{"id":59973,"date":"2019-12-24T00:01:55","date_gmt":"2019-12-23T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59973"},"modified":"2019-12-31T09:20:41","modified_gmt":"2019-12-31T08:20:41","slug":"im-kino-gewesen-geweint-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/24\/im-kino-gewesen-geweint-2\/","title":{"rendered":"\u201eIm Kino gewesen. Geweint.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Es zeigt sich sich [\u2026], wie tief die Oper als Konsumgut \u2011 auch darin dem Film verwandt \u2011 mit Spekulationen aufs Publikum verfilzt ist.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\">Theodor\nW. Adorno<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur Franz Kafka lie\u00df sich (siehe auch den Titel dieser reflektierenden Medienbetrachtung) von Filmen seiner Zeit mitrei\u00dfen. Der als Autor \u00fcbersch\u00e4tzte John Updike bemerkte:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>\u201eJedenfalls hat das Kino mehr f\u00fcr mein spirituelles Leben getan als die Kirche. (&#8230;) W\u00e4hrend sich die christliche Religion \u00fcberall auf dem R\u00fcckzug befindet und immer mehr an Einfluss einb\u00fc\u00dft, f\u00fcllt der Film dieses Vakuum und versorgt uns mit Mythen und handlungssteuernden Bildern.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Skywalker-821x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59925\" width=\"311\" height=\"387\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>In einer anderen  <\/em>analogen <em>Galaxis<\/em> &#8230; waren die Zauberlehrlinge von Hollywood  einst Meister darin, mit bewegten Bildfolgen das Publikum gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig stark aufzuw\u00fchlen. Star War IV-VI l\u00f6ste spirituelle Erfahrungen bei U-Boot-Christen aus, die allenfalls noch die Christmette absolvieren.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber f\u00fcr das Neue sollen wir recht eigentlich leben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\">Theodor Fontane<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein alter Hut: \u201eJede wahre Einmaligkeit verlangt nach anderen Einmaligkeiten\u201c. Das ist der tiefere Grund, warum es sich mit der Vollendung dieser Trilogie r\u00fcckw\u00e4rts zur Hexalogie und dann als Ennealogie nicht ausgeht. Das Problem von VII \u2013 IX, der <em>Krieg der Sterne<\/em> war bereits mit VI komplett auserz\u00e4hlt. Weil der M\u00e4use-Konzern jedoch vier Milliarden Dollar an Lucas gezahlt hat, kommt das Geld nicht mit dem Klingelbeutel nach dem Kinobesuch wieder rein, Kapitalismus muss sich rechnen. (Man sollte sich angelegentlich The Kinks anh\u00f6ren, die 1961 <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bN3S0qFkNgg\">Give The People What They Want<\/a> sangen.) Und genau das ist es, was man <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_FLhO7ZnKHs\">Jar Jar Abrams<\/a> nicht zu Vorwurf machen sollte, er hat es sowohl der Filmproduzentin Kathleen Kennedy als auch dem gro\u00dfteil des Publikums recht gemacht und das Sequel gerettet.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Kinder, macht Neues! Neues! und abermals Neues!  \u2013 h\u00e4ngt Ihr Euch an\u2019s Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivit\u00e4t,  und Ihr seid die traurigsten K\u00fcnstler!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\">Richard Wagner<\/p>\n\n\n\n<p>Glaubt man der Kolportage, so ist IX bei sechs Probevorf\u00fchrungen durchgefallen. \u00dcberarbeitungen waren von N\u00f6ten. Verwunderlich ist, da\u00df die vielen Einfl\u00fc\u00dfe, obwohl nicht immer sachte in den Erz\u00e4hlfluss integriert, am  Endprodukt keinen wirklichen Abbruch verursacht hat. Was auf der Leinwand zu sehen ist, fa\u00dft die Redewendung <em>kleinster gemeinsamer Nenner<\/em> zutreffend zusammen, das kann durchaus als Kompliment bezeichnet werden, wenn man sich erinnert, wie der letzte <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2eSBtwoVXfw&amp;list=PLFz_00sC7mo6NmJ1I3gdC2P8xxZG-FoGj&amp;index=1\">hei\u00dfe Schei\u00df<\/a> diesen Jahres von Benioff und Weiss vor die Wand gefahren wurde (Funfact: Die GoT-Macher sind beim M\u00e4use-Konzern wieder ausgesstiegen und haben einen Deal mit Netflix geschlossen.) Statt etwas Neues zu machen, bewegt sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5bebyFYIhIk\">Jar Jar Abrams<\/a> zwischen Retro und dem, was Rosa von Praunheim mit dem Filmtitel \u201eUnsere Leichen leben noch\u201c treffend auf den Punkt gebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>May the farts be with you<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs farzt die Hexe, es stinkt der Bock\u201c, hei\u00dft es bereits im <em>Faust.<\/em> Den Imperator wiederzubeleben ist insofern konsequent, weil das zombifizierte Hollywood mit seinem Wiederg\u00e4ngern aus <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=bD7bpG-zDJQ\">prequels<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sGbxmsDFVnE\">sequels<\/a> auf ein Publikum trifft, die das <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/15\/sils-maria\/\">Ewig Gleiche<\/a><\/em> wollen. Mehr haben die Hipster auch nicht verdient. Und die Nerds beschweren sich dennoch in ihren &#8211; wenngleich akademisch fundierten &#8211; dennoch systemimmanenten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RhZZa_enqWU&amp;t=421s\">Videobotschaften<\/a> dar\u00fcber. Aber wie es mit Modebegriffen wie <em>spoilerfrei<\/em> und <em>Fanservice<\/em> so ist: sie dr\u00fccken nichts aus, ausser eine gro\u00dfe Verachtung f\u00fcr die Menschen, f\u00fcr die man vorgibt im Weltnetz kritische \u00d6ffentlichkeit herstellen zu wollen. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Star Wars war der Film, der das Herz und die Seele von Hollywood verschlungen hat. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\">Paul Schrader \u00fcber das Ende von New Hollywood <\/p>\n\n\n\n<p>Auch die affirmativen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=own74T3tqN8\">Analysejunkies<\/a> bilden so viel wie eine Urlaubspostkarte ab, die versucht mit einem Sonnenuntergang die Wahrhaftigkeit \u00fcber wahre Sch\u00f6nheit abzulichten. Jeder dieser, nach klickrates heischenden Filmbeschauer, bewegt sich jedoch in einer Filterblase (schon jetzt das Unwort des Jahres!). Man meint sich umgehen von D\u00fcmmlichkeitstwitterern und laberverbl\u00f6deten Kulturvollzeitst\u00e4dtern. Bei diesen Wiederk\u00e4uern ist unentwegt die Rede Heldenreisen, Begleitern und cosmogonic cycles. Die Dranginkontinenz ihrer Mitteilungskraft verdeckt ihr Ego nur unzureichend, hier zeigt sich das  das mediale Stimmengewirr einer dauereregten Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Campbells gro\u00dfe Leistung besteht vor allem in der anthologischen  Zusammenfassung und Durcharbeitung eines unendlichen Materials; aus  einer unersch\u00f6pflich scheinenden Kenntnis der Mythen der ganzen Welt  entwickelt er im vergleichenden Verfahren eine gro\u00dfartige und umfassende  Monographie und Analyse des Heldenmythos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\">Margarete Sch\u00fcddekopf<\/p>\n\n\n\n<p>Inhaltlich gibt es bei diesem halbwegs gelungenen Future-Recycling von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YR_ow1HYrts\">Jar Jar Abrams<\/a> eigentlich nicht mehr zu sagen (er h\u00e4tte m\u00f6glicherweise die abgegriffene Ausgabe von Georg Lucas TB <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Heros_in_tausend_Gestalten\">Der Heros in tausend Gestalten<\/a><\/em><strong> <\/strong>lesen sollen &#8211; aber das w\u00e4re bereits durchgekautes Fanboywissen). Dieser Kinobesuch erinnert an die Fahrt mit einer Dampflokomotive (aka <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8sarFZJl3h0\">Millenium Falke<\/a>) vom Eisenbahnmuseum Bochum-Dahlhausen \u00fcber den l\u00e4ngs gelegten Eifeltum, die M\u00fcngstener Br\u00fccke, man wird in die Zeit der Industrialisierung zur\u00fcckversetzt. IX ist ein Film, der auf die Anf\u00e4nge der Filmkunst zur\u00fcckverweist, denn die Rolle des <em>Spielleiters<\/em>  war zuerst die eines Mediums, welche das Transzendente erfahrbar macht und so die Welt in ihrem tats\u00e4chlichen Sein erschlie\u00dft. Die Handlung von IX ist so hinreichend schwachsinnig, wie es bei einem M\u00e4rchenfilm aus dem Sonntagsnachmittagsprogramm sein sollte, soda\u00df man gern, entspannt im Sessel zur\u00fcckgelehnt,  auf das erl\u00f6sende <a href=\"https:\/\/www.bing.com\/images\/search?view=detailV2&amp;id=8A67D7D37BE25F018C19EB1258E2F97AEC684EBE&amp;thid=OIP.bNicfOd4Iu68jIt-3xwUKwHaEK&amp;mediaurl=https%3A%2F%2Fcdna.artstation.com%2Fp%2Fassets%2Fimages%2Fimages%2F002%2F448%2F368%2Flarge%2Fbenoit-duroi-tatooine-reboot-0029-cam-004.jpg%3F1461853926&amp;exph=1080&amp;expw=1920&amp;q=Tatooine&amp;selectedindex=1&amp;ajaxhist=0&amp;vt=0&amp;eim=1,6\">Schlussbild<\/a> mit <em>Mary Sue <\/em>auf Tatooine wartet, um kafkaesk eine Tr\u00e4ne durchs Knopfloch zu dr\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zur\u00fcckf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gilt endg\u00fcltig Abschied zu nehmen. Nicht nur von diesem analog weit entfernten Teil der Galaxis. New Hollywood sieht, trotz Industrial Light &amp; Magic (ILM) und Computer Generated Imagery (CGI), alt aus. Wie keine andere Kunstform haben TV-Serien die Popkultur im 21. fr\u00fchen Jahrhundert okkupiert und das Kino als Massenmedium hinter sich gelassen. Der M\u00e4usekonzern hat das im Kielwasser von Netflix und Co mit Versp\u00e4tung auch bemerkt und mit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WLhMNaBkLAM\">The Mandalorian<\/a> einen TV-Star-Wars-Ableger vorgelegt, der erheblich besser funktioniert als IX. Nicht nur Benioff und Weiss haben trennscharf erkannt, da\u00df das <a href=\"https:\/\/www.bing.com\/images\/search?view=detailV2&amp;id=E092A6BC9FC46C0FB766A7A62316C4CBF7F690A3&amp;thid=OIP.Hu7DIzJB_OH1X0QARxyWWQHaKr&amp;mediaurl=http%3A%2F%2Fimg.fotocommunity.com%2Flichtspielhaus-0f0ab0bc-774d-446d-9fc8-2f450849da04.jpg%3Fheight%3D1080&amp;exph=808&amp;expw=560&amp;q=Lichtspielhaus&amp;selectedindex=1&amp;ajaxhist=0&amp;vt=0&amp;eim=1,6\">Lichtspielhaus<\/a> nur noch als Glied in einer Verwertungskette dient, das Filmtheater ist zur Abspielst\u00e4dte der Online-Anbieter geworden, um f\u00fcr relevanten Filmpreise in Frage zu kommen. Kino war das <em>Neue<\/em> Medium das 20. Jahrhunderts, daher sei Jean-Luc Godard die Nachbemerkung auf die Cin\u00e9math\u00e8que \u00fcberlassen:<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\"><em>Kino nannten wir die Filme, die wir nicht sehen konnten. Kino war das Unsichtbare.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es zeigt sich sich [\u2026], wie tief die Oper als Konsumgut \u2011 auch darin dem Film verwandt \u2011 mit Spekulationen aufs Publikum verfilzt ist. Theodor W. Adorno Nicht nur Franz Kafka lie\u00df sich (siehe auch den Titel dieser reflektierenden Medienbetrachtung)&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/24\/im-kino-gewesen-geweint-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":59925,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[494,2308,1223,448],"class_list":["post-59973","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-franz-kafka","tag-jean-luc-godard","tag-richard-wagner","tag-theodor-w-adorno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=59973"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59973\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=59973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=59973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}