequemen, da\u00df sie der Gewitterregen waren, der die Entfaltung dieser oder jener Knospe zeitigte. Aber die Knospen waren da. Wir w\u00fcrden vergeblich geschrieben haben, wenn dem Leser nicht unsere Ansicht dahin entgegengetreten w\u00e4re, da\u00df der Realismus kam, weil er kommen mu\u00dfte, und da\u00df die Extravaganzen innerhalb der Kunst selbst den Keim und die Nothwendigkeit einer gesunden Reaction mit sich f\u00fchrten. Ein rein \u00e4u\u00dferlicher Grund lie\u00df uns jene Bezeichnung &#8222;seit 1848&#8220; w\u00e4hlen, und zwar der Wunsch, bei den Einzelbesprechungen nicht auf Pers\u00f6nlichkeiten und Productionen recurriren zu m\u00fcssen, die bereits seit Jahren der Kenntni\u00dfnahme des Lesers vorliegen und seine Sympathien oder Antipathien gefunden haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch eine zweite Bemerkung. Wenn wir in Vorstehendem den Realismus als den charakteristischen Zug unserer Zeit und unserer Kunst bezeichnet haben, so erwarte man doch keineswegs von uns, da\u00df wir nun bei Aufz\u00e4hlung der einzelnen Productionen bem\u00fcht sein werden, jene im Gro\u00dfen und Kleinen unleugbar vorhandene Wahrnehmung auch in den kleinsten Erscheinungen nachzuweisen. Am allerwenigsten sind wir geneigt, uns mit einer zurechtgeschnittenen Schablone an die Arbeit zu machen und ohne weiteres zu verwerfen, was nicht in dieselbe hineinpa\u00dft. Wir wissen, da\u00df immer noch Vieles geschrieben wird, was sich geflissentlich vom Realismus fernzuhalten sucht, und sind durchaus nicht gewillt, uns gegen das Ma\u00df von Talent (auch wenn wir seine Richtung nicht guthei\u00dfen k\u00f6nnen) zu verschlie\u00dfen, das aus manchen dieser Dichtungen ganz un[361]bestreitbar hervorleuchtet. Wir werden also in Nachstehendem nicht loben und tadeln, je nachdem uns aus den verschiedenen Productionen unsere eigene Richtung entgegentritt oder nicht, sondern wir werden, eingedenk der Wahrheit, da\u00df alles Schematisiren und Rubriciren doch erst in zweiter Reihe steht, mit gespanntem Ohre auf das Wort des Genius lauschen und, ehe wir uns weitere Fragen vorlegen, vor allem immer die\u00a0eine\u00a0beantworten, ob wir&#8217;s mit einem\u00a0Dichter\u00a0zu thun haben oder nicht. Denn noch einmal: der Weg, den wir einschlagen, ist\u00a0Viel, aber er ist nicht\u00a0Alles; gewichtiger bleibt immer die Frage:\u00a0wer ihn betritt. Die &#8222;Jungfrau von Orleans&#8220; und &#8222;Wilhelm Tell&#8220; schreiten nicht auf unsern Wegen einher, aber wer unter uns h\u00e4tte den Muth, bedeckten Hauptes vor dem Genius stehen zu bleiben, der jene Werke schuf?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Und so denn ans Werk!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir beginnen mit vier Namen, die trotz der gr\u00f6\u00dften Verschiedenartigkeit unter sich doch das Eine miteinander gemein haben, da\u00df es dem Jahre 1848 und seinen Vorg\u00e4ngen vorbehalten war, ihren ganz besondern Ruhm zu begr\u00fcnden. Diese vier Namen sind:\u00a0Freiligrath\u00a0(worunter wir immer den neuen Socialreformer im Gegensatze zum alten W\u00fcstenk\u00f6nig verstehen),\u00a0Redwitz, Scherenberg\u00a0und\u00a0Otto Roquette. Alle vier sind &#8222;Poeten&#8220;; aber ihre besondern Erfolge waren nur unter besondern Umst\u00e4nden m\u00f6glich. Freiligrath war der Tyrt\u00e4us der deutschen Barrikadenarmee, und ohne den Fanatismus jener Zeit w\u00e4re es unm\u00f6glich gewesen, seine fliegenden Bl\u00e4tter, zahllos wie eine Heuschreckenplage, sich \u00fcber Deutschland verbreiten zu sehen. Der Revolution und der Erhebung der Gem\u00fcther folgten Reaction und Erschlaffung. Die Reaction (politische wie religi\u00f6se) hob Redwitz und Scherenberg auf ihren Schild; die Erschlaffung, die wieder Ruhe und Gem\u00fcthlichkeit haben wollte, machte Otto Roquette zu ihrem Manne. Hiermit kann und soll nichts gegen die Dichter selbst gesagt sein; sie fanden g\u00fcnstigen Wind vor und segelten damit; f\u00fcr uns aber, die wir nicht gewohnt sind, die Dinge nach \u00e4u\u00dferlichen und rein zuf\u00e4lligen Erfolgen zu beurtheilen, ergeben sich aus dem Factum einer funfzehnten Auflage noch keine besondern Verdienstlichkeiten, und, so gewi\u00df wir in Nachstehendem den billigen Forderungen jener vier Dichter gerecht zu werden hoffen, so bestimmt wissen wir auch, da\u00df Mancher von [362] Denen uns mehr gilt, die bei der Wettfahrt weit, weit zur\u00fcckblieben und um desselben Windes willen nicht recht von der Stelle gekommen sind, der jene Vier im Fluge \u00fcber die Wellen trug.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Freiligrath.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erscheinung Freiligrath&#8217;s in unserer Literatur ist noch lange nicht hinreichend gew\u00fcrdigt. Nachdem sich jene erste Begeisterung lange gelegt hat, womit derselbe \u2013 noch zu Chamisso&#8217;s Zeiten \u2013 vom deutschen Volke begr\u00fc\u00dft wurde, ist es in Folge jener Impiet\u00e4t, die den Deutschen charakterisirt, Mode geworden, \u00fcber die W\u00fcstenpoesie vornehm die Achseln zu zucken und zu thun, als verrathe es Mangel an Bildung und Geschmack, sich durch so &#8222;gedankenloses Zeug&#8220; unterhalten zu lassen. Es liegt hierin eine schn\u00f6de Undankbarkeit. Wir sind Freiligrath in einer Weise verpflichtet, wie vielleicht seit dem Tode Schiller&#8217;s keinem Zweiten, und erweisen ihm kaum Ehre genug, wenn wir ihn den &#8222;B\u00fcrger&#8220; unserer Epoche nennen. Es gab eine Zeit, wo man auf ihn als auf den Tr\u00e4ger der gesammten Kraft und Frische unserer modernen Literatur blicken konnte, und einer Richtung, die jetzt Schritt vor Schritt dem endlichen Siege n\u00e4her r\u00fcckt, hat\u00a0er\u00a0die Wege gebahnt. Wir sind ihm doppelt verpflichtet. Er war zun\u00e4chst ein Reformator innerhalb der\u00a0Form; er ist es schlie\u00dflich auch dem\u00a0Stoffe\u00a0nach geworden. Seine fr\u00fchern Gedichte waren insofern mangelhaft, als sich Form und Inhalt in ihnen nicht recht deckten. Beide waren neu, aber, w\u00e4hrend die Form (wir sprechen nat\u00fcrlich nur von den besten Sachen) Neuheit mit\u00a0Nat\u00fcrlichkeit\u00a0einte, war der Inhalt neu wie etwa \u2013\u00a0Rococo. Der meisterhafte Ausdruck (denn es war, als gew\u00f6nnen die Worte neue Kraft und neuen Vollklang unter seinen H\u00e4nden) ward oft an einen Inhalt verschwendet, der im g\u00fcnstigsten Falle eine Marotte war, und es galt, sich aus diesen Banden zu befreien, wenn er nicht das zweifelhafte Lob in die Literaturgeschichte mit hin\u00fcber nehmen wollte: der Berlioz, d.h. der lauteste und dr\u00f6hnendste Componist unserer Sprache gewesen zu sein. Und er machte sich frei! Er verga\u00df zu seinem Heil, da\u00df er einmal geschrieben hatte:<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">La\u00dft mir der W\u00fcste d\u00fcrren Pfad!<br \/>W\u00e4chst in der W\u00fcste nicht die Palme?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und, andere Pfade einschlagend, errang er sich das schattige Blatt, [363] das seine Sehnsuch gewesen war. Freiligrath in einzelnen seiner neuern Dichtungen ist ganz der Poet, den wir fodern. Nicht der h\u00f6chste Ausdruck desselben (denn es fehlt ihm die Macht des Gedankens), aber v\u00f6llig auf dem Wege, den wir als den besten zum Ziele bezeichnet haben. Das Gedicht &#8222;Die Todten an die Lebenden&#8220; (jetzt aus allen m\u00f6glichen Gr\u00fcnden halb vergessen) ist in Wahrheit ein Apostel des Realismus. Inhalt und Form decken hier einander: der Stoff aus dem vollsten Leben herausgerissen, die Behandlung einfach und doch schwungvoll, wahr und doch voll Phantasie. Wir verwahren uns auf das entschiedenste dagegen, als ob die politische Richtung dieses Gedichts auf unser Urtheil influirt h\u00e4tte; wir bekennen uns vielmehr als einen eingefleischten Royalisten vom Wirbel bis zur Zeh, k\u00f6nnen aber freilich nicht umhin, bei Beurtheilung von Kunstwerken lediglich den \u00e4sthetischen Ma\u00dfstab gelten zu lassen. Ha\u00df gegen das Bestehende und Republikanismus m\u00f6gen hier zu Lande eine Kugel vor den Kopf verdienen, aber sie sind um deshalb noch nicht unsch\u00f6n oder ungeeignet f\u00fcr eine dichterische Behandlung. &#8222;Eine feste Burg ist unser Gott&#8220; sangen die Lutherischen bei L\u00fctzen; wir fodern nichtsdestoweniger auch von jedem Katholiken ein Gef\u00fchl f\u00fcr die Sch\u00f6nheiten dieses Liedes, vorausgesetzt, da\u00df er unter\u00a0\u00e4sthetisch\u00a0gebildeten Leuten mitz\u00e4hlen will.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Oskar von Redwitz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfolge der &#8222;Amaranth&#8220; bilden ein Unicum in unserer Literatur; selbst Geibel ist dadurch in den Hintergrund gedr\u00e4ngt worden. Wir erinnern uns aus einem vorj\u00e4hrigen Aufenthalte in London, das &#8222;rothe Buch mit Goldschnitt&#8220; \u00fcberall auf den B\u00fcchertischen bemerkt zu haben, wohin die fashionable Vorliebe f\u00fcr deutsche Literatur nur irgendwie gedrungen war. Dort wie hier waren es orthodox-protestantische Kreise, in denen das Buch mit Andacht und Begeisterung gelesen wurde, und wir k\u00f6nnten in den bekannten Ausruf ausbrechen: &#8222;Die Dummheit ist das ewig Siegende!&#8220; wenn wir uns so recht vergegenw\u00e4rtigen, da\u00df Jahre vergehen mu\u00dften, bevor dem protestantischen Norddeutschland die Schuppen von den Augen fielen und es Einsicht gewann, was eigentlich des Pudels Kern sei. Wir entsinnen uns, die &#8222;Amaranth&#8220; vielfach bei Landpredigert\u00f6chtern vorgefunden und den Herrn Pastor selber in leidlicher Extase \u00fcber [364] &#8222;diese herrliche Dichtung&#8220; gesehen zu haben, soda\u00df uns an diesem Beispiele wieder so recht klar geworden ist, wie kleine Zahlen das H\u00e4uflein Derer aufweist, die \u00fcberhaupt irgend welches Verst\u00e4ndni\u00df f\u00fcr eine Dichtung (gleichviel welche) mitbringen, und da\u00df sich die meisten Menschen, selbst Personen von sogenannter literarischer Bildung, sofort ihres Urtheils, ja selbst ihres gesunden Menschenverstandes begeben, sobald sie gereimte Jamben vor sich haben. Der albernste Autorit\u00e4tsglaube, die geistloseste Nachplapperei tritt sofort an die Stelle der eigenen Kritik, und, zu bequem zum Nachdenken, zu feig zum Widersprechen, faselt sich Gro\u00df und Klein in eine Begeisterung hinein, die nat\u00fcrlich so lange dauert wie die Mode und der Antrieb, der sie gibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die &#8222;Amaranth&#8220; ist ein\u00a0katholisches\u00a0Buch, und wir d\u00fcrfen uns nicht wundern, da\u00df Herr Reichensperger um dieser\u00a0Tendenz\u00a0der Dichtung willen sie in ultramontanen (namentlich auch franz\u00f6sischen) Bl\u00e4ttern als die bedeutendste Erscheinung der neuern deutschen Literatur herausgehoben hat. Wir wundern uns auch nicht, da\u00df man Herrn von Redwitz nach Wien berufen hat und da\u00df er damit umgeht, das kirchliche Drama des Mittelalters (\u00fcber dessen Ueberreste Eduard Devrient so interessant geschrieben) wieder zu beleben. Wir finden das Alles \u00fcberaus nat\u00fcrlich, aber wir k\u00f6nnen freilich keinen Grund aus der Leichterkl\u00e4rlichkeit dieser Thatsachen herleiten, um auch die Productionen des Dichters als Arbeiten von ganz besonderm\u00a0\u00e4sthetischen\u00a0Werth zu betrachten. Der &#8222;Katholicismus&#8220; ist&#8217;s keineswegs, woran wir Ansto\u00df nehmen, ja sogar nicht einmal die katholische\u00a0Tendenz. Wir wissen sehr wohl, auf wie gutem Fu\u00dfe Poesie und katholische Kirche stehen, und kennen die Kr\u00e4fte, die dem gl\u00e4ubigen Dichter aus ihr erwachsen. Aber, was uns widersteht, das ist der\u00a0Amaranth&#8217;sche\u00a0Katholicismus, ein armes, eitles, cokettes Ding, das entweder die L\u00fcge selber ist, oder doch mit seinen feinen F\u00fc\u00dfchen in Vaters gro\u00dfen Stiefeln so l\u00e4cherlich einherschreitet, da\u00df man das Bischen Verwandtschaft gar nicht merkt und immer wieder nur den Eindruck der Unwahrheit, mindestens v\u00f6lliger Gespreiztheit empf\u00e4ngt. Die einzig gesunde, lebensf\u00e4hige Gestalt dieser Dichtung ist Ghismonda,\u00a0sie\u00a0eben, die gegei\u00dfelt und in ihrem Unglauben gebrandmarkt werden soll. Ritter Walter ist kein Ritter, sondern der modernste, pretensi\u00f6seste Geck von der Welt, ein Fant, der durch Jagdhorn und obligaten Falken noch lange nicht zum J\u00e4ger und durch etwas Sehnsucht nach dem Heiligen Grabe noch lange nicht zum Kreuzfahrer gestempelt wird. Die Art, wie er Ghismonden seinem Wunsch und Willen gehorsam machen will, ist l\u00e4cherlich, und die eclatante Weise, in der er mit ihr bricht (nachdem er lange wei\u00df, wie es mit ihrem Glauben steht), ver\u00e4chtlich und nichts als Effecthascherei. Der Dichter brauchte dies gro\u00dfe Tableau, um den Pomp der Kirche in aller Herrlichkeit entfalten zu k\u00f6nnen. Und nun Amaranth selbst, dies holde Waldkind? Man lese die Lieder, die sie singt. Wir unserstheils haben, ein paar Niedlichkeiten abgerechnet, nie Alberneres gelesen. Das soll naiv, das soll der Ton des Volkslieds sein? Kom\u00f6dianterei und nichts weiter. Wir haben G\u00e4rtnerm\u00e4dchen und B\u00e4uerinnen auf w\u00fcsten Maskenb\u00e4llen gesehen: sie trugen Friesr\u00f6cke und blanke Kn\u00f6pfe am Mieder, ja sie m\u00fchten sich sogar, mit Plattdeutsch unser Ohr zu kitzeln; aber es waren Ballprinzessinnen, just so fest geschn\u00fcrt wie all die Donna Annen und Elviren neben ihnen und nur noch r\u00f6ther geschminkt. Der Eindruck der ganzen Dichtung auf uns war so unerquicklich wie m\u00f6glich; dennoch verkennen wir weder die dichterische Begabung des Verfassers noch gro\u00dfe Sch\u00f6nheiten im Einzelnen. Nur im Lyrischen ist er entschieden schwach. Die Schilderung hingegen und vor allem eine gelegentlich meisterhafte Behandlung der schwierigsten Formen bilden seine starke Seite. Auf jene Schilderungen legen wir kein wesentliches Gewicht;\u00a0alle\u00a0unsere modernen Dichter excelliren nach der Seite hin, und insbesondere die Schilderungen in der &#8222;Amaranth&#8220; scheinen unter unmittelbarem Einflusse des Kinkel&#8217;schen &#8222;Otto der Sch\u00fctz&#8220; entstanden zu sein. Aber jene Beherrschung der Form zwang uns an mehren Stellen eine unbedingte Bewunderung ab, und wir k\u00f6nnen uns nicht entsinnen (selbst nicht in R\u00fcckert und Platen) sch\u00f6nere, die Situation concreter malende Ottaven gelesen zu haben als jene zu Anfang des zweiten Abschnitts, unter der Ueberschrift &#8222;Das Banket&#8220;. \u2013 Noch einmal: wir halten, allen Versicherungen vom Gegentheile zum Trotz, den Katholicismus durchaus noch f\u00fcr eine im Volke lebendige Kraft und bezweifeln nicht, da\u00df dieselbe \u00fcber kurz oder lang ihren dichterischen Ausdruck finden wird; aber die &#8222;Amaranth&#8220; des Herrn von Redwitz ist dieser Ausdruck nicht. W\u00e4re er&#8217;s dennoch, so w\u00fcrden wir freilich in unserm guten Glauben irre werden m\u00fcssen und uns gezwungen sehen, von der tauben Bl\u00fcte einen R\u00fcckschlu\u00df auf die Hohlheit und F\u00e4ulni\u00df des ganzen Baumes zu machen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Christian Friedrich Scherenberg.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was halten Sie von Scherenberg? fragten wir neulich einen unserer Bekannten und erhielten ohne viel Z\u00f6gern zur Antwort: &#8222;Scherenberg&#8217;s Poesie ist das Freiligrath&#8217;sche W\u00fcstenro\u00df, bis zum preu\u00dfischen Cavaleriegaul heruntergekommen.&#8220; Dieser Scherz hat bei fl\u00fcchtiger Betrachtung etwas Blendendes, aber, sobald man n\u00e4her darauf eingeht, erweist er sich als baare Ungerechtigkeit. Zwischen beiden Dichtern herrscht eine gewisse Verwandtschaft, jene Verwandtschaft, die man so oft bei Talenten findet, die unter \u00e4hnlichen Verh\u00e4ltnissen ihren Entwickelungsgang gemacht haben. Beide haben, unter erquickender Urspr\u00fcnglichkeit, ein Kraftma\u00df, das sich von Zeit zu Zeit in Ueberkraft verliert, und wissen nicht immer die feine Gr\u00e4nze zwischen Originalit\u00e4t und Ungeschmack scharf innezuhalten. Es passirt ihnen zuweilen der schlimmste aller Fehltritte \u2013 der Schritt vom Erhabenen zum L\u00e4cherlichen. Sie haben auch eine entschiedene Vorliebe f\u00fcr den bildlichen Ausdruck miteinander gemein; w\u00e4hrend inde\u00df bei Freiligrath das Bild in hundert F\u00e4llen nichts Anderes ist als der Ersatzmann f\u00fcr den fehlenden Gedanken, verwendet es Scherenberg nur, um seinen Gedanken (deren er eher zu viel als zu wenig hat) den sprechendsten, anschaulichsten Ausdruck zu geben. Da\u00df ihm das oft nicht gl\u00fcckt, nimmt dieser Behauptung nichts von ihrer Wahrheit. Freiligrath auf der andern Seite ist ein Meister \u00fcber die Form, w\u00e4hrend wir hier bei Scherenberg die Achillesferse des Dichters haben und gelegentlich auf Dinge sto\u00dfen, die wol angethan sind, den ganzen Poeten in Frage zu stellen. Wenn wir unsere Ansicht unumwunden aussprechen sollen, so m\u00fcssen wir bekennen, da\u00df der Dichter eher der Gedanken als der Form entbehren kann. Sie ist es vor allen Dingen, die das Gedicht von der Prosa unterscheidet; auch die Dichtkunst ist eine Kunst, jede Kunst aber verlangt ihre Technik, und erst durch diese wird sie \u2013 sie selbst. Wir meinen damit nicht, da\u00df er schlechte Jamben schreibt und da\u00df er die Nibelungenstrophe in einer Weise ausweitet, da\u00df man sie einmal f\u00fcr einen Alexandriner und in der n\u00e4chsten Zeile schon f\u00fcr einen Trimeter halten mu\u00df, nein, wir wollen \u00fcber derartige Verst\u00f6\u00dfe nicht mit ihm rechten und nur die Totalit\u00e4t seiner Form ins Auge fassen. Von richtiger, geschweige von sch\u00f6ner Satzbildung hat er keine Ahnung; C\u00e4suren kennt er nicht; ein Komma am Schlu\u00df der Zeile oder doch mindestens ein Punkt am Schlu\u00df der Strophe bed\u00fcnkt ihm \u00fcberfl\u00fcssig, und, auf die M\u00fchseligkeit richtiger Reime zu achten, ist ihm vollends unter seiner W\u00fcrde. Aber die Formlosigkeit geht weiter und afficirt den Kern der Sache. Scherenberg&#8217;s ganze Ausdrucksweise, so oft voll poetischer Kraft und F\u00fclle, entbehrt doch fast immer der Sch\u00f6nheit; sein Pathos wird Bombast, sein Humor wird Trivialit\u00e4t, und Alles das nicht weil es sein\u00a0mu\u00dfte, nicht weil es dem Dichter, so zu sagen,\u00a0an ihm selber gebr\u00e4che, nein, Alles nur weil er nicht wei\u00df, da\u00df in Sachen der Kunst das Ma\u00df der Dinge entscheidet, und weil der Himmel, der ihm so Vieles gab, ihm Eines verweigerte: den Geschmack. Wir wissen, da\u00df wir hiermit eine Art Todesurtheil aussprechen, doch thun wir es in der vollen Ueberzeugung, da\u00df wir ein Recht dazu haben und da\u00df Scherenberg seinen Ruhm \u00fcberleben wird. Seine besten Sachen finden sich unter seinen kleinern Gedichten, die verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig unbekannt geblieben sind. Sein &#8222;Abu Abdallah&#8220; tr\u00e4gt nahezu den Stempel der Vollendung. Hieran reihen sich lyrische Gedichte von gro\u00dfer Sch\u00f6nheit (&#8222;Mein Ostermorgen&#8220;, &#8222;Der verlorene Sohn&#8220;, &#8222;Reisephantasien&#8220; u.a.m.); nur sein Humor (&#8222;Ein Aprilfrost&#8220;, &#8222;Bl\u00fccher auf der Gewerbeausstellung&#8220;, &#8222;Eulenspiegel&#8217;s Umgang&#8220; etc.) ist auch in dieser Sammlung ungenie\u00dfbar. Ueber seine ber\u00fchmt gewordenen epischen Dichtungen (&#8222;Ligny&#8220;, &#8222;Waterloo&#8220;, &#8222;Leuthen&#8220;) sei uns gestattet, in Bewunderung wie Verwerfung das Urtheil eines Freundes zu citiren, mit dem wir nach beiden Seiten hin einverstanden sind: Wir finden hier in der That ein neues Epos, welches das historische zu nennen ist, angebahnt, wir finden hier \u2013 \u00e4hnlich wie in den bewundernsw\u00fcrdigen Gem\u00e4lden von Horace Vernet, welche den Krieg der Franzosen in Afrika feiern und ihrerseits f\u00fcr die bildende Kunst das neue Fach einer echt historischen Malerei in entschiedener Selbstberechtigung hingestellt haben \u2013 das gro\u00dfe geschichtliche Ereigni\u00df in seiner vollen Breite aufgerollt und doch dichterisch gefa\u00dft, doch dichterisch gestaltet, wie dies in den Werken \u00e4lterer Dichter gar nicht oder etwa nur episodisch vorgekommen ist. Es ist in der That nicht, wie die Gegner sagen, versificirte und bebilderte Historie, was uns hier geboten wird: es ist poetische Historie \u2013 Historie, die uns der Dichtergeist verk\u00fcndigt. Der Begriff des alten Epos pa\u00dft nicht mehr darauf; die Aesthetiker haben sich, m\u00f6gen sie wollen oder nicht, zu neuen Principien zu bequemen. Aber, dennoch, diese Dichtungen, so hervorragend an poetischer Kraft, sind weitab davon, Meisterwerke zu sein; der Dichter hat durch die\u00a0Behandlung\u00a0seines Werkes alle Vorz\u00fcge desselben wiederum zu nichte gemacht. Wir haben keinen sonderlichen Hang zu \u00e4sthetischer Pruderie; wir wissen jenen gro\u00dfen Humor, der sich aus einer freien Betrachtung der Weltgeschichte ergibt, mit vollster Seele zu w\u00fcrdigen; wir erkennen selbst das Recht des\u00a0soldatischen\u00a0Humors bereitwillig an; aber darum wird Das, was schwarz ist, nimmer wei\u00df, da\u00df H\u00e4\u00dfliche und Widerw\u00e4rtige nimmer sch\u00f6n. Die Gedanken (oft frappant und bedeutend in ihrer Intention) werden hingeworfen, wie sie ihm kommen, und es k\u00fcmmert ihn nicht, ob sie der Leser nach langem Kopfzerbrechen versteht oder nicht versteht. Diese Dichtungen gleichen einer zerst\u00f6rten Stadt: kostbare S\u00e4ulen, Statuen, Capit\u00e4ler und Tempelfriese liegen bunt durcheinander; das fix und fertige Material zu Pracht und Herrlichkeit ist da, nur die Ordnung ist gest\u00f6rt und ihr Fehlen hat eine Welt voll Sch\u00f6nheit zu einem blo\u00dfen Chaos gemacht. Dieser Mangel tritt in seinem ersten Epos: &#8222;Ligny&#8220;, am wenigsten hervor, in seiner letzten Dichtung: &#8222;Leuthen&#8220;, am meisten. Wir geben deshalb jener den unbedingten Vorzug. Etwas hat sich Scherenberg unzweifelhaft errungen: einen Platz in der Literaturgeschichte; im Munde k\u00fcnftiger Geschlechter aber wird er nicht leben, denn er mag Alles sein, nur\u00a0Eines\u00a0ist er sicherlich nicht \u2013\u00a0popul\u00e4r. Es ist eher denkbar, da\u00df das Volk Platen&#8217;sche Oden auswendig lernt, als eine beliebige Seite aus &#8222;Waterloo&#8220; oder gar das bombastische Bild, worin uns der Dichter des Preu\u00dfenthums die gro\u00dfe Action von Leuthen gibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Otto Roquette<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das Gl\u00fcck gehabt hat, den kleinen anspruchslosen Dichter von &#8222;Waldmeisters Brautfahrt&#8220; jemals am Klavier sitzen und mit dem Vortrag seiner von ihm selbst componirten Lieder lustig besch\u00e4ftigt zu sehen, der vergi\u00dft die freundlichen Eindr\u00fccke so leicht nicht wieder und hat wenig Neigung, mit dem S\u00e4nger um seinen Ruhm zu rechten, zu dem er freilich gekommen ist \u2013 er wei\u00df nicht wie. Er k\u00f6nnte mit vollstem Rechte wie Lord Byron von sich sagen: &#8222;Eines Morgens wacht&#8216; ich auf und fand mich ber\u00fchmt in meinem Bette.&#8220; Schon in der Einleitung zu diesen Einzelbesprechungen haben wir das Wunder des Otto Roquette&#8217;schen Ruhmes auf einfache und naheliegende Weise zu kl\u00e4ren gesucht, und, indem wir das Factum nochmals constatiren, gehen wir zun\u00e4chst zu einer Aufz\u00e4hlung seiner Arbeiten \u00fcber. Er schrieb \u2013 au\u00dfer &#8222;Waldmeisters Brautfahrt&#8220; \u2013 ein &#8222;Liederbuch&#8220; und den &#8222;Tag von St.-Jakob&#8220;; alle drei bei Cotta erschienen. Unsere Ansicht \u00fcber den Dichter ist folgende: ein entschieden lyrisches Talent, das am Volksliede mit Erfolg seine Studien gemacht und ihm den\u00a0Naturlaut\u00a0gelegentlich auf \u00fcberraschende Weise abgelauscht hat. Seine Liedchen sind oft unbedeutend, aber immer frisch und liebensw\u00fcrdig, und, summt man sich gar die passende Melodie dazu, so hat&#8217;s mit aller Kritik ein Ende, und tr\u00e4llernd und tanzend und \u00fcber das ganze Gesicht lachend schw\u00f6rt man darauf, &lt;da\u00df&gt; es kein reizenderes Lied gebe als:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das beste Bier im ganzen Nest<br \/>Das schenkt Margret am Thore.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">oder gar:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach Gott, das druckt das Herz mir ab,<br \/>Da\u00df ich mein Schatz Valet geb&#8217;n hab,<br \/>Wo ich auch geh, wo ich auch steh,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das druckt das Herz mir ab! Diese Sachen\u00a0lesen, ist im h\u00f6chsten Grade mislich, sie\u00a0singen\u00a0oder\u00a0singen h\u00f6ren, ist eine wahre Herzst\u00e4rkung. Daher die v\u00f6llig voneinander abweichenden Urtheile. Aesthetiker, die eine lange Kunstelle, aber keinen Ton in der Kehle mitbringen, schlagen die H\u00e4nde zusammen \u00fcber &#8222;solche Dudeleien&#8220;, die den Namen &#8222;Gedichte&#8220; usurpiren, w\u00e4hrend die ganze Studentenwelt, vom Neckar bis an die Eider und vom Rheine bis an den Pregel, nichts Pr\u00e4chtigeres kennt, als ihren Otto Roquette, und den &#8222;kleinen Waldmeister&#8220; (wie sie ihn nennen) zu ihrem Poeten\u00a0<em>par excellence<\/em>\u00a0ernannt hat. Beide haben Recht, aber die Letztern doch mehr, denn diese Liederchen wollen mit ihrem eigenen Ma\u00dfstab gemessen sein, und die Anspruchslosigkeit des Dichters verbietet geradezu, nach\u00a0mehr\u00a0zu fragen, als eben da ist. Ein besonderes Verdienst Roquette&#8217;s ist noch sein\u00a0Humor; dieser gibt der \u00fcberall vorhandenen Frische von Zeit zu Zeit einen erh\u00f6hten Reiz und beschenkt unsere thr\u00e4nenreiche Literatur mit ein paar lachenden Gesichtern, woran wir so trostlos Mangel leiden und wof\u00fcr wir uns nicht dankbar genug erweisen k\u00f6nnen. So weit unser Lob. Auf andern Gebieten sind uns die Kr\u00e4fte Roquette&#8217;s nicht ausreichend erschienen, und selbst in die Bewunderung seines gepriesenen &#8222;Waldmeisters&#8220; k\u00f6nnen wir nur sehr bedingungsweise einstimmen. Die Idee ist niedlich, vielleicht auch originell; aber die Ausf\u00fchrung krankt nach unserer Meinung an einer kaum zu \u00fcberwindenden Breite, und neben reizenden Einzelnheiten l\u00e4uft im Gro\u00dfen und Ganzen ein bedeutendes Theil Langeweile einher. \u2013 F\u00fcr die Ballade hat er wenig Talent (auch hier gl\u00fcckt ihm das Humoristische am besten), und sein &#8222;Tag von St.-Jakob&#8220; ist ein entschiedener Irrthum. Jenem m\u00e4chtigen Freiheitsgef\u00fchl, das bei St.-Jakob wie in drei\u00dfig Schlachten zuvor die Schweizer zum Siege f\u00fchrte, vermochte er nur einen schwachen Ausdruck zu geben, und die hineinverwebte Liebesgeschichte wurde, weil sie die Allt\u00e4glichkeit vermeiden wollte, zu einem unl\u00f6sbaren psychologischen R\u00e4thsel. Nach einem alten Gesetz soll sich das Epos an keine Verzwicktheiten machen; Alles mu\u00df plan und einfach sein, und statt des Spannenden in Situation und Charakteren ist es lediglich der poetischen Darstellung vorbehalten, dem Ganzen Reiz und Zauber zu leihen<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wenden uns jetzt einer zweiten Gruppe zu, einer Trias, und besprechen in m\u00f6glichster K\u00fcrze:\u00a0Wilhelm von Merckel, Bernhard von Lepel\u00a0und\u00a0Paul Heyse.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Wilhelm von Merckel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Merckel ist eine echte Poetenseele; er ist ein\u00a0Schlesier, das sagt Alles. Alle Poeten von dort sind\u00a0dichterische Naturen\u00a0und liebensw\u00fcrdige Menschen, aber der\u00a0gro\u00dfe Dichter soll noch kommen. Man mu\u00df ihnen gut sein; man steht vor ihren Sachen wie vor Landschaften und Genrebildern, Alles heimelt Einen an, aber der Historienmaler, der uns im Innersten fa\u00dft, wie ein Gallait, wenn er uns die abgeschlagenen H\u00e4upter Horn&#8217;s und Egmont&#8217;s vor das Auge f\u00fchrt \u2013 ein solcher Maler fehlt noch unter ihnen. Auch Wilhelm von Merckel (mit Ausnahme einzelner Parteigedichte, die ihn bekannt machten und doch nur angethan sind, uns ein falsches, selbst verzerrtes Bild von dem Manne zu geben) ist Einer aus dieser Gem\u00fcthlichkeitsschule und erreicht da sein H\u00f6chstes, wo er sich an das\u00a0Kleinste\u00a0macht und nach Weise eines echten Humoristen aus einem halben Nichts seinen Faden spinnt. Was von ihm in allerhand Sammlungen \u00fcbergegangen, ist wenig geeignet, ihn in seinem eigensten Wesen, am wenigsten in seiner Bedeutsamkeit erkennen zu lassen. Das Beste, was wir von ihm kennen, ist eine humoristische Erz\u00e4hlung in spanischen Troch\u00e4en, unter dem Titel: &#8222;Ein Urlaub&#8220;. Es erschien kurz vor dem Ausbruch der Februarrevolution und wurde mit Gr\u00f6\u00dferm begraben. Die Welt liebte es damals, \u00fcber alles M\u00f6gliche zur Tagesordnung \u00fcberzugehen, nat\u00fcrlich auch \u00fcber harmlose Gedichte. Wen in diesen Tagen \u2013 und deren d\u00fcrften Viele sein \u2013 das innige Verlangen nach einem frischen, erquickenden Trunk beschleicht, dem empfehlen wir jene muntern Troch\u00e4en mit vollster Ueberzeugung. Zu dem Humor, der die neuerdings erschienenen &#8222;&lt;Difteldinger&gt;&#8220;, so vortheilhaft auszeichnet, gesellt sich bei jener Erz\u00e4hlung noch die dichterische Weihe, und es war uns beim Lesen derselben immer, als athmeten wir den w\u00fcrzigen Duft des Heu&#8217;s und jener schlesischen Felder ein, die uns darin mit soviel Wahrheit und Liebensw\u00fcrdigkeit beschrieben werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Bernhard von Lepel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat ihn den\u00a0kleinen Platen\u00a0genannt. Mit Recht und Unrecht. Bevor er seine Entwickelung hinter sich hatte, mochte diese sp\u00f6ttische Bezeichnung f\u00fcr ihn passen; jetzt steht er auf eigenen F\u00fc\u00dfen. Das\u00a0StudiumPlaten&#8217;s (eine Platen&#8217;sche\u00a0Schule\u00a0w\u00fcrden wir f\u00fcr ein Ungl\u00fcck und f\u00fcr den Tod unserer jungen Poesie halten) w\u00e4re jedem jungen Dichter anzurathen; es w\u00fcrde zum Ernste stimmen und uns vor jenem Darauflosdichten bewahren, das den B\u00fcchermarkt mit unreifen Productionen \u00fcberschwemmt und das verselesende Publicum immer stutziger und kleiner macht. Lepel emancipirte sich v\u00f6llig von seinem Vorbild, als er die &#8222;Zauberin Kirke&#8220; schrieb. Platen hatte nichts von jenem derben und nat\u00fcrw\u00fcchsigen Humor, der Lepel&#8217;s hervorstechendste Seite bildet. Das reizende kleine Epos, das sich mit Scherz und Witz zwischen die beiden politischen Extreme stellt und doch zu gleicher Zeit wieder &#8222;das himmlische Reich der Mitte&#8220; (hier keineswegs &#8222;China&#8220;) voll Selbstironie besp\u00f6ttelt, ist wenig bekannt geworden, gleich allen den modernen Erscheinungen, die es verschm\u00e4ht haben, dem Parteiinteresse zu dienen und von ihm sich in die Welt tragen zu lassen. Doch wer n\u00e4hme Anstand daran? Jeder Buchh\u00e4ndler sagt Einem: das Beste wird nicht gekauft. Lepel hat sich neuerdings der Ballade und dem Drama zugewandt. Gl\u00fcckliche Wahl des Stoffs, knappe Darstellung, Klarheit und Sch\u00f6nheit des Stils, dabei \u2013 wie sich von selbst versteht \u2013 makellose Behandlung von Form und Reim, haben uns mit einem Cyclus von Balladen beschenkt, die wir mit gutem Gewissen dem Besten an die Seite setzen k\u00f6nnen, was unsere Literatur auf diesem Gebiete aufzuweisen hat. Seine dramatischen Versuche waren bisher nicht gl\u00fccklich. Wir h\u00f6ren von einem\u00a0neuen\u00a0vaterl\u00e4ndischen Drama, dem wir so entschiedene Erfolge auf der B\u00fchne w\u00fcnschen, als wir von der poetischen Ausf\u00fchrung der einzelnen Theile uns im voraus \u00fcberzeugt halten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Paul Heyse.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Sp\u00f6tter f\u00fcr Lepel den Beinamen &#8222;der kleine Platen&#8220; erfanden, so waren Neider und sogenannte gute &lt;Freunde&gt; desgleichen bem\u00fcht, Paul Heyse als einen forcirten\u00a0jungen Goethe\u00a0in Miscredit zu bringen. Es hat inde\u00df mit diesem Anlauf zur Ironie wenig auf sich, und wir wagen in der That die Behauptung: wenn unter allen jungen Poeten Einer ist, den die G\u00f6tter zu etwas H\u00f6chstem und Gr\u00f6\u00dftem bestimmten, so ist er&#8217;s. Er k\u00f6nnte leicht berufen sein, Alles Das, was in diesem Augenblick in Deutschland dichterischen Klang und Namen hat, in den Schatten zu stellen. Alle seine Arbeiten, auch die verfehltesten, tragen den Stempel au\u00dfergew\u00f6hnlicher Begabung, viele unter ihnen den des Genies. Erst 22 Jahre alt, kann bei ihm von einem Abschlu\u00df keine Rede sein. Alles, was wir von ihm haben, sind nur Vorl\u00e4ufer, nur Studien, aber sie reichen aus, uns einen &#8222;ganzen Mann&#8220; dermaleinst erwarten zu lassen. Er trat mit einem M\u00e4rchen, &#8222;Der Jungbrunnen&#8220;, zuerst vors Publicum, einer frischen und zierlichen Arbeit, die inde\u00df, mit Ausnahme einiger Liedchen, die den Volkston \u00fcberaus gl\u00fccklich trafen, nichts von Bedeutung aufwies. Ein Drama, &#8222;Francesca von Rimini&#8220;, folgte. Die Kritik fiel\u00a0<em>unisono<\/em>\u00a0dar\u00fcber her: man nannte es die Ausgeburt einer unreinen Phantasie, die unreife und doch schon faul gewordene Frucht eines Knabengeistes u. dgl. m. Wir bekennen, da\u00df wir \u00fcber die sittliche Entr\u00fcstung der Leute recht herzlich gelacht haben. Wir machen kein Hehl daraus, da\u00df wir den Verfasser dieser ungl\u00fccklichen, in den kritischen Bann gethanen &#8222;Francesca&#8220; pers\u00f6nlich kennen, und d\u00fcrfen auf Wort versichern, &lt;da\u00df&gt; sein Herz keuscher ist als das vieler seiner Ankl\u00e4ger. Nach Jahren erst, wenn Paul Heyse\u00a0Der\u00a0geworden sein wird, der er nothwendig werden mu\u00df, wird man im Stande sein, jene, freilich jugendliche und an hundert Fehlern krankende Arbeit in ihren genialen Z\u00fcgen und Eigenschaften zu w\u00fcrdigen. Es sind oft die Fehler, die es uns m\u00f6glich machen, einen Charakter wie ein Talent in allen seinen Vorz\u00fcgen zu w\u00fcrdigen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der &#8222;Francesca von Rimini&#8220; folgte ein kleines Epos, &#8222;Urica&#8220;, merkw\u00fcrdig durch seine kecke Behandlung der \u00fcberaus schwierigen Form (einer Nachbildung der Spencer-Strophe), in der es geschrieben ist. Was den Inhalt angeht, so waren wir niemals damit einverstanden. Es stellt sich zur Aufgabe, das Egalit\u00e4tsprincip in seiner ganzen Nichtigkeit darzustellen. Wir haben nichts gegen diese Intention, der wir gegentheils die vollste Berechtigung zuerkennen, aber der Dichter hat alles M\u00f6gliche bewiesen, nur eben Das nicht, was er beweisen will. Wir m\u00fcssen diese Arbeit verfehlt nennen. Erst Paul Heyse&#8217;s neueste Dichtung zeigt ihn ganz als ihn selbst. &#8222;Die Br\u00fcder, eine chinesische Geschichte&#8220; ist das sch\u00f6nste Gedicht, was, unserm Daf\u00fcrhalten nach, die neuere deutsche Literatur hervorgebracht hat. Es ist rein, reif, einfach, markig und schlie\u00dft sich jenen makellosen Dichtungen an (die es an poetischer Unmittelbarkeit und, als Folge davon, an Eindruck auf das Menschenherz \u00fcbertrifft), womit die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts unsere bis dahin magere Literatur beschenkten. Der junge Dichter weilt seit fast einem Jahre auf italienischem Boden; Rom und der blaue Himmel von Neapel werden an ihm nicht ohne Einflu\u00df vor\u00fcbergegangen sein, und wir erwarten ihn als\u00a0Den\u00a0zur\u00fcck, den wir gewohnt sind seit Jahren in ihm zu erblicken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vor\u00fcbergehen den Namen\u00a0Adolf von Schack&#8217;s\u00a0nennend, der, neben einer meisterhaften Uebersetzung des Firdusi, auch durch selbst\u00e4ndige, namentlich ihrer Form und ihrem Wohlklang nach gelungene Productionen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wu\u00dfte, wenden wir uns jetzt nach Norden hin, aufs Weser- und Eidergebiet, und haben f\u00fcr\u00a0Bodenstedt\u00a0(in Bremen) und\u00a0Theodor Storm(in Husum) einige kurze, aber anerkennende Worte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bodenstedt haben wir eine doppelte Richtung zu unterscheiden. Mit einem Fu\u00dfe steht er auf der Dom\u00e4ne Freiligrath&#8217;s (des vorm\u00e4rzlichen), mit der andern auf der Schwelle seines Gastfreunds Mirza Schaffy. Selbst sein pers\u00f6nlicher Aufenthalt am Kaukasus und die andauernde, unmittelbare Einwirkung jener Spruch- und Weisheitspoesie, die wir zuerst aus den &#8222;Liedern des Hafiz&#8220; und den &#8222;Makamen des Hariri&#8220; kennen lernten, ist nicht im Stande gewesen, die Gedoppeltheit seines Wesens aufzuheben, und, w\u00e4hrend er uns die\u00a0Lieder des Mirza Schaffy\u00a0als\u00a0eine\u00a0Frucht seiner Reise mit heimbrachte, bot er uns zu gleicher Zeit Bilder, mit Augen geschaut, und frisches, aus dem Volke selbst genommenes Leben. Er philosophirt, unter Anleitung seines Meisters, \u00fcber Liebe und Wein, Leben und Sch\u00f6nheit, aber nur um sich hinterher mit um so gr\u00f6\u00dferm Behagen an die Schilderung einer Kaukasuslandschaft oder gar des kriegerischen Treibens seiner Bergv\u00f6lker, den alten Schamyl an der Spitze, zu machen. Wir verkennen nicht, da\u00df Bodestedt der, von uns nicht allzu hoch verehrten Spruchpoesie eine Seite abzugewinnen im Stande war, die wir bis dahin kaum f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatten. Er verstand es, die Sachen, unbeschadet ihrer Tiefe und Feinheit, interessant und selbst popul\u00e4r wiederzugeben. Wir haben Personen sich an den\u00a0Liedern des Mirza Schaffy\u00a0erquicken sehen, die bei Platen&#8217;schen Ghaselen und R\u00fcckert&#8217;schen Makamen es nicht \u00fcber die dritte Seite hinausgebracht h\u00e4tten. Ein gl\u00fccklicher Instinct lie\u00df ihn die Klippe des Zopfigen (Platen) und Difftligen (R\u00fcckert) in gleichem Ma\u00dfe vermeiden. Man k\u00f6nnte sagen, es gehe verh\u00e4ltni\u00dfm\u00e4\u00dfig ein Naturtalent durch diese Sachen. Nichtsdestoweniger ist uns diese Weisheitsseite an Bodenstedt die minder werthe. Wenn er die feurigsten Sachen Lermontow&#8217;s (den er so sch\u00f6n \u00fcbersetzt hat) auf sich wirken l\u00e4\u00dft, wenn er den wei\u00dfb\u00e4rtigen Schamyl und den Kasbek und seinen wilden Sohn, den Terek, uns vor die Seele f\u00fchrt, dann lieben wir ihn ganz und k\u00f6nnen im Innersten ein leises Bedauern dar\u00fcber nicht unterdr\u00fccken, da\u00df er, seine Kraft zersplitternd, uns lieber fast die Gespinnste eines feinen Kopfes, als eine Reihe lebensvoller Gestalten gibt, und mehr Gewicht auf den Ruf eines morgenl\u00e4ndischen Philosophen als auf den Ruhm eines heimathlichen Dichters zu legen scheint. Seine neueste Dichtung, &#8222;Ada die Lesghierin&#8220;, lenkt ein auf eine Bahn, wie wir sie ausschlie\u00dflich von ihm betreten w\u00fcnschten; aber das\u00a0Mirza-Schaffy-Wesen haftet ihm gelegentlich auch hier noch an und st\u00f6rt die Reinheit des epischen Styls, die nach einer Epoche von Flitter\u00fcberladung wieder anf\u00e4ngt in ihr Recht zu treten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: justify;\">Theodor Storm.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An ihm ist jeder Zoll ein Dichter. Kein gro\u00dfer, aber ein liebensw\u00fcrdiger, wir m\u00f6chten sagen ein recht\u00a0poetischer\u00a0Dichter. Er wandelt keine absolut neuen Wege, aber die alten, die er einschl\u00e4gt, sind die echten und wahren. Das Kleinste, was er schreibt, liegt immer vor Einem wie eine Morgenlandschaft: Thautropfen h\u00e4ngen an den Gr\u00e4sern, nur das Gel\u00e4ute einer Heerde oder schmetternde Lerchen unterbrechen die Sabbathstille, durch den Nebelschleier, der \u00fcber der Erde liegt, bricht strahlend die Sonne; Duft und Frische und der Zauber einer unentweihten Natur ringsum! Neben dem Volksliede, das er mit Eifer studirt hat, sind Heine und M\u00f6rike seine Vorbilder. Mit Letzterm zeigt er eine entschiedene Verwandtschaft; sein Humor ist ganz der des Verfassers der &#8222;Storchenbotschaft&#8220;. Von Heine entlehnte er eine gewisse Vorliebe f\u00fcr Secirung erotischer Stimmungen und Situationen, ohne deshalb in Nachahmung jener\u00a0Manier\u00a0zu verfallen, die nur an Heine selbst zu ertragen ist und jeden Nachfolger ruinirt. Storm&#8217;s reizendste Sachen zeichnen sich durch K\u00fcrze aus; wir sind deshalb in der Lage, einige derselben zu seiner Charakteristik folgen lassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Frauenhand<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df es wol, kein klagend Wort<br \/>Wird \u00fcber deine Lippen gehen;<br \/>Doch, was so sanft dein Mund verschweigt,<br \/>Mu\u00df deine blasse Hand gestehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hand, an der mein Auge h\u00e4ngt,<br \/>Zeigt jenen feinen Zug der Schmerzen,<br \/>Und da\u00df in schlummerloser Nacht<br \/>Sie lag auf einem kranken Herzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter hat&#8217;s gewollt,<br \/>Den Andern ich nehmen sollt&#8216;;<br \/>Was ich zuvor besessen,<br \/>Mein Herz sollt&#8216; es vergessen;<br \/>Das hat es nicht gewollt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Mutter klag&#8216; ich an,<br \/>Sie hat nicht wohlgethan;<br \/>Was sonst in Ehren st\u00fcnde,<br \/>Nun ist es worden S\u00fcnde;<br \/>Was fang&#8216; ich an?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr all mein Stolz und Freud&#8216;<br \/>Gewonnen hab&#8216; ich Leid.<br \/>Ach, w\u00e4r&#8216; das nicht geschehen,<br \/>Ach, k\u00f6nnt&#8216; ich betteln gehen<br \/>Ueber die braune Haid!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor wir zum Schlusse schreiten, sei uns noch gestattet, auf die auffallende Erscheinung hinzuweisen, da\u00df die\u00a0Localpoesie, die sich mit Innigkeit dem Allern\u00e4chsten zuwendet und deshalb den Dialekt der Heimat als Mittel zum Ausdruck w\u00e4hlt, in einem steten und \u00fcberraschenden Wachsen begriffen ist. Viele bedauern das und sehen darin nichts als jenes Pfahlb\u00fcrgerthum, das nicht \u00fcber die Stadtmauer hinwegguckt, und jenen Hang zum Besonderlichen und Isolirten, der allerdings von jeher der Fluch der deutschen St\u00e4mme gewesen ist. Unsere Meinung dar\u00fcber ist nichtsdestoweniger genau die entgegengesetzte. Der Reichthum, der unserer Sprache wie unserm Leben daraus flie\u00dft, ist noch unberechenbar. Wer sein Haus recht liebt, der liebt auch sein Land, und wer f\u00fcr jenes fechten will, der stirbt auch f\u00fcr dieses. Was uns so vielfach fehlt, das ist die Piet\u00e4t; diese aber wird gepflegt durch ein\u00a0geistigesVerwachsen mit der Scholle. Der Wandertrieb und die Bewunderung alles Fernen und Fremden ist nicht das bessere Theil in uns. Die Liebe zu dem Fleck, der uns geboren, schlie\u00dft hundert Kr\u00e4fte in sich, und der mit Recht geschm\u00e4hte &#8222;Particularismus&#8220; ist nur die wurmstichige Frucht eines an und f\u00fcr sich gesunden Baumes. Die plattdeutsche Sprache hat in allerneuester Zeit Dichtungen voll wunderbarer Sch\u00f6nheit hervorgebracht. Der Verfasser des &#8222;Quickborn&#8220; (Claus\u00a0Groth\u00a0auf der Insel Fehmarn) hat einmal wieder an den\u00a0Quellen\u00a0[377] der Poesie gesessen. Da liegt&#8217;s! So viele unserer Dichter dichten nach dem\u00a0Buche, statt nach dem\u00a0Leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun wenige Worte zum Schlu\u00df! Wir hatten anf\u00e4nglich die Absicht, auch unsere neueste\u00a0Roman- und\u00a0B\u00fchnenliteratur\u00a0mit in diese Besprechung zu ziehen, doch wuchs uns der Stoff unter den H\u00e4nden, und wir mu\u00dften davon abstehen. Vielleicht, da\u00df wir Gelegenheit finden, in einem besondern Aufsatze darauf zur\u00fcckzukommen. Was die Zahl und Auswahl der von uns einzeln besprochenen Dichter angeht, so erlauben wir uns, den Leser nochmals darauf aufmerksam zu machen, da\u00df es sich nur um Hervorhebung der Poeten seit 1848 handelte. Die Namen aller Derer, die schon vorher zu irgend welcher Bedeutung gelangt, waren ausgeschlossen von dieser Revue. Aber ein zweiter Umstand k\u00f6nnte auffallen: die Ausschlie\u00dflichkeit des\u00a0Nordens in dem vorstehenden Verzeichni\u00df. Die Schuld ist nicht unsere. Man nenne uns irgend einen Dichter von Bedeutung, den Oestreich oder das einst so liederreiche Schwabenland seit einem Jahrzehnd hervorgebracht hat! &#8222;Die Welt ist rund und mu\u00df sich dreh&#8217;n.&#8220; Die Musen und Grazien in der Mark sind kein Stoff mehr f\u00fcr die Satire, und das oft verspottete Flachland zwischen Oder und Elbe kommt auch einmal zu seinem Recht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erstdruck in: <strong>Deutsche Annalen zur Kenntni\u00df der Gegenwart und Erinnerung an die Vergangenheit<\/strong>. Bd. 1, 1853, S. 353-377.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_60132\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-60132\" class=\"wp-image-60132\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"277\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane.png 440w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-239x300.png 239w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-260x327.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/440px-Theodor_Fontane-160x201.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><p id=\"caption-attachment-60132\" class=\"wp-caption-text\">Theodor Fontane (1883) (Gem\u00e4lde von Carl Breitbach)<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> <\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es gibt neunmalweise Leute in Deutschland, die mit dem letzten Goethe&#8217;schen Papierschnitzel unsere Literatur f\u00fcr geschlossen erkl\u00e4ren. Forscht man n\u00e4her nach bei ihnen, so theilen sie Einem vertraulich mit, da\u00df sie eine neue Bl\u00fcte derselben \u00fcberhaupt f\u00fcr unwahrscheinlich halten,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/25\/unsere-lyrische-und-epische-poesie-seit-1848\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":191,"featured_media":100258,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2418],"class_list":["post-60125","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-theodor-fontane"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60125","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/191"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=60125"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60125\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103312,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/60125\/revisions\/103312"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100258"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=60125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=60125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=60125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}