{"id":5959,"date":"2012-07-15T00:01:13","date_gmt":"2012-07-14T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5959"},"modified":"2021-10-11T14:12:09","modified_gmt":"2021-10-11T12:12:09","slug":"atomatisiert-mitten-im-satzgebilde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/15\/atomatisiert-mitten-im-satzgebilde\/","title":{"rendered":"\u00bbAtomatisiert mitten im Satzgebilde\u00ab \u2219 Wi(e)der sprechen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Flaschenb\u00fcrste \u2219 Gem\u00fcsebr\u00fche \u2219 Brillenputzt\u00fccher<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so kam <em>Matrix 28. Atmendes Alphabet f\u00fcr Friederike Mayr\u00f6cker<\/em> ins Haus: herausgefallen aus dem Briefkasten, weil vielwiegend und in glatte Folie eingeschwei\u00dft. Hatte nun ungelesen gleich ein Eselsohr wie nach 50 Lesejahren. Gut. So brauchte ich nicht mehr zimperlich sein, und <em>meine<\/em> <em>Matrix<\/em> kam unters Kopfkissen sowie unter die Kaffeetasse und unter die Linden, mit einem Einkaufszettel als Lesezeichen (<span style=\"color: #000000;\">\u00bbFlaschenb\u00fcrste, Gem\u00fcsebr\u00fche, Brillenputzt\u00fccher<\/span>\u00ab). Solche B\u00fccher m\u00fcssen sich, schlie\u00dflich k\u00f6nnen sie, bei n\u00e4herem Betrachten, dem Inhalt nur so entsprechen, verformen und transponieren d\u00fcrfen. \u2013 \u2013 \u2013 Die Lekt\u00fcre wirkt befreiend, erhellend, beunruhigend. Endlich f\u00fchl ich mich wieder in einem Buch \u203azuhause\u2039, in einem \u203aFachwerkbuch\u2039. Traian Pop, Verleger des Ludwigsburger Pop Verlags und Herausgeber der Literaturzeitschrift <em>Matrix<\/em>, gab Theo Breuer freie Hand f\u00fcr eine FM-Sonderausgabe. <em>Mr.<\/em> <em>Workbench<\/em>, so m\u00f6chte ich ihn nennen, schafft es, dass 81 Autoren und K\u00fcnstler sich aufsternen zu Thema, Person, Faszination Friederike Mayr\u00f6cker, incl. sie selbst, <em>atomatisiert mitten im Satzgebilde<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mischung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Schwegler-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6118\" title=\"Schwegler 1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Schwegler-1-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Schwegler-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Schwegler-1-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Fang ich am Anfang an? Nein, ich fang mit Seite 216 an, mit dem Bild eines toten Kaninchens. Im Garten liegt eine tote Taube heut \u2013 sieht aus, als ob sie noch lebt \u2013 und entfacht Fragen bei uns Vieren: \u00bbWoran ist sie gestorben?\u00ab \u2219 \u00bbDer Nachbarsjunge wollte sie t\u00f6ten und die Eier aus dem Nest klauen\u00ab \u2219 \u00bbWohin sollen wir sie tun?\u00ab \u2219 \u00bbSie muss weg, ihr Kinder werdet sie anfassen und krank werden\u00ab \u2219 \u00bbWir m\u00fcssen sie begraben, man kann doch so ein Tier nicht in den M\u00fcll werfen\u00ab \u2219 \u00bbDas gibt bestimmt \u00c4rger mit der Hausverwaltung\u00ab \u2219 \u00bbDem Hauswart Bescheid sagen?\u00ab \u2219 \u00bbMensch, den hatte ich vorhin an der T\u00fcr, der hatte seinen Koffer heute fr\u00fch auf der Mauer vor unserm Fenster stehen lassen und das erst auf der Autobahn gemerkt, war noch mal umgekehrt und fragte, ob wir jemanden gesehen h\u00e4tten, der Koffer sei weg, und ich sagte: \u203aNein, aber normalerweise nehmen doch die Leute das Zeugs mit, zerfleddern alles und schmei\u00dfen, was nicht Geld ist, ein paar Meter weiter in die B\u00fcsche\u2039.\u00ab \u2026 Und als wir endlich in den Garten gehen, ist eben das mit der Taube passiert: blutig, zerfetzt. Jetzt f\u00e4llt die Entscheidung leichter: Mit Einmalhandschuhen legen wir sie und die Federn in einen M\u00fcllbeutel und drau\u00dfen in die Tonne. Und machen ihr trotzdem ein Grab mit Blumen. Aber diese Mischung: die Besorgnis um die Kinder mit der Besorgnis um die Taube; zwei einander bedingende Widerspr\u00fcche, zwei einander widersprechende Dinge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Hand und Fu\u00df<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beame mich ins Vorwort, in den Vorort dieser Text-Stadt, wo Theo Breuer Mayr\u00f6ckers Gedicht <em>Tiergarten Berlin ca. \u201971, f\u00fcr Ernst Jandl<\/em> zitiert. (Nun will ich diesem Essay r\u00fcckwirkend den Titel WI(E)DER SPRECHEN K\u00d6NNEN geben, denn nach jahrelangem Irrglauben, ich br\u00e4uchte zum Schreiben ein Konzept, beginne ich zu ahnen: Ich brauche Herz und Verstand, Hand und Fu\u00df, Nadel und Faden.) In diesem \u203awunderbaren\u2039 Gedicht entsteht durch Reibung der W\u00f6rter \u203alassen\u2039 und \u203afassen\u2039, n\u00e4mlich: Lass ihn (den Hasen, du k\u00f6nntest krank werden) und fass ihn (den Hasen, und besch\u00fctze ihn), ein G\u00e4nsehaut erzeugender Ton. Wie das aushalten?! Wie Liebe aushalten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Setzk\u00e4stchen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Waber-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6127 alignright\" title=\"Waber 1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Waber-1-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"270\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Waber-1-219x300.jpg 219w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Waber-1-749x1024.jpg 749w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Waber-1.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>\u00bbSchonn klar\u00ab (Floskel der Kinder): Das wird nicht (auf)gekl\u00e4rt, so, wie der Tod nicht aufgekl\u00e4rt wird. Aber ich muss weiterlesen. Um irgendwann wieder beim Hasen anzukommen (und dar\u00fcber hinaus). Um zwischen Gedichten, Briefen, Filmen, Erinnerungen, Bildern, Interviews, Gedanken, Erz\u00e4hlungen, Begegnungen und Collagen beispielsweise einen Wecker zu finden, mit mayr\u00f6ckerscher Zeit, die den einen Fl\u00fcgel in die Vergangenheit, den anderen in die Zukunft spannt. Schnell werde ich in diese Texte und Bilder hineingesogen, doch langsam will ich sie \u203alesen\u2039, will sie f\u00fchlen, ihnen nachsinnen. Zwei R\u00e4ume stehen einander bei Friederike Mayr\u00f6cker gegen\u00fcber, die ich frei \u203adie gro\u00dfe Schachtel des Todes\u2039 (<em>der gro\u00dfe Stachel des Todes<\/em>) und \u203adie Schriftstille\u2039 (<em>und h\u00e4tte ich dieses mein Schreiben nicht<\/em>) nennen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wei\u00dfe W\u00fcrmer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tod: ein Thema, an dem sich Friederike Mayr\u00f6cker abarbeitet (in Anlehnung in Ablebung), Tod, der wie die Nacht ein Zur\u00fcckst\u00fcrzen ins Chaos ist? Nein, schlimmer: ein F\u00fcr-immer-einsortiert-Werden, in eine Schachtel, in ein Setzk\u00e4stchen, ins absolute Dunkel. Das Schreiben als Auflehnung dagegen, und gegen den Zahn der Zeit, und gegen den Nerv der Zeit, und gegen die Sprache der Zeit: die Schriftstille, ein Ort, von dem aus alles m\u00f6glich ist. Eine notwendige Absolutheit. Auch der blaue Mond geh\u00f6rt dazu. Wie alles Neue ist sie zart brutal, muss dicke Mauern haben, sonst fliegt sie nicht &#8230; &#8230; Sie muss anders hei\u00dfen. Gefahr irref\u00fchrender Assoziationen. Da sind n\u00e4mlich kaum W\u00f6rter drin. Das Wort \u203aSchnee\u2039 z.B. wird gleich nach Gebrauch wieder gestrichen, um transformiert zu werden, erweist sich beim genauen Hingucken als Ansammlung wei\u00dfer W\u00fcrmer. Ist das nicht gef\u00e4hrlich, frage mich. Nein, wir essen es ja nicht, da Getreide in Getreidesilos lagert, in denen es nicht schneit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Dornheim \u2219 Kornappel \u2219 Streeruwitz<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Atmendes-Alphabet-f\u00fcr-FM2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-6120\" style=\"border: 1px solid black;\" title=\"Atmendes Alphabet f\u00fcr FM\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Atmendes-Alphabet-f\u00fcr-FM2-249x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"240\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Atmendes-Alphabet-f\u00fcr-FM2-249x300.jpg 249w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Atmendes-Alphabet-f\u00fcr-FM2.jpg 461w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a>Die Aufz\u00e4hlung der gelesenen FM-Buchtitel (von Theo Breuer dreimal wiederholt) wirkt wie ein Gedicht, die Aufz\u00e4hlung der Autoren des Bandes nicht minder: Ilse Aichinger \u2219 Dato Barbakadse \u2219 Maja-Maria Becker \u2219 Hans Bender \u2219 Theo Breuer \u2219 Andrea Brincker \u2219 Peter Clar \u2219 Crauss. \u2219 Michael Donhauser \u2219 Richard Dove \u2219 Jutta Dornheim \u2219 Ulrike Draesner \u2219 Elke Erb \u2219 Susanne Eules \u2219 Christel Fallenstein \u2219 Matthias Fallenstein \u2219 Marcell Feldberg \u2219 Ingrid Fichtner \u2219 Johannes CS Frank \u2219 Zsuzsanna Gahse \u2219 Chana Galvagni \u2219 Andrea Grill \u2219 Karl-Friedrich Hacker \u2219 Bernadette Haller \u2219 Michael Hammerschmid \u2219 Bodo Hell \u2219 Friedrich H\u00f6lderlin \u2219 Semier Insayif \u2219 Gerhard Jaschke \u2219 Katharina Kaps \u2219 Udo Kawasser \u2219 Odile Kennel \u2219 Marie-Th\u00e9r\u00e8se Kerschbaumer \u2219 Ilse Kilic \u2219 Claudia Klu\u010dari\u0107 \u2219 Sirkka Knuuttila \u2219 Simone Kornappel \u2219 Axel Kutsch \u2219 Augusta Laar \u2219 Alma Larsen \u2219 Aur\u00e9lie Le N\u00e9e \u2219 Michael Lentz \u2219 Swantje Lichtenstein \u2219 Silke Markefka \u2219 Friederike Mayr\u00f6cker \u2219 Novalis \u2219 Jos\u00e9 F. A. Oliver \u2219 Elisabeth Pein \u2219 Kevin Perryman \u2219 Peter Pessl \u2219 Judith Nika Pfeifer \u2219 Marion Poschmann \u2219 Andreas Quirinus-Born \u2219 Ilma Rakusa \u2219 Sophie Reyer \u2219 Francisca Ricinski \u2219 Elisabeth von Samsonow \u2219 Julia Schiff \u2219 Matthias Schmidt \u2219 Norbert Schneider \u2219 Vroni Schwegler \u2219 Jan Skudlarek \u2219 Marion Steinfellner \u2219 Ginka Steinwachs \u2219 Marlene Streeruwitz \u2219 Ulrich Tarlatt \u2219 Yoko Tawada \u2219 Liesl Ujvary \u2219 Anja Utler \u2219 Anatol Vitouch \u2219 Mikael Vogel \u2219 Nikolai Vogel \u2219 J\u00fcrgen V\u00f6lkert-Marten \u2219 Linde Waber \u2219 Peter Weibel \u2219 A. J. Weigoni \u2219 Fritz Widhalm \u2219 Herbert J. Wimmer \u2219 Gisela von Wysocki \u2219 Berto Xenien-Heuer \u2219 Barbara Yurtdas \u2219 Christiane Zintzen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Atmendes Alphabet, exemplarisch<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem starken Eindruck von Vielfalt und Vielschichtigkeit der unterschiedlichsten Beitr\u00e4ge folge ich, exemplarisch, sicherlich ganz im Sinne Friederike Mayr\u00f6ckers, dem unchronologischen Muster der Erinnerung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fremdeste zuerst: Sirkka Knuuttila, finnische Literaturwissenschaftlerin, referiert \u00fcber das Abenteuer, Mayr\u00f6cker zu \u00fcbersetzen. <em>Zirren (Wolken) nein Zirben (B\u00e4ume) <\/em>auf Finnisch? Wenn \u203aZirben\u2039 dort gar nicht vorkommen, die finnischen W\u00f6rter anders aussehen, klingen, die Wortfelder anderes enthalten? \u00dcber die Erfahrungen beim Zeichnen lebender Modelle kommt Knuuttila auf das Bild der kommunizierenden Gef\u00e4\u00dfe, R\u00f6hrchen, die unten miteinander verbunden sind und in denen eine Fl\u00fcssigkeit gleich hoch steht (Thema wiederum auch bei FM). Hier tauscht sich Verschiedenes auf Augenh\u00f6he aus, wechselt die Perspektive, z.B. \u203aAmsel\u2039 und \u203aMensch\u2039, \u203aSchlaf\u2039 und \u203aTod\u2039. Das funktioniert mit einer geradezu physikalischen Notwendigkeit. Und dies ist die Reise, auf die sich die \u00dcbersetzerin einl\u00e4sst, wenn sie mit den von ihr gew\u00e4hlten W\u00f6rtern eine vergleichbare Wirkung beim Leser erzielen will wie der Originaltext, wenn sie das mayr\u00f6ckersche Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Tier- und Pflanzenwelt erwecken will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Theo Breuer, der geheimen Kraft, die das 259 Seiten umfassende Textfeuer angefacht hat, tauchen wir in ein <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5558\"><span style=\"color: #000080;\"><em>atmendes Alphabet<\/em><\/span><\/a><\/span>, in dem W\u00f6rter, Satzteile, Bruch- und Fundst\u00fccke von Mayr\u00f6cker und Breuer ineinanderflie\u00dfen. Ein riesiges ABCDiarium, abgeschrieben, neu erfunden, das die wesentlichen Themen der FM aufscheinen, schneien l\u00e4sst, ist mehr ein Lobgesang, ein Nachfahren im Nachtzug (ein Aufwachen gibt es fr\u00fchestens auf S. 259), ein Erkl\u00e4ren, warum wenig (nichts?) so mitrei\u00dfend ist wie das Werk von Friederike Mayr\u00f6cker, Michael Lentz zitierend: <em>ich bin wieder mittendrin, ich h\u00f6re nicht auf \u2013 <\/em>\u203aganz Lesezeichen\u2039 m\u00f6chte ich erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Erinnerungszeichen steckt jetzt allerdings zwischen Jutta Dornheim und Michael Donhauser. Dornheim l\u00e4sst mich ein Gespr\u00e4ch zweier Freundinnen erleben, zwei unterschiedliche Ansichten von \u203aexperimenteller\u2039 Lyrik, mit ihnen bin ich anwesend bei der Preisvergabe des Bremer Literaturpreises 2011 in Abwesenheit der ausgezeichneten Autorin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Michael Donhauser donhaust trunken im Dickicht zwischen <em>sinkt<\/em> und <em>s\u00e4nke<\/em>. Bei der Lekt\u00fcre dieser lyrischen Prosa halte ich den Atem an, verlier jede Vorstellung von Zeit, rieche im Juni den Herbst und h\u00f6re Stille, vollkommene Stille, wo doch tausend und eine Naturerscheinung sich unaufh\u00f6rlich verzetteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Tarlatt-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6124 alignright\" title=\"Tarlatt 4\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Tarlatt-4-300x216.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"216\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Tarlatt-4-300x216.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Tarlatt-4-1024x737.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Tarlatt-4.jpg 1754w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Schon lande ich in Ulrich Tarlatts <em>Gestr\u00fcpp auf dem Gartentisch<\/em> und <em>Frau Noah (&#8230;) im kurzen Hemd, <\/em>plastische Zeichnungen, aus denen mich Wesen aus einer anderen Zeit anblicken, aus einer Welt hinter der Welt, wo auch Yoko Tawadas <em>Nordsee-Pinsel<\/em> beheimatet ist und <em>May<\/em> mit Ypsilon schreibt und Ilma Rakusa einsilbigen Schnee siebt (wie viele W\u00f6rter haben die Eskimos f\u00fcr \u203aSchnee\u2039? Rakusas Ansichten von Schnee sind nicht weniger an der Zahl &#8230; Ich f\u00fchle Fr\u00f6steln mitten im Sommer und m\u00f6chte, wie Axel Kutsch, <em>knallhart umarmt <\/em>werden, eine Schnellaufw\u00e4rmung, doch der zitiert schon wieder <em>Schnee<\/em>,<em> Schneew\u00e4chten<\/em>, im Gedicht <em>\u00dcber das K\u00fcssen<\/em>, als Norddeutsche muss ich da erst mal nachlesen, dass das Schneeverwehungen auf Bergk\u00e4mmen sind, mit einem \u00dcberhang auf die windabgewandte Seite, dass die abbrechen k\u00f6nnen, wenn ich mich darauf begebe und also in den Tod st\u00fcrze, dass im \u00d6sterreichischen aber auch ganz allgemein Schneeverwehungen damit bezeichnet werden, solche, die nicht abbrechen, puh, das durch eine W\u00e4scheklammer (<em>Kluppe<\/em>) inspirierte Gedicht hat allerdings die Sollbruchstelle gerade bei diesem Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Hacker-2.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-6126\" title=\"Hacker 2\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Hacker-2-300x289.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"202\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Hacker-2-300x289.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Hacker-2-1024x989.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Hacker-2.jpeg 1149w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Wo wir gerade bei <em>Kluppen<\/em> sind, <em>Zirren<\/em>, <em>Zirben<\/em>, <em>Zirpen<\/em>, Sophie Reyer l\u00e4sst es zirpen, klettert am <em>und<\/em> hinunter in die Vergangenheit, findet die Zeit geh\u00f6rig, ihr zugeh\u00f6rig, nicht gezippt und kompakt, sondern <em>gezirpt<\/em>: geatmet, riesenhaft, wiesenhaft. Kevin Perrymans <em>Vorstellung von Flieder<\/em> (Flieder in Wien, von und f\u00fcr), der sich in der Zeit spiegelt &#8230; aber das ist doch ein Flederb\u00e4umchen, von Traumtieren umstellt. Christiane Zintzen nimmt FMs Zeichnung von einem <em>H\u00fcndchen<\/em> zum Anlass, ihr ein Gedicht zu schreiben, apropos Hund: Manche Gedichte bei\u00dfen, so Peter Pessls, bei\u00dfen sich ins Ohr, und in die Seele, <em>mit der Bisswunde Sprache &#8230;,<\/em> suche ein Gegenmittel, am besten hom\u00f6opathisch, Ledum?, 4&#215;5 K\u00fcgelchen, 4? <em>Das<\/em> <em>vierbeinige m<\/em> von Karl-Friedrich Hacker geistert durch den Kopf, und nach der Lekt\u00fcre von Bernadette Hallers Haiku frage ich mich ernsthaft, woraus Schmetterlinge bestehen, ob tats\u00e4chlich Blut in ihnen flie\u00dft, sie essen doch nichts, Marcell Feldberg schreibt direkt in den Himmel, weil da so viel Platz ist, Jos\u00e9 F. A. Oliver \u00fcber ein Gespr\u00e4ch mit Friederike Mayr\u00f6cker, in dem so viel Platz ist, f\u00fcrs Fliegen, f\u00fcrs Alter, f\u00fcr Z\u00e4rtlichkeiten, f\u00fcr verschwundene B\u00fccher, kr\u00e4chzende Kr\u00e4nze bindet Katharina Kaps, pass auf, Blumen k\u00f6nnen giftig sein, Peter Clar, diese <em>Magnolien<\/em>, meistens aber nur die mit \u203ay\u2039, Novalis wei\u00df es, und Johannes CS Frank auf Englisch, <em>a child\u2019s delight \/ confined silence<\/em> \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mittendrin Friederike Mayr\u00f6cker mit 14 scheu-<em>sch\u00f6nen<\/em> Gedichten, Flug oder Flucht? Lebens-<em>\u00dcbungen<\/em>. Flur oder Flur? Wort-<em>\u00dcbungen<\/em> (<em>\u00bb\u00e9tudes\u00ab<\/em>). Den Tag zu tragen. Was soll man anziehen gegen die kalten und warmen Schauer, die das ausl\u00f6st? Das sind nicht nur Bl\u00fcten, <em>Gestammel des Stieglitz, Faur\u00e9 im Farnkraut.<\/em> (H\u00f6re mich laut lesen.) Keine Buchstaben, NOTEN, im Rhythmus des All-Tags. <em>Vielleicht 1 wenig die Sch\u00f6nheit brechen dasz eine tiefere Sch\u00f6nheit erbl\u00fcht. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Wecker \u2219 Und Schluss<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Ujvary-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6122 alignright\" title=\"Ujvary 2\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Ujvary-2-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Ujvary-2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Ujvary-2-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Ujvary-2.jpg 1476w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Das tote Kaninchen, nicht zu vergessen, ist ein Bild von Vroni Schwegler \u2013 und jetzt haben wir Ameisen in der K\u00fcche, ein ganzes Alphabet, nein, ich kann sie nicht t\u00f6ten, das schaffe ich nicht, ich schaffe alles von ihnen Okkupierte MIT IHNEN in den Garten, ich weite den Arbeitsplatz in die K\u00fcche aus, da ist jetzt Platz, ich denke an Liesl Ujvarys vielfarbige Fotografie<em> Arbeitsplatz von FM<\/em>, dieses Zettelgebirge mit Schreibmaschine und K\u00e4sebr\u00f6tchen, und denke an die Lekt\u00fcre der Kinder: Elle von Lieshouts &amp; Erik van Os\u2019<em> Der K\u00f6nig von Wenig, <\/em>der sein Leben im Schloss aufgegeben hat und nun mit Kaninchen, Veilchen und K\u00e4sebr\u00f6tchen auf dem br\u00f6ckligen Balkon eines Mietshauses sitzt und gl\u00fccklich ist, ein Gebirge aus Steinen mit wei\u00dfer Farbe angemalt, ein Wecker, und noch ein Wecker, vielleicht der, der Marion Poschmann erschreckt &#8230; und mich daran erinnert, dass dieser Essay fertig werden muss. Obwohl gerade ein Essay wie dieser gar nicht \u203afertig\u2039 werden kann und dass das vielleicht das Gerechteste ist: Mit dem Klingeln ist eben Schluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Matrix 28. Atmendes Alphabet f\u00fcr Friederike Mayr\u00f6cker<\/em>, mit Bild- und Wortbeitr\u00e4gen von Friederike Mayr\u00f6cker im Verbund mit 81 Autoren und K\u00fcnstlern, ediert von Theo Breuer, herausgegeben von Traian Pop, 294 Seiten, Pop Verlag, Ludwigsburg 2012. 10,00 \u20ac.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Flaschenb\u00fcrste \u2219 Gem\u00fcsebr\u00fche \u2219 Brillenputzt\u00fccher Und so kam Matrix 28. Atmendes Alphabet f\u00fcr Friederike Mayr\u00f6cker ins Haus: herausgefallen aus dem Briefkasten, weil vielwiegend und in glatte Folie eingeschwei\u00dft. Hatte nun ungelesen gleich ein Eselsohr wie nach 50 Lesejahren. Gut. So&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/15\/atomatisiert-mitten-im-satzgebilde\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":5443,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[590,602,576,522,596,451,589,591,104,606,581,605,352,580,505,607,239,586,420,574,593,597,516,93,143,220,372,363,600,604,258,379,523,263,374,262,555,520,327,595,261,170,422,383,583,594,601,504,575,579,585,321,385,354,578,598,517,582,128,304,237,599,434,510,349,380,603,577,506,592,588,587,394,336,99,84,301,584,503,129,384,353,521],"class_list":["post-5959","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-alma-larsen","tag-anatol-vitouch","tag-andrea-brincker","tag-andrea-grill","tag-andreas-quirinus-born","tag-anja-utler","tag-augusta-laar","tag-aurelie-le-nee","tag-axel-kutsch","tag-barbara-yurtdas","tag-bernadette-haller","tag-berto-xenien-heuer","tag-bodo-hell","tag-chana-galvagni","tag-christel-fallenstein","tag-christiane-zintzen","tag-christine-kappe","tag-claudia-klucaric","tag-crauss","tag-dato-barbakadse","tag-elisabeth-pein","tag-elisabeth-von-samsonow","tag-elke-erb","tag-francisca-ricinski","tag-friederike-mayrocker","tag-friedrich-holderlin","tag-fritz-widhalm","tag-gerhard-jaschke","tag-ginka-steinwachs","tag-gisela-von-wysocki","tag-hans-bender","tag-herbert-j-wimmer","tag-ilma-rakusa","tag-ilse-aichinger","tag-ilse-kilic","tag-ingrid-fichtner","tag-jan-skudlarek","tag-johannes-cs-frank","tag-jose-f-a-oliver","tag-judith-nika-pfeifer","tag-julia-schiff","tag-jurgen-volkert-marten","tag-jutta-dornheim","tag-karl-friedrich-hacker","tag-katharina-kaps","tag-kevin-perryman","tag-liesl-ujvary","tag-linde-waber","tag-maja-maria-becker","tag-marcell-feldberg","tag-marie-therese-kerschbaumer","tag-marion-poschmann","tag-marion-steinfellner","tag-marlene-streeruwitz","tag-matthias-fallenstein","tag-matthias-schmidt","tag-michael-donhauser","tag-michael-hammerschmid","tag-michael-lentz","tag-mikael-vogel","tag-nikolai-vogel","tag-norbert-schneider","tag-novalis","tag-odile-kennel","tag-peter-clar","tag-peter-pessl","tag-peter-weibel","tag-richard-dove","tag-semier-insayif","tag-silke-markefka","tag-simone-kornappel","tag-sirkka-knuuttila","tag-sophie-reyer","tag-susanne-eules","tag-swantje-lichtenstein","tag-theo-breuer","tag-traian-pop","tag-udo-kawasser","tag-ulrich-tarlatt","tag-ulrike-draesner","tag-vroni-schwegler","tag-yoko-tawada","tag-zsuzsanna-gahse"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5959","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/22"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5959"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5959\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5959"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5959"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5959"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}